The Expanse Staffel 2: Wer braucht Star Trek, wenn er The Expanse haben kann?

Viele Fans waren das Warten schon fast leid. Im November 2016 hatte Netflix die erste Staffel der Sci-Fi-Serie The Expanse bereitgestellt, neun Monate nachdem diese auf Syfy in den USA gelaufen war. Die zweite Staffel, die von Februar bis April 2017 im Herkunftsland im TV zu sehen war, hatte man dann jedoch nicht direkt nachgereicht - bis heute.

Mit dreizehn neuen Abenteuern setzt Netflix die Geschichte um Jim Holden und Joe Miller fort. Basierend auf den Romanen von Daniel Abraham und Ty Franck (die als Pseudonym den Namen James S. A. Corey benutzen), wird die Story um einen drohenden Konflikt zwischen Erde, Mars, OPA, den Gürtlern und einer noch unbekannten Bedrohung weitergesponnen.

Doch was macht The Expanse eigentlich so besonders und so empfehlenswert? Und wie schneidet die Serie im direkten Vergleich zu Star Trek ab, das mit über 700 Episoden in 50 Jahren und einer neuen Serie in den Startlöchern die potente Referenz im Genre darstellt?

Check 1: Die Entstehung einer neuen Welt

Star Trek schuf mit der klassischen Serie in den 60er Jahre eine Utopie. Die Menschen der Erde arbeiten gemeinsam mit Außerirdischen in einer Allianz der Völker zusammen, forschen und erkunden und müssen sich hier und da auch immer wieder gegen weniger freundliche Spezies zur Wehr setzen. Die Vulkanier, Klingonen oder Romulaner begleiteten die Abenteuer der verschiedenen Crews durch die Jahrhunderte und alle Serien, es ging um Schicksale, persönliche Befindlichkeiten, Konflikte, Verluste und militärische wie gesellschaftliche Tiefschläge und Erfolge. Star Trek veränderte die durch die Classic-Serie geschaffene Welt in über 50 Jahren letztlich, sondern baute sie nur sukzessive aus, und kam immer wieder auf den ursprünglichen Kern zurück.

Bei The Expanse wählte man direkt einen anderen Ansatz. Außerirdische sucht man vergeblich, die Serie ist verdammt nahe dran an dem, was wir uns als nicht so ferne Zukunft tatsächlich vorstellen können. Während ein Captain Picard auf einer Art Luxusliner mit Mahagoni, Earl Grey, Privataquarium und ganzen Familien durchs All schipperte, ist hier noch alles Handarbeit. Gurte, fehlende Schwerkraft, enge Räume. Etwas Ähnliches versuchte man zwar auch bei Star Trek: Enterprise, doch selbst dort war das Reisen im All schon mehr als komfortabel.

Als Antagonisten dienen The Expanse Menschen, die den Mars bevölkern sowie Menschen, die eine andere Gesinnung zeigen als die Bewohner der Erde oder die durch ihre lange und harte Arbeit unter erschwerten Bedingungen im Asteroidengürtel Deformationen aufweisen und somit zu Außenseitern wurden. Hier liegt auch die größte Stärke dieser Welt: Die Verlagerung unserer akuten Erdenprobleme auf ein Sci-Fi-Setting; etwas, das Star Trek auch immer wieder besonders in Einzelepisoden gelang. The Expanse macht daraus jedoch eine Basishandlung, die immer weiter fortschreitet und uns dabei meisterhaft vorführt, in welche Richtung wir uns entwickeln könnten - und was uns dann vielleicht erwartet.

Check 2: Die Charaktere und ihre Darsteller

Bei The Expanse hat in der ersten Staffel bezüglich der handelnden Personen vor der Kamera keiner enttäuscht, außer Thomas Jane als Miller und David Strait als Holden konnte jedoch auch niemand wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen. Dieses Fazit gilt übrigens für die Charaktere wie für die Darsteller. Für die weiteren Staffeln gibt es hier somit definitiv viel Luft nach oben.

Doch auch bei Star Trek gab es oft ein extremes Gefälle. Bei den Classics standen alle im Schatten von Kirk, Spock und McCoy, bei TNG konnten meist nur Picard und Data begeistern, DS9 als Ensembleshow hatte hingegen eine ganze Reihe an tollen Charakteren in Haupt- und Nebencast zu bieten, während Voyager mit Seven und dem Holodoc sowie Enterprise mit Trip und Phlox auch wieder eher im Spargang durch die Staffeln tuckerte.

Wenige starke Charaktere müssen aber definitiv kein K.O.-Kriterium sein, vergleicht man beide Formate aber mit einer Serie wie Game of Thrones, fällt schon auf, dass hier noch Entwicklungspotential vorhanden ist. In der Summe hat Star Trek hier jedoch noch einen entscheidenden Vorteil vor The Expanse: Die besten Charaktere aller Trek-Serien besaßen mehr Tiefe und waren nicht auf so wenige Aspekte beschränkt wie die Kollegen bei The Expanse. Auch hier vergleichen wir jedoch noch Äpfel (zehn Episoden) mit Birnen (ganzen Serien). Somit gilt: Was nicht ist, kann dort ja noch werden. Holden und Miller sind schon einmal ein guter Anfang.

Check 3: Effekte & Action

Der Vergleich hinkt freilich. Alle Trek-Serien haben schon einige Jahre auf dem Buckel, The Expanse ist hingegen frisch. Dennoch verwundert es angesichts der Herkunft der Serie (Syfy) schon, wie gut sie dann am Ende aussieht. Die Effekte sind teilweise atemberaubend, das Worldbuilding wird perfekt transportiert. Vergleicht man hier mit den Trailern zu Star Trek: Discovery, sieht alles wieder nach einem Gleichstand aus. Das ist jedoch nur gut so - hat man dann ab Ende September doch zwei visuell wunderbare Serien auf Netflix am Start, die sich gegenseitig übertrumpfen müssen und wollen werden.

In Sachen Action ist The Expanse zudem erfreulicherweise vollkommen unaufgeregt. Episoden wie "CQB" feuerten zwar aus allen Rohren, viele andere der ersten Staffel ließen jedoch keinerlei Eile aufkommen und gingen fast schon als schwatzhaft und tiefenentspannt durch. Das ist jedoch kein Makel, sondern ebenfalls immer Merkmal von gutem Star Trek gewesen.

Check 4: Die Stories

Im Bereich von TV-Serien ist die Erwähnung des Begriffes "horizontale Erzählweise" inzwischen fast ein Grund zum Gähnen. Viel zu oft wird dieser Terminus bemüht, um klarzumachen, dass man es hier eben nicht nur mit losen Geschichten zu tun hat, sondern mit einer ineinandergreifenden Story. Dabei ist das im Zweifelsfall gar kein klares Qualitätsmerkmal. Reicht die Story qualitativ und quantitativ aus, kann diese Art der Erzählung zwar sehr erfüllend sein, fehlt es jedoch an Tiefe, gerät das Konstrukt leicht ins Schlingern.

So litt auch The Expanse im ersten Jahr teilweise am Fehlen eines klaren Fokus und einer dann doch etwas zu entspannten Handlungsführung. Was zudem völlig fehlte: Kann man bei Star Trek oft so etwas sagen wie "die Episode, wo sie in der Zeit zurückreisen und in Roswell für Aliens gehalten werden", ist bei The Expanse fast jede Episode ein unbestimmt waberndes Etwas, das teilweise nicht nur schwer als Einzelteil zu definieren (oder rezensieren) ist, sondern auch ein wenig die Existenz einer tieferen Message vermissen lässt. Doch gerade die Science Ficition kann auf diesem Gebiet eigentlich Wunder wirken. Hier hat Star Trek sogar bei DS9, wo man ebenfalls viel horizontal erzählte, immer wieder Einzelepisoden rausgehauen, die für sich genommen zu Klassikern wurden. The Expanse verlässt sich bisher absolut auf eine Gesamtgeschichte - das ist nicht schlecht, aber anders. Es wird spannend zu sehen, wie man in den weiteren Staffeln vorgehen wird und welchen Weg man bei Star Trek: Discovery letztlich einschlägt. Altmodisches Star Trek oder auf den Pfaden von The Expanse? Oder bietet am Ende beides einen Mix an?

Wer würde gewinnen?

Wie bereits erwähnt, tut man The Expanse mit derartigen Vergleichen eigentlich ein wenig Unrecht, da man letztlich aktuell zehn Abenteuer über 700 Episoden quer durch alle Trek-Serien gegenüberstellt. Reduziert man den Vergleich jedoch auf das jeweilige Destillat des Vorhandenen, fehlt The Expanse noch das überraschende Element in Sachen Einzelepisoden, dafür gelingt der Aufbau der Rahmenhandlung aber bereits ausgesprochen zufriedenstellend.

Fazit

The Expanse ist qualitativ hochwertige Science-Fiction, die sich im TV vor keinem Format fürchten muss. Größte Stärke ist das Worldbuilding und somit eine wunderbar realistische Zukunftsvision, größter Mangel bisher das verschleppte Tempo und die fehlenden Highlights in einer aber zugegeben durchgehend interessanten Gesamthandlung. Diese Kritikpunkte fallen auch dank griffiger Charaktere und einer eleganten Umsetzung jedoch kaum ins Gewicht. Star Trek in seiner Gesamtheit ersetzt das zwar nicht, könnte aber reichen, um Star Trek: Discovery einen harten Kampf um die Gunst der Zuschauer zu liefern. Wenn dann noch The Orville in der Humorsparte mitmischt, haben die Fans hier unter Umständen einen dreifachen Jackpot am Start, der auf Jahre die Bedürfnisse des Genres bedienen kann. Möchte Netflix hier nicht vielleicht auch aktiv werden und die Abenteuer der Crew der Orville gleich mit an Bord holen? Vielfalt ist schließlich nie etwas Schlechtes.

The Expanse ist seit dem 8. September mit der zweiten Staffel und somit dreizehn neuen Episoden bei Netflix verfügbar. Eine dritte Staffel mit erneut dreizehn Episoden wird 2018 bei Syfy an den Start gehen.

Bei Robots & Dragons findet ihr Kritiken zu allen Episoden, die regelmäßig fortgesetzt werden.

Kritik 1.01: "50.000 Kilometer"
Kritik 1.02: "Die große Leere"
Kritik 1.03: "OPA und die Canterbury"
Kritik 1.04: "CQB"
Kritik 1.05: "Im Namen der Gerechtigkeit"

THE EXPANSE | Season 3: Official Trailer | SYFY

The Expanse Season 1 Poster

Originaltitel: The Expanse (seit 2015)
Erstaustrahlung am 23.11.2015
Basiert auf der gleichnamigen Romanreihe von Daniel Abraham & Ty Franck
Darsteller: Thomas Jane (Josephus "Joe" Aloisus Miller), Steven Strait (James „Jim“ Holden), Cas Anvar (Alex Kamal), Dominique Tipper (Naomi Nagata), Wes Chatham (Amos Burton), Shawn Doyle (Sadavir Errinwright), Shohreh Aghdashloo (Chrisjen Avasarala), Frankie Adams (Roberta "Bobbie" W. Draper)
Produzenten: Broderick Johnson, Andrew Kosove, Sharon Hall, Sean Daniel, Jason F. Brown, Mark Fergus, Hawk Ostby, Naren Shankar
Staffeln: 2+
Anzahl der Episoden: 18+


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