Kammerspiel über den Wolken - Kritik zu 7500

7500 Joseph Gordon-Levitt.jpg

Szenenbild aus 7500

Der junge Co-Pilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt) bereitet sich routiniert mit dem erfahrenen Piloten Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) auf einen Flug von Berlin nach Paris vor. Alles verläuft reibungslos, doch als der Airbus in der Luft ist, versucht eine Gruppe junger Männer, in das Cockpit einzudringen. Es entwickelt sich ein Kampf um die Tür zum Cockpit - und Tobias muss mehr als einmal über das Leben einzelner Menschen richten …

Auf den ersten Blick liest sich die Handlung von 7500 (Transponder-Code für Flugzeugentführungen) wie die übliche Geschichte zum Thema, die das erfahrene Publikum auswendig herunterbeten kann. Stattdessen bedient sich das Langfilmdebüt von Regisseur Patrick Vollrath eines Kniffs, der den Fokus des Films schnell auf den psychologischen Aspekt der Situation lenkt: Die Handlung spielt ausschließlich im Cockpit des Flugzeugs.

Jenseits der Cockpit-Tür

Damit hebt sich 7500 von den anderen Filmen des Genres ab. Geht es bei der üblichen Kost darum, actionreiche und dramatische Handgemenge zwischen Entführern und Crew sowie Fluggästen zu inszenieren, beschränkt sich die Sicht dieser Geschichte auf den engen Raum und die Ereignisse vor der Tür - der Zuschauer nimmt hier die Sichtweise des Co-Piloten Tobias ein, der die Geschehnisse über den Monitor verfolgt. Bekanntlich sind Cockpit-Türen seit den Anschlägen des 11. September 2001 besser gesichert und können nicht ohne Weiteres von außen geöffnet werden. Möchte ein Flugbegleiter das Cockpit betreten, muss er sich erst über das Bordtelefon anmelden, damit ein Pilot die Tür öffnet - die Tür ist über Cockpit Door Lock System (CDLS) elektronisch verriegelt und muss erst freigegeben werden. Die üblichen Modi “Routine” und “Emergency” können jedoch gezielt ausgeschaltet werden, sodass für einen bestimmten Zeitraum kein Zugang zum Cockpit möglich ist. Die fatalen Folgen davon lernte die Welt im Zusammenhang mit dem Germanwings-Absturz kennen.

Warum dieser kleine Exkurs zum Thema Cockpit-Tür? Zur Verdeutlichung, warum Vollrath sich entschieden hat, sich bei der Handlung auf den Kampf um eben jene Tür zu konzentrieren. Denn Tobias ist allein derjenige, der darüber entscheidet, ob er den Entführern den Zugang gewährt oder nicht. Und dies wirft schnell die moralischen Fragen auf, die sich Tobias unter dem Stress mitunter binnen Sekunden beantworten muss: Darf er einen Menschen opfern, um die Gewalt über das Cockpit zu bewahren? Welcher Mensch ist mehr wert als ein anderer? Wie fällt die Entscheidung aus, wenn es sich nicht um einen Fluggast, sondern um ein Mitglied der Crew handelt? Vollrath inszeniert diese Konflikte geschickt, tappt dabei leider jedoch auch in die eine oder andere Falle. So wird zu Beginn des Films deutlich, dass Tobias in einer Beziehung mit der deutsch-türkischen Flugbegleiterin Gökçe (Aylin Tezel) lebt - und natürlich wird auch Gökçe von den Entführern vor die Cockpit-Tür gezerrt und als Druckmittel genutzt. Glücklicherweise kriegt der Film hier noch die Kurve und wirft die Charakterisierung der Hauptfigur nicht komplett über den Haufen.

Joseph Gordon-Levitt 7500.jpg

Joseph Gordon-Levitt als Tobias Ellis in 7500

Getragen wird 7500 von Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt, der die Figur des Tobias glaubhaft darstellt. Zwar dürfte dieser Film ihn schauspielerisch weniger gefordert haben als viele seiner bisherigen Rollen, dennoch ist er mit vollem Einsatz dabei und nimmt das Publikum in dem sich aufbauenden Thriller schnell gefangen. Besonders der emotionale Stress, dem seine Figur ausgesetzt ist, wird sehr glaubwürdig, also ohne Over-Acting, dargestellt. Einziger Abstrich hierbei: Tobias lebt in Deutschland, kann sich aber lediglich auf Englisch verständigen. Eine leider faule Entscheidung des Drehbuchs und nicht ganz nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass er laut Handlung nicht erst seit gestern in Berlin lebt.

Für eine große Portion Realismus sorgt auch die Entscheidung, die Rolle des Flugkapitäns mit Carlo Kitzlinger zu besetzen. Denn Kitzlinger betreibt das Schauspiel eher als Nebenberuf, hauptberuflich ist er Pilot bei der Lufthansa. Und so wirkt gerade der Beginn des Films leichtfüßig mit offensichtlich realistischen Einblicken in den Berufsalltag von Piloten. Ein nettes Schmankerl für das Publikum, bevor die dramatischen Ereignisse ihren Lauf nehmen.

Eine harte Kritik muss sich 7500 jedoch gefallen lassen: Die Entführer sind “natürlich” islamistische Extremisten, die sich am Westen rächen wollen. Diese Entscheidung nervt bereits mit dem ersten Auftauchen der Gruppe, bei der es bereits aufgrund des Aussehens offensichtlich ist, dass es sich nur um die Entführer handeln kann, und zieht sich mit den “Allah ist groß!”-Rufen durch den Film. Vor dem Hintergrund der aktuellen angespannten weltpolitischen Situation hinterlässt dies einen faden Beigeschmack, der nicht hätte sein müssen. Hier hat es sich Vollrath zu bequem gemacht.

Fazit

Zu behaupten, dass 7500 das Genre neu erfindet, wäre übertrieben. Dennoch schlägt der Film neue Wege ein und inszeniert ein packendes Kammerspiel, das sich von der Masse derartiger Geschichten positiv abhebt - und nicht immer Hollywood-konforme Entscheidungen trifft. Wer eine Alternative zu zuckersüßen Weihnachtsgeschichten sucht, ist bei 7500 genau richtig.

Regeln für Kommentare:

1. Seid nett zueinander.
2. Bleibt beim Thema.
3. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung.

SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

Beiträge von Spammern und Stänkerern werden gelöscht.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren.
Ein Konto zu erstellen ist einfach und unkompliziert. Hier geht's zur Anmeldung.