Keine Gnade - Kritik zu Star Trek: Picard 1.05

SPOILER

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Ein Regisseur, zwei sehr unterschiedliche Folgen. Auch diese Woche inszenierte Jonathan Frakes Star Trek: Picard, dieses Mal nach einem Drehbuch von Kirsten Beyer - das anscheinend mehr Inhalt bot. Es geschieht so einiges in Episode 1.05 “Keine Gnade” (OT: “Stardust City Rag”). Ein wenig wurde man also gleich mit dem deutschen Titel gespoilert. Das hat irgendwie Tradition.

Icheb

Huh, wieso muss ich mein Alter bestätigen? Ah, ahja. Deshalb. Alles klar. Die Enthauptungsszene der letzten Woche war also nur ein kleiner Teaser für die Brutalität dieser Episode. Ich glaube ich hätte es auch ohne expliziter Szenen verstanden, aber nungut.

So kommt nur keine Freude über das überraschende Wiedersehen mit einem altbekannten Charakter auf Planet Vergessen auf (keine Übersetzung, auch in OV heißt der so). Icheb (Casey King statt Manu Intiraymi) wurde einst als Kind von den Borg assimiliert und von Seven of Nine nicht nur gerettet, sondern quasi als Pflegekind angenommen. Nach der Rückkehr der Voyager ist Icheb der Sternenflotte beigetreten, wie anhand des kurz gezeigten Abzeichens zu sehen ist.

Dass es sich bei dem armen Opfer auf dem Seziertisch nicht um irgendwen handelt, erklärt auch, warum bei der sadistischen Prozedur kein Kortikalknoten gefunden werden kann - das war eine Art “Organspende” von Icheb an Seven of Nine (Star Trek: Voyager 7.02 “Unvollkommenheit”).

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Wenig verwunderlich also, dass Seven hart getroffen ist. Nicht nur, dass sie ihren Sohn auf so grausame Weise verlieren muss, ja ihm selbst noch den Gnadenschuss gibt - es stellt sich raus, dass ihr Vertrauen zu Bjayzl dieser überhaupt erst Zugang zu Icheb verschaffen hat. Bjayzl hat einen Faible für Borg-Implantate - oder auch einfach für alles, was auf dem Markt Geld bringt. Und Teile jung assimilierter Ex-Borg scheinen besonders lecker zu sein, oder so.

Wie der Zufall es will - schon kurz nach der plötzlichen Zusammenkunft von Seven und Picard führt der gemeinsame Weg nicht nur nach Freecloud, sondern eben auch zu besagter Bjayzl, die schillernde Chefin einer fragwürdigen Bande in einer Art Space-Las-Vegas-Berghain ist.

Eine klassische Verkettung: Die Tal Shiar wollen Maddox, Bjayzl besorgt diesen, Picard will Maddox, Seven will Rache an Bjayzl, Picard hat Seven, Bjayzl will Seven, Picard bekommt Maddox - und Seven ihre Rache.

Seven

Seven wird in dieser Folge bei ihrem Vor-Borg-Namen Annika genannt. Allerdings nicht von Picard, sondern von Bjayzl. Es wird von einer engen, persönlichen Beziehung gesprochen, aber nicht weiter ausgeführt. Es wirft dennoch Fragen auf: Benutzt Seven den Namen Annika eben nur im engsten Freundes/Partner-Kreis oder war das ein Teil ihres Weges weg von ihrem Ex-Borg-Dasein zurück zur vollen Menschlichkeit, was durch den grausamen Verlust von Icheb und den massiven Vertrauensbruch torpediert wurde?

Über Seven wird auf jeden Fall nochmal deutlich, dass sich die Föderation nicht nur von den Romulanern zurückgezogen hat. Mit dem Angriff auf den Mars sind weite Teile insbesondere der ehemals neutralen Zone ins Chaos gestürzt und mehr oder minder auf sich alleine gestellt. Seven ist Teil einer selbstermächtigten “Bürgerwehr”, den Fenris Rangern, die auf eigene Faust für etwas Ordnung und Gerechtigkeit sorgen. Oder was sie darunter verstehen. Mit einigen Ressourcen, Schiffen, Waffen und Geld auf Freecloud als Basis.

Mitunter mag man eventuell zwischendurch immer mal wieder stocken, weil man sich fragt: Planet Fenris? Fenris Ranger? Müsste da nicht irgendwas läuten? Ich mag die Art, wie manche Dinge gerade ausreichend verständlich natürlich einfließen, ohne übererklärt zu werden, auch wenn sie keine Trek-Serien-Vergangenheit haben. Es ist viel passiert in den letzten 14 Jahren.

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Auch wenn der deutsche Titel es leicht gespoilert hat, so war durch die Darstellung ab einem gewissen Punkt abzusehen, dass sich Seven nicht so einfach von ihrer Rache verabschiedet. Die Art und Weise wie sie am Ende aber noch recht persönlich und ruhig mit Picard spricht, um im nächsten Moment im vollen Action-Modus Bjayzl zur Strecke bringen, hätte ich in der konkreten Form dann doch nicht erwartet.

Generell sei gesagt, wie großartig Jerry Ryan als diese veränderte Seven ist. Zum einen eine spannende Entwicklungsgeschichte, zum anderen so fantastisch gespielt, dass ich am liebsten gleich eine eigene Serie mit ihr hätte. Genug Material gäbe es ja - “Seven of Nine, the Ex-Borg Ranger from the Delta Quadrant”. Als i-Tüpfelchen erklingt für einige Sekunden das Voyager-Theme. Sollte das ein Test für ein weiteres mögliches Spin-off sein: Bin dabei!

Picard

Ne, Moment, ich bin noch nicht fertig mit Seven anschmachten. Aber jetzt kommt Jean-Luc mit ins Spiel. Der Austausch zwischen ihr und Picard, die Vorwürfe, das Verstehen - brillant.

Im Verlauf der Episode wird bestätigt, dass sich die beiden zuvor noch nicht real begegnet sind, aber natürlich “kennt” man sich dennoch. Immerhin verbindet die beiden nicht nur die Sternenflotte, sondern vor allem auch, dass sie beide mal zwischenzeitlich Teil des Borg-Kollektivs waren. Und das verändert einen nachhaltig, selbst wenn es nur kurz war, wie bei Picard. Da ist ein tieferes Verständnis, wie sich nicht zuletzt im intimen Zwiegespräch am Ende zeigt: Ja, die vollständige Rückkehr zum Menschsein ist jeden Tag erneut ein Kampf. Für beide.

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Doch auch wenn die sonstigen Ansichten und Erfahrungen weniger verbindend sind, harmonieren nicht nur Seven und Jean-Luc, sondern auch Ryan und Stewart hervorragend. Seven ist nicht voller Ehrfurcht und Huldigung gegenüber den sagenumwobenen Admiral Picard, sondern äußert sich sichtlich abschätzig über seinen Chateau-Arbeitsraum. Ihr ist auch klar, dass Picard die Ranger aus Sicht von Sternenflotten-Idealen kritisch sieht, aber das sei nunmal die harte Wirklichkeit, in der sie nach bestem Wissen und Gewissen ihren Beitrag leistet - und alles sei besser als einfach aufzugeben und abzuhauen. Treffer, versenkt. Man merkt, dass dies auch bei Jean-Luc langsam angekommen ist.

Jenseits der ernsten Thematik haben sowohl Picard als auch Stewart Spaß mit dieser anderen Welt. Ich kann mir zu gut das Geschehen am Set vorstellen, wie manche vielleicht versuchen, den Ton etwas runter zu regulieren, aber Jonathan Frakes als Regisseur Stewart noch bestärkt. Dieser grandios komplett übertriebene falsche französische Akzent und das comichafte Auftreten des Space-Piraten-Picard. Irgendwie charakter-untypisch und gerade deshalb so toll, da gut in die Handlung eingebunden und sich nicht nur die Welt, sondern eben auch Picard auf seine alten Tage geändert hat und sichtlich in der Rolle aufgeht.

Elnor

Elnor ist hauptsächlich anwesend und niedlich. Er fügt sich langsam in die neue Situation ein. Dazu gehört auch dazuzulernen. Aufgewachsen in einem Orden, der unbedingte Offenheit lehrt, ist Lügen zum Beispiel nicht so angesagt. Entsprechend ist es für ihn auch nicht leicht, eine andere Person darzustellen, als er nunmal wirklich ist. Er ist einfach Elnor.

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Auch für Werbung scheint er nicht die Zielgruppe zu sein, oder aber es sind einfach keine Daten von ihm vorhanden, um ihn personalisierte Spam-Werbung zu schicken. Alle anderen erhalten nämlich für sie angepasste Werbe-Hologramme, sobald sie sich Freecloud nähern. Dass die La Sirena keinen Ad-Blocker hat, tstststs. Ich stell mir das gerade auf der Enterprise vor, wenn bei einem so großen Schiff jeder erstmal eine personalisierte Werbung bekommt und mitunter peinlich geoutet wird.

Rios

Rios ist diese Woche Reiseführer. Er passt mit seiner Welt(raum)-Gewandtheit auf den Trupp auf und fasst auch für den Zuschauer im Vorbeigehen nochmal schnell zusammen: Diese blonde Frau...irgendwas mit einer Zahl. Ja, genau. Seven. Seven war ein Borg. Sie kommt aus dem Delta-Quadranten. Picard und Seven kennen sich irgendwie. Achja stimmt, der war ja auch mal ein Borg, die Folge ist lange her.

Auch wenn Raffi ihn nochmal daran erinnern muss, dass er auf Freecloud nicht seinen mürrischen Weltraumnomaden geben kann, sondern extrovertierter auftreten muss, so scheint ihm die Rolle doch sehr zu liegen und zu gefallen. Er mimt einen Facer, einen Zwischenhändler/Vermittler, bei denen es sich von Vorteil zeigt, wenn sie möglichst extravagant daherkommen, um bloß nicht mit irgendeiner Seite verwechselt zu werden.

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Es sind ja oft die kleinen Dinge - so richtig gerissen hat es mich nämlich bei seiner Getränkebestellung mit dem Nachsatz “mit zwei Schirmchen” in Quarks-Bar. Scheint eine Filiale oder Franchise zu sein, denn von dem Ferengi ist weit und breit nichts zu sehen. Dabei wird er gleich noch ein weiteres mal erwähnt: Raffi hat die Daten zu Rios’ Facer nämlich mit falschen Angaben bestückt, eben auch mit glühender Referenz von Quark, dem der Facer bei einem Problem geholfen haben soll. Quark ist also auf Freecloud bekannt und hat ein gewisses Renommee.

Raffi

Raffi darf zeigen, dass sie im Gegensatz zu Picard ihre Hausaufgaben gemacht hat und etwas von der wilden Welt in der ehemals neutralen Zone versteht. Sie gibt noch allen einen guten Rat und verabschiedet sich dann. Denn wie sie anfangs klargestellt hat: Sie ist kein dauerhaftes Crew-Mitglied, sie will nur selber nach Freecloud.

Der Grund gibt dem Charakter noch einmal mehr Tiefe. Sie hat dort ihren Sohn Gabriel ausfindig gemacht und hofft auf Wiedervereinigung. Doch der Traum zerplatzt schnell und schmerzhaft. Zwar bleibt alles zivil (und lässt es daher noch realistischer wirken), doch macht Gabriel sehr deutlich, dass er auf sie als Mutter weiterhin verzichten kann. Mit seiner romulanischen Partnerin und dem anstehenden Nachwuchs hat er seine eigene kleine Familie, die es zu schützen gilt.

Raffi hat für die Romulaner-Rettungs-Mission ihre Familie verlassen und ist auch nie wieder wirklich zurückgekehrt. Ihre Drogensucht und die nach außen hin scheinbare Vernarrtheit in wilde Verschwörungstheorien haben zum Bruch mit ihrem vorherigen Leben und einen nachhaltig verletzten und enttäuschten Sohn geführt. Da gibt es kein einfaches Anknüpfen. Was schließlich auch Raffi einsehen muss und sich in ihre Kabine auf der La Sirena verkriecht. Zur Freude von Picard. Nicht über ihren Zustand, aber dass sie eben doch an Bord bleibt.

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Jurati

Was - Agnes spielt ein falsches Spiel? Wer hätte das denn bitte erwartet? Achso, stimmt - jeder, jeder hat das erwartet. Sie ist also tatsächlich nicht nur die nette witzige brillante Wissenschaftlerin.

Der Rückblick auf ihre wahre Verbindung und Beziehung mit Maddox (John Ales, nicht Brian Brophy) ist über ein Video aus besseren Zeiten gelöst. Das gibt dem dramatischen Ende gleich nochmal mehr Gewicht. Auch ist es ein wirklich netter Dreh, dass ausgerechnet Maddox zwar alle einzelnen Zutaten repliziert, aber die eigentlich gewünschten Kekse selbst backt, weil die replizierten einfach nicht richtig schmecken.

Wie erwähnt kommt es wenig überraschend, dass Commodore Oh etwas mehr mit Dr. Jurati besprochen hat, als diese gegenüber Picard zugibt und ganz eigene Absichten verfolgt. Was auch immer Oh ihr gezeigt hat, es muss mit der Kybernetikforschung zusammenhängen und so grausam sein, dass sie deswegen ihren geliebten Dr. Maddox umbringt.

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Praktisch, dass sie sich sehr gut mit Computern und AI auskennt. Sie dürfte in der Lage, sein das Logbuch und Einträge des medizinischen Holo-Programms ändern zu können. Das wäre ansonsten eine sehr kurze Mordermittlung. Wieso lässt sich das Programm in einer derartigen Notsituation eigentlich einfach so abschalten und alarmiert nicht gleich den Rest der Besatzung?

Immerhin lässt sie Maddox lange genug leben, dass er kurz vor dem Schlussakt Picard das nächste Puzzlestück geben kann. Ja, die Tal Shiar sind hinter ihm her. Sie haben sein Labor zerstört. Dahj und Soji wurden auf der Erde beziehungsweise dem Artefakt positioniert, um die Wahrheit über den Synth-Angriff aufzudecken. Maddox vermutet nämlich sowohl Teile der Romulaner als auch der Föderation dahinter. Nebenbei wird bestätigt, dass es sich bei Dahjs und Sojis “Mutter” um ein AI-Programm handelt, das beide in Notsituationen aktivieren kann.

Fazit

Eine volle Folge mit rasanten Schnitten, in der sowohl die Handlung als auch jeder Charakter vorangetrieben wird. Nach der Vorschau und der eher amüsanten letzten Episode habe ich leichtere Kost erwartet, doch trotz einzelner witziger Elemente ging es brutal zur Sache - nicht nur wegen grausamer Seziertischszenen, sondern vor allem harten Charakterschicksalen.

Aber das ist eine Erkenntnis zur Halbzeit: Die Serie setzt bisher jede Woche auf einen anderen Stil-Schwerpunkt und weiß zu überraschen, ohne aber der Vorgeschichte oder gar Picard selbst untreu zu sein. Gut so.

Nächster Halt: Romulanischer Ex-Borgwürfel-Artefakt-Rückgewinnungsstation.

Star Trek: Picard - The Impossible Box - Episode 6 - Preview

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