Erster Eindruck: Comic-Kritik zu Nimona

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Nimona

Noelle Stevenson (Jahrgang 1991) ist wahrlich ein Ausnahmetalent. Während sich ihr vorheriges und mit drei Kolleginnen realisiertes Projekt Lumberjanes bereits großer Beliebtheit erfreut hat, ist ihr mit Nimona endgültig der internationale Durchbruch gelungen.

Der titelgebende Charakter, der die junge Frau im Grunde seit Beginn ihrer Zeit am Maryland College of Art begleitet hat, war zunächst Protagonist eines Web-Comics. Dieser wurde dann 2012 auch direkt mit einer Eisner-Award-Nominierung bedacht, ehe die Amerikanerin schließlich 2016 in der Kategorie “Best Graphic Novel: Reprint“ mit der gedruckten Version triumphieren konnte.

Zudem scheiterte Stevenson 2015 nur knapp im Finale des ebenfalls enorm renommierten National Book Award, gewann dafür jedoch hierzulande 2017 den Rudolph-Dirks-Award in der Kategorie “Funny/Comedy”. All diese Auszeichnungen sind logischerweise kein Zufall, aber was macht Nimona nun so besonders?

Inhalt

Der keinesfalls auf den Mund gefallene Rotschopf Nimona stellt sich bei dem bekannten Superschurken Ballister Blackheart vor und bittet ihn darum, ab sofort sein Sidekick sein zu dürfen. Dieser lehnt das Angebot zunächst ab, entscheidet sich allerdings noch einmal um, nachdem er sich selbst davon hat überzeugen können, dass es sich bei der Bewerberin um einen Gestaltwandler handelt.

Was im ersten Moment sehr praktisch erscheint, erweist sich jedoch recht schnell als nicht gerade kleine Herausforderung für den Bösewicht. Seine neue rechte Hand ist nicht sonderlich geduldig und dafür umso impulsiver. Daher trifft das Duo auch wiederholt auf Sir Ambrosius Goldenloin vom Institut für Recht und Ordnung und Heldentum.

Er und Blackheart kennen sich seit der Heldenausbildung, die nur Ersterer erfolgreich abgeschlossen hat. Der gesuchte Verbrecher war für die Behörde nicht weiter von Interesse, nachdem er im finalen Duell der beiden Nachwuchsritter laut eigener Aussage einer hinterhältigen Attacke Goldednloins zum Opfer gefallen war. Obwohl der Geschädigte das nie vergessen konnte, spürt man in den Aufeinandertreffen der beiden stets, dass jeder dem anderen noch sehr wichtig ist und man dem Gegenüber eigentlich nicht schaden möchte.

Mit zunehmender Handlungsdauer gestaltet sich dies immer schwieriger, weil es eben gleichsam immer schwieriger wird, zu sagen, wer nun eigentlich auf welcher Seite steht.

(Anti-)Helden, die man mögen muss

Nimonas erster Auftritt setzt vermeintlich den Ton für die damit beginnende Geschichte: Frech, aufmüpfig, unangepasst, aber gerade deshalb irgendwie auch wahnsinnig liebenswert und sympathisch. Ihr Boss, wie sie den berühmt-berüchtigten Verbrecher nennt, wirkt dagegen sehr vernünftig, hat Prinzipien und betont mehr als einmal, wie wichtig es in seinen Augen ist, bestimmte unausgesprochene Regeln einzuhalten. Daraus resultieren vom ersten Panel an sehr unterhaltsame Dialoge, die sich vor allem nicht wie bereits hundertmal gelesen anfühlen.

Nach und nach spürt der Leser allerdings, dass er hier keine Superhelden/-schurken-Parodie in Händen hält, sondern eine an sich sehr tragische Geschichte. Die (Anti-)Heldin wurde als kleines Kind bereits zu einem Gestaltwandler, was in kürzester Zeit dazu geführt hat, dass sie sozial isoliert war und diverse schmerzliche Experimente skrupelloser Wissenschaftler über sich ergehen lassen musste. Sobald man das weiß, kann man gar nicht anders, als die Figur von nun an völlig anders wahrzunehmen respektive ihr Verhalten zu beurteilen. Logischerweise fällt es Nimona seit diesen Erlebnissen sehr schwer, jemandem zu vertrauen. Gleichzeitig sucht sie jedoch spürbar nach einer Bezugsperson.

Nimona

Diese könnte Ballister Blackheart sein. Im Prinzip entspricht dieser nämlich von Anfang an nicht der Vorstellung, die man gemeinhin von einem intriganten Fiesling hat. Er drückt nicht nur mehrfach seine Sorge um seinen Schützling aus, er sorgt sich auch stets um das Volk und achtet bei jeder geplanten Aktion penibel darauf, dass so wenig Menschen wie möglich dabei Gefahr laufen, verletzt zu werden. Das Bild, das man von ihm hat, wird so richtig rund, als man außerdem erfährt, dass er ursprünglich ebenfalls ein Held werden sollte. Eigentlich hat er sich für die Kriminellen-Karriere nur aus dem Gefühl heraus entschieden, keine Alternative zu haben, nachdem ihm das Institut brutal fallen gelassen hat.

An seiner statt wurde damals seinem Mitschüler Sir Ambrosius Goldenloin die Ehre zuteil, von besagtem Tag an für Recht und Ordnung im Land zu sorgen. Dies hatte zur Folge, dass sich die beiden Ex-Kollegen im Laufe der Zeit viele Male notgedrungen begegnet sind. In gewisser Weise handelt es sich bei Blackheart und Ambrosius um zwei Seiten einer Medaille. Die genaue Seitenzuweisung aber ist, wie sich schon bald zeigt, bei Weitem nicht so eindeutig wie zunächst angenommen. Beide haben einen inneren moralischen Kompass, der Ballisters allerdings scheint etwas feiner justiert zu sein.

Der Umgang der alten Weggefährten mit der “Causa Nimona“ sagt sehr viel über das Duo aus. Während der “Böse“ ihr eine Art väterlicher Freund ist, sieht der “Gute“ bis zum Schluss gefühlt nur das Schlechte in ihr und ist sogar bereit, Nimona zu opfern, um so seinen etwas anderen Erzfeind aus der Schusslinie zu nehmen. Beiden liegt definitiv das Wohl der Bevölkerung am Herzen, jedoch lediglich einem so richtig das des kleinen Mädchens mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten. Der interessanteste Fakt in diesem Kontext: Jeder der drei hat das Potenzial zum Sympathieträger, und das hat nicht nur mit den Charakteren selbst, sondern vor allem auch mit dem Comic an sich zu tun.

Nimona - Zukunft ist manchmal Vergangenheit und mehr

Im Grunde genommen ist von der ersten Seite an klar, dass Nimona weder zeitlich noch räumlich eindeutig verortet werden kann. Dies beeinflusst maßgeblich die Wirkung der Geschichte auf den Leser. Sie könnte theoretisch immer und überall spielen. Interessanterweise irritiert es einen auch nicht, dass in diesem Werk ein Mittelalter-Setting auf Magie und moderne Technik trifft. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass all das eigentlich nebensächlich ist.

Der ebenfalls auf die Autorin zurückgehender Zeichenstil mutet zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig an und wird zweifellos nicht jedem zusagen. Er eignet sich aber sehr gut dafür, um deutlich zu machen, dass es hier nie um schmückendes Beiwerk, sondern immer um die Vermittlung des dargebotenen Inhalts geht.

Im Zentrum des Ganzen stehen die Akteure, ihr Handeln und ihre Motivationen. Selbst das Institut als solches erhält seine Bedeutung erst durch die Leiterin, die entgegen der Ideale handelt, für die eine Ausbildungsstätte für Helden stehen sollte.

Nimona

Dass Nimona ausgerechnet ein Gestaltwandler ist, kommt auch nicht von ungefähr. Sie ist in der Lage, jede beliebige Form anzunehmen, sich stets anzupassen und dazu, so ihre, wie sich später herausstellt, oft gespielte Stärke eindrucksvoll nach außen zu tragen. In Wahrheit ist sie allerdings ein zutiefst verunsichertes Mädchen, das schon lange nicht mehr weiß, was es bedeutet, sich irgendwo heimisch zu fühlen. Dass sie aufgrund schlimmer Erfahrungen in der Vergangenheit nur sehr schwer Vertrauen zu Menschen aufbauen kann, ist daher nicht weiter überraschend.

Die Protagonistin passt deswegen perfekt in diese sich quasi im luftleeren Raum befindliche Welt. Und Ballister Blackheart wiederum fungiert sozusagen gleichermaßen für sie wie für den Rezipienten als Anker, Halt oder Orientierungspunkt. Das aber nur bis zu einem gewissen Grad. Schließlich hängt auch ihm ein Ereignis aus seiner Vergangenheit nach, an das er zudem immer wieder durch Sir Ambrosius Goldenloin erinnert wird. Also durch denjenigen, der sich wiederum der damals auf sich geladenen Schuld absolut bewusst ist. Deshalb lebt eigentlich kein Vertreter dieses Trios so wirklich in der Gegenwart und jeder von ihnen hat ein nicht gerade leichtes Päckchen zu tragen.

Fazit

Und ebendieser Umstand macht aus Noelle Stevensons Comic ein derart ungewöhnliches und beachtenswertes Werk. Eines, das jedem empfohlen werden kann, der nach Unterhaltung fernab von Bombast und “Höher, Schneller, Weiter“ sucht.

Selbst die leicht beschwingten Momente dieses Titels können sich nicht von der Schwermut und der Ernsthaftigkeit lösen, die elementarer Bestandteil der Story sind. Dies gipfelt in einem sehr ungewöhnlichen Ende, das für den Leser zwar einen Hoffnungsschimmer bereithält, ihn allerdings mit einem Status quo zurücklässt, der noch zahlreiche offene Baustellen beinhaltet.

Und so steht schlussendlich über allem die Frage, ob eine mögliche Fortsetzung nicht vielleicht sogar kontraproduktiv wäre. Denn an diesem Punkt hat der beschriebene Schwebezustand seinen Zenit erreicht, und jede Antwort auf bislang Unbeantwortetes würde die Wirkung des Erzählten auf den Rezipienten im Nachhinein nur unnötigerweise schmälern.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© HarperCollins/ Splitter Verlag

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