Marvel-Comic-Kritik: Doctor Doom: Iron Man 1: Rollentausch

doctor_doom.jpg

Doctor Doom: Iron Man: Bd. 1: Rollentausch Cover

Als vor einigen Monaten der große Fox-Disney-Deal verkündet wurde, war in diversen Artikeln zu diesem Thema vor allem zu lesen, dass ab sofort X-Men, Fantastic Four und Avengers im Bedarfsfall Seite an Seite kämpfen könnten. Selbstverständlich ist das angesichts der besonderen Kinohistorie der Marvel-Helden nicht weniger als eine kleine Sensation, dennoch ist ein anderer Nebeneffekt dieses Milliardengeschäfts für die unmittelbare Zukunft des MCU womöglich noch entscheidender. Die Rede ist von all den Superschurken und Antihelden, die von nun an nur darauf warten, auf Cap & Co. losgelassen zu werden.

DCs großem Konkurrenten wird sicher nicht zu Unrecht immer wieder vorgehalten, dass dessen cineastisches Universum bisher nicht sonderlich viele überzeugende Gegenspieler hervorgebracht hat. Darauf, dass man diesen Vorwurf auch noch in zehn Jahren vorbringen wird, sollte man wohl nicht mehr wetten. Insbesondere die Frage nach dem Thanos-Erbe, also dem nächsten “Ära-Endgegner“, schien man lange kaum auf befriedigende Weise beantworten zu können. Jetzt sieht die Situation mit einem Male völlig anders aus, und die Liste der Kandidaten wird gefühlt mit jeder Minute, die man darüber nachdenkt, länger und länger. Einen klaren Favoriten gibt es aber trotzdem: Victor von Doom, kurz: Dr. Doom.

Er war die Schlüsselfigur in Secret Wars, einem der vielleicht bedeutendsten und besten Comic-Events des Verlages - zumindest wenn man sich nur auf die so Event-lastige jüngere Vergangenheit bezieht. Der Herrscher von Latveria wird in dieser an die ähnlich gelungene Storyline Marvel Super Heroes Secret Wars aus den 80ern angelehnte Geschichte nämlich zu einer Gottheit. Der Wissenschaftler und Magier stellte allerdings schnell fest, dass ihm diese als omnipotentes Wesen zur Verfügung stehende schier grenzenlose Macht nicht so erfüllte, wie er sich das erhofft hatte. Dieses Gefühl setzte bei ihm einen Denkprozess in Gang, der schließlich in der Entscheidung mündete, der neue Iron Man werden zu wollen.

Vom Gott zum Helden?

Ohne allen, die Civil War II noch lesen wollen, zu sehr den Spaß zu verderben: Ja, Tony Stark musste längere Zeit vertreten werden, und bei einer dieser Vertretungen handelte es sich tatsächlich um den Erzfeind der Fantastischen Vier. Diese Entwicklung mag den einen oder anderen langjährigen Fan verwundern, sie wird jedoch so nachvollziehbar begründet, dass man sie als das vielleicht größte Plus dieses Sammelbandes bezeichnen muss.

Was bringt einen an sich schon immer eher ambivalenten Bösewicht dazu, sein Handeln grundsätzlich zu hinterfragen? Brian Michael Bendis liefert in diesem die ersten sechs Einzelheftausgaben von Infamous Iron Man, wie die Serie in den USA heißt, umfassenden Trade hierauf die passende Antwort. Allmacht ist nicht gleichbedeutend mit Erfüllung oder Glückseligkeit, sie sorgt vielmehr für eine innere Leere, die in erster Linie dann unerträglich wird, wenn man unsterblich ist.

Doctor Doom: Iron Man: Bd. 1: Rollentausch

Es ist folglich eine Art Sinnsuche, die bei dem einstigen Despoten zu einem Sinneswandel geführt hat. Und dieser hat letztlich in ihm die Überzeugung reifen lassen, dass er trotz einer gewissen anderen Person - auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen wird -, die ebenfalls in den berühmten Eisenanzug geschlüpft ist, als neuer Iron Man für Recht und Ordnung sorgen sollte. Der Verfasser hat ganz bewusst nicht die Formulierung ”für das Gute kämpfen“ gewählt, da man von jemandem, der derart lange auf der dunklen Seite zu Hause war, nicht erwarten kann, sofort zu wissen, was Superhelden eigentlich auszeichnet.

So geht der Aushilfs-Avenger zwar von der ersten dieser 140 Seiten an konsequent gegen das organisierte Verbrechen vor und nutzt seine Insiderinformationen, um zahlreiche alte Bekannte aufzuspüren, fasst sie aber nicht gerade mit Samthandschuhen an. Sein Vorgehen lässt zudem nicht unbedingt vermuten, dass er den Überführten zutraut, von sich aus seinem Beispiel zu folgen.

Umgekehrt trauen S.H.I.E.L.D. und vor allem Maria Hill, das neben Nick Fury und Phil Coulson mutmaßlich bekannteste Gesicht der berühmten Organisation, dem vermeintlich Geläuterten nicht so recht über den Weg. Und Letztere bringt das auch ziemlich deutlich zum Ausdruck. Die Folge: Doom steht zwischen allen Fronten und besitzt keinesfalls die Freiheiten, die etwa ein Tony Stark hatte. Selbst Doctor Amara Perera, der einzige Mensch, dem er offenbar vertraut, weiß nicht so ganz, wie sie zu ihm steht. Und zu allem Überfluss holen den Protagonisten dann außerdem noch die Schatten seiner familiären Vergangenheit ein. Diese vertrackte und komplizierte Situation ist zweifelsohne das zweitgrößte Plus der Reihe.

Doctor Doom: Iron Man: Bd. 1: Rollentausch

Brian Michael Bendis beweist mit einem seiner letzten Marvel-Abenteuer abermals, weshalb er auch nach all den Jahren - kleinere qualitative Ausreißer nach unten hin oder her - als einer der Besten der Branche gilt. Interessanterweise gar nicht mit einem gigantischen Event oder einem Plot, der danach schreit, am Erscheinungstag direkt vergriffen zu sein, sondern mit einem Blick in das Innerste eines der wahrscheinlich bedeutsamsten gezeichneten Antagonisten überhaupt. Und dem kongenialen Partner des mittlerweile zu DC gewechselten Autors, Zeichner Alex Maleev, mit dem er bereits an New-Avengers-, Daredevil- oder Moon-Knight-Runs gearbeitet hat, ist es zu verdanken, dass jedes dieser Panels die Sicht der Hauptfigur auf die Welt transportiert. Sein etwas kantiger, härterer Stil und die bei Tageslicht vornehmlich verwendeten blassen und in der Nacht/im Untergrund dagegen sehr dunklen Farben müssen zweifellos in diesem Zusammenhang Erwähnung finden.

Fazit

Doctor Doom: Iron Man 1: Rollentausch ist das Paperback, das alle lesen sollten, die entweder glühende Anhänger von Reed Richards‘ ärgstem Widersacher, Freunde von sehr persönlichen Geschichten mit Tiefgang in einem Superhero-Setting oder beidem sind.

Der marktführende Comic-Verlag mag zuletzt nicht mit jedem Titel seine Leserschaft zufriedengestellt haben, allerdings ist der hier besprochene ein Beleg für die Ausreißer nach oben, die der Entertainment-Gigant scheinbar stets in seinem Programm haben wird.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Marvel Comics/ Panini

Regeln für Kommentare:

1. Seid nett zueinander.
2. Bleibt beim Thema.
3. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung.

SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

Beiträge von Spammern und Stänkerern werden gelöscht.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren.
Ein Konto zu erstellen ist einfach und unkompliziert. Hier geht's zur Anmeldung.