DC-Comic-Kritik: Wonder Woman 1: Die Lügen (Rebirth)

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Wonder Woman Lügen Rebirth Cover

Diese Meldung war einer der absoluten Höhepunkte des bereits ausführlich besprochenen Panels auf der letztjährigen WonderCon in Los Angeles: Greg Rucka kehrt zu DC zurück und kümmert sich endlich wieder um „seine“ Diana! Als man ihn nach den Gründen für diese Entscheidung fragte, antwortete er kurz und knapp:

“Wie kann man Nein zu Diana sagen?“

2003 hatte er sich zuletzt der Amazonenprinzessin angenommen und das getan, was für ihn so typisch ist: überzeugt. Der mehrfache Eisner-Award-Gewinner gehört zweifelsohne zu den besten Autoren unserer Zeit, dem es seit jeher gelingt, Fans und Kritiker gleichermaßen zu begeistern.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass er ganz offensichtlich ein großer Freund von Abwechslung ist. In seiner Vita finden sich nämlich sowohl die berühmten Helden der beiden Marktführer (Marvel und DC) als auch “nischigere“, oftmals von ihm erdachte Titel, wie zum Beispiel Lazarus und Black Magick (beide Image Comics) oder Stumptown (Oni Press).

Da sein letztes längeres DC-Engagement nicht gerade versöhnlich endete, war diese Ankündigung im doppelten Sinne eine Überraschung. Für beide Parteien war sie aber die absolut richtige Entscheidung, wie bereits die ersten Seiten dieses Paperbacks beweisen.

Inhalt

Irgendetwas stimmt mit Dianas Gedächtnis nicht: Sie ist sich seit einiger Zeit nicht mehr sicher, ob gewisse Ereignisse in der Vergangenheit tatsächlich stattgefunden haben oder nicht. Dass sie zudem plötzlich nicht mehr weiß, wie sie nach Themyscira gelangen soll, trägt da nicht unbedingt zu ihrer Beruhigung bei.

Wonder Woman bricht daher nach Afrika auf, um eine alte “Freundin“ aufzusuchen, von der sie sich Hilfe verspricht. Doch diese Reise wird gefährlicher als gedacht. Anstatt endlich Antworten zu erhalten, stellen sich ihr schließlich nur noch mehr Fragen…

Stärken &…

1. Alles fließt

Von dem ersten Panel an funktioniert diese Geschichte. Es ist wirklich beeindruckend, zu sehen, wie durchdacht ihr Aufbau ist, wie gekonnt die einzelnen Handlungsstränge von Beginn an miteinander verwoben worden sind und wie gut vor allem neue, die durch das Aufeinandertreffen der alten entstehen, vorbereitet werden.

Dazu dieses Mysterium um die titelgebenden Lügen, das einmal mehr und einmal weniger stark in Vordergrund gerückt wird, sicherlich nicht allzu schnell aufgelöst wird und eine Art Auslöser für all das ist, was der Leser auf diesen 164 Seiten erfährt.

Wonder Woman Lügen Rebirth

2. Innovativ und gleichzeitig klassisch

Die (vermeintlichen) Erinnerungen Dianas, die zunächst viel mit ihrer Herkunft zu tun haben, dürften diversen Lesern bekannt vorkommen. Wonder Womans Origin-Story wurde im Lauf der vergangenen Jahrzehnte schließlich immer wieder und oftmals leicht verändert von diversen Autoren erzählt. Folglich ist das Dargebotene in diesem Fall nicht unbedingt neu, die Art der Präsentation jedoch schon.

Man könnte beinahe von einem Muster sprechen, das sich in diesem das Rebirth-Special sowie die ersten sechs ungeraden Nummern der Wonder-Woman-US-Heftserie enthaltenden Sammelband mehrfach an anderer Stelle wiederholt.

Der Part, den in der Vergangenheit meist Steve Trevor übernommen hat, geht beispielsweise diesmal an eine Partnerin, die man so nicht unbedingt erwarten konnte. Die Tatsache, dass Person X eine solch wichtige Aufgabe zuteil wird, ist aber andererseits eigentlich gar keine so große Überraschung, wenn man weiß, dass sie und Wonder Woman auf eine lange gemeinsame Vergangenheit zurückblicken, die nicht nur von Feindschaft geprägt war.

Ähnliches gilt für die Antagonisten, für die, die der Rezipient direkt zu sehen und die, die er lediglich angedeutet bekommt: Rucka setzt auch Dianas Gegenspieler so in Szene, dass sie durchaus vertraut erscheinen, allerdings ebenfalls ihren Beitrag dazu leisten, dass das über allem schwebende Rätsel nicht gerade kleiner wird. Es geht für sie diesmal nicht nur gegen einen, sondern gegen mehrere… oder alle?

Genau damit spielt der Ausnahmeautor permanent: mit einer nur ansatzweise konkreten Bedrohung. Er lässt den Leser bis zum Schluss spüren, dass die Protagonistin bislang nur mit der Spitze des Eisbergs konfrontiert worden ist.

3. Ein Look, der seinesgleichen sucht

Eine entscheidende Rolle spielt dabei der einzigartige Look dieses Comics: Liam Sharp ist wahrlich ein Meister seines Faches! Er beschränkt sich nämlich nicht nur darauf, die Figuren respektive ihre Outfits sehr detailliert auszugestalten, nein, er verfährt mit den Hintergründen genauso.

Insbesondere in den Dschungelkapiteln wird es sehr düster, schaurig und bedrohlich. Dass diese Atmosphäre für den Leser so greifbar wird und er regelrecht in dieses Abenteuer hineingesogen wird, ist auch zu großen Teilen der herausragenden Arbeit des Zeichners zu verdanken hat.

Sharp fängt jedoch ebenfalls die ruhigen oder emotionalen Momente wunderbar ein und bringt Gesichter zu Papier, die oftmals sogar völlig ohne Worte auskommen würden; in diesem Zusammenhang muss definitiv ebenfalls Laura Martin Erwähnung finden, die mit Ausnahme des Auftakt-Specials, an dem sie gemeinsam mit Jeremy Colwell arbeitete, alleine für die Kolorierung aller anderen sechs Ausgaben verantwortlich zeichnete und so die Zeichnungen des Briten noch veredelte.

Wonder Woman Lügen Rebirth

… Schwächen

Der einzige Kritikpunkt, der einem im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge sticht, hat interessanterweise ebenfalls mit Liam Sharp zu tun. Die Seiten 1-14 stammen nämlich nicht von ihm - wie das Titelbild dieses Beitrags -, sondern von seinem amerikanischen Kollegen Matthew Clark, auf den die “Beitrag-Bilder“ zurückgehen.

Das ist  beinahe absurd, denn niemand würde bestreiten, dass Clark, der einst mit Greg Rucka zusammen den Superman-Sonderband Neubeginn realisiert hat, auch für Qualität steht. Im direkten Vergleich mit seinem britischen Kollegen fällt er jedoch zweifellos etwas ab.

Normalerweise wäre das wahrscheinlich überhaupt keine Erwähnung wert, bei einem Superheldenabenteuer aber, das in so vielerlei Hinsicht Maßstäbe setzt, muss einfach darauf hingewiesen werden. 

Fazit

Wonder Woman 1: Die Lügen ist definitiv ein Ausnahmetitel, der allerdings mit ziemlicher Sicherheit noch von seinen Folgebänden getoppt werden wird. Allein, dass man das nach der Lektüre dieses Trades aus voller Überzeugung sagen kann, ist ein Gütesiegel, mit dem sich nur sehr wenige Comics schmücken dürfen.

Grandioses Storytelling trifft auf fantastische Bilder und im Mittelpunkt all dessen steht die Frau, die 2017 endgültig medienübergreifend aus dem Schatten ihrer Trinity-Kollegen getreten ist - eine absolute Empfehlung, für begeisterte Kinobesucher, Einsteiger sowie langjährige Fans!

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Panini Comics/ DC Comics

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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