Königsallee

Königsallee, Hans Pleschinski, DTV, Rezension
Hans Pleschinski

Hans Pleschinskis „Königsallee“ ist ein Buch, das es einem nicht leicht macht. Auf das Werk seines potentiellen Opfers übertragen versucht der Autor eine unmögliche Kombination aus „Lotte in Weimar“ und „Der Zauberberg“ mit Anspielungen auf „Doktor Faustus“. Im Grunde scheitert der Autor auf einem sehr hohen Niveau. Aus „Lotte in Weimar“ stammt die Idee, das der alternde Dichter – dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Goethe oder den in Pleschinskis Buch literarisch dominierenden, aber von der Persönlichkeit her nicht dominanten Thomas Mann handelt – noch einmal seiner Muse begegnet. Das Hotel „Breidenbacher Hof“ in Düsseldorf könnte zum Sanatorium aus „Der Zauberberg“ werden, in dem und um das sich alle wichtigen und unwichtigen Persönlichkeiten im Schatten des sich auf seiner letzten Lesereise befindlichen Thomas Manns sammeln. Dabei reicht das Spektrum von den Kulturbefließenen Beamten Düsseldorfs über die Ewig Gestrigen wie Klaus Heusers Klassenkameraden bis zu den im Krieg ausgezeichneten Generälen. So wird das wieder aufstrebende Düsseldorf zu einem eher theoretischen Schmelztiegel nicht nur politischer, sondern auch privater Konfrontationen. Aus „Doktor Faustus“ stammt die Auseinandersetzung mit dem Urdeutschen. In diesem Fall der eher äußerlichen Veränderung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Hans Pleschinski hat sich bemüht, in seiner Studie einer fiktiven Begegnung, die lange Zeit im Rahmen des Romans auf sich warten lässt, auch Thomas Manns einzigartigen Stil zu treffen. Dieser Versuch muss als misslungen eingestuft werden. Der Autor hält dessen blümigen und trotzdem ausgesprochen kompakten, scharf beobachtenden und indirekt kommentierenden Schreibstil erstens nicht durch und zweitens hat der aufmerksame Leser irgendwann das Gefühl, eine Mischung aus Klaus Manns oberflächlicher Lässigkeit und vor allem Heinrich Manns die Handlung durch ihre Sprunghaftigkeit erdrückender Experimentierfreude zu goutieren. Weniger und vor allem effektiver wäre in diesem Fall mehr gewesen. Aber Pleschinski will mehr. Sein Buch soll nicht an die vielen Nachkriegswerke erinnern, in denen sich die Deutschen an ihrem großen Dichter orientierend wieder auf die guten Seiten des Deutschseins besinnen und das Wirtschaftswunder Fahrt aufnimmt. Die äußerlichen Veränderungen sollen sich in seinen Charakteren widerspiegeln. Nur Thomas Mann darf nicht verändert werden. In einem der wichtigsten Kapitel des Buches nach einem kurzen Auftritt – hier ist der Dichter durch eine Halsentzündung fast  „sprachlos“ gestellt – fasst er sein eigenes Leben und Werk zusammen, nachdem bislang nur andere Menschen darüber gesprochen haben. Thomas Mann wacht dann aus einer Art Traum „auf“. Er sinniert über sein Werk, aber vor allem sein Leben, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass seine Muse unter dem gleichen Dach wie er schläft. Pleschinski legt Wert darauf, in diesen Szenen Thomas Mann eher als Menschen zu zeichnen, der wie seine Umwelt unter der schwächer werdenden Schaffenskraft leidet und der sich nicht entscheiden kann, welches Projekt er nach der ersten Hälfte des „Krulls“ in Angriff nehmen soll. Die Realität zeigt, dass er anschließend keine langen Texte mehr geschrieben hat. Für viele Leser kommt wahrscheinlich die Begegnung zwischen dem fast achtzigjährigen Thomas Mann und dem aus Asien mit seinem Freund/ Lebensgefährten zurückkehrenden Heuser zu spät. Aber hier folgt Pleschinski auch seinem Vorbild Thomas Mann. Auch in „Lotte in Weimar“ wirft die potentielle Begegnung zwischen Lotte und dem alternden Goethe einen sehr langen Schatten voraus, in dem viele kleine Gedankenspiele stattfinden. In Thomas Manns Romans ist diese Begegnung trotz der Enttäuschung, die sie vor allem in Lotte abschließend  hinterlässt, der Höhepunkt des Buches, während in „Königsallee“ der Weg dahin manchmal interessanter und vielschichtiger erscheint.

Zuerst führt Pleschinski seine Leser in die fünfziger Jahre zurück. Das Hotel „Breidenbacher Hof“ ist voller Leben und aufgeregt. Der Nobelpreisträger Thomas Mann soll aus Köln kommend m Schumannsaal aus dem „Felix Krull“ vorlesen. Alles muss perfekt sein und am liebsten würde die Hotelleitung den ehemaligen hochrangigen Offizier Kesselring vor die Tür setzen. Der Pazifist Thomas Mann soll keinem Soldaten Nazideutschlands auf dem inzwischen befriedeten Düsseldorfer Boden begegnen. Es ist aber nicht die einzige Begegnung, die in diesem Buch arrangiert oder vermieden werden soll. An Hand dieser nicht zufälligen einseitigen Verabredungen zeichnet Pleschinski ein vielschichtiges, sehr gut recherchiertes Bild dieser Zeit. Im Gegensatz zu Thomas Manns Frau hat die Tochter Erika inzwischen die Rolle als Lektorin, als „Pflegerin“, als dominante Sekretärin und schließlich auch als Schutzschild übernommen. Pleschinski hat sich hier sehr stark an den Texten Erika Manns orientiert und zeichnet sie als resolute, immer noch provozierende, aber auch manipulierende Frau. Sie versucht Heuser zu überreden, aus dem Hotel auszuziehen, da sie glaubt, eine Begegnung mit ihm könnte Thomas Mann zu stark belasten. Sie ist sich im Klaren, das Klaus Heuser wahrscheinlich nicht nur der Joseph aus den vier Büchern ist, sondern vielleicht auch das Vorbild für Felix Krull. Wobei einige Biographien und Tagebücher deutlich machen, dass Thomas Mann schon am Felix Krull gearbeitet hat, als er Klaus Heuser Ende der zwanziger Jahre auf dem Höhepunkt seines literarischen Ruhms, aber nicht seiner Popularität als urdeutschen in den USA und später der Schweiz lebendes Gewissen kennen gelernt hat. Pleschinski geht in seiner fiktiven Studie davon aus, dass sich Thomas Mann platonisch in den jungen Knaben während eines Urlaubes verliebte und ihn auch nach München einlud. Interessant ist dabei, dass andere vielschichtige Werke wie „Tod in Venedig“, die diese einseitige Liebe zwischen Mann und Knabe in Kombination mit einer entsprechenden Todessehnsucht abhandelten, ignoriert werden. Vielleicht liegt es daran, dass Klaus Heuser der einzige noch lebende junge Mann gewesen ist, dem Thomas Mann im hohen Alter noch begegnen konnte. Es ist wichtig, dass der Leser diese Prämisse akzeptiert. Während die Begegnung mit Erika Mann oberflächlich, ein wenig despektierlich ist, trifft Heuser später in einer örtlichen Kneipe auf Golo Mann, in dessen Bett er in München während dessen Abwesenheit geschlafen hat. Während Thomas Mann von der Öffentlichkeit förmlich erdrückt und annektiert wird, sucht der schwache, fast kriecherische Golo Mann die Liebe seines Vaters und die Anerkennung der Öffentlichkeit für seine Biographien. Es ist eine ergreifende Szene, wobei die emotionale Distanz durch Golo Manns an einen verzweifelt vorgetragenen Monolog erinnernden Abstecher in die deutsche Geschichte noch deutlicher wird. Anstatt sich auf das unmittelbare Verhältnis zwischen Thomas Mann und seinem Deutschland auf der einen Seite sowie den zahlreichen Freunden/ Wegbegleitern und Verwandten auf der anderen Seite zu konzentrieren, zielen diese Exkurse weit über das Ziel hinaus und lassen „Königsallee“ im Vergleich zu Thomas Manns Werken nicht ambitionierter, sondern inhaltlich leerer erscheinen. Über Erika und Golo Mann schwebt der Geist Klaus Manns, der sich zum Entsetzen Heusers vor fünf Jahren das Leben genommen hat. Pleschinski zeigt immer wieder seinen Lesern, dass er sich mit der Familie Mann gut auseinandergesetzt hat und streut sein nicht immer detailliertes, aber zu viel zu grob umfassendes Wissen in die Dialoge ein. Das reizt bei Mann Anhängern die Erinnerung, spricht aber an der historisch fiktiven Begegnung interessierte Leser zu wenig an. Wie Thomas Manns Häuser sowohl in München als auch den USA oder der Schweiz Hort des intellektuellen Wissens und Denkmäler einer mit der Weimarer Republik spätestens untergegangenen deutschen Epoche sind, so erscheint „Königsallee“ wie ein rezensierendes Stillleben der Werke der Familie Mann, in der Kritik am Übervater nicht aufkommen darf, während Klaus Mann es sich zu leicht gemacht hat und Golo Mann durch den Verzicht auf Literatur zu Gunsten der Biographie einen Weg gewählt hat, der ihm keine Achtung, keine Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einbringen wird.

„Königsallee“ besteht aber auch Dualität. In erster Linie sind es immer Zwiegespräche, in welche ein weiterer Protagonist quasi stellvertretend für den Leser eingebunden worden ist. Während Erika Mann bestimmt auftritt und Golo Mann bettelnd, ist es Heusers Umfeld aus eher unbekannteren Figuren, das lebensecht und interessant, dreidimensional und historisch aktuell erscheint. Da wäre die Liebesgeschichte zum Indonesier Anwar, der von einem Vertrauten mehr und mehr zu einer Heusers Leben und Finanzen bestimmenden Figur geworden ist, bevor er mit dem Besuch in Deutschland in die stumme attraktive Bedeutungslosigkeit versinkt. Keine homosexuellen Andeutungen, keine Berührungen, die Rückkehr zur Kameradschaft. Wenn Anwar während des Gesprächs mit Golo Mann der fetten deutschen Küche und dem Alkohol endgültig Tribut zollen muss, zeigt sich, wie sehr Pleschinski diesen exotischen und intelligenten Außenseiter verschenkt hat. An einer anderen interessanten Stelle ist es Erika Manns Taufpate und ehemals bester Freund der Familie Ernst Bertram, der sich nicht nur dem Naziregime unterworfen und damit mit Thomas Mann überworfen hat, sondern der opportunistisch durch ein gutes Wort Thomas Mann wie Phoenix aus der Asche der literarisch die Wunden leckenden deutschen Schriftstellerszene wieder aufsteigen will. Während Bertram sein Fähnchen in den Wind hängt und seine Überzeugungen weder während der Naziherrschaft noch jetzt in der Zeit des zarten demokratischen Pflänzchens ehrlich erscheinen, ist es sein Schulkamerad, der als Angestellter bei Thyssen den Freiheitskampf der Deutschen unter Hitler genauso vehement verteidigt wie er Homosexualität als abartig verurteilt. Diese beiden relevanten Nebenfiguren zeichnen ein nicht immer originelles oder einzigartiges, aber ein nachdenklich stimmendes Bild der Deutschen, die Hitler nicht unbedingt ermöglicht, ihn aber an der Macht gehalten habe. Für einen Roman sind so viele Begegnungen mit Menschen aus der eigenen Vergangenheit angesichts einer zufälligen Reise unglaubwürdig, aber wie alles in dieser Fiktion geht es Pleschinski weniger um das Erzählerische, sondern um den Versuch, wie es Thomas Mann so exzellent geschafft hat, ein theoretisierendes „was wäre wenn“ Szenario zu gestalten.

Hier liegen die Stärken und leider auch einige Schwächen des Buches. Zu den Stärken gehört, dass Hans Pleschinski die einzigartige Stimmung zwischen dem Sündenfall und dem wirtschaftlichen Aufbruch in Deutschland dreidimensional, natürlich mit einem feinen Gespür für die einfachen, hart arbeitenden und sich in dem Leben noch nicht ganz zurechtfindenden Menschen sowie einem exzellenten Auge für die Details in kraftvolle Sätze gepackt hat.  Diese Beschreibungen der immer noch zerstörten Stadt und dem inzwischen wieder dekadenten Mikrokosmos des ersten Hotels am Platze sind Höhepunkte des Buches und zeigen die Widersprüche in der bundesdeutschen Gesellschaft effektiver und farbiger als manche der immer mehr erstarrenden Gespräche/ Diskussionen, in denen Pleschinskis seine Figuren nicht agieren lässt. Ein wenig mehr Impulsivität, ein wenig mehr reines fehlerhaftes Leben hätte sich der Leser über den ganzen Handlungsbogen gewünscht, damit „Königsallee“ die Fiktion mit der Realität zu einer Einheit verbindet und sie nicht nebeneinander teilweise auch spürbar dahin vegetieren lässt.  Dreh- und Angelpunkt ist allerdings die lange leider nicht wie in einer Lubitsch Komödie heraus gezögerte Begegnung zwischen Thomas Mann und Klaus Heuser. An diesem Moment muss sich „Königsallee“ insbesondere im Gegensatz zu dem schon vorher hoch interessanten und erdrückend eindrucksvoll geschriebenen Meisterwerk aus dem Exil „Lotte in Weimar“ messen lassen.  Die Begegnung wird aber sehr langsam und erstaunlich behutsam vorbereitet. Erst das lange Interview mit einer zwergwüchsigen Reporterin der Lübecker Nachrichten, die provokant die Stellung Thomas Manns in einer sich verändernden Welt abfragen will. Höhepunkt dieses intellektuellen, sehr gut geschriebenen Dialogs ist die Frage, ob Hitler und Thomas Mann sich nicht „gegenseitig“ benötigt haben, um an den Feinden zu wachsen. Anschließend folgt die Lesung mit der ersten Begegnung zwischen Heuser und Mann. Im alternden Mann erwachen jetzt eher väterliche Gefühle als eine aktive Zuneigung. Pleschinski ist schlau genug, mehrere Kreise durch Heuser schließen zu lassen. Er erfüllt die Wünsche Golo Manns und Bertrams. Wer jetzt aber glaubt, diese Begegnung ist der Höhepunkt des Romans, wird enttäuscht. Zu oberflächlich, zu belanglos erscheint dieses Treffen. Erst mit der morgendlichen Fahrt zu einem der schönsten Plätze Düsseldorfs, beginnend mit einem vertraulichen, aber nicht erotischen Gespräch in der Lobby des Hotels nehmen Heuser und Mann noch einmal Kontakt auf. Der eine weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist, während der andere sich in dieser Welt orientieren will, aber ahnt, dass es ihn wieder nach Asien zieht.  Es ist die Begegnung zweier Menschen aus inzwischen konträren Welten. Thomas Mann hat in seiner USA Zeit viel gelernt, Klaus Heuser ist in Asien zum Mann geworden. Sie erinnern sich und werden wieder ihrer Wege gehen. Bedenkt man, welchen langen Weg die einzelnen Charaktere bis zu diesem Abend und dem frühen Morgen zurücklegen musste, ist es leider enttäuschend, dass Pleschinski dieses aufgestaute Potential nicht umsetzen kann. In der ersten Hälfte des Buches werden viele für die fünfziger Jahre relevante Themen effektiver angesprochen, angerissen, aber niemals abgeschlossen. Daher ist es schade, dass Pleschinski es nicht geschafft hat, aus dieser auf Fakten basierenden und trotzdem fiktiven Begegnung zwischen Thomas Mann und einer seiner Musen – vielleicht die größte Überraschung und Enttäuschung Heusers, nicht alleine gewesen zu sein – so viel in den Dialogen steckendes Potential zu heben. Wenn Thomas Mann davon spricht, dass ein Schriftsteller seine unmittelbare Umwelt für sein Werk seziert, aushöhlt und „leer“ zurücklässt, dann gilt das leider auch streckenweise für dieses Buch. Zu viel Beiwerk, zu wenig Substanz, eine angenehm verspielte Idee, stilistisch zu ambitioniert und zu sehr auf sich selbst bezogen lädt „Königsallee“ nur bedingt dazu ein, dass Werk Thomas Manns noch einmal zu lesen, denn so „Gott ähnlich“ und unfehlbar wie Thomas Mann hier dargestellt wird, erdrückt sein Schatten jegliche deutsche Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.  Alleine dem Menschen Thomas Mann nähert sich Pleschinski nicht wirklich.   

 

 

DTV Taschenbuch

400 Seiten ISBN 978-3-423-14416-2
19. Juni 2015