Kritik zu Flavors of Youth: Das Studio hinter Your Name kehrt zu seinen Wurzeln zurück

Im vergangenen Jahr schlug der Film Your Name. – Gestern, heute und für immer große Wellen - für einen Anime. Mit der Geschichte um einen Jungen und ein Mädchen, die ihre Körper tauschen und lernen müssen, damit zu leben, konnten Regisseur Makoto Shinkai und das Studio CoMix Wave Films einen internationalen Erfolg verbuchen. Das schaffen japanische Filmemacher nur sehr selten, der Streifen konnte dabei sogar die meisten Kritiker überzeugen. Netflix hat sich, gewohnt investitionsfreudig, das nächste Projekt des Studios gesichert. Wer jetzt einen sicheren Hit erwartet, wird vielleicht überrascht, denn dem vorangegangenen Film gleicht Flavors of Youth (im Original: Si Shi Qing Chun) am ehesten im Stil.

Es handelt sich um einen Episodenfilm bestehend aus drei Kurzfilmen von mehreren Regisseuren, die ähnliche Themen behandeln. Das Thema ist in diesem Fall das alltägliche Leben in China. Shinkai selbst hält sich bei dem Projekt im Hintergrund, die Leitung übernehmen Li Haoling, Yoshitaka Takeuchi und Jiaoshou Yi Xiaoxing vom chinesischen Studio Haoliners. Doch für CoMix Wave Films ist eine solche Kooperation nichts Neues, keinesfalls muss man etwa Qualität in der Animation einbüßen. Mit dem Anime-Klassiker 5 Centimeters per Second ist schon 2007 ein bemerkenswert ähnlicher Episodenfilm entstanden. Genau diese Ähnlichkeit mag am Ende sogar etwas enttäuschen, denn so viel Neues wagt Flavors of Youth nicht.

Drei Episoden und vier Grundbedürfnisse

Der Film zeigt das Leben in China anhand eines Sprichwortes, das die Grundbedürfnisse eines Menschen nennt: Essen, Kleidung, Unterkunft und Transportwesen. Die erste Episode Die Reisnudeln widmet sich wenig überraschend in erster Linie dem Essen. Ein junger Mann aus Peking lässt seine frühesten Erinnerungen Revue passieren. In seiner Jugend in einer ländlichen Gegend lebte er ein normales Leben. Von fröhlichen Momenten mit seiner Großmutter bis zu einer ersten Liebe sind aber alle Erinnerungen eng mit dem Verzehr von Reisnudeln verbunden. Er versucht den Geschmack nachzukochen, scheitert aber an einem offensichtlichen Hindernis. Viel mehr bietet die erste Geschichte aber nicht, auch ein Voice-Over steht zu prominent im Vordergrund, wenn man die schönen Bilder für sich hätte sprechen lassen können. Denn an der Stelle kann sich das Regie-Debut von Yi Xiaoxing sehen lassen: Die besagten Reisnudeln in strahlender Suppe sehen wirklich lecker aus.

Flavors of Youth Nudeln

Für alle, die danach noch Hunger haben, geht es weiter mit dem zweiten Gang, zubereitet von CoMix-Wave-CG-Chef Yoshitaka Takeuchi. In Episode Zwei Eine kleine Modenschau geht es wieder offensichtlich um Kleidung und, viel wichtiger, um das Leitmotiv Adoleszenz. In der Hafenstadt Guangzhou tauscht sich ein populäres Model mit ihrer Schwester aus, weil sie Probleme im Job immer mehr verzweifeln lassen. Die Geschichte fühlt sich leider schnell wie eine Aufzählung von Klischees an, die man vielleicht schon aus der Modewelt kennt. Eine junge, leidenschaftliche Rivalin stiehlt dem älteren Model das Rampenlicht, ja auch hier hat der Laufsteg viele Schattenseiten. Ein weiterer Schwachpunkt als Stück im Episodenfilm ist der sehr austauschbare Handlungsort, eine echte Verbindung zu China wird nicht aufgebaut. Immerhin haben die Nebencharaktere Profil und bieten einen guten Ausgleich.

Mit Episode Nummer Drei kommt der Film endlich zur Romanze, dem wirklich essentiellen Element in einem Film von CoMix Wave. Regisseur Li Haoling repliziert hier am ehesten den Charme von Your Name - natürlich auf einer kleineren Skala, man ist schließlich bald bei der Ein-Stunden-Marke und länger als ein Fußballspiel soll der Film ja nicht gehen. In Liebe in Shanghai kehrt, in einer Hommage an Episode Eins, ein junger Mann nach vielen Jahren nach Shanghai zurück. Auch er lässt die Erinnerungen schweifen und sein Schwarm aus der Schulzeit kommt ihm in den Kopf. Die Beiden haben sich gegenseitig selbst aufgenommene Kassetten geschickt - natürlich findet der Protagonist in der Gegenwart bei seinem Umzug eine solche Aufnahme. Beim Anhören merkt er, dass die Beziehung wohl doch noch eine weitere Dimension hatte. Seine darauffolgenden Entscheidungen haben bittere Konsequenzen. Das Finale ist emotional und bietet einen gut inszenierten Höhepunkt, der die drei Episoden ein weiteres und letztes Mal verbindet.

Ein roter Faden im Vergleich mit dem Original

Insgesamt baut so die dritte Episode passend auf die ersten beiden auf, hält sich aber stark genug zurück, sodass jede Kurzgeschichte für sich allein stehen kann. Das klingt natürlich nach einem netten Ansatz, bewirkt aber auch, dass die kürzeren und schwächeren Episoden nochmal schlechter dastehen. Noch offensichtlichere Verbindungen hätten Flavors of Youth vielleicht gut getan, denn so stehen die Episoden in einem direkten Wettbewerb im Punkt der erzählerischen Qualität. Das schadet dem Gesamtwerk und ist gerade im Hinblick auf den gelungenen Episodenfilm des Studios, 5 Centimeters per Second, schade. Die Inspiration ist mehr als deutlich: Chef-Regisseur Li Haoling soll das Projekt sogar offiziell als 5 Centimeters per Second in China geplant haben. Mehr Alleinstellungsmerkmale als der Schauplatz China hätte es schon gebraucht, um das Ergebnis vom Original abzuheben.

Flavors of Youth Paar

Das gleiche gilt auch für die Qualität von Drehbuch und Animation. Wer fürchtet, das chinesische Studio verpfuscht die Bildgewalt, irrt sich aber. Der Stil von Makoto Shinkai wird geradezu irritierend gut beibehalten. Von Episode zu Episode mögen kleine Schwankungen durchaus sichtbar sein, doch dem Zuschauer werden pausenlos optische Leckerbissen angeboten. Ob hier mehr gemeinsame Motive und Regie bei der Bildkomposition vonnöten gewesen wäre, ist schwer zu sagen. Besondere Höhepunkte in der Animationsgeschichte bietet der Film nicht, aber ob dies überhaupt erwartet werden sollte, ist mehr als zweifelhaft.

Fazit

Nach einem großen Hit, den es so vorher noch nicht gab, gilt es häufig, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Das Studio als One-Hit-Wonder abzustempeln, wäre eine Gemeinheit im Hinblick auf die vorherigen Filme, doch Flavors of Youth ist deutlich anders, als der Blockbuster Your Name. Wer Ähnliches erwartet wird also zwangsläufig enttäuscht werden, aber auch langjährige Fans des Studios erwartet mit dem Episodenfilm nichts Neues. Mit dem Vorwissen ist der Film wesentlich besser zu genießen, denn nur weil Flavors of Youth nicht an die sehr guten Vorgänger herankommt, sind die sehr persönlichen Geschichten um die Jugend ja nicht ungenießbar. Ähnlich wie die bildschön gezeichneten Reisnudeln des Protagonisten aus Episode Eins.

Flavors of Youth gibt es im Stream auf Netflix zu sehen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Netflix

Flavors of Youth | Official Trailer [HD] | Netflix

Das wandelnde Schloss Filmposter
Originaltitel:
ハウルの動く城 Hauru no Ugoku Shiro
Kinostart:
25.08.05
Laufzeit:
119 min
Regie:
Hayao Miyazaki
Drehbuch:
Hayao Miyazaki, Diana Wynne Jones
Die neunzehnjährige Sophie ist Hutmacherin. Ein wenig unscheinbar, aber sehr fleißig sorgt sie in ihrem beschaulichen Heimatstädtchen dafür, dass der ehemalige Laden ihres Vaters gut läuft. Als sie eines Tages nach der Arbeit ihre Schwester besuchen will, wird sie in einer Gasse von zwei Soldaten angehalten und belästigt.

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