Eine Lanze brechen: David Lynchs Der Wüstenplanet – Oder wie aus einem Flop etwas Gutes wurde

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Wir schreiben das Jahr 10.191, und die Menschheit hat sich bereits vor langer Zeit in den Weltraum vorgewagt. Verteilt auf etliche Planeten lebt die menschliche Zivilisation in einem feudalistischen Imperium mit planetaren Fürsten, an dessen Spitze der Padischa-Imperator steht. Doch ist der wichtigste Planet im Imperium nicht etwa der Sitz des Herrschers über Millionen von Welten, sondern vielmehr eine unscheinbare, abgeschiedene und karge Welt namens Arrakis: Dune, der Wüstenplanet.

Denn nur dort findet sich das Spice, welches, bewacht von gewaltigen Sandwürmern, unter dem Sand des Planeten zu finden ist. Diese Droge verlängert nicht nur das Leben, sondern ist wegen ihrer bewusstseinsverändernden Eigenschaften auch unverzichtbar für die interstellare Raumfahrt, welche erst alle von Menschen besiedelten Planeten zu einem Imperium vereint. Wer das Spice kontrolliert, der kontrolliert auch das Universum. Und das Spice muss fließen!

Die Entstehungsgeschichte oder wenn Sand im Getriebe steckt

Wie schon die facettenreiche Fantasy-Welt von J.R.R Tolkien galt auch lange Zeit Frank Herberts Science-Fiction-Epos Der Wüstenplanet als filmisch nicht umsetzbar. Doch während sich Peter Jackson erst vor rund zwanzig Jahren dem Herrn der Ringe (2001 – 2003) widmete, verfilmte der Surrealist und Film-Noir-Liebhaber David Lynch die Geschichte um den Wüstenplaneten bereits etliche Jahre zuvor. Doch bis dieser 1984 in die Kinos anlief, war es ein sandiger Weg, der sich allerdings im Nachhinein gesehen doch gelohnt hat.

Angefacht durch die technologischen Entwicklungen im Bereich der Spezialeffekte erwarb Arthur P. Jacobs 1971 die Rechte an dem Stoff. Der amerikanische Filmproduzent, der bereits mit Planet der Affen einen angeblich nicht verfilmbaren Roman erfolgreich in die Kinos gebracht hatte, sollte jedoch nichts mehr von seinem Wagnis haben. Nach dem Abschluss der Dreharbeiten zu Die Schlacht um den Planet der Affen (1973) verstarb Jacobs, sodass das Projekt danach in dessen Nachlass erstmals Staub ansetzte. 

Zwei Jahre vergingen, bis sich mit dem Pariser Millionär Michel Seydoux ein Interessent fand, der das Projekt dann in die Hände von Alejandro Jodorowsky übergab. Der chilenische Filmemacher, der sich dank Werken wie El Topo und Montana Sacra – Der heilige Berg einen gewissen Ruf als Kult-Regisseur verdient hatte, verfolgte Großes mit seiner Vision des Wüstenplaneten. Leider zu groß für die damalige Zeit. Abgesehen von dem gewaltigen Drehbuch, welchem nur einem elf- bis zwölfstündigen Film gerecht werden würde, bereitete auch die Darstellerriege des Films den Geldgebern Kopfzerbrechen. Neben David Carradine (Kung Fu, Kill Bill) und Orson Welles (Citizen Kane) wollte der Regisseur auch noch den Rolling-Stones-Frontmann Mick Jagger sowie den spanischen Künstler Salvador Dalí verpflichten. Dieser sollte für eine nie dagewesene Gage von 100.000 US-Dollar die Stunde als Padischa-Imperator Shaddam IV. in Erscheinung treten.

Der Soundtrack hingegen sollte von Pink Floyd beigesteuert werden, während im Hintergrund bereits der französische Comiczeichner Jean „Moebius“ Giraud, der Special-Effects-Macher und späterer Alien-Co-Autor Dan O’Bannon und der britische Illustrator Chris Foss über mehrere Monate hinweg an einem etliche Kilo schwerem Storyboard mit insgesamt 3000 Zeichnungen arbeiteten. Hinzu stieß dann noch der Schweizer Künstler HR Giger und kreierte mit den Harkonnen-Möbel seine wohl bekanntesten Stücke.

Bereits jetzt hatte die Vorproduktion rund 2 Millionen US-Dollar verschlungen, sodass das französische Konsortium Hilfe in Amerika suchte und eine Koproduktion anstrebte. Nach Meinungsverschiedenheiten mit Jodorowsky über die Realisierung seiner Vision wurde der Wüstenplanet abermals zu den Akten gelegt.

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Jodorowskys Dune

Erst mit dem Erfolg von Krieg der Sterne, bei dem sich dessen Schöpfer George Lucas maßgeblich vom Wüstenplaneten inspirieren ließ, kam es wieder zu Interesse an einer Umsetzung. Schließlich wagte der italienische Kult-Produzent Dino De Laurentiis (Conan der Barbar) den Versuch, als die verbleibenden vier Jahre der Option zum Verkauf standen. Für insgesamt 2 Millionen US-Dollar erwarb er zusammen mit seiner Tochter Raffaella (Dragonheart) die Rechte an Herberts Roman sowie an dessen Fortsetzungen.

Das Drehbuch sollte diesmal von Frank Herbert selbst verfasst werden und kam schließlich auf 176 Seiten. Doch auch diese deutlich kürzere Version erwies sich als unrealisierbar, sodass De Laurentiis einen neuen Ansatz versuchte. Hierfür engagierte er Ridley Scott, der nach dem Erfolg von Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, an dem gleich mehrere ehemalige Mitglieder aus Jodorowskys Team (Dan O’Bannon, Moebius, Chris Foss und HR Giger) beteiligt waren, als Regisseur fungieren sollte. Nach mehreren Fassungen, darunter einer mit einer inzestuösen und ödipalen Beziehung zwischen Paul Atreides und seiner Mutter, entstand schließlich ein Drehbuch, welches die Essenz des Romans angemessen einfing und dazu noch verfilmbar war. Doch noch während der Vorbereitungen verstarb überraschend Scotts älterer Bruder Frank, sodass sich dieser nicht mehr im Stande sah, den Film zu verwirklichen.   

Als Ersatz schlug Raffaella den jungen US-Regisseur David Lynch vor, dessen zweites Werk Der Elefantenmensch in acht Kategorien für einen Oscar nominiert worden war. Lynch, der hierfür die Regie bei Die Rückkehr der Jedi-Ritter abgelehnt hatte, akzeptierte den Regieposten und verwarf danach alle bisher entstandenen Konzepte zum Wüstenplaneten. Nach insgesamt sechs weiteren Entwürfen starteten die Dreharbeiten schließlich am 30. März 1983 in Mexiko. Während diese bereits voll im Gange waren, vollendete Lynch den siebten und schließlich finalen Entwurf seines Drehbuches, welcher große Teile des Films komplett neu zusammensetzte. Daraus entstanden mehrere Stunden an Filmmaterial, das von den Produzenten auf knappe 137 Minuten zusammengeschnitten wurde.

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Dune Wüstenplanet

Lynchsche Filmkunst versus Frank Herberts Mikrokosmos

Neben dem Film noir wurde Lynch auch durch Maler wie Henri Rousseau, dem Wegbereiter des Surrealismus, beeinflusst, sodass es niemanden verwundern sollte, wenn seine Filmkunst als eine Mischung des schwarzen Films und dem traumhaften, unbewussten, absurden und fantastischem Merkmalen dieser Lebenshaltung und Lebenskunst angesehen werden kann. Somit sollte Lynch doch die perfekte Wahl für eine Adaption des Wüstenplaneten sein, der in einer Zeit spielt, welche sich kein Mensch wirklich vorstellen kann. Oder?

Bis heute sind die Visuals sowie das gesamte Aussehen des Films beeindruckend und beeinflussten im Nachhinein auch andere Vertreter des Genres. Angefangen von dem Aussehen der Raumschiffe – die Barock-anmutenden Fregatten, die kühlen und funktionalen Gilden-Highliner oder das pompöse, goldene und pyramidenartige Schiff des Imperators – die kalte und dreckige Industrielandschaft auf dem Heimatplaneten der Harkonnen, der prunkvolle Herrscherpalast auf Kaitain, dem Hauptsitz des Imperiums, sowie die grotesken Navigatoren in ihrem mit Spice-gefüllten Tanks oder die gigantischen Sandwürmer des Planeten Arrakis. 

Ebenso erwähnenswert sind die Kostüme der Darsteller sowie der rund 20.000 Statisten des Films, für die der Brite Bob Ringwood verantwortlich war, der Michael Keaton (Batman) einige Jahre später in ein schwarzes Batman-Kostüm steckte, anstatt ihm, wie in den Comics, einen blauen Slip zu verpassen.  

Auch bei der Wahl der Schauspieler hatte Lynch das richtige Gespür. Für die Hauptrolle des jungen Paul Atreides wählte er den Newcomer Kyle MacLachlan, der den Part des künftigen Messias mit einer jugendlichen Leichtigkeit spielte. Zudem entstand daraus eine langjährige und sehr erfolgreiche Zusammenarbeit, sodass MacLachlan danach in Lynchs Kultfilm Blue Velvet und der preisgekrönten Serie Twin Peaks die Hauptrolle innehatte.

Zur Seite stellte man ihm hingegen erfahrene Gesichter wie etwa Jürgen Prochnow (Das Boot) als seinen Vater Herzog Leto sowie Max von Sydow (Der Exorzist), Dean Stockwell (Zurück in die Vergangenheit), Linda Hunt (Navy CIS: L.A.) und Patrick Stewart (Star Trek: The Next Generation), der damit seinen ersten Schritt in Richtung Weltall setzte. Ebenfalls erwähnenswert ist die schauspielerische Leistung der damals erst achtjährigen Alicia Witt (Orange is the new Black), die mit ihrem Auftritt als Pauls übermächtige Schwester Alia selbst den niederträchtigsten Schurken in Angst und Schrecken versetzte. 

Dem gegenüber standen Oscar-Gewinner José Ferrer (Vater von Miguel Ferrer und Onkel von George Clooney) als Padischa-Imperator, Brad Dourif (Chucky – Die Mörderpuppe) als verdrehter Mentat, Kenneth McMillan (Amadeus) als Baron Harkonnen sowie Musiker Sting als dessen Neffe Feyd-Rautha, der im kompletten Gegensatz zu seinem entstellten und schwebenden Onkel steht. 

Apropos Musik: Während diese in Jodorowskys-Variante noch von Pink Floyd und der französischen Progressive-Rock-Band Magma komponiert werden sollte, verpflichtete Lynch die US-Rockband Toto und den musikalischen Innovator Brian Eno (Trainspotting). Ebenfalls eine perfekte Wahl, da es der einprägsame Soundtrack schafft, einen in seinen Bann zu ziehen, genauso wie schon die Bildgewalt des Films selbst.

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Dune Wüstenplanet 3

Eine weitere Besonderheit des Films sind die Momente, in denen Lynch die Gedanken der Charaktere offen legt. Damit konnte er nicht nur den Zuschauer selbst lenken, sondern auch teilweise die Probleme seines Drehbuches lösen, das dem monumentalen Epos nicht gewachsen war. Nicht umsonst hat Frank Herbert sein Werk in Zyklen unterteilt, die sich aus 19 Romanen zusammensetzen und zuletzt von seinem Sohn Brian und dem Science-Fiction-Autor Kevin J. Anderson (Sage der Sieben Sonnen) zu einem Ende gebracht wurde. Während Lynch auf spektakuläre und surrealistische Bilder setzt, erschuf Frank Herbert eine Welt, deren Mechanismen er bis ins kleinste Detail erklärte, sodass es dem fertigen Film an Tiefe fehlt.

Die bekennenden Dune-Fans hingegen waren aufgrund der teilweise gravierenden Unterschiede zur Vorlage enttäuscht. Die komplizierten Geschichten verschiedener Figuren sowie deren Beziehungen zueinander sind komplett ignoriert oder nur oberflächlich angekratzt worden. Außerdem sind andere Figuren, Gruppierungen oder Gegenstände optisch sowie in ihrem Verhalten oder ihrer Bedeutung komplett anders dargestellt.

Baron Harkonnen verabscheut Herzog Leto und die Atreides, sodass sich beide Häuser seit Generationen Kanly, die Blutrache, einen im geheimen stattfindenden Krieg der Assassinen praktizieren. Imperator Shaddams IV. fürchtet hingegen die stetig wachsende Popularität seines angeheirateten Cousins Leto unter den Adelshäusern. Da der Imperator offiziell stets eine neutrale Position bei Konflikten einnehmen muss, verbündet er sich im Geheimen mit den Harkonnen und stattet sie mit seiner militärischen Elite-Einheit, den gnadenlosen Sardaukar aus. Der Film dichtet den Atreides einfach eine Geheimwaffe an, um die Geschichte voranzutreiben, anstatt die Hintergründe zu erzählen.

Die Beziehung zwischen dem Imperator und seiner Erstgeborenen, Prinzessin Irulan (Virginia Madsen), ist ein weiterer Aspekt, den der Film anders wiedergibt. Zwar hat sie im Roman einen deutlich höheren Rang in der Palast-Hierarchie, allerdings empfindet der Imperator nur Groll gegen sie und ihre Mutter, da sie absichtlich nur Töchter und keinen männlichen Nachkommen zur Welt gebracht hat.

Weitere gravierende Unterschiede sind die Darstellung des eigentlich mit Narben übersäten Gurney Halleck, der durch Patrick Stewart allerdings das Erscheinungsbild eines immer korrekten Offiziers und Gentleman erhält. Die Navigatoren der Raumfahrergilde machte Lynch zu einer Art bizarren Mischung eines deformierten Fötus und einem Weißwal. Im Roman sind es jedoch zerbrechliche, humanoide Wesen ohne Emotionen, deren Aussehen entfernt an das der bekannten Grey-Aliens erinnert. 

Ein weiterer Punkt sind einige Aspekte, die aufgrund von Lynchs Drehbuches hinzugefügt wurden. Seien es die merkwürdig anmutenden Schallmodule, die zuvor erwähnte Geheimwaffe der Atreides, die bizarren Herzstecker der Harkonnen-Untertanen, die groteske Katzenmelkmaschine oder das Ende des Films. Hier präsentierte man die klimatische Veränderung des Wüstenplaneten durch den Kwisatz Haderach, dem nunmehr fast gottgleichen Paul Atreides, in eine wasserreiche Welt binnen Augenblicken, während dieser Vorgang im Roman selbst, wie auch in Wirklichkeit, mehrere Jahrhunderte dauern würde.

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Gut? Schlecht? Fragwürdig? Alan Smithee!

Leider kam die Adaption auch etliche Jahre zu früh, sodass vor allem das damalige Publikum sowie auch die Macher selbst noch nicht für solch ein Werk bereit waren. So hatte die ursprüngliche Rohfassung einen Umfang von rund fünf Stunden, angestrebt war jedoch eine Laufzeit von drei Stunden, was den Produzenten allerdings immer noch zu lange war. Heutzutage wäre dies nach Werken wie etwa Der Herr der Ringe (3 Stunden 48 Minuten) oder Avengers: Endgame (3 Stunden 2 Minuten) kein Problem mehr.

Da Lynch keine Kontrolle über den Endschnitt hatte – der wohl größte Fehler, aus dem der Regisseur noch lernen sollte - kürzte Produzent Dino De Laurentiis den Film auf seine bekannten 137 Minuten hinunter, was schließlich der Todesstoß für den Wüstenplaneten bedeutete. Die Kritiken waren zerschmetternd, und die Filmkritik-Ikone Robert Ebert bezeichnete den Film als “einen unverständlichen, hässlichen, unstrukturierten und sinnlosen Ausflug in die finsteren Gefilde eines der verwirrendsten Drehbücher aller Zeiten.” Das geschätzte Budget von rund 40 Millionen US-Dollar konnte man nicht wieder einspielen; weltweit wurden nur knapp 31 Millionen erzielt. Für damalige Zeiten der größte Flop der Kinogeschichte; im Nachhinein und anhand der Produktionsgeschichte des Films gemessen, wohl auch einer der irrsten.

Doch damit der Film zumindest im Fernsehen ein Erfolg werden sollte, fabrizierte man aus dem noch vorhandenen Material eine 3-stündige Fernsehfassung. Der größte Unterschied hierbei war der rund zehnminütige alternative, von Frank Herbert selbst vertonte und gemalte Prolog, der dem Zuschauer deutlich mehr Aspekte des Wüstenplanet-Universums näher brachte. Allerdings war es genau dieser Vorspann, welcher das Fass zum Überlaufen brachte. David Lynch distanzierte sich hiervon, sodass anstatt seines Namens das Pseudonym Alan Smithee in den Credits prangt.

Dune – Der Wüstenplanet ist ein gewaltiges, fantasievolles Science-Fiction-Epos, dem es jedoch an Tiefe und vielleicht auch etwas an Herz der Vorlage fehlt. Trotzdem sei jedem Science-Fiction-Fan der Film ans Herz gelegt, wenn auch nur, dass dadurch das Interesse an Herberts Romanen selbst geweckt wird.

Dune - Trailer

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