The Magazine of Fantasy & Science Fiction September/ October 2018

Gordon van Gelder (Hrsg.)

Das Cover – es zeigt Harry Turtledoves Alternativweltgeschichte – unterstreicht, dass die September/ Oktober 2018 Ausgabe von „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ irgendwie anders ist. Keine verspielten Landschaften, sondern fast in Vergessenheit geratene Politik. Den ganzen Inhalt betrachtend handelt es sich zusätzlich um eine der besten Ausgaben seit vielen Jahren.

 Brian Trent eröffnet den Herbst mit seiner Geschichte „The Memorybox Vultures“. Ausgangspunkt sind die Internetseiten von Verstorbenen, auf denen sich nicht zuletzt dank der Besucher fast geisterhafte Aktivitäten abspielen. In seiner Zukunft leben diese Toten dank ihrer Aufzeichnungen weiter. Als aber ein aufstrebender Politiker durch diese Aufzeichnungen mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wird, dreht sich das Blatt. Brian Trents Story hat eine gute, eine interessante Ausgangslage mit einer Protagonistin, die sich um die Internethinterlassenschaften der Toten kümmert. Im Laufe des allerdings sehr verdichteten Plots baut der Autor zu viele Ideen ein und schließt diese eher pragmatisch als inspiriert ab.

 Das Verschmelzen verschiedener Wesen hat auch „We Mete Justice with Beak and Talon“ von Jeremiah Tolbert, einer von zwei Debütanten, zum Thema. Um eine Drohne zu verfolgen, welche gerade ein Attentat auf einen Politiker verübt hat, verschmelzen der Geist eines Mannes und eines Vogels. Auch wenn der Hintergrund der Story zu wenig ausgearbeitet worden ist und sich der Autor ausschließlich auf den Handlungsverlauf konzentriert, eine interessante Variation eines bekannten Themas.

 Weniger Fantasy als Weird Fiction sind einige der hier gesammelten Texte. „Shooting Iron“ von Cassandra Khaw und Jonathan L. Howard ist pure Unterhaltung. Ein junges Mädchen im Besitz einer magischen Pistole – sie ist unsichtbar und tötet nur Menschen, die es verdient haben – ist eigentlich auf dem Weg zu einer Westernconvention in Bristol. Das Mädchen will den Oberschurken und seine Helfershelfer töten. Auf der zweiten in der Vergangenheit spielenden Handlungsebene erfährt der Leser die Hintergründe. Bizarr, ein wenig selbstironisch geschrieben immer mit einem Augenzwinkern eine klassische Westernfarce in einem durchaus modernen und lesenswerten Gewand.

 Bonnie Jo Stufflebeam feiert ihr Debüt mit „The Men Who Come from Flowers“ in „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“. Der Titel dieser kleinen Geschichte sagt im Grunde alles. Die Protagonistin züchtet ihre Männer aus Blumen, wobei nicht perfekte Blumen entsorgt werden. Aus einer dieser Fehlentwicklungen macht sie einen Begleiter für sich, bis sie ihr Geheimnis offenbaren muss und folgerichtig ihre kleine Idylle zusammenbricht. Die Grundidee ist auf der einen Seite seltsam, auf der anderen Seite anziehend. Es ist eine Liebesgeschichte inklusiv einigen erotischen Eskapaden mit einem tragischen, aber auch konsequenten Ende. Ein gutes Debüt.

 „Taste of Opal“ von Yukimi Ogawa ist eine klassische Fantasy Geschichte. In einer archaischen, aber auch vertrauten Welt gibt es einige wenige Menschen, aus deren Blut Opale entstehen können. Ihre Besitzer – sie haben das junge Mädchen von den armen Eltern gekauft – sind auf der einen Seite dominant, auf der anderen Seite müssen sie auf ihren wertvollen Besitz aufpassen, denn sonst ist sie nicht in der Lage, ausreichend Blut in entsprechender Qualität zu spenden. Im Laufe des stringenten Plots erfährt der Leser nicht nur mehr über diese geheimnisvolle Welt und die seltenen, aber nicht einzigartigen Menschen, die Autorin baut auch konsequent wie überraschend die Verbindung zwischen den Sklavenhaltern und ihrem „Besitz“ aus. Neben der originellen Ausgangsidee überzeugt der ruhige, aber trotzdem dreidimensionale Stil, in welchem die Geschichte verfasst   worden ist.

Susan Emshwillers Vater hat mehr als achtzig Titelbilder für „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ entworfen, ihre Mutter Carol eine Reihe von preisgekrönten Kurzgeschichten nicht nur für dieses Magazin verfasst. So betritt sie weniger als klassische Debütantin, sondern als Nachfolgerin die Bühne. Ihre verstörende Geschichte spielt wie „Der gekaufte Tod“ in einer nahen Zukunft, in welcher die Menschen dieses Mal nicht dem Sterben, sondern Selbstmördern zusehen können. Der Adrenalinkick wird zu einer Sucht für den Protagonisten, bis er schließlich die Rechnungen nicht mehr bezahlen kann. Das fatalistische Ende ist vorhersehbar, aber mit viel Dynamik und pointierten Dialogen überzeugt „Suicide Watch“ trotzdem.

 „Emissaries from the Skirts of Heaven“ (Gregor Hartmann) gehört in den Kanon religionskritischer Geschichten aus der fernen Zukunft, welche mit „The Sparrow“ vor einigen Jahren wieder das Interesse der Leser erweckt haben. Ein junges Mädchen kämpft sich in ihrer religiösen Gemeinschaft nach oben. Je weiter sie in der stringenten Hierarchie nach oben steigt, desto weiter wird auch der Blick des Lesers auf die komplexen Strukturen, welche nicht den Menschen dienen, sondern drohen, die menschliche Gemeinschaft zu spalten und gegeneinander aufzubringen. So ist die Protagonistin nicht nur auf der einen Seite in ihrem Glauben gefangen, auf der anderen Seite muss sie die Hintergründe erkunden. Sehr kompakt geschrieben wünscht sich der Leser einen über diese Kurzgeschichte hinausgehenden Einblick in diese vertraute und doch auch exotische Welt hinter den religiös politischen Kulissen.

Im Herbst kommt es zu Doppelungen. Zwei Geschichten mit Schwangerschaften und zwei sehr unterschiedliche Texte über Rebellion bzw. Revolution. „The Gallian Revolt as Seen from the Sama- Sama Laundrobath“ (Brenda Kalt, die zweite Debütantin) beschreibt, wie der alte Besitzer einer kleinen automatischen Wäscherei inklusiv einer Badelandschaft auf einer Raumstation in eine bevorstehende Revolution einbezogen wird, in dem er einen Raumfahrer deckt und wichtige Beweise vor der örtlichen Polizei versteckt. Sehr viel intensiver ist die Titelgeschichte „Powerless“ von Harry Turtledove, dem Meister der politischen Alternativweltgeschichten. Die alternative Welt mit einer kommunistischen USA ist der einzige phantastische Aspekt der Geschichte. Der Plot könnte durchaus auch in den fünfziger bis achtziger Jahren hinter dem Eisernen Vorhang spielen. Ein Familienvater lebt mehr schlecht als recht als Angestellter eines Lebensmittelladens. Mangel ist Teil der Planwirtschaft. Er wehrt sich, als er sich weigert, ein weiteres Propagandaplakat in seinem Laden aufzuhängen, da er angesichts der Wirtschaftskrise und des Mangels im Grunde an Allem sich von der Partei verspottet vorkommt. Aus diesem kleinen Ungehorsam wird schließlich eine „riesige“ Welle, zumindest für ihn. Turtledove zeigt die Idiotie der Planwirtschaften auf. Mit ihren dummen ignoranten Vorgesetzten; jeglicher Unterdrückung von produktiven Vorschlägen aus der Arbeiterschaft selbst und der Selbstbedienungsmentalität der herrschenden Elite, die ihre eigenen Gesetze nicht kennt. Turtledove ist ein zu erfahrener Autor, um aus dem Keim der Unzufriedenheit eine das System erschütternde Revolution zu machen. Aber beide Geschichten vereint, dass es die einfachen Menschen mit im Grunde alltäglichen Handlungen sind, welche in Turtledoves herausragender und nachdenklich stimmender Geschichte den Keil in das bisherige System treiben und in Brenda Kults humorvoller Story zeigen, dass selbst ein alter Mann mit einigen Tricks im Ärmel einen Unterschied machen kann.

 Geoff Rymans „Blessed“ eher indirekt, während „Impossible Male Pregnancy: Clock to Read the Full Story“ von Sarina Dorie setzen sich aus unterschiedlicher Perspektive mit dem Thema Fruchtbarkeit auseinander. In Dories zynischer Satire erkennt ein Mann, das er plötzlich schwanger geworden ist. Biologisch unmöglich, aber anfänglich sorgt er sich um seine Männlichkeit, bevor am Ende herauskommt, dass das Baby eher mit seiner ungeborenen Zwillingsschwester zu tun hat. Das Ende ist düster und zynisch, aber konsequent. Geoff Ryman beschreibt ein exotisches, eindringliches Afrika, das er selbst bereist und in einer mit dem NEBULA ausgezeichneten Novelle schon einmal verewigt hat. Eine junge Frau dringt auf ihrer Pilgerschaft in ein Höhlensystem ein, das sie in eine gänzlich andere Welt führt. Ryman ist ein Autor, der mit wenigen Strichen eine authentische, auf Fakten basierende Welt mit Leben erfüllen kann. Vom Hintergrund her ist seine Geschichte deutlich imposanter als Sarina Dories Text. Die Amerikanerin ist aber weniger verspielt, verklausuliert und vor allem kryptisch als ihr männlicher Kollege, so dass sie mit dieser dunklen Horrorgeschichte dem Leser deutlich länger im Gedächtnis bleibt.

 Tim Pratt stellt in seiner Kolumne die Fernsehserie „A better Place“ vor, eine der vielen phantastischen Produktionen, welche man sonst übersehen könnte. Elizabeth Hand konzentriert sich in ihrem Essay auf zwei längere Rezensionen, während Charles de Lint wieder zwischen Fantasyserien und Comics hin und her springt. Mike Ashley stellt in seinen Kuriositäten am Ende des Magazins dieses Mal ein unbekannteres Werk eines im Gegensatz zu den letzten Präsentationen tatsächlich noch bekannten Autoren vor.

 Zusammengefasst präsentiert die Herbst 2018 Ausgabe von „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ neben einer ausgebrochen breiten inhaltlichen Spannweite unterschiedlicher Geschichten eine Reihe sehr überdurchschnittlicher Texte von heute meistens noch weites gehend unbekannten Autoren. Und Harry Turtledoves Satire prangt inhaltlich über allen und lädt vor allem Leser ein, die sich noch nicht mit dessen Werk auskennen, die zahllosen so unterschiedlichen Alternativweltgeschichten zu goutieren.

September/October 2018 issue of The Magazine of Fantasy & Science Fiction

www.sfsite.com

256 Seiten, Paperback