Eine Lanze brechen: Batmans Rückkehr

1992 sah die Superheldenwelt im Kino noch völlig anders aus: Die erfolgreichsten und beliebtesten Protagonisten auf der Leinwand hießen Superman und Batman. Realverfilmungen von Marvel-Inhalten wurden bestenfalls belächelt. Und die erfolgreichsten Regisseure in diesem Genre trugen die Namen Richard Donner und Tim Burton. Burtons erster Eintrag ins Fledermaus-Franchise mit dem simplen Namen Batman lief äußerst erfolgreich an den Kinokassen. Kein Wunder also, dass eine Fortsetzung des Rächers im Fledermauskostüm nicht lange auf sich warten ließ. Burton selbst ließ verlauten, dass er nur ein Sequel inszenieren würde, wenn es auch wirklich etwas Interessantes zu sagen hätte. Eine Aussage, welche Regisseure und Autoren oft tätigen, und jeder kann sich im vorliegenden Film selbst seinen Teil dazu denken.

Das Studio Warner Bros. war zumindest der Ansicht, dass eine Fortsetzung so oder so zustande käme, und bewahrte vorsichtshalber die Sets vom ersten Film auf. Sam Hamm, der das Drehbuch zum ersten Burton-Batman-Film schrieb, arbeitete auch an den ersten beiden Fassungen von Batmans Rückkehr. Burton entschied sich jedoch zunächst, sein modernes Märchen Edward mit den Scherenhänden zu drehen. Er kehrte erst zurück, als ihm das Studio mehr kreative Kontrolle zusicherte. Als Produzent war er jedoch unzufrieden mit Hamms Drehbuch-Entwürfen und gab den Job für die Überarbeitung an Daniel Waters weiter. Waters zeichnete zuvor unter anderem für das Drehbuch der schwarzen Komödie Heathers mit Winona Ryder und Christian Slater verantwortlich und sollte ursprünglich die Fortsetzung zu Burtons Gruselkomödie Beetlejuice schreiben. Der Autor trug viel zur Pinguin-Storyline und Catwoman-Charakterisierung bei. Und egal, was man vom Film selbst halten mag, interessant ist beides allemal.

Ein neuer Zirkus ist in der Stadt

Was hat Bruce Wayne (Michael Keaton) alias Batman eigentlich getrieben, nachdem er die Stadt Gotham vor dem Joker bewahrt hatte? Nicht viel, wie es scheint: Er und Fotojournalistin Vicki Vale (Kim Basinger) haben sich getrennt, und Wayne brütet seitdem in seiner riesigen Villa vor sich hin. Das soll sich allerdings ändern, als die Mörder-Zirkustruppe des grotesken Pinguin alias Oswald Cobblepot (Danny DeVito) Gotham heimsucht - ohne es explizit auszusprechen, deutet Burton hier schon an, dass ein Batman/Bruce Wayne immer einen Gegenspieler als sinnstiftendes Element in seinem Leben benötigt. Allerdings weiß niemand, wer hinter der Attacke steckt. Der Pinguin nutzt die Gunst der Stunde, um den einflussreichen Geschäftsmann Max Schreck (Christopher Walken) zu entführen, der seine eigenen finsteren Pläne für die fiktive Großstadt schmiedet.

Zusammen hecken sie den Plan aus, den von seinen Eltern verstoßenen Cobblepot medienwirksam wieder in die Gothamer Gesellschaft und Oberschicht einzuführen. Zwischen Batman, Schreck und Pinguin schnurrt und springt die laszive und gefährliche Catwoman hin und her, die selbst eine interessant-absurde Vorgeschichte zu bieten hat: Am Tag ist sie unter dem Namen Celina Kyle (Michelle Pfeiffer) bekannt und als Assistentin des bereits erwähnten, zwielichtigen Industrie-Magnaten Max Schreck tätig. Eines Abends entdeckt sie doch zu viel von den düsteren Machenschaften ihres Bosses, der sie im Gegenzug durch das Fenster des obersten Stockwerks stößt. Katzenfreundin Kyle wird jedoch durch ein Rudel streunender Katzen in eine Heldin oder Schurkin verwandelt und darf als Catwoman wieder auferstehen.

Batman mischt in Gothams Polit-Zirkus mit

Nicht nur an dieser Stelle lassen Regisseur Burton und Drehbuchautor Waters keinerlei Zweifel daran, dass für sie Bodenständigkeit keine Rolle spielt, die vor allem die späteren Nolan-Filme prägen sollte. Innerhalb seines Gothic-Ambientes von Gotham City hat das Phantastische mindestens ebenso viel Platz wie das Politische. Batman, politisch? Ja, auch das sollte mittlerweile nichts Neues mehr sein. Nolans Joker in The Dark Knight stellte eine durchaus interessante Post-9/11-Terrormetapher dar. Die Klassenkampf-Metapher in The Dark Knight Rises verwässerte der Regisseur dagegen, bis zum Schluss nur noch leere Floskeln übrig blieben. Auch der neue Joker-Film (der technisch gesehen, kein Batman-Film ist, obwohl er oft genug Batman-Bezüge herstellt) möchte zumindest scharfe Gesellschaftskritik sein und von geächteten und ausgestoßenen Individuen erzählen, die von Gesellschaft und Politik ignoriert werden.

Selbst Zack Snyder wollte so etwas wie Superhelden und ihre Auswirkungen auf die reale Welt darstellen, so ungelenk das oftmals auch erschien. Es ist schwer, Ähnliches über die Batman-Inkarnationen mit Adam West in der Hauptrolle zu sagen, wenn man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Sicher ist, dass sie einen augenzwinkernden Touch hatten und keine Spur vom Selbsternst aufwiesen, unter dem der Fledermaus-Held heute bekannt ist. Joel Schumacher inszenierte seine Filme so bunt und überdreht-irrsinnig, dass es schwer fällt, überhaupt irgendeine tiefere Ebene unter Batman-Nippeln und den schrillen Farben und Geräuschen ausfindig zu machen. Wahrscheinlich haben auch Tim Burtons beide Einträge deshalb einen ähnlichen zirkusartigen Ruf. Und das nicht ohne Grund, wenn man auf Jack Nicholsons fulminant-überzogene Joker-Darstellung ansieht.

Das alles trifft aber vor allem auf Burtons zweiten Film Batmans Rückkehr zu, der neben Pinguinen, feuerspuckenden Zirkusclowns, Booten in Form von Quietsche-Entchen noch vieles mehr bietet. Unter der Manege befindet sich aber auch ein Stück weit politische Satire, die den Wahlkampfzirkus, dessen Konzernverbundenheit und Korruption auf groteske Weise in den Vordergrund rückt. Batmans Rückkehr deutet zumindest eine Bevölkerung und Medienlandschaft an, die nur zu gerne von Helden gerettet wird, diese Helden aber genauso schnell und gerne wieder vor den nächsten Bus schubst. Eine Gesellschaft, die zu sagen scheint: ”Sicher, Batman. Du hast uns vor dem irren Mörderclown mit seinem Lachgas bewahrt, aber was hast du in jüngster Zeit für uns getan? Und überhaupt: Es gibt eine neue Attraktion in der Stadt, und zwar in der Gestalt des Pinguins, der uns zudem alles erzählt, was wir gerne hören möchten.“ Wie allen Helden ergeht es dem Pinguin selbstverständlich auch nicht anders, sobald er sein wahres Gesicht zeigt, beziehungsweise Batman seine wahre Natur in das Licht der Öffentlichkeit zerrt.

Michelle Pfeiffer als unberechenbare Wildkatze

Welche Rolle spielt allerdings Assistentin/Sekretärin Celina Kyle alias Catwoman in dem Geschehen? Sie stellt so etwas wie die unberechenbare und nicht zu kontrollierende sogenannte Wild Card dar. Das ergibt durchaus Sinn, ist sie doch das Alter Ego einer Frau, der scheinbar ein Leben lang gesagt wurde, wie sie sich zu verhalten und wie sie auszusehen hat. Alles, was sie im Gegenzug vorweisen kann: Ein Job, in dem sie nicht weiterkommt - nicht zu vergessen, der Boss, der sie aus dem Fenster wirft -, ein schäbiges Appartement, ein Liebhaber, der sie via Anrufbeantworter sitzen lässt, und eine Katze, die nur ab und an zu Besuch kommt. Es scheint nur logische Konsequenz, dass sie nach einem Werbeanruf einer Kosmetikfirma vollkommen ausflippt.

Catwoman, wenn auch fehlgeleitet und verrückt, bietet Kyle die perfekte Möglichkeit für einen Ausbruch aus ihrer eingeschränkten Welt. Und Michelle Pfeiffer geht in die Vollen, um diese zerrissene Persönlichkeit darzustellen. In Bruce Wayne sieht sie eine ähnlich schizophrene Figur. Einen Seelenverwandten, aber auch jemanden, der ihr wieder neue Grenzen setzen und ihre neu entdeckte freie Persönlichkeit wieder einschränken könnte. Burton trifft eine durchaus interessante Entscheidung, indem er den beiden ein Happy End vorenthält, was sich Nolan einige Jahre später nicht getraut hat. Wie sollte eine gesunde Beziehung zwischen diesen beiden gebrochenen Figuren auch jemals möglich sein?

Letztendlich kann man Batmans Rückkehr vielleicht mehr Subversivität zuschreiben, als sie vielleicht verdient hat. Die politische Satire ist nicht unbedingt subtil, sondern mit breiten Pinselstrichen gemalt. Aber auch das ist einer Comicverfilmung nicht unbedingt unangemessen. Denn die Fortsetzung gibt sich auch nicht unbedingt als mehr aus, als sie ist. Der Film bleibt seinen surrealen Wurzeln treu und überhöht die gothichafte Atmosphäre des Vorgängers sogar noch mehr. Er zaubert ein düsteres und märchenhaftes winterbedecktes Gotham auf die Leinwand, das der Komponist Danny Elfman mit einer ähnlich märchenhaften Musik unterlegt. Die Actionszenen können etwas ungelenk daher kommen, wie man es auch aus Comicverfilmung von Anfang der 90er kennt und zu einem gewissen Grade auch lieben muss, um den Film in vollen Zügen zu genießen. Dennoch stellt Batmans Rückkehr einen in vielerlei Hinsicht ansprechenden Eintrag im Kanon dar, den es sich immer noch aufzusuchen lohnt.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Warner Bros.

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