Kritik zu The Last Guardian: Auf den Hund gekommen

Es gibt nur wenige Videospiele, die bereits vor Release eine so umfassende Geschichte bieten wie The Last Guardian. Der Nachfolger zu Kult-Titeln wie Ico und Shadow of the Colossus war beinahe zehn Jahre in Entwicklung und wurde durch Publisher Sony mehrmals angekündigt, verschoben und abgebrochen. Berichten zufolge wurde die Fertigstellung nur aufgrund des Drucks durch Fans zugelassen.

2007 begann Team Ico, das Studio von Fumito Ueda, mit der Arbeit an The Last Guardian, einem Titel, der sich um die Beziehung zwischen einem Jungen und einem riesigen Tier dreht. Zwei Jahre später wurde das Spiel auf der E3 in Los Angeles erstmals angekündigt mit einem geplanten Erscheinungsdatum in 2011 für die Playstation 3. Nach langem Hin- und Her inklusive Studiowechsel zeigte Sony im vergangenen Jahr auf der E3 wieder einen Trailer, diesmal mit dem endgültigem Erscheinungsjahr 2016.

Nun ist es wirklich da, aber kann ein Spiel mit einer so turbulenten Entwicklungsgeschichte wirklich dem Hype gerecht werden? Es ist schwierig, denn wie seine geistigen Vorgänger ist auch The Last Guardian ein sehr „anderes“ Spiel. Es fühlt sich nicht an wie ein typisches Action-Adventure, dem Genre, dem man es am ehesten zuordnen würde. Das Spiel legt weniger Wert auf Geschichte und Gameplay, nutzt die beiden Elemente aber für etwas Besonderes. Die Entwickler wollen eine Beziehung von Spieler und Spielfiguren herstellen, ähnlich wie die zwischen Pferd und Reiter in Shadow of the Colossus.

The Last Guardian Boy
© Sony

Der mit dem Katzen-Wolfshund-Vogel-Wesen tanzt

In einer Welt voller kolossaler Ruinen wacht der namenlose Protagonist, ein kleiner Junge in Mönchskleidung ohne Erinnerung an die letzten Stunden, auf. Seine Haut ist übersät mit merkwürdigen Symbolen, und neben ihm liegt ein verletztes, 20 Meter großes Fabelwesen.

Von da an lässt das Spiel den Jungen und den Menschen am Controller allein. Anweisungen gibt es kaum, man muss selbst herausfinden, wie der Junge sein nächstes Ziel erreichen kann. Die spielerischen Elemente bestehen aus dem Klettern an Tempelanlagen in luftigen Höhen, was viele aus der Tomb-Raider-Reihe kennen dürften. Glücklicherweise ist Trico, das hundeähnliche Fabelwesen, stets an der Seite des Jungen, um ihn etwa aufzufangen oder riesige Sprünge zu vollführen.

Das sieht ziemlich beeindruckend aus, da der Fokus klar auf die Animationen von Trico gelegt wurde. Dieser bewegt sich glaubhaft wie ein echtes Tier, man könnte glauben, unter seinem Federkleid, was er anstatt Fell trägt, einzelne Muskelbewegungen zu erkennen.

Leider verhält sich Trico dazu noch wie ein echtes Haustier. Die Rolle des Jungen fühlt sich sehr oft an wie ein Besitzer eines störrischen Hundes. So ignoriert Trico weit mehr Befehle als er befolgt und löst gleiche Situationen unterschiedlich schnell und effizient. Das könnte man alles als gewollt abtun oder als großes Experiment, um ein realistisches Tier innerhalb eines Videospiels zu erschaffen. Das alles ändert aber nichts an der Tatsache dass das frustrierende Gamedesign nicht besser wird, wenn es vermeintlich so vorgesehen ist.

Beispielsweise bringt einem das Spiel bei, während Stürzen, die normalerweise mit dem Tod enden würden, vom Tier gerettet zu werden sofern es unter einem steht. In der Mitte des Spiel treten dann aber plötzlich vereinzelte Situationen auf, in denen Trico den fallenden Jungen einfach ignoriert. In dem Falle muss der Spieler experimentieren und im Selbstversuch herausfinden, dass er gezielt im Sturz bestimmte Tasten drücken muss. Gewiss keine schlechte Mechanik nur eben ohne jegliche Erklärung vereinzelt umgesetzt.

Die Geschichte von The Last Guardian wird vor allem in wenigen Missionen am Ende erzählt. Davor stehtdie Beziehung des Jungen und des Tieres im Vordergrund. Fast ganz ohne Worte freunden sich die beiden an und bauen Vertrauen auf. Die emotionale Bindung verstärkt dann dramatische und spannende Szenen später umso mehr, aber am besten fallen die ruhigeren Momente aus. Wenn mal wieder ein Rätsel gelöst werden muss und Trico den hart arbeitenden Jungen mit der Nase anstupst und mit riesigen Augen zufrieden anschaut, erreicht das Spiel seine Höhepunkte.

The Last Guardian Trico
© Sony

Alte Technik und eine absurde Kamera

The Last Guardian musste während der Entwicklung auf die neue Konsolengeneration portiert werden, und das sieht man der Grafik zwangsweise auch an. Texturen und Licht sind die eines fünf Jahre alten Spiels, nur die Federn von Trico sehen zeitgemäß aus. Das alles ist aber zu verkraften, da hauptsächlich alte Steine und morsches Holz zu sehen sind. Richtig farbig wird es nie, das passt zur Stimmung und dämpft den Fall eines Releases in 2016.

Ein wenig unverzeihlicher ist die wirklich schlechte Kamera. Sie ist das wohl größte Hindernis an Kletterpartien, schwer zu steuern und scheint wie Trico einen eigenen Willen zu haben. Manchmal wendet sie sich plötzlich ohne jeglichen Grund vom Geschehen ab und zeigt nur die finstere Höhlendecke. Und wenn schon der bockige Riesenhund nicht gehorcht, dann sollte der Spieler wenigstens sehen können, wo er gerade steht.

Fazit

The Last Guardian ist anders, und das ist gleichzeitig seine größte Stärke sowie seine größte Schwäche. Empfehlenswert ist es deshalb vor allem an alle Spieler, die sich mit viel Geduld und Ruhe auf etwas Neues einlassen können. Frustfrei sollte man sein, denn es erwarten viele Hindernisse, eines davon zwanzig Meter groß und so süß, dass man ihm trotz allem sagen möchte, was für ein guter Junge er doch ist.

The Last Guardian ist seit dem 6. Dezember für die Playstation 4 erhältlich.

The Last Guardian - E3 2015 Trailer | PS4

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