Drive In

Joe Lansdale, Drive In, Rezension, Titelbild
Joe Lansdale

Dietmar Dath- auch Übersetzer des ersten Teils- versucht in seinen Anmerkungen wie Lansdale, die “Drive- In” Trilogie wichtiger erscheinen zu lassen als sie vielleicht in Wirklichkeit ist.  Auch Joe Lansdale spricht von seinem Traum mit dem Drive- In und seiner anfänglichen Ablehnung  gegenüber dem fertigen Werk. Aus der Distanz kritisch betrachtet orientiert sich der Texaner wahrscheinlich weniger an seinem Traum, sondern muss sich hinterfragen, warum er nach dem soliden, aber abrupt endenden ersten Teil die nur vordergründig existentiellen Fortsetzungen verfasst hat.  Auch stellt sich die Frage, warum die Grundidee des 1988 veröffentlichten Romans einem australischen Exploitationfilm „Dead End Drive In“ aus dem Jahre 1986 entspricht.  In Film wie Buch werden in erster Linienschuldige Teenager in einem Drive In gefangen gehalten und schnell herrscht Anarchie. Während in dem Film die Regierung diese Drive In angelegt hat, um die  radikale Jugend wie die unschuldigen Protagonisten zu kontrollieren und kriminelle Subjekte zu isolieren, ist es in Lansdale Roman Komet, der quasi in seinem Schweif dafür sorgt, dass das „Drive in“ in einen undurchdringlichen Nebel gehüllt ist, der wie später in Stephen Kings „The Dome“ die Menschen isoliert und teilweise sogar tödlich wirkt.  Das Geschehen wird aus der Perspektive von vier sehr unterschiedlichen Teenagern geschildert, die jeden Freitag in das „Drive In“ Theater fahren, um dort nicht nur sechs Horrorfilme zu schauen, sondern vor allem sich zu amüsieren. Lansdale schafft es, die Atmosphäre dieser gigantischen Plätze mit ihren sechs Leinwänden und dem A/ B Platz mit Leben zu erfüllen. Der Kofferraum voll mit Süßigkeiten und Bier haben die Freunde anfänglich sehr viel Spaß, bis der Komet sie isoliert. Wie es sich für diese Art von Katastrophenfilm oder Buch gehört, gibt es anfänglich Durchhalteparolen und freie Lebensmittelversorgung – natürlich nichts Gesundes- aus dem Kiosk. Als die Zeit immer länger wird und vor allem die Lebensmittel zur Neige gehen, zerbrechen die dünnen Wände der Zivilisation und Kannibalismus macht sich breit.  Je grotesker das Geschehen wird, um so mehr manifestiert sich die Stimme des Erzählers. Auch wenn der ausschließlich aus der Ich- Perspektive geschriebene Bericht immer wieder die zeitliche Distanz durchbricht – so weiß der Erzähler, das er seine Eltern auch am Ende des letzten Teils der Trilogie nicht wieder sehen wird -  und vor allem auf Zetteln niedergekritzelt worden ist, wirkt alles wie in einem Film. Es wird auf die Werbung verwiesen, die Chronologie wird immer wieder nicht unbedingt subtil, aber effektiv unterminiert und am Ende durchbricht Lansdale in einem bizarren Höhepunkt sogar die Logik, in dem er seinen Erzähler bildlich gesprochen aus dem Spiel nimmt. Wie in den B- Movies, die sich die „Gefangenen“ bis zum Erbrechen ansehen müssen, besteht die Handlung aus Fragmenten. Da werden nicht nur in diesem ersten Buch Menschen gefressen (Kinder bitte nicht roh) und gejagt. Sex und Gewalt sind genau wie religiöser Wahn – zweimal im ersten Buch sich leider ein wenig wiederholend in Form einer Opferung und einer Kreuzigung dargestellt – sind an der Tagesordnung. Mit dem Erschaffen des Popcornkönigs – zwei Freunde des Erzählers verschmelzen durch einen Blitzschlag im richtigen Moment zu einem absolut bizarren verrückten Wesen – durchbricht Lansdale endgültig die Mauer zwischen überzogener Realität des Horrors und einer grotesken Satire.  Um nicht weitere Erklärungen nachschieben zu müssen, wird immer wieder auf die Chronologie nicht unbedingt des B- Films, sondern vor allem der trashigen C- Filme verwiesen, in denen alles möglich und nichts erklärbar ist. Der Leser muss wie der Erzähler diese Fakten akzeptieren.  Immer wieder wird noch die Möglichkeit in Betracht gezogen und damit auch Stephen King mit „Under the Dome“ vorausgegriffen, das in dieser Welt die Menschen Opfer eines mit Tentakeln ausgerüsteten außerirdischen Filmregisseurs sind, der seinen persönlichen Low Budget Streifen drehen will. In Stephen Kings Roman ist es ein gigantischer jugendlicher Außerirdischer, der quasi auf der Durchreise die Menschen in seinem Glas gefangen gehalten hat. Während das Ende des ersten Buches – betrachtet man den Rom alleine- wie alles in „The Drive- In“ keinen Abschluss darstellt, sondern wie eine Hommage an die vielen Science Fiction Geschichten insbesondere der fünfziger Jahre erscheint, wirken die beiden Fortsetzungen „The Drive In 2: Not just One of them Sequels“ aus dem Jahr 1989 und vor allem der deutlich später in einer Zeit von Lansdale sehr guten Kriminalromanen verfassten Abschlussband „The Drive In: The Bus Tour“ (2005) in der Theorie ambitionierter. Während der erste Teil ein sehr kompakter und vor allem intensiv bis teilweise brutal geschriebener Schocker gewesen ist, dauert es relativ langem, bis sich der Handlungsbogen im zweiten Buch entwickelt. Das liegt zum einen an der Tatsache, dass neben der langen die Handlung des ersten Bandes zusammenfassenden Einführung weitere Figuren mit ihren Lebensgeschichten vorgestellt werden. Lansdale ist ohne Frage ein Autor, der aus dem Nichts heraus lebensechte und vor allem faszinierende Charaktere erschaffen kann, aber in seinen ersten Büchern wirkt vieles noch bemüht, eindimensional und vor allem pragmatisch. Vergleich der Leser „The Drive- In“ mit dem fast gleichzeitig entstandenen „Cold in July“, dann erkennt er den Unterschied. Die eigentliche Handlung ist in beiden Fortsetzungen im Vergleich zur Isolation im „Drive- In“ eine Reise, die erstaunlicherweise sich eher im Kreis bewegt. Es ist eine fremde Welt, in welche die Charaktere nach dem Kometenüberflug entlassen werden. Es gibt Dinosaurier und einen endlosen Highway, der durch den Dschungel führt. Wie die einzelnen kleinen Gemeinschaften in dem „Drive- In“ wird in dieser Welt von den Überlebenden entlang dieser Straße eine Siedlung gegründet, die Menschen leben in ihren Autowracks.  Der Popcornkönig wird durch eine andere bizarre Kreatur – in diesem Fall einen Psychopathen mit gottähnlichen Kräften ohne wirklich einen Hintergrund sowie einem aus einem Fernseher bestehenden Kopf – ersetzt.  Die Theorie, das es sich wirklich um ein Filmset eines Außerirdischen handelt, wird genau wie die Auseinandersetzung mit dem Fremden nach dem langen, phlegmatischen Auftakt intensiviert, während die Erklärungen fehlen. Es sterben Charaktere auf dem Weg und es bildet sich nach den Verlusten im ersten Buch eine neue Zweckgemeinschaft, die anfänglich im Grunde an den Rand dieser Welt aufbrechen will, um dann wieder umzukehren und eine junge Frau zu retten. Es wirkt viele eine Reise ins Nichts, die von Lansdale weniger geplant als improvisiert wird. Den teilweise bizarren, aber gut geschriebenen Passagen steht auch viel Langeweile gegenüber. Der abschließende Band leidet unter einem fehlenden starken, nicht zwangsläufig sympathischen Charakter.  „Die Fahrt“ findet in einem Wal statt. Aber die Vergleich mit Jona und dessen biblischen Wal wirken wie einige andere sich wie ein roter Faden durch die Trilogie ziehende religiöse Hinweise eher bemüht.    

Von der Grundstruktur her sind sich die beiden Fortsetzungen zu ähnlich. In beiden Fällen sind es Road Movies mit einigen Stärken, aber auch sehr vielen Schwächen. Die Bewegung in einem fremden Land/ einer fremden Zeit oder vielleicht auf einem fremden Planeten wird mit dem jeweiligen Ende ad absurdum geführt. Zwar bietet der Autor im letzten Buch eine Erklärung an, aber diese scheint genauso absurd wie die anfänglich bizarre, aber interessante Idee, die überwiegend Jugendlichen einzuschließen.

Stilistisch locker, aber immer wieder auffällig die dritte Dimension durchbrechend erzählt stellt sich dem Leser angesichts der Ausführungen von Lansdale und Dath die Frage, ob die Trilogie wirklich mehr ist als ein bizarrer Splatter Horror vergleichbar den Filmen auf der Leinwand.  Natürlich werden einige brisante Punkte wie nicht zum ersten Mal in seinem Werk  Rassismus , Fatalismus und schließlich auch religiöser Wahn angesprochen. Vielleicht ist das in dem Drive In eingeschlossene Publikum tatsächlich ein Schmelztiegel der damaligen amerikanischen Gesellschaft, die aus heutiger Sicht sogar irgendwie unschuldig und mit klein karierten Themen sich auseinandersetzend erscheint. Aber während Lansdale von der Qualität des Romans so überzeugt ist – immer bei einem grundsätzlich bescheidenen Autoren eher ein schlechtes Zeichen – und Dath dem Leser die texanische Weltsicht erläutert, bleiben auch Zweifel. Am Ende des dritten Buches dreht sich diese absurde Welt um die eigene Achse und frisst sich am Ende metaphorisch selbst auf. Es ist eine lange bemühte Reise, die vor allem im dritten Band nicht mehr fasziniert, sondern eher verstört. Bis auf den Hintergrund kann er keine neuen Gedanken einbringen und vor allem seine Charaktere werden nicht weiter entwickelt, sondern eintöniger. Interessant ist, das das Ende fast spießbürgerlich erscheint. Welch ein Kontrast zu den jungen Wilden zu Beginn des Buches, die Sex mit Liebe verwechselt haben und Alkohol mit dem Erwachsenenstatus ohne die entsprechenden Verantwortlichkeiten. Viel Lärm um Wenig könnte kritisch ausgesprochen werden.  Auf der anderen Seite ist Lansdale ein zu unterhaltsamer Autor, der insbesondere zu diesem Zeitpunkt mit grotesken Geschichten nicht selten vor einem Westernhintergrund oder wie in diesem Fall dem Drive In sich zu etablieren begann. Insbesondere der ersten Band zeigt, wie surreal seine Geschichten sind und wie stark Lansdale vor allem mit seinen „übernatürlichen“ Frankensteinkreaturen auch provozieren wollte. Der erste Band ist und bleibt der beste Roman dieser Trilogie, die in den Fortsetzungen weniger unterhalten als nachdenklich stimmen will und deutlich über das Ziel hinausschießt. Das diese drei Roman in einem handlichen, mit einem schönen Titelbild ausgestatten Paperback vorliegen, ist alleine schon eine Kaufempfehlung wert.              

  • Broschiert: 736 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (10. August 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453676726
  • ISBN-13: 978-3453676725
  • Originaltitel: The Complete Drive-In
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