Retro-Kiste: Der schwarze Incal – Die Comicserie John Difool

John_Difool_Incal .jpg

John Difool Der schwarze Incal

Wenn man an frankobelgische Comics denkt, kommen vielen sicher zuerst Asterix, Tim und Struppi, Die Schlümpfe, Lucky Luke oder Spirou und Fantasio in den Kopf. Aber auch jenseits der bekannten Funny-Klassiker gibt es viele französische und belgische Alben mit ernsteren, düsteren und fantastischen Ansätzen, welche sich an ein erwachsenes Publikum richten.

Zu nennen wären hier zum Beispiel Thorgal von Jean van Hamme und Grzegorz Rosiński, Jeremiah von Hermann oder Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit von Serge Le Tendre und Régis Loisel – und natürlich die beeindruckende Space Opera von Alejandro Jodorowsky und Moebius rund um den Detektiv John Difool und dem magischen Incal.

Der erste Band der Incal-Serie beginnt mit einem Sturz. John Difool fällt mehrere Etagen einer unterirdisch angelegten Metropole hinab. Sein Fall wird nicht mit dem Aufprall auf den Boden enden, denn die Zukunftsstadt wurde direkt über einem Säuresee errichtet. Natürlich wird John Difool in letzter Sekunde gerettet. Auf dem Revier erklärt der Privatdetektiv der Klasse R anschließend den Roboterpolizisten, dass er keine Ahnung habe, warum ihn die grün maskierten Gestalten in den Abgrund geworfen haben.

Der Leser erfährt allerdings kurz darauf, dass es um das Erinnerungsvermögen Difools besser gestellt ist, als gedacht, und er sich bei seiner Aussage nicht an die Wahrheit gehalten hat. In einem Rückblick sieht man, wie der Privatdetektiv den Auftrag einer reichen Klientin übernimmt, diesen aber anschließend gründlich vermasselt. Auf der Flucht vor einem Humanoiden mit Hundekopf trifft er auf einen roten Mutanten, der im Sterben liegt. Dieser vertraut Difool den geheimnisvollen Incal an.

"Ich bin Privatdetektiv der Klasse R und Gerechtigkeit ist nicht mein Problem."

Ab diesem Zeitpunkt machen mehrere Gruppen Jagd auf den Privatdetektiven und seine treue Betonmöve Dipo, die wegen dem Incal plötzlich munter vor sich hinplappert. Die Terroristen von Amok, die Wachen des Präsidenten, die roten Müllmutanten, die außerirdischen Berks und der berühmt berüchtigte Metabaron wollen ihm dem Incal abnehmen.

Wider allen Erwartungen können Difool und Dipo all ihren Verfolgern entkommen, nur um in Technotown in die Fänge des düsteren Technopapstes zu geraten. Dieser will mit Hilfe des Incals die Finsternis über das gesamte Universum heraufbeschwören. In der unterirdischen Stadt kommt es zum Aufstand und schließlich muss John Difool mit ehemaligen Feinden und neuen Verbündeten ins Erdinnere fliehen, wo sich die Macht des Incals erst richtig entfaltet.

Die ersten zwei Bände "Der schwarze Incal" und "Der Incal des Lichts" spielen auf dem Planeten Terra 21. Erst im dritten Band "In tiefsten Tiefen" entfaltet die Serie ihre wahre kosmische Größe. In der sechsteiligen Comicserie von Autor Alejandro Jodorowsky und Zeichner Moebius geht es nicht nur um einen Aufstand gegen einen tyrannischen Präsidenten in einer futuristischen Untergrundstadt, sondern um den kosmischen Kampf des Lichts gegen die ewige Finsternis.

Jodorowsky tischt dabei viele fantastische Ideen auf, welche sein Zeichner Moebius gekonnt in Szene setzt. Neben den erwähnten Roboterpolizisten, Hundemenschen, Müllmutanten und Aliens trifft man auf Psycho-Ratten, insektoide Techno-Monster, mutierte Weltraummedusen und die weise zweigeschlechtliche Imperiatricia, welche das menschlich besiedelte Universums beherrscht. Der Leser reist dabei von unterirdischen Kristallwäldern, zu Wasserplaneten, monströsen Kampfstationen und der fremdartigen Heimatwelt der Berks.

Der chilenischer Autor und Regisseur Alejandro Jodorowsky wurde neben seiner Arbeit an der Comicserie John Difool durch seinen Versuch, den Roman Der Wüstenplanet von Frank Herbert zu verfilmen, bekannt. Bei diesem Projekt lernte er auch den Comiczeichner Moebius kennen.

Moebius ist das Pseudonym des französischen Künstlers Jean Giraud, der unter seinem richtigen Namen unter anderen die Westernreihe Leutnant Blueberry zeichnete. Sein Pseudonym verwendete er bei all seinen Science-Fiction-Projekten. So erschienen unter dem Namen Moebius die Comics Arzach, Die hermetische Garage, Der Mann von der Ciguri, die Sternenwanderer-Reihe sowie die sechsbändige Saga um den Privatdetektiv John Difool. 1988 veröffentlichte der US-Verlag Marvel zudem ein von Moebius gezeichnetes Abenteuer des Silver Surfers.

Moebius beziehungsweise Jean Giraud arbeitete auch öfters an Filmprojekte wie Alien, Tron, Masters of the Universe, Willow oder Das fünfte Element mit. Seine erste Arbeit für die Filmindustrie war aber der nie verwirklichte Dune-Film von Jodorowsky.

Einige ihrer Ideen des gescheiterten Filmprojektes ließen sie in ihre gemeinsame Comicserie John Difool einfließen, welche zwischen 1981 und 1988 in Frankreich erschien. Dies merkt man den Comics auch an. Bei John Difool handelt sich nicht um Hard-Science-Fiction, sondern um eine barocke Space Opera mit esoterischen Fantasyelementen. Im Mittelpunkt steht der Kampf Gut gegen Böse – was nicht heißt, dass es in der Geschichte immer ernst zugehen muss. Man schaue sich nur John Difools Rückkehr zum Planeten der Berk im sechsten Band an.

"Und benehmt euch endlich wie echte Berk-Helden!"

Jodorowsky hat eine Vielzahl an lebendigen Figuren geschaffen. Neben den Titelhelden sticht hier vor allen der Metabaron heraus. Der einsame Krieger mit dem strengen Ehrenkodex erinnert stark an die Figur Duncan Idaho aus Herberts Roman Der Wüstenplanet. Aber auch kleinere Nebenrollen erhalten in den Comics ihren großen Auftritt. Während im fünften Band im Hintergrund der Kampf der Helden um die Kampfstation des Technopapstes tobt, spielt sich im Vordergrund die dramatische Rache des Kanzlers Graufeld am neuen Ratsführer Horlog ab.

Dies alles wird von Moebius gekonnt in Szene gesetzt. Er schafft es, fremdartige Unterwasserwelten genauso glaubhaft aufs Papier zu bringen wie futuristische Weltraumstationen. Der zeichnerische Höhepunkt der Comicserie befindet sich aber gleich zu Beginn: John Difools Sturz in die Selbstmord Allee der unterirdischen Stadt hinab. Auf einem ganzseitigen Bild sieht man die unterirdischen Häuserschluchten in ihrer opulenten Vielfalt.

Die Architektur stellt eine bunte Mischung aus antiken, barocken und modernen Elementen dar. Die Stadt wirkt, als hätte man das alte Forum Romanum, die Dresdner Altstadt und die Betonhochhäuser der Pariser Banlieues in einem Mixer geworfen und das Ergebnis dann unter der Erde verbuddelt.

Der gelungenen zeichnerisch Beginn der Serie, bedeutet aber nicht, dass die weiteren Bände sich nicht sehen lassen könnten. Moebius hat mit der John-Difool-Reihe Maßstäbe in der frankobelgischen Comicwelt gesetzt und seine Arbeit an Marvels Silver Surfer zeigt, dass sein Schaffen auch in den USA wahrgenommen wurde. Auch heute dient das Werk des 2012 verstorbenen Künstlers als Inspirationsquelle für eine neue Generation französischer Zeichner – man werfe zum Beispiel einem Blick in das Album Negalyod von Vincent Perriot.

"John Difool! Du musst den Incal fragen, wie es weiter gehen soll!"

Jodorowsky schrieb noch eine sechsbändige Vorgeschichte zum ursprünglichen Incal-Zyklus mit dem Titel Vor dem Incal, die aber nicht mehr von Moebius gezeichnet wurde, sondern von Zoran Janjetov. Auch die Comics Die Meta-Barone spielen im Incal-Universum. Erzählt werden diesmal die verschiedenen Leben der Vorfahren des namenlosen Meta-Barons. Auch hierbei arbeitete der chilenische Autor mit einem anderen Zeichner, in diesem Falle Juan Giménez, zusammen.

Erst knapp zwanzig Jahre nach dem Erscheinen der ursprüngliche John-Difool-Serie kam es zu einer erneuten Zusammenarbeit von Jodorowsky und Moebius. Die Geschichte in Nach dem Incal ist wieder in der unterirdischen Stadt auf Terra 21 angesiedelt. Die Reihe kam aber über einen ersten Band nicht heraus. Dennoch unternahm der Autor alleine weitere Versuche, die Abenteuer aus dem Incal-Universum fortzuführen.

Die folgenden John-Difool-Projekte von Jodorowsky hatten es schwer inhaltlich und zeichnerisch an die Originalserie aus den 80er-Jahren heranzukommen. Es braucht eigentlich auch keine Vorgeschichten, Fortsetzungen oder andere Erzählungen aus dem Incal-Universum. Die ersten sechs Bände "Der schwarze Incal", "Der Incal des Lichts", "In tiefsten Tiefen", "In höchsten Höhen", "In weiter Ferne" und "In nächster Nähe" bilden eine dynamische Einheit, welche Jodorowsky und Moebius mit einem gelungenen und runden Ende versehen haben.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Splitter Verlag/Les Humanoïdes Associés/Moebius/Alejandro Jodorowsky

Regeln für Kommentare:

1. Seid nett zueinander.
2. Bleibt beim Thema.
3. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung.

SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

Beiträge von Spammern und Stänkerern werden gelöscht.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren.
Ein Konto zu erstellen ist einfach und unkompliziert. Hier geht's zur Anmeldung.