Pfeif auf die Daten! - Kritik zu Snowden

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Snowden Still

Am 06. Juni 2013 wurde die Fiktion von George Orwells 1984 greifbare Realtität. The Guardian veröffentlichte ein Interview mit einem noch unbekannten Whistleblower, in dem bestätigt wurde, dass die USA und das Vereinigte Königreich die Telekommunikation und das Internet überwachten - weltweit und unabhängig von Verdachten, die dies rechtfertigen könnten. Am 09. Juni 2013 wurde die Identität des Whistleblowers bekannt: Edward Snowden.

Oliver Stone hat seine Geschichte verfilmt. Sie basiert auf den Biographien The Snowden Files von Luke Harding und Time of the Octopus von Anatoly Kuchenera.

Stone beginnt mit der Geschichte dort, wo sie eigentlich schon aufhörte - in einem Hotelzimmer in Hongkong, wo Snowden (Joseph Gordon-Levitt) der Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) sowie den Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto) und Ewen MacAskill (Tom Wilkonson) erzählt, wer er ist, was er entdeckt hat und warum er damit an die Öffentlichkeit gehen möchte.

Vom Republikaner zum Whistleblower

Anscheinend wollte Snowden eins: Seinem Staat dienen. Nach einem Unfall muss er aus der US Army ausscheiden und landet schließlich beim CIA. Wie ein kleiner Mozart meistert er dort seine Aufgaben und steigt schnell zum Primus auf. In Genf schließlich macht er schließlich das erste Mal Bekanntschaft mit einer Datenbank, die ihm Zweifel an seiner Arbeit kommen lassen. Es dauert dann jedoch noch einige Jahre, bis die Zweifel so stark werden, dass Snowden alles auf eine Karte setzt, sensible Daten kopiert und flüchtet.

Damit eigentlich genügend Stoff für Hollywood. Jedoch gab es ein Problem. Hollywood wollte diesen Stoff nicht. Nach langem Ringen landete die Produktion schließlich in Deutschland, wo in den Bavaria-Studios gedreht wurde. Snowden tut dies jedoch keinen Abbruch. Gerade die exzellente Darstellerriege lässt hier schnell vergessen, dass es sich hierbei um einen Film handelt, der einige Schwierigkeiten zu überwinden hatte, bis er nach mehrmaliger Verlegung des Starrtermins nun in den Kinos zu sehen ist.

Gordon-Levitt spielt Snowden so, wie man ihn sich wohl vorstellt. Am Anfang ein naiver Junge, der nach und nach feststellen muss, dass er in einer Seifenblase gelebt hat - und sichtlich mit sich ringt, als er feststellt, wie dieses Gebilde platzt. Der seine Ideale in Frage stellt, als er mit dem Unausweichlichen konfrontiert wird. Und der in diesem Prozess von einem jungen Mann, der seinem Land in der Armee dienen wollte, schließlich zu einem Erwachsenen wird, der Entscheidungen treffen muss, die sein künftiges Leben beeinflussen. Gordon-Levitt leistet sich in dieser Darsteller keinen einzige Wackler; es macht einfach Spaß, auch ihm dabei zuzusehen, wie er Rollen wie in zum Beispiel 10 Dinge, die ich an dir hasse hinter sich lässt und anzukommen scheint.

Ohne eine Prise fürs Herz geht es dann doch nicht

Zugegeben, auch Snowden hat so seine Längen. Stone nimmt sich sehr viel Zeit dafür, dem Zuschauer die innere Wandlung seines Hauptcharakters darzustellen. Fast so, als wollte er sichergehen, dass jeder versteht, warum Snowden quasi Jahre gebraucht hat, um an die Öffentlichtkeit zu gehen. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt hier seine Freundin Lindsay Mills. Diese ist genau das Gegenteil von ihrem Freund. Liberal - und wesentlich kritischer. Jedoch verkommt ihr Charakter im weiteren Verlauf des Films eher zum Love-Interest anstatt die Rolle des ebenbürtigen Partners einzunehmen. An diesem Punkt hat der Film eine klare Chance vertan und sorgt im entscheidenden Moment mit einem charakteruntyptischen Reaktion von Lindsay sogar für Kopfschütteln.

Von dieser kleinen Schwäche jedoch abgesehen schafft es Snowden, ohne große Actionszenen den Zuschauer bei sich zu halten. Obwohl der Verlauf dieser Geschichte ja hinlänglich bekannt ist, sorgt er sogar auch für spannende Momente, in denen man mit Edward Snowden mitfiebert. Und am Ende wartet sogar noch eine Überraschung auf, die so nicht abzusehen ist.

Fazit

Trotz kleiner Längen ist Snowden ein Thriller, der mit leisen Tönen darauf aufmerksam macht, wie schnell die Gesellschaft ihre Empörung vergisst. Gerade deswegen macht der Film auch nachdenklich. Nachdenklich darüber, wie schnell alle wieder dazu übergegangen sind, das Internet so zu nutzen, wie man es vor den Enthüllungen gemacht hat. Denn mal ehrlich - E-Mails verschlüsseln? Social-Media-Accounts löschen? Andere Chatdienste als WhatsApp nutzen? Laptopkamera abdecken? Wer dies macht, gilt heute wieder als paranoid und übervorsichtig. Bis er dann Snowden sieht. Und wieder daran erinnert wird, was mit unseren Daten alles passieren kann.

SNOWDEN Trailer German Deutsch (2016)

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