
Wolfgang Schüler muss sich auch bei diesem Sherlock Holmes Roman den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Grundzüge des Detektivromans routiniert, aber nicht inspiriert beherrscht. Als historische Geschichte basierend auf einigen Fakten reicht trotz des ansprechenden Flairs und der Liebe zum Detail des Autoren nicht aus, um als überdurchschnittlicher Sherlock Holmes Roman durchzugehen. Zu wenig nutzt er für den Fall nicht zum ersten Mal die Fähigkeiten des Detektivs, sondern konzentriert sich auf magische Taschenspielertricks und hinsichtlich der abschließenden Aufklärung sogar auf den Faktor Zufall. Das ist für einen normalen Detektivroman ausreichend, für einen Sherlock Holmes unterdurchschnittlich. Negativer Höhepunkt des Buches ist, dass die deutsche Polizei tatsächlich eine Gruppe von ehemaligen Akrobaten als Trickdiebe in Verdacht hat, Holmes ihnen nur mit genauer Beobachtungsgabe den Tatablauf liefern muss. An einer anderen Stelle erfährt der Detektiv in doppelter Hinsicht relativ schnell und schnörkellos den jeweils nächsten Baustein in seiner Täterfahndung, aber nicht Ermittlungskette, bis schließlich hinter den Drahtzieher ein weiterer Verdächtiger gespannt wird, der als Insider die entsprechenden Informationen liefert, die teilweise Holmes Rekonstruktion des spektakulären Diebstahls widersprechen.
Zu den Stärken des Romans gehört ohne Frage, dass Wolfgang Schüler seine drei wichtigsten Protagonisten – Mycroft und Sherlock Holmes sowie Dr. Watson – in ein dreidimensional gezeichnetes Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg versetzt. Mycroft Holmes soll die Unterzeichnung eines Flottenvertrages der späteren Achsenmächten verhindern. Doktor Watson und Sherlock Holmes dienen quasi als Ablenkung, in deren Windschatten Mycroft operieren soll. Watson und Holmes besuchen nicht nur eine Operette, sondern werden in einen illustreren elitären Kreis der besseren Berliner Gesellschaft eingeladen, wo Holmes sie mit seinen Deduktionsfähigkeiten verblüfft. Im Gegensatz allerdings zu einem klassischen Kriminalfall schummelt Holmes nach alter Taschenspielermanier und spät seine Opfer im Vorwege aus. Bis zu diesem ersten Höhepunkt des Romans sind gut vierzig Prozent des Plots vergangen. Bis dahin geht es neben zwei langen, unnötigen Rückblicken um die deutschen Lebensgewohnheiten aus der Sicht eines versnoppt wirkenden Doktor Watson. Das gipfelt wie in „Sherlock Holmes in Leipzig“ in einer Begegnung in diesem Fall mit dem Senfei sowie Bier/ Schnaps. Das mag zwar oberflächlich witzig erscheinen, ist aber angesichts der Fülle von Floskeln langatmig. Mit dem ersten Trick nimmt die Handlung nicht unbedingt Fahrt auf, aber Wolfgang Schüler verlässt die üblichen Bahnen. Neben Milieugrößen wie Zille, dem Watson durch Zufall bei seiner Arbeit zuschaut, sind es die historische Figuren wie Walter Kollo, Leo Fall, Paul Lincke oder Jean Gilbert kennen. Dabei bemüht sich Wolfgang Schüler, die dekadent preußische Atmosphäre vor dem Ersten Weltkrieg einzufangen. Manches wirkt wie ein Klischee, wird aber zumindest überzeugend und unauffällig zugleich präsentiert. Mit Watson und Sherlock Holmes bewegen sich die beiden wichtigsten Protagonisten auch gut gegeneinander in dieser elitären, selbst verliebten Gesellschaft. Während Holmes sich wenig überraschend schnell akklimatisiert, ist es Watson, der alles und jeden britisch überheblich hinterfragt. Mit dem Direktor des Königlichen Museums Dr. Schuchardt verfügt der Roman dann noch über eine Art Mittler. Schülers Beschreibungen Berlins von der reichen Spitze bis in die Gossen ist farbig, überraschend vielschichtig und vor allem plastisch, so dass sich der Leser trotz Watsons ständigen, auch inhaltlich zu modern erscheinenden Kommentaren in dieser Zeit orientieren kann.
Die Schwäche des Buches ist leider nicht zum ersten Mal bei Wolfgang Schüler der eigentliche Kriminalfall. Aus dem Museum wird mit einer spektakulären Aktion ein wertvoller Goldschatz – er stammt aus Ausschachtungsarbeiten beim Messingwerk Eberswalde – gestohlen, der vom Direktor für eine Ausstellung vorbereitet worden ist. Wie schon angedeutet sind die Diebe ehemalige Trapezartisten. Ein Mitglied hat sich bei einer rückblickend geplanten Nachlässigkeit schwer verletzt, so dass die Künstler in die Fänge eines skrupellosen Grafen geraten sind. Die Täter sind bekannt, die Abwicklung des Diebstahls wird von Holmes deduziert, so dass der Ergreifung der Täter nicht mehr viel im Wege steht. An diesem Punkt des Romans weicht der Autor noch einmal von der bis auf die Rückblicke stringent durchgehaltenen Watson Perspektive ab. Anstatt die Spannung zu erhöhen, erreicht Schüler das Gegenteil. Der Leser erfährt, dass es erstens Hintermänner gibt. Zweitens, dass der Graf ein brutaler und rücksichtsloser Mann ist und drittens die Berliner Polizei/ Holmes auf die richtigen Leute getippt haben. Die Hintermänner und die richtige Spur – sie wird aber nicht konsequent verfolgt, sondern sklavisch werden Männer im Umfeld der Artisten befragt, unter Druck gesetzt, so dass wie bei einem Dominospiel logisch und ohne Ausschlussprinzip der nächste Stein folgerichtig fallen muss. Viel schlimmer ist, dass der Graf als brutaler, verschlagener und intelligenter Gegenspieler etabliert wird, um gleich wieder zu verschwinden. Erst gegen Ende bei der finalen Konfrontation fallen die Masken. Hier präsentiert sich aber „Sherlock Holmes in Berlin“ als große Enttäuschung, denn plötzlich wirkt diese Figur eher ambivalent gezeichnet. Kein neuer Moriarty, sondern nur ein Westentaschengauner, ein Hochstabler, der durch Ablenkung in letzter Sekunde zu entkommen sucht. Das ist nicht nur deutlich zu wenig, sondern der Autor muss gespürt haben, das er seinem zu glatten Ende noch einen weiteren Höhepunkt hinzufügen muss und führt den Insider ein, der angesichts der minutiösen Planung und vor allem der Tatsache, dass der Graf ja mit den drei Artisten schon verschiedene spektakuläre Dinger gedreht hat, keinen nachhaltigen Sinn macht. Auch die Tarnung ist so naiv. Das es schließlich auch teilweise im Diskreditierung und moder6n gesprochen Mobbing geht, wirkt paradox und nicht spannend genug. Nicht einmal richtig deduzieren musste Sherlock Holmes bis zu diesem Augenblick. Stattdessen wird er in letzter Sekunde von seinem Bruder Mycroft gerettet, dessen einzige Existenzberechtigung in diesem Abschnitt des Romans ist, dem dümmlichen Sherlock Holmes aus einer noch dümmeren Situation zu retten. Bedenkt man zusätzlich, dass Berlin des Jahres 1913 auch schon groß gewesen ist, wirkt Mycroft Holmes Argumentation noch erbärmlicher.
Wolfgang Schüler beschreibt ein stark wachsendes, expandierendes Berlin, das sich nur phasenweise seiner sozialen Probleme bewusst ist. Der Ausflug ins berüchtigte Scheunenviertel steht in einem starken Kontrast zur Messingstadt, wo ein Unternehmer seinen Arbeitern eine Zukunft geben will, damit sie mit guten Lebensbedingungen sich länger an die Firma binden. Während die Prostituierten eher Beiwerk sind, findet einer der Vorarbeiter einer Stadt der Zukunft in einer der beiden Rückblenden den Goldschatz, der belehrend mahnend gegen Ende die Handlung zusammenfassend nie jemanden wirklich Glück gebracht hat. Auch diese Informationen hätten in diesem großzügig gesetzten Roman unter den Tisch fallen können. Sie erschweren es dem Leser überdurchschnittlich, in die laufende Handlung einzusteigen und sich mit Holmes auf Verbrecherjagd zu begeben. Zurückbleibt zusammengefasst ein weiterer schwacher Roman aus der Feder Wolfgang Schülers, der eher mit dem Namen Sherlock Holmes ein Publikum sucht, das seine in Deutschland spielenden Kriminalstücke irritiert und nicht begeistert. Historisch ohne Frage eine Belebung der Kriminalszene ist das vorliegende Buch inhaltlich leider ein Flop.
KBV Verlag
Originalausgabe 2012
Taschenbuch, 288 Seiten. ISBN 3942446464.
