Kurz kommentiert: Sense8 geht weiter - Sieg & Akt der Liebe? Nein!

Überraschend kam es gestern schon: Da ist bei Twitter auf einmal ein Statement von Lana Wachowski zu lesen, das zunächst wenig erfreulich klingt und von Depressionen im Zuge der Absetzung ihrer Serie Sense8 berichtet und schließlich doch noch einen Knalleffekt in der Hinterhand hat. Netflix schenkt der eigentlich vom Hof gejagten Serie nach zwei Jahren und einem fiesen Cliffhanger nun doch noch ein Ende in Form einer Doppelfolge.
 
Einst hatte man seitens Netflix das Großprojekt Sense8 als Prestigeobjekt gestartet, mit den Wachowskis und Babylon 5-Macher J. Michael Straczynski spannende Kreative an Bord gebracht und ließ Unmengen an Geld in die aufwändige weltweite Produktion fließen. Dass die Abrufzahlen dem in letzter Konsequenz leider nicht gerecht wurden, ist die eine Sache. Dass man eine Serie nicht vernünftig und in Absprache mit den Verantwortlichen beendet, eine andere. Gerade Netflix sollte und muss hier eigentlich eine Sonderstellung in der Branche einnehmen und primär das Wohl und Wehe der Kunden und Fans im Blick haben. Wenn dort wie im Network-TV eigenproduzierte Serien ständig ohne Abschluss abgesetzt würden, könnte man sich irgendwann der Treue und des Vertrauens seiner Abonnenten vielleicht nicht mehr sicher sein.
 
Was ist hier nun also passiert? Was war anders? Fakt ist, dass der Aufschrei bei den Fans weltweit groß war. Auch wenn es vielleicht nicht allzu viele waren, sie waren in jedem Fall laut! Petitionen als übliches Instrument ließen nicht lange auf sich warten und auf den Social-Media-Kanälen war einige Zeit die Hölle los. Aus wirtschaftlichen Überlegungen war jedoch kein Einlenken zu erwarten, was Netflix auch mit einem entschuldigenden offiziellen Statement schnell untermauerte und somit den Fans vermeintlich die Hoffnung nahm.
 
Nun jedoch die Rolle rückwärts. Darf man also vom märchenhaften Sieg der leidenschaftlichen Fans über die großen Tiere in den teuren Ledersesseln mit ihren noch teureren Zigarren sprechen, die wirklich und wahrhaftig mit Liebe und Einsatz einen Unterschied gemacht haben? Wohl kaum. Bei Netflix sitzen clevere Strategen, die genau wissen, wann es wo welchen Schachzug zu unternehmen gilt. Ich würde Netflix an dieser Stelle gar ein wenig Kalkül unterstellen wollen. Die Absetzung hatte sicher gute Gründe und war kein Schnellschuss. So weit muss man keine Fox Mulder-Theorien stricken. Und ob man mit diesem Umfang an Reaktionen gerechnet hatte, sei mal dahingestellt. In dem Moment, wo die Unzufriedenheit jedoch deutlich wurde, dürfte bei Netflix eindeutig eine klare Entscheidung gewachsen sein, hier ein Zeichen setzen zu können. Ein Zeichen, das sagt: Schaut her! Hier zählt ihr was! Wir sind für euch da! Wir lassen euch nicht alleine!
 
Alles, was Netflix dafür tun muss, ist eine laufende Produktionsmaschine noch ein paar Wochen weiter zu finanzieren, zwei letztlich mickrige Episoden nachzuschieben und online zu stellen und ganz nebenbei den schwarzen Peter der Auflösung einer bisher eher gemächlich laufenden Serie gänzlich den Kreativen zuzuschieben. Netflix hat an dieser Stelle alles getan - jetzt müssen es die Anderen richten.
 
Dennoch sollte dieser Blick auf das Geschehen nicht ausschließlich zynisch klingen. Für uns Fans ist die abschließende Doppelfolge eine ganz tolle Sache. Eine außergewöhnliche Serie erhält so die Chance auf ein rundes Ende. Und ein außergewöhnlicher Streamingdienst hat zusammen mit seinen außergewöhnlich leidenschaftlichen Kunden eine außergewöhnliche Geschichte geschaffen. So viel Außergewöhnliches ist eben sehr attraktiv für die Damen und Herren in der Werbeabteilung - und sogar für die in den teuren Ledersesseln mit ihren Zigarren.

Björn Sülter ist als freier Redakteur unter anderem bei Onlinepublikationen wie Quotenmeter, Serienjunkies und auch Robots & Dragons aktiv. Der Autor und Musiker ist Fachmann in Sachen Star Trek. Seit 20 Jahren schreibt er über das langlebige Franchise.

Für Robots & Dragons wird er exklusiv die Entstehung der neuen Trek-Serie mit seiner Kolumne Sülters IDIC begleiten und sobald die Serie startet auch für ausführliche Kritiken zu den Episoden sorgen. Der Name der Kolumne steht stellvertretend für das, was uns Trekkies auszeichnet: Einen offenen Geist zu behalten und die Vielfalt als etwas Wertvolles zu schätzen. Infinite Diversity in Infinite Combinations.

Björns Homepage und somit viele seiner Artikel und Trek-Rezensionen erreicht ihr unter www.sülterssendepause.de
Sense 8

Originaltitel: Sense8 (seit 2015)
Erstaustrahlung am 05.06.2015 bei Netflix
Darsteller: Aml Ameen, Doona Bae, Jamie Clayton, Tina Desai, Tuppence Middleton, Max Riemelt, Miguel Ángel Silvestre, Brian J. Smith, Freema Agyeman, Anupam Kher, Terrence Mann, Naveen Andrews
Produzenten:  Andy Wachowski, Lana Wachowski, J. Michael Straczynski
Staffeln: 1+
Anzahl der Episoden: 13+


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