Spoiler-Kritik zu Avengers: Infinity War

SPOILER

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Avengers: Infinity War

Mit dem ersten Avengers erfüllte Marvel 2012 den Comicfans einen lange gehegten Traum und brachte die beliebte Heldengruppierung gemeinsam auf die Leinwand. Auf den Tag genau sechs Jahre später geht das Studio nun noch einen Schritt weiter. Mit Avengers: Infinity War gibt es erstmals das Äquivalent eines Comic-Events in den Kinos zu sehen. Events, in denen sich einen große Gruppe von Helden versammelt, um einem gemeinsamen Feind zu bekämpfen, sind in der Comic-Welt weit verbreitet, und besonders Marvel Comics setzt sie mittlerweile schon fast inflationär ein. Infinity War zeigt nun, wie ein solches Event als Film aussehen sollte, und macht sich viele Stärken aber auch ein paar Schwächen der Comicevents zu eigen.

Das dritte Avengers-Abenteuer verschwendet von der ersten Minute an keine Zeit. Selbst die so oft zitierte Achterbahn wird Infinity War nicht wirklich gerecht. Bis der Abspann über die Leinwand flimmert, kommt es einem eher vor, als hätte man einen ganzen Vergnügungspark im Schnellverfahren durchlebt. Das hohe Tempo, die verschiedenen Handlungsorte und die vielen Charaktere lassen kaum Zeit zum Luft holen. Gerade aufgrund der vielen Figuren bleibt aber auch der eine oder andere Charakter auf der Strecke und bekommt wenig Zeit, sich wirklich zu entfalten. Eine Mini-Serie wäre für das, was Infinity War alles bietet, beinah das bessere Format gewesen. Vielleicht ermöglicht ja Disneys geplanter neuer Streaming-Dienst hier in Zukunft neue Möglichkeiten.

Die alte Garde

Ähnlich wie in Guardians of the Galaxy Vol.2 wird Infinity War über verschiedene Handlungsebenen erzählt, die sich jeweils auf eine Gruppe von Helden fokussieren. Das macht durchaus Sinn, da so fast jeder etwas zu tun bekommt. Die Art und Weise, wie man dies gelöst hat, sorgt aber auch dafür, dass die Figuren in den Gruppen primär untereinander interagieren und einige Treffen sowie eine große Zusammenkunft dem Zuschauer verwehrt bleiben. Hier wollte sich Marvel vermutlich noch eine Steigerung für Avengers 4 aufsparen. Das ist nachvollziehbar, aber für Infinity War doch schade. Die Tatsache, dass Avengers 4 bereits am Horizont winkt, ist aber allgemein ein Problem des Films, dazu aber später mehr.

Die Aufteilung der Helden bringt eine ähnliche Erscheinung wie in Guardians 2 hervor: Die Handlungsebenen sind qualitativ sehr unterschiedlich. Am deutlichsten fällt dies bei der alten Avengers-Garde rund um Captain America (Chris Evans), Black Widow (Scarlett Johansson) und Bruce Banner (Mark Ruffalo) auf. Wenn man ehrlich sein will, bekommt Team Cap im Film am wenigsten zu tun. Klar, sie dürfen im Finale wieder einmal gegen eine gesichtslose Horde von Aliens antreten, viel mehr als diesen Kampf gibt es für Captain America aber nicht.

Gleiches gilt, abgesehen von zwei Ausnahmen, für alle Helden rund um Steve Rogers. Besonders Black Widow hat kaum mehr als zehn Sätze im Film, sodass der Auftritt von Scarlett Johansson beinah schon verschwendet ist. Potenzial für mehr wäre durch die Rückkehr von Bruce Banner durchaus vorhanden gewesen, leider verschenkt man aber auch Mark Ruffalo. Dessen Charakter orientiert sich weniger an den bisherigen Avengers-Filmen, sondern knüpft primär an Thor: Tag der Entscheidung an, was Banner zu einem sprücheklopfenden Nebencharakter reduziert.

Die Ausnahme der Handlungsebene bilden Vision (Paul Bettany) und Wanda (Elizabeth Olsen). Dass Vision aufgrund des Infinity Steins in seiner Stirn eine wichtige Rolle spielen wird, war schon im Vorfeld zu erwarten. Die Beziehung mit Wanda und die gemeinsamen Szenen der beiden bringen eine emotionale Note, welche die Geschichte rund um Captain Americas Team deutlich aufwertet. Auch wirkt die Liebesgeschichte nicht aufgesetzt oder störend, sondern bekommt genau die Zeit, die sie benötigt, damit man als Zuschauer emotional eingebunden ist.

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Zwei Egos und die Guardians

Während Captain America auf der Erde an vorderster Front steht, hat es Tony Stark (Robert Downey Jr.) ins All verschlagen, wo er schließlich gemeinsam mit Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) und Spider-Man (Tom Holland) auf dem Mond Titan strandet. Der Weg dahin ist eine actionreiche Angelegenheit, in der Peter Parker mal wieder sein Wissen über "uralte Filme" nutzen kann, damit sich Zuschauer in ihren Dreißigern richtig alt fühlen dürfen. Stark, Strange und Parker sind eine unterhaltsame Kombination, die mit einem Teil der Guardians zudem noch spannend aufgewertet wird. Hier gibt es so einige Aufeinandertreffen, auf die man sich als Fan im Vorfeld gefreut hat und die auch nicht enttäuschen.

In gewisser Weise ist es aber schade, dass man sich erneut dazu entschieden hat, Iron Man und Spider-Man gemeinsam auf die Reise zu schicken. Die Vater-Sohn-Dynamik zwischen Peter und Tony wurde schon in zwei Filmen thematisiert, und es wäre spannender gewesen, wenn Spider-Mans Fokus nicht erneut auf Iron Man gelegen hätte. Aus emotionaler Sicht macht die Kombination natürlich Sinn, gerade vor dem Hintergrund des Finales. Tony den Verlust von Peter direkt erleben zu lassen, dürfte sich stark auf seine weiteren Handlungen auswirken.

Die Guardians und Doctor Strange passen in diese Dynamik ebenfalls sehr gut hinein. Vor allem der Kampf mit Thanos, bei dem sie dem Sieg so nahe kommen, ist sehr spannend geraten. Der Einsatz der unterschiedlichen Stärken der Helden bietet genau das, was man in einem Eventfilm wie Infinity War sehen will. Ein paar Minuspunkte gibt es aber für Star-Lord (Chris Pratt). Peter Quill hatte schon immer einen jungenhaften Charme, der die Handlungen seines Charakters bestimmte. Spätestens mit Infinity War bemerkt man aber, dass Star-Lord auf der Stelle tritt. Sein Charakter entwickelt sich nicht weiter, und auch der Humor funktioniert bei ihm nicht mehr so gut wie zu Beginn.

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Der Hase und der Donnergott

Besonders spürbar sind die Schwächen von Quill beim ersten Aufeinandertreffen der Guardians mit Thor (Chris Hemsworth). Die Szene, in der Star-Lord den Donnergott nachäfft, wirkt irgendwie eher peinlich als witzig und wird auch der Situation, in der sich das Universum befindet, nicht gerecht. Solche Momente gibt es immer wieder in Infinity War. Marvel-Filme haben Witze und Sprüche zwar in ihrer DNA, in einigen Momenten passen sie aber nicht ganz zum Ernst der Lage.

Dafür vermeidet man es weitestgehend, sich die wirklich emotionalen Momente durch Humor kaputt zu machen. Thor: Tag der Entscheidung und auch in Teilen Guardians 2 sind in diesem Bereich die Negativbeispiele des vergangenen Jahres. In beiden Filmen hatte man das Gefühl, dass es ja nicht zu ernst werden durfte, weshalb häufig noch ein Witz, egal ob er passte oder nicht, kommen musste. In Infinity War fällt hier lediglich die Kussszene von Quill und Gamora (Zoe Saldana) negativ auf, die durch Drax (Dave Bautista) unterbrochen wird, und der man so die Gefühlsnote nimmt. Dass der Gag zudem viel zu lange ausgereizt wird, ist ebenfalls wenig hilfreich.

Richtig gut ist dagegen der Trip von Thor und Rocket geraten. Groot kann man hier getrost vernachlässigen, da die Teenage-Variante des Baumwesens nicht nur den Film über gelangweilt ist, sondern auch den Zuschauer langweilt. Der Donnergott und sein Hase bilden dagegen ein sehr unterhaltsames Team, das auch ruhige Momente spendiert bekommt, in denen die Figuren überzeugen können. Zudem treffen die beiden auf Peter Dinklage, der allein durch seinen Auftritt als riesenhafter Zwerg Eitri für ein Grinsen sorgt.

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Thanos

Dass Superhelden-Filme im Allgemeinen und Marvel-Filme im Besonderen gern einmal ein Problem mit dem Gegenspieler haben, ist keine neue Erkenntnis. Zu stark liegt der Fokus meist auf den Helden, dass die Schurken kaum Entfaltungsmöglichkeiten bekommen. Im Falle von Thanos (Josh Brolin) wurden die Regisseur Anthony und Joe Russo im Vorfeld allerdings nicht müde zu betonen, dass man den Gegenspieler des Films wie einen Protagonisten behandelt hat. Genau das erweist sich am Ende als die ideale Strategie.

Interessanterweise erscheint Thanos auf dem Papier zunächst wie ein klassisch schwacher Marvel-Schurke. Dies beginnt bereits mit der Motivation. Thanos will eigentlich nur möglichst viele Wesen töten, im Idealfall die Hälfte des Universums. Das ist ein durchaus ambitioniertes Ziel, wenn auch nicht sonderlich einfallsreich. Zum Glück ist Motivation nicht alles. Thanos ist nicht der eindimensionale Irre, für den man ihn halten könnte. Er hat Gründe für sein Handeln und zudem ein gewisses Verständnis und sogar Anerkennung für alle, die sich ihm entgegenstellen. Brolin spielt die Figur dabei durchaus sympathisch, sodass man ihn nie wirklich hassen kann. Trotzdem verliert er niemals seine Gefährlichkeit. Schon in der ersten Szene mit Loki und dem Hulk wird Thanos als formidabler Gegenspieler dargestellt, der sich nicht einfach so besiegen lässt.

Die großen Szenen des Charakters sind aber nicht die Kämpfe, sondern die ruhigen Momente. Besonders die Suche nach dem Soulstone ist eines der Highlights in Infinity War. Von dem eher uninspirierten Auftritt von Red Skull mal abgesehen, geht die Szene einem einfach an die Nieren. Wenn Thanos sich umdreht und Tränen in seinen Augen zu sehen sind, man den Schmerz trotz CGI in seinem Gesicht erkennen kann und noch vor Gamora realisiert, was gleich passieren wird, dann ist das einfach ganz großes Kino.

Ein Schnippen mit dem Finger

Bereits im zweiten Trailer zu Infinity War erwähnt Gamora, was Thanos mit dem Schnippen eines Fingers zu tun gedenkt, wenn er erst einmal alle Infinity Steine besitzt. Für Comicleser kommt es daher nicht unbedingt überraschend, dass der Film auch tatsächlich mit dem Sieg des Titanen endet. Auch wenn der Fingerschnipper von Thanos nicht zum Comic-Event Infinity War gehört, ist er doch einer der ikonischen Momente in der Geschichte des Charakters. Entsprechend konsequent ist es, dass man ihm auch im Film würdigt. Die Umsetzung ist allerdings nicht ganz so episch geraten. Durch den Angriff von Thor nimmt man dem Fingerschnipper vielleicht etwas seiner Power. Zugegeben, das dürfte vermutlich primär ein Problem von Comic-Fans sein, die Auswirkungen sind dagegen sehr ergreifend inszeniert und lassen die Avengers vollkommen besiegt zurück. Die Frage ist nur, für wie lange?

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Konsequenzen

Das Ende von Infinity War ist düster, hart und emotional, und doch wird es etwas getrübt. Der Film zeigt zum einen tatsächlich einmal Konsequenzen und bringt hohe Verluste im MCU, doch will man nicht wirklich glauben, dass diese lange anhalten. Infinity War wäre vermutlich erheblich beeindruckender, wenn man nicht schon fast sicher wüsste, dass Avengers 4 im kommenden Jahr viele Entwicklungen zurückdrehen wird.

Die Entscheidung, fast alle neueren Helden inklusive des Großteils der Guardians über die Klinge springen zu lassen, lässt leider nur den Schluss zu, dass es dabei nicht bleiben wird. In der Folge geht man als Zuschauer nicht mit Trauer oder Schock aus dem Film, sondern nur mit der Frage, wie Marvel die Sache rückgängig machen wird. Zeitreisen oder alternative Dimensionen wurden von Marvel-Chef Kevin Feige zwar angeblich ausgeschlossen, letztendlich kann es in Avengers 4 aber nur darum gehen, die Realität, die Thanos geschaffen hat, zu verändern.

Hier schließlich sich dann auch gleich die nächste Frage an: Wie weit dreht man den Zeiger zurück? Dass Spider-Man, die Guardians, Doctor Strange und Black Panther wiederkommen, steht außer Frage. Bringt aber auch gleich Loki wieder? Was ist mit Asgard oder Yondu? Für eine Antwort wird man warten müssen, bis Avengers 4 im April 2019 in die Kinos kommt. Wie auch immer sich der Film entwickelt, man hat schon jetzt das Gefühl, dass viele der Entwicklungen in Infinity War einem nur Konsequenzen vorgaukeln.

Fazit

Mit Avengers: Infinity War hat sich Marvel selbst eine Mammutaufgabe gestellt, die man, abgesehen von ein paar Schwächen, außerordentlich gut löst. Durch einen starken Schurken, das Zusammenspiel liebgewonnener Charaktere, unterhaltsamer Action und einige emotionaler Momente gelingt es dem dritten Avengers, den Zuschauer für zweieinhalb Stunden in seinen Bann zu ziehen. Dass dabei einige Figuren auf der Strecke bleiben, ist zwar schade, lässt sich aufgrund der gewaltigen Menge an Charakteren aber wohl kaum vermeiden. Auch schwebt über dem Ende des Films bereits Avengers 4, sodass man die Auswirkungen des Infinity War erst nach dem vierten Avengers-Abenteuer so richtig bewerten kann.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Marvel Studios
Avengers: Infinity War Poster
Originaltitel:
Avengers: Infinity War
Kinostart:
26.04.18
Regie:
Joe & Anthony Russo
Drehbuch:
Christopher Markus, Stephen McFeely
Darsteller:
Robert Downey Jr., Tom Holland, Chris Pratt, Chris Hemsworth, Sebastian Stan, Scarlett Johansson, Benedict Cumberbatch, Brie Larson, Zoe Saldana, Karen Gillan, Jeremy Renner, Chris Evans, Elizabeth Olsen, Bradley Cooper, Samuel L. Jackson
Mit Avengers: Infinity War präsentiert sich der erste Höhepunkt des MCU, während Avengers 4 dann Phase 3 beenden wird.

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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