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Wo ist Johnny? - Kritik zur Stephen-King-Verfilmung Puls

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Szenenbild Puls mit John Cusack und Samuel L. Jackson

Vermutlich liest ein Großteil von euch diese Meldung gerade über das Handy. Vielleicht auf der Fahrt zur Arbeit. Vielleicht in der Warteschlange im Supermarkt. Handys sind allgegenwärtig. So allgegenwärtig, dass in manchen Cafés mittlerweile unmissverständliche Aufforderungen aushängen, das Smartphone in der Tasche zu lassen und sich stattdessen doch einfach mal wieder mit seinem Gegenüber zu unterhalten.

Damit ist unsere Gesellschaft mit ihrem Verhalten doch perfekt geeignet für einen Angriff, der über Handys erfolgt. Stephen King hat diese Idee in seinem 2006 erschienenen Roman Puls (engl. Original-Titel Cell) aufgegriffen.

In Puls wird die Menschheit über ihre Handys attackiert, worauf alles im Chaos versinkt. Diejenigen, die zum Zeitpunkt des Angriffs ihr Handy in Benutzung hatten, werden zu zombieähnlichen Wesen, den sogenannten Phonies. Nur wenige sind von der Attacke nicht betroffen, wie zum Beispiel der Comic-Künstler Clayton Riddell (John Cusack) und U-Bahn-Führer Tom McCourt (Samuel L. Jackson).

Kurz vor dem Angriff hat Clayton noch mit seinem Sohn Johnny (Ethan Andrew Casto) telefoniert; nun ist er in höchster Sorge, dass auch Johnny zu einem Phonie geworden ist. Claytons Plan: Er muss sich nach Maine durchschlagen, um die Gewissheit zu haben, dass seinem Sohn nichts passiert ist. Dabei begleiten ihn neben Tom noch Alice (Isabelle Fuhrmann) und Jorden (Owen Teague).

Eigentlich hätte aus diesen Zutaten ein unterhaltsamer Film werden können. Eigentlich. Hätte.

King weicht von seiner eigenen literarischen Vorlage ab

Bei King-Verfilmungen ist in der Regel klar, dass nicht alle Aspekte der literarischen Vorlage filmisch umgesetzt werden können. Wer den Roman kennt, wird eine Ahnung haben, welche Szenen es nicht ins Drehbuch geschafft haben. Das wäre in erster Linie nicht schlimm, immerhin hat Stephen King selbst am Drehbuch gearbeitet.

Aber allein schon aus diesem Grund ist unverständlich, wie Puls im Endeffekt umgesetzt wurde. Ihr habe die Pilot-Folge von The Walking Dead gesehen? Dann wird euch Puls definitiv daran erinnern. Allerdings wesentlich langatmiger. Mit wesentlich schlechteren Effekten. Und Schauspielern, die zum Teil erschreckend planlos wirken. Jackson spielt zum gefühlten millionsten Mal den harten Typen, der in erster Linie gut mit Waffen umgehen kann und für einen trockenen Sidekick-Kommentar zu gebrauchen ist. Cusack hat bereits mehr als einmal einen besorgten Vater gespielt, dem sein Kind das Wichtigste im Leben ist - allerdings waren das in der Regel auch die Rollen, die bei ihm am unglaubwürdigsten gewirkt haben.

Hinzu kommt, dass manche Änderung für die filmische Umsetzung wenig Sinn ergibt. Im Roman ist Tom McCourt ein kleiner, weißer Typ, der mehr als einmal auf seine Homosexualität anspielt. Im Film ist McCourt - eben dargestellt von Samuel L. Jackson - ein Veteran mit posttraumatischer Störung. Damit ist vom ursprünglichen Tom nicht mehr viel übrig geblieben.

Dennoch sind für Kenner des Buchs liebevolle Details erhalten geblieben. So hat die in Harz gegossene Pusteblume einen Auftritt, ebenso der Eiswagen. Da merkt man zum Glück, dass der Autor selbst seine Hände im Spiel hatte.

Planloser Roadtrip

Allerdings kann das nicht über den chaotischen Film hinwegtrösten. Fängt Puls mit einem Knall und Action an, verliert er sich anschließend in einem planlosen Roadtrip, bei dem die Motivation der einzelnen Charaktere zum Großteil verborgen bleibt. Stattdessen wird der einzige Charakter mit Grusel-Potential eher schludrig eingeführt, die Existenz nicht erklärt. Hier bleibt das dumpfe Gefühl, dass man auf den Lumpenmann (Joshua Mikel) nur zurückgegriffen hat, um wenigstens ein paar Momente im Film zu haben, die man mit spannender Musik unterlegen kann. Allerdings enden diese Szenen leider mit halbherzigen Jumpscares und führen ins Nichts.

Bereits bei der Produktion gab es mehrere Stolpersteine. Im Juni 2007 trat Eli Roth (Hostel) wegen Differenz als Regisseur zurück. Letztendlich nahm Tod Williams (Paranormal Activity 2) auf dem Regiestuhl Platz. Die erste Klappe fiel schließlich im Januar 2014, Premiere sollte Puls eigentlich im Februar 2016 während des Glasgower FrightFest feiern. Dazu kam es wegen kurzfristigen Änderungen an den Veröffentlichungsdaten jedoch nicht. Schlussendlich sah man für Puls nur eine Veröffentlichung für einige ausgewählte Kinos und Video on Demand vor.

Das neue, verdammt düstere Ende geht nach hinten los

Eins an Puls ist jedenfalls extrem ärgerlich - das Ende. Stephen King offenbarte, dass er mehrere Beschwerden zu seinem Roman erhalten hatte, weil das Ende offen blieb. Dies änderte er für die Verfilmung und erklärte dazu:

"Der Film entspricht nicht eins zu eins dem Drehbuch, das ich geschrieben habe, aber ich kann Ihnen sagen, dass das Ende verdammt düster und Furcht einflößend ist. Das setzt wirklich neue Maßstäbe."

Hier müssen wir King leider widersprechen. Weder ist das Ende düster (ok, wir geben zu, die Szenen sind verdammt schlecht ausgeleuchtet) noch furchteinflößend. Ehrlich gesagt hat das Ende aufgrund des Soundtracks an der Stelle eher für große Lacher und herrliches Kopfkino gesorgt. Immerhin da stimmen wir King zu. Es setzt neue Maßstäbe. Neue Maßstäbe darin, dass ein Ende einen bis dahin mittelprächtigen Film ganz nach unten ziehen kann.

Puls erscheint am 17. Januar auf DVD und Blu-Ray.

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