Zeitflut

Wil McCarthy

Nach einer abenteuerlichen Science Fiction Trilogie präsentiert der Heyne Verlag mit „Zeitflut“ – im Original kryptischer, aber auch effektiver „Antediluvian“ – aus Will McCarthys Feder einen ungewöhnlichen Science Fiction Thriller, der allerdings eine Idee aus dem William Hurt/ Kurt Russel Film „Altered States“ ohne den speziellen Tank auf einer genetisch wissenschaftlichen Basis extrapoliert.

 Die Ähnlichkeiten lassen sich nicht von der Hand weisen, auch wenn „Zeitflut“ ein kurzweilig zu lesender Roman ist. Während in „Altered States“ die Regression des Bewusstseins im Mittelpunkt stehen, gehen die beiden Protagonisten Harv Leoonel und seine sehr viel jüngere Geliebte und Laborassistentin allerdings eines Kollegen davon aus, dass „man“ quasi im Rahmen seiner genetischen Veranlagung, dem genetischen Code quasi in der Zeit zurückreisen und dadurch aus der Perspektive früherer „Ich“ s aktiv eine innere Zeitreise machen kann.
 
 Wie der Autor im Laufe des Buches weiterentwickelt, bedeutet das in einer der perspektivisch kritischen Passagen des Romans auch, dass der Reisende zuerst relevante Ereignisse quasi im Körper des Urahnen verfolgen kann. Dabei kann er nicht aktiv in das Geschehen eingreifen. Wil McCarthy schenkt seinem Protagonisten als Bindeglied zum Leser allerdings die Möglichkeit, das Geschehen zu kommentieren. Dabei fehlt ihm aber der subversive Humor, der vor allem Atlans Extrasinn in historisch kritischen Phasen so exzellent auszeichnete. Gleichzeitig kann das Bewusstsein aber nach einer Art „Ohnmacht“ aber auch im Körper der nächsten Generation aufwachen und damit aus einer dritten Perspektive auf den Urahn schauen. Strukturtechnisch hat Wil McCarthy diese wechselnden Perspektiven gut im Griff.
 
 Wie bei „Altered States“ lassen sich die Reisen nicht kontrollieren. Sie drohen nicht nur Hary Leonel weiter zu verwirren, sondern schädigen seinen Körper.
 
 Im Gegensatz zu „Altered States“ sind die „Reisen“ ausschließlich vergangenheitsorientiert und bei den wenigen wachen Phasen in der Gegenwart kann Hary Leonel seinen Kollegen ausreichend Hinweise geben, um die Epoche zumindest grob zu bestimmen.
 
 Die Ausgangsbasis des vorliegenden Romans ist deutlich nuancierter, ambitionierter, aber rückblickend auch weniger dunkel ernsthaft wie in Ken Russels visionären Film entwickelt worden. Das menschliche Y Chromoson dient als eine Art Quanteninformations- Speicher, der nicht nur das menschliche Erbgut, sondern alle Erinnerungen einer Familie in direkter Linie umfasst. Die Idee ist, dass Leonels Erfindung diese Informationen quasi aus den Chromosomen extrahiert und in die Großhirnrinde des betreffenden Menschen überträgt. Anscheinend geht der Prozess bislang nur von den eigenen Chromosomen ins eigene Großhirn. Dabei zeigt Hary Leonel, das sich dieser Prozess noch nicht steuern lässt und anscheinend eine aktive „Erinnerung“ an einzelne Ereignisse noch nicht möglich ist.
 
 Das Interessante an den Reisen ist die Implikation, dass sie nicht wirklich in die Vergangenheit führen, sondern in eine Art mystische Parallelwelt, welche die Grundlagen einer Reihe von bekannten Geschichten und Legenden bildet.
 
 Die erste Reise geht ungefähr 12000 Jahre zurück und in den indopazifischen Raum, auch wenn die Basis der Bau von Noahs Arche und die Flucht vor der Flut sein könnte. Nur besteht die Arche nicht aus einem Schiff, sondern mehreren zusammengebundenen kleinen Booten, welche der Hafenmeister in weiser Voraussicht und angesichts der drohenden Zeichen am Himmel nicht nur mit Lebensmitteln und Tieren, sondern auch seinen Verwandten bestücken lässt, um der drohenden Vernichtung durch die von einem Kometeneinschlag ausgelöste Flutwelle zu entgehen.
 
 In der zweiten langen Reise landet er schließlich in der Zeit der Cro- Magnons, als die Menschen sich die ersten hölzernen Burgen bauten und langsam begannen, ihren Lebensraum zu sichern. Die Crog- Magnons gelten als Trolle, die sich fremde Frauen schnappen und mit ihnen Kinder zeugen. Im Körper eines der Männer muss er nach seiner entführten Tochter suchen.
 
 Die dritte Reise führt noch weiter in die Vergangenheit zurück. Im Mittelpunkt steht weniger der Garten Eden, auch wenn es die Kapitelüberschrift impliziert, sondern die Legende um Adam und Eva. Dabei ist der Hintergrund sehr viel furchterregender, aber auch von den Protagonisten naiver, simpler, bodenständiger aufgenommen als es did biblische Geschichte impliziert. Erstaunlich ist, dass die erste und dritte Reise eben Motive aus dem Buch der Bücher als zu verfremdende Grundlage nehmen, während die zweite und vierte Reise sich mit den zwischenmenschlichen Konflikten basierend auf reinen Mißverständnissen auseinandersetzen.
 Die abschließende und kürzeste Reise führt im Grunde zu einem wichtigen Teil der Menschheit, der nicht nur eine Art von Tauschhandel, das primitive Floss, sondern unwissentlich einen ganzen Kontinent entfeckte. Es ist auch der Abschnitt des Buches, in welchem der Protagonist eher füt den Leser als seine Freundin flapsig kommentierend das Geschehen begleitete. Während der ersten Reise war der Respekt vor der Vergangenheit grösser.

 Aber Will McCarthy bleibt in den vier anfänglich sehr langen, aber stetig kürzer werdenden Kapiteln nicht bei einem Schwerpunktthema. Immer wieder bricht der Autor aus und versetzt die Atlantis Legende mit dem spurlosen Untergang einer Hochzivilisation nach Indien; er versucht mit dem gegen die Trolle ins Felde ziehenden Antihelden eine Art frühen König Arthur zu entwickeln, der auf die harte Art lernen muss, dass Verständnis und gegenseitiger Respekt ein kleine Königreich besser zusammenhalten kann als Furcht, Misstrauen und brutale Gewalt den Anderen gegenüber. Dann variiert er die Monster im Garten Eden oder zeigt wie angesprochen eine andere Hochzivilisation mit komplexen wissenschaftlichem Hintergrund auf, die sich unabhängig entwickelt hat. Jede der Episoden kann, muss aber nicht isoliert betrachtet werden. Auch wenn sein Protagonist kontinuierlich weiter in die Vergangenheit getrieben wird, sind die Wurzeln klar zu erkennen und gegen die Chronologie bauen die einzelnen Episoden sozial wie politisch unauffäöllig aufeinander auf.  
 In den beiden ersten Abschnitten handelt es sich bei den von Hary Leonel passiv beseelten Menschen um keine klassischen Helden, sondern um Männer, die bereit sind, sich weiter zu entwickeln und nicht nur aus den eigenen Fehlern, sondern generell zu lernen. Hary Leonel greift nicht aktiv ein. Das kann er gar nicht.  Viel mehr wird er staunender Augenzeugen von Entwicklungen und vor allem geschichtlichen Vorgängen, welche auf lange Sicht die Welt und damit auch die Evolution beeinflusst haben, deren Keimzelle aber nicht planbar gewesen ist. Die Sintflut; die Entwicklung der Sprache und schließlich auch die Eroberung Europas durch den Vorgänger des Homo Sapiens werden derartig plastisch, simpel und spannend beschrieben, das „Zeitflut“ eher wie eine Art dreidimensionale virtuelle Geschichte denn als ein klassischer Science Fiction Roman erscheint.
 Mit sehr viel Liebe zum Detail, aber keiner erdrückenden Informationsflut hat Will McCarthy die Welten ausschließlich aus einer subjektiven Perspektive heraus bevölkert und zusammen mit Hary Leonel, aber auch seiner in der Gegenwart auf seine Rückkehr hoffenden Cassandra setzen sie die einzelnen Informationen erst zu den geschichtlichen Ereignissen zusammen.
 Das große Problem des Buches wird erst gegen Ende deutlich. Die dritte und vierte Reise in die Vergangenheit sind deutlich kürzer und dadurch auch weniger dreidimensional, weniger spannend beschrieben worden als die erste lange Episode mit vielen historischen Fakten und alltäglichen Beschreibungen.
 In der Gegenwart wird die Reise für Hary Leonels körperliches Wohlbefinden immer gefährlicher. Er weiß auch nicht, wie er sie stoppen kann. Während es für die Wissenschaftler klar ist, das sein Geist wirklich sich in der „Vergangenheit“ des eigenen Körpers aufgehalten hat, glauben die herbeigerufenen Sanitäter, das Leonel einen Zusammenbruch, vielleicht sogar einen Herzinfarkt hat. Sie wollen ihn ins Krankenhaus bringen. Mit diesem Momentum erzeugt der Autor zwar Spannung, aber niemand glaubt wirklich, dass der Autor seinen Protagonisten am Ende des Buches töten wird. Daher läuft dieser Spanungsaufbau genauso ins Leere wie die Idee keine Resonanz findet, das Hary Leonel im Grunde nur mit dem Leser kommuniziert. Die Wachperioden reichen nur zu einem eher rudimentären Informationsaustausch mit den Kollegen aus. Aufgrund dieser spärlichen Informationen können sie nicht zuletzt dank Google verifizieren, dass Leonel wirklich auf Informationen aus der eigenen Vergangenheit zurückgreifen kann, bzw. diese unkontrolliert und wahrscheinlich auch unkontrollierbar aufweckt.  Am Ende löst Wil McCarthy die Gegenwartsebene zu simpel und zu hektisch auf.
 Vielleicht konzentriert sich der Autor aus der männlichen Perspektive des Zeitreisenden zu sehr auf Männer und weniger auf Frauen. Sie wirken beginnend mit der lange Zeit zu passiven, aber erotisch sehr begabten jungen Assistentin zu passiv zu pragmatisch. Mit ein wenig Mut hätte Wil McCarthy seinen Forscher ja auch in einer Frau materialisieren lassen. Es geht ja um die Gene, um die Erbanlagen, die versehen mit den Gedächtniskomponenten von einer Generation zur Nächsten getragen werden. Das hätte dem Buch noch eine pikantere, aber nicht unbedingt notwendig erotisch Note verleihen kann. So wirkt manches wie ein Macho Gerede in einer von Männern dominierten Welt.  
 Es ist vor allem die Ideen eines Ahnengedächtnisspeichers in den Chromosomen, der im perfektesten Fall den Menschen als eine Art Ratgeber, als Leitplanke dient; im schlimmsten Fall ganze Generationen von kriegerischen Erinnerungen wie eine Art Adrenalinflutwelle freisetzt, welche dem Leser unabhängig vom flotten durch Norbert Stöbe auch gut übersetzten Erzählstil im Gedächtnis bleibt. Im Rahmen der Prä- Zeitreise ohne technische Hilfsmittel sicherlich ein besonderer Roman, der vielen Paradoxen durch die einzigartige Art der Reise ausweicht und kurzweilig auch dank des stringenten, aber am Ende auch zu hohen Tempos gut unterhält.   
 
      

Zeitflut: Roman

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (8. März 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 345332076X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453320765
  • Originaltitel ‏ : ‎ Antediluvian