Peepland

Peepland, Titelbild, Rezension
Christa Faust & Gary Phillips

„Peepland“ ist eine fünfteilige Comicreihe, welche Christa Faust zusammen mit Gary Philips sowie Zeichnungen von Andrea Camerini gestaltet hat. Für die inzwischen in Los Angeles lebende und arbeitende Christa Faust ist es eine Rückkehr nach New York. Das New York der achtziger Jahre lange vor der Säuberung von kriminellen Objekten und Drogensüchtigen. Ein New York, in dem der Times Square noch nicht die Musical Szene des Big Apples gewesen ist. Und für die mehrfach ausgezeichnete Kriminalschriftstellerin Christa Faust auch eine Rückkehr in das Milieu, dem sie nach ihrer Schulzeit entkommen ist. Die Arbeit in den schmierigen Peepshowlöchern und vor allem den von sinnloser Gewalt dominierten Seitenstraßen.

 Für „Peepland“ hat die Autorin zusammen mit Gary Phillips auf einen authentischen Fall zurück gegriffen und ihm eine fiktive, ohne Frage auch spannende, aber das Gesamtkonstrukt anschauend auch vorhersehbare Note verliehen. Eine junge weiße Frau ist in einem der New Yorker Parks ermordet worden. Farbige Jugendliche fliehen vom Tatort. Ohne auf weitere Beweise zu achten, sind diese Jugendlichen nicht nur für die Polizei, sondern vor allem auch die Öffentlichkeit schuldig. Sie werden wegen Mord und Vergewaltigung verurteilt. Erst Jahre später beweisen „DNA-Proben“, das sie unschuldig sind. Ihre Leben liegen zu diesem Zeitpunkt in Schutt und Asche. Christa Faust hat diesen Handlungsstrang in Form eines jungen Farbigen und dessen hart arbeitender Mutter manifestiert. Die Leser kennen zu diesem Zeitpunkt schon den Täter. Am Ende laufen die beiden Handlungsebenen fast tragisch wie Bulldozer zusammen. Hinsichtlich des jugendlichen Farbigen ist es ein fast verzweifelter Kampf, denn auch als die Polizei ihn vorläufig entlassen hat, sie ihn die Öffentlichkeit in Form übergewichtiger rassistischer Weißer als schuldig an. Sie versuchen mit tragischen Konsequenzen Selbstjustiz zu üben.

 Die zweite dominante Handlungsebene beginnt deutlich subtiler. Roxy Bell pflegt ihren an AIDS im Endstadion leidenden kranken Onkel. Die beiden Autoren streuen die üblichen Vorurteile ein diesen Spannungsbogen ein, übertünchen aber die Tragik dieser Erkrankung gegen Ende durch eine fast klischeehaft kitschig erscheinende Aneinanderreihung von stereotypen Handlungsmuster und machen aus der AIDS Erkrankung eine Art Pest, die mit jedem Blutkontakt zwangsläufig, aber auch eine Vergewaltigung konsequent „vererbt“ werden kann. Die dunkle, damals noch eher unbekannte Note des lange als Homosexuellenkrankheit verschrienen AIDS wird dadurch unbewusst relativiert und genau den Gruppen mit ihren perversen Argumenten in die Hände gespielt. Das Ende soll provozieren und schockieren, wirkt aber was übertrieben konstruiert und nicht aus sich heraus entwickelt. Wie beim Film Noir, den vor allem Christa Faust ihren Essays auf der Homepage folgend, gibt es am Ende dieser langen Kette nur Verlierer.

 Tagsüber arbeitet Roxy Bell in einer Peepshow. Von zwei aggressiven Männern verfolgt versteckt ein Stadt bekannter Pornofilmer eine VHS Cassette unter dem Sitz in ihrer Kabine. Kurze Zeit später wird der Mann vor eine einfahrende U Bahn gestoßen. Roxy versteckt die Cassette. Durch die Zwischenschnitte erfährt der Leser, dass auf diesem Film etwas unglaublich wichtiges sein muss, für das einflussreiche Menschen in dieser Stadt töten.

 Hier liegt auch das große Problem des Plots. Denn bis auf die Feinheiten – in beiden Fällen ist ein Mord auf dem Band, dessen politische Brisanz aber unterschiedliche Auswirkungen haben kann – folgt „Peepland“ im Groben ein wenig zu sehr Kathryn Bigelows ebenfalls in New York spielenden Jahrtausendspektakel „Strange Days“. In beiden Fällen töten angeheuerte Söldner für diese Information. Natürlich wirkt „Strange Days“ moderner und ist sein Held sehr viel tragischer als die bodenständige, intelligente und erstaunlich überlebensfähige Roxy Bell. In beiden Filmen wird die Information schließlich der Öffentlichkeit durch die Medien in Form einer Zeitungsveröffentlichung in „Peepland“ und einer Ausstrahlung in „Strange Days“ zur Verfügung gestellt. Die dahinter stehenden Morde werden aufgeklärt, wobei die Täter aus reichem Hause nicht vom Rechtssystem bestraft, sondern zur Selbstjustiz freigegeben werden. Das Motiv ist in „Strange Days“ deutlich besser herausgearbeitet als in „Peepland“. Die Suche nach dem Besitzer der jeweiligen brisanten Informationen führt in beiden Stoffen in die Unterwelt des käuflichen Sexes.

 Zwischen den Polizisten und Verbrechern kann nicht unterschieden werden. Auch in „Peepland“ scheinen wie bei einer Zwiebel mehrere Schichten der Polizei gekauft worden sein. Kathryn Bigelow geht mit einem James Cameron Drehbuch aber deutlich effektiver vor. Es ist die letzte Nacht des 20. Jahrhunderts. New York ist schon zu einem chaotischen Spielball aller Verrückten geworden, die Ordnungskräfte sind überfordert. Zwischen den Zeilen in dieser damals utopischen, inzwischen von der Realität eingeholten Vision zeigt die Regisseurin einen Big Apple, der sich deutlich zurück entwickelt hat und der ein wenig auch an John Carpenters gesetzloses New York aus „Die Klapperschlange“ erinnert. Die exzessiven Ausbrüche von Gewalt sind deutlich besser vorbereitet als in „Peepland“, das spätestens ab dem dritten Einzelheft zu einer Quentin Tarantino Orgie von übertriebener Gewalt wird, die Garth Ennis sowohl in „Hellblazer“ als auch vor allem „The Preacher“ so martialisch zelebriert hat.   

 Handlungstechnisch sind die Autoren mehrfach bereit, liebgewordene und leidende Nebenfiguren zu töten und damit die Bedrohungsschraube kontinuierlich anzuziehen. Da aber einige Facetten des zugrunde liegenden Spannungsbogens zu sehr bekannt sind, funktioniert diese Vorgehensweise nicht überzeugend genug.

 Viel interessanter sind die einzelnen Protagonisten. Mit erstaunlich viel Mühe zum Detail bis auf die eindimensionalen und zu verschroben charakterisierten Antagonisten haben Christa Faust und Gary Phillips ein Kabinett der Verlierer zusammengestellt, die jeden Tag als ihren „letzten“ angehen. Sie alle träumen vom großen Glück, das nirgendwo in New York zu sehen ist. Beginnend mit der pragmatischen Roxy Bell mit ihrer Punkfigur über ihre ehemalige Liebschaften – sie ist bisexuell – und endend beim unschuldigen Sohn ihrer schwarzen Kollegin entwickeln sie aus wenigen Zügen dreidimensionale Figuren, die lebensecht und teilweise in ihrer Symbolik fast überlebensgroß dem Ghetto New Yorks entsteigen und fatalistisch gegen ein Schicksal ankämpfen, das sie durch brutale Zufälle ausgesucht hat. Es sind die kleinen Gesten, die Begegnungen in diesen schmierigen verkommenden Straßen, welche „Peepland“ so lebendig, so überzeugend machen und viele „große“ Geschichten aussticht.

 Mit ihrer Mischung aus künstlerischer Freiheit und ihren vielleicht ein wenig auch inzwischen verklärten Erinnerungen an diese Zeit erzählt vor allem wahrscheinlich Christa Faust kraftvoll, vielleicht auch ein wenig autobiographisch die Geschichte der Roxy Bell, die am Ende zwar mit leeren Händen dasteht, aber mindestens ein Verbrechen aufgeklärt hat. Das sowohl die Täter als auch die mittelbaren Opfer nicht mehr am Leben sind, steht auf einem anderen Blatt dieses tragischen Lebensbuches. Mit Andrea Camerini haben die beiden Autoren eine fast perfekte Zeichnerin gefunden. Es ist wenig überraschend, das der glitzernde und doch so falsche Asphalt dieser Stadt mit seinen kitschigen Neonfassaden am meisten überzeugt. Nicht selten verschwimmen die Gesichtszüge der Nebenfiguren, wirken ihre Bewegungen unnatürlich und plakativ überzeichnet. Aber zusammen bilden sie fast einen surrealistischen Hintergrund dieser Geschichte. Vor allem die Anhänge des Sammelbandes mit ihrer Mischung aus Zeichnungen und Fotos der Zeit zeigen, wie minutiös diese wie angesprochen auf harten Fakten basierende Geschichte dem historischen Hintergrund angepasst und eingepasst worden ist.

 Es ist selten, dass in einem Hardboiled Comic Realität und Fiktion sich so elegant vermischen. Mit einer etwas origineller entwickelten Handlung neben dem auf Tatsachen basierenden Verbrechen und der falschen Verurteilung einer Gruppe von Farbigen wäre „Peepland“ ein Meisterwerk geworden. Ohne Frage provoziert und schockiert der fünfteilige Comic immer noch und am Ende ist der Leser ein wenig froh, diesem Milieu entkommen zu sein. Einige Szenen sind wie bei guten Film Noirs Faustschläge mitten ins Gesicht der außen stehenden Betrachter, aber auch einige wichtige Impulse verpuffen in einer zu stark übertriebenen reinigenden Katharsis gegen Ende der Geschichte, so dass ein wenig mehr Zurückhaltung der beiden Autoren dem Gesamtkonstrukt besser getan hätte.   

  • Taschenbuch: 128 Seiten
  • Verlag: Titan Comics; Auflage: 01 (1. August 2017)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 1785851195
  • ISBN-13: 978-1785851193
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