The Cutie

Donald E. Westlake

Hard Case Crime legt unter dem Titel "The Cutie" mit einem schönen, aber unpassenden Titelbild den ersten unter seinem eigenen Namen Donald Westlake veröffentlichten Roman wieder als Taschenbuch auf. Das Buch erschien ursprünglich unter dem passenden, aber auch irreführenden Titel "The Mercenaries". Viele Züge seiner späteren Werke finden sich in diesem mehr als fünfzig Jahre alten, teilweise wenig subtilen Roman wieder. Das beginnt mit dem ausgesprochen pragmatischen Blick auf das organisierte Verbrechen, das wie eine Mischung aus Mafia - der Ableger in New York wird offensichtlich aus Europa gesteuert - und Fritz Langs "M" - die Selbstreinigungskräfte innerhalb der einzelnen Gangstereinheiten  - erscheint. Der Ich- Erzähler Clays ist ein intelligenter junger Mann, der aus dem Krieg kommend sich dem organisierten Verbrechen als eine Art Freelancers angeschlossen hat. Von oben gesteuert ist er ein professioneller Killer und hat sich das Vertrauen des örtlichen Bosses Ed Ganolese redlich verdient. Er ist aber keine rechte Hand. Was das Töten angeht, ist Clay ein Pragmatiker. Er tötet keine Menschen, die es nicht aus der Sicht nicht verdient haben. Zu Beginn des Romans und auch am Ende - die letzte Antwort bleibt offen - befindet sich Clay in seiner Wohnung, die er fälschlich als isolierte Idylle ansieht. Er hat gerade ine Frau kennen gelernt, die ihn aufrichtig liebt. Am Ende des Buches wartet er auf eine Frau, die für ihn für einige Stunden gemietet worden ist. Dazwischen wird er zu einer Art Helden und in einer ironischen Umdrehung der Ereignisse auch zu einer Gefahr für seinen eigenen Chef und damit auch für seine bisherige Existenz. Getreu dem Mafiaprinzip ist niemand vor Opportunitäten sicher und nur das Ganze zählt. 

Ein bekannter Drogensüchtiger, der manchmal für den Mob als Dealer aufgetreten ist, sucht ihn nachts in der Wohnung auf. Nach dem Abklingen seines Rausches ist er in einer ihm fremden Wohnung neben einer hübschen jungen Frau aufgewacht, die mit einem Messer ermordet worden ist. Er kann sich nicht erinnern, wie er in die Wohnung gekommen ist. Das Mädchen hatte anscheinend mehrere Verhältnisse nacheinander mit reichen Männern, die ihr eine Hollywood oder Musicalkarriere versprochen haben. Westlake stellt die Tote nicht unbedingt als Hure dar, sondern als nettes wie Zielstrebiges, nur am Reichtum interessiertes Mädchen. Da der Junkie aber gute Freunde hat, soll Clay den kurze Zeit später aus seiner Wohnung geflohenen Mann wieder finden und seine Unschuld beweisen. Erst als ein zweites Mädchen umgebracht wird und die Polizei ausgerechnet während des hohen Mafiabesuchs aus Europa den Drogenhandel zu kontrollieren beginnt, muss Clay an zwei Fronten als potentieller Mordverdächtiger beim zweiten Opfer und als lange Hand des Drogenbosses Kopf und Kragen riskieren.

Das aus heutiger Sicht interessanteste Element des ganzen Romans ist neben dem sich am Ende überzeugend auflösenden Plot die Doppelmoral, die zweite Gesellschaft, die der Autor nicht nur in diesem Buch etabliert. Die Polizei ermittelt auf einem hohen Niveau unbestechlich, aber auch nicht immer auf der Höhe. So wird Clay als Verdächtiger verhaftet, weil er als Letzter mit der Toten gesprochen und aufgrund seiner Unwissenheit sich quasi selbst das Alibi genommen hat. Es herrscht zwar keine Freundschaft zwischen der Polizei und den Handlangern des organisierten Verbrechens, aber die unausgesprochenen Regeln werden eingehalten. Viel stärker ist die andere Schattenebene definiert. Von den Köpfen herunter bis zum Fußvolk geht es um bedingungsloses Unterordnen. So erfolgt die Bestrafung des Täters nicht, weil er zwei Unschuldige Menschen aus Selbstschutz und einen weiteren Mann als Sündenbock ermordet hat, sondern weil er die innere Struktur der Organisation gefährdet hat und dumm vorgegangen ist. Wenn Probleme da sind, werden diese von oben herab erledigt. Ohne Skrupel, der eigenen Moral folgend, eiskalt und effektiv. Es ist eine beängstigende Welt, die Westlake malt. 

Seine Hauptfigur Clay ist ein Mittler zwischen der dem Leser in erster Linie vertrauten Welt und dem organisierten Verbrechen. Er zeigt Skrupel, durch die Beziehung mit der anfänglich naiven, aber emotionalen, warmherzigen Ella wird ihm noch einmal die Möglichkeit gegeben, die Fronten zu wechseln. Seine Argumente sind eher fadenscheinig. Er ist quasi selbstständig, er wird gut bezahlt und kann sich seine Aufgaben selbst einteilen. Dabei ist er zumindest während der vorliegenden Ermittlungen im Grunde nur ein gehetzter Mann.  Die Idee der potentiellen selbstständigen Freiheit wird sich auch in einigen anderen Romanen Westlakes wie "Somebody owns me money" wieder finden, wobei nicht selten Westlakes Protagonisten sich unter ihrem intellektuellen Wert verkaufen und möglichst einen einfachen Weg durchs Leben suchen. Die Beziehung zu Ella und die Lösung des Falls in klassisch klischeehafter Agatha Christie Manier mit allen Verdächtigen in einem Raum und konträr zu der dynamischen Anlage des Romans bisher stellen auch einen Wendepunkt in Clays bisherigen Berufsleben dar. Ella ist eine Art moralisierendes Gewissen, obwohl sie ebenfalls untypisch für die Situationen keinen Druck ausübt, dass er sich ändern soll oder muss, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Diese moralische Ambivalenz ist ein Markenzeichen insbesondere dieses frühen Westlakes. Am Ende trifft Clay eine Entscheidung. Kaum hat er sich entschieden, überrollen ihn möglicherweise die Ereignisse, die er selbst teilweise hervorgerufen hat. Wie ein braver Arbeiter hat er möglicherweise zur Erhaltung der Organisation sein eigenes Grab geschaufelt. Auch wenn Clay als Berufsverbrecher tituliert werden muss und er offen zugibt, dass er Menschen getötet, aber nicht ermordet hat, zeigt er die "klassischen" Züge eines Ermittlers. Entschlossen, durch organisiert, hartnäckig, nicht unsympathisch und intelligent lassen Clay und Westlake den Leser auf Augenhöhe an dessen Vermutungen und Überlegungen teilnehmen. Das macht gegen Ende des Buches, wenn die letzten Fakten eher durch einen Zufall zusammenfallen, den Reiz der Ermittlungen aus und rückt "The Cutie" aus dem Hardboiled Verbrechermilieu wieder näher an die Krimis eines Chandlers oder Hammetts heran. Westlake verzichtet auf Beurteilungen der Situation und stellt die moralischen Widersprüche insbesondere in Ella und Clay ausschließlich sachlich dar.     

Der Reiz wie bei einigen anderen Westlake Krimis besteht aus der fast absurden Ausgangsituation. Nur weil er wie der Täter nicht gänzlich den Gesetzen der Organisation folgt und dem Drogenjunkie helfen will oder im metaphorischen Sinne spätabends die Tür aufmacht, wird seine Welt im Grunde zerstört. Hinter dem Verbrechen steht eine überraschend simple, aber auch konsequente Lösung, die verblüfft, überrascht und doch gleichzeitig befriedigt. Sie ist zynisch - Familienbande sind nicht im doppelten, sondern im Grunde dreifachen Sinne von Blutsverwandtschaft über die Organisation bis zur ganzen sozial anrüchigen Gesellschaft zu betrachten - aufgebaut und abgeschlossen. Aktien folgt auf Reaktion. Vielleicht ist es tatsächlich nur ein Zufall, der diese doppelte Tragödie auslöst. Oder ein Plan hinter dem Plan, den weder der Leser noch Clay noch sein Chef wirklich erkennen kann. Aber wie Westlake dieses absichtlich klassisch aufgebauten Krimi strukturiert hat und vor allem dem Leser die Möglichkeit gibt, einem gänzlich anderen Prototyp von Detektiv zu folgen - Max Allan Collins wird zwei Jahrzehnte später mit Nolan noch einen zynischeren, aber ebenfalls zum "Helden" mutierten Profikiller präsentieren - ist insbesondere für einen Roman seiner frühen Schaffensperiode eindrucksvoll, konsequent und interessant genug. Vielleicht ist Clay auf der einen Seite zu abgebrüht, aber im Gegensatz zu seiner gänzlich unmoralischen Umwelt, die später ausschließlich im Mittelpunkt von Westlakes "Hunter" Romanen stehen wird, gibt es einen kleinen Funken Hoffnung in ihm. Westlake urteilt nicht. Er überlässt die Beurteilung der Fakten und Vorkommnisse ausschließlich dem Leser, auch wenn die Überführung und Bestrafung des plötzlich wieder "menschlich" werdenden Täters den Gesetzen des Genres nicht nur folgt, sondern einzelne Szenen aus "Millers Crossing" der Coen Brüder vorweg nimmt. 

Durch die kompakte Handlungsführung, die teilweise selbstironischen, aber pointierten Dialoge, die dreidimensionale Charakterisierung der wichtigsten Protagonisten und vor allem die Nutzung einer gänzlich realistischen Umwelt - in diesem Fall einzelne Viertel New Yorks - hat Westlake mit "The Cutie" - der Titel trifft auf das Opfer im Grunde genauso zu wie auf den "billigen" Handlanger Clay - einen zeitlosen fast ausschließlich im organisierten Verbrechen spielenden Kriminalroman ohne die aufgesetzten Thrillerelemente erschaffen, der selbst fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch unter die Haut geht.    

 

March 2009
ISBN: 978-0857683625
Cover art by Ken Laager

Taschenbuch, 208 Seiten

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