Kritik zu Fallout 76: Eine Fahrt ins Endlager

Fallout 76 Header

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"Die rote Gefahr steht vor der Tür und unsere Demokratie steht auf Messers Schneide" - das Intro von Fallout 76 fährt sofort die großen Kanonen auf und lässt eine ehrfürchtige Stimme patriotische Floskeln skandieren. "Und deswegen feiern wir heute am 4. Juli 2076, 300 Jahre nach Gründung unserer großen Nation, gemeinsam die Vollendung von Vault 76. [...] Auch wenn die Bomben fallen, wenn das Ende gekommen ist, werden wir überdauern. Doch nicht jeder kann gerettet werden: Unsere Besten und Klügsten sollen in diesem Vault weiterleben." Wer die kitschige Einführungssequenz des neuen Bethesda-Titels überstanden hat, darf also nach dem Atomkrieg wiederaufbauen. Aus dem Bunker geht es über die Landstraße direkt nach Hause, nach West Virginia. In der Ferne: Mountain Momma. Alles ist wieder gut, wären da nicht die radioaktiv verstrahlten Monster, typischen Spielfehler, vermurkste Mechaniken und sehr viel mehr.

Nicht jeder kann gerettet werden, und je länger die Überlebenden in der Welt von Fallout 76 umherwandern, desto schneller wird klar: Das Spiel selbst ist nicht mehr zu retten. Der Titel vom Kult-Studio Bethesda ist erstmals auf das Zusammenspiel mit anderen Spielern ausgelegt - so behauptet es jedenfalls Chefentwickler Todd Howard. Die 24 anderen Spieler, weit verstreut auf einer riesigen Karte, ersetzen in Howards Vorstellung sogar andere Charaktere und erzählen eigene Geschichten. Das führt zu einem leeren Spiel, dem künstliche Überlebende sowie eine eigene Erzählung vollständig fehlen. Der Entwickler mag in vergangenen Spielen zwar nur durchschnittliche Geschichten geliefert haben, doch die vollkommene Abwesenheit ist eine absurde, nicht nachvollziehbare Entscheidung.

Unfertig, uninteressant und unsauber - die Fallout 76 Erfahrung

Stattdessen sind in der Welt Briefe und Kassetten verteilt, die Wissen über das Fallout-Universum erzählen. Wer also in einem Onlinespiel anhalten und Texte mit der Faszination von mittelmäßigen Wikipedia-Artikeln lesen möchte, kommt voll auf seine Kosten. Allen Anderen kommt das jedoch eher bizarr und irrational vor. Andere Spieler können eine fehlende Geschichte natürlich noch weniger ausgleichen. Egal ob der gelegentliche Fremde mit einer rostigen Konservendose als Mikrofon oder mit den eigenen Freunden in Kooperation - das inszenierte, postapokalyptische Geschehen bleibt aus. Immerhin ein Teil der Entwickler scheint gemerkt zu haben, dass Interaktionen mehr schlecht als recht funktionieren: Kriegerische Konfrontationen werden durch ein System gedämpft, was diese aus Angst vor spitzbübischen Streichen fast gänzlich entfernt. Damit ist auch die letzte im Ansatz "soziale" Komponente erfolgreich eliminiert.

Fallout 76 Camp

Bethesda hat aber nicht nur bei den Themen Online und Spielerinteraktion grundsätzliche Verständnisprobleme. Das alteingesessene Studio hat offenbar auch nicht verstanden, was die Marke Fallout oder ihre eigenen Spiele ausmachen. Fallout 76 ist die denkbar primitivste Umsetzung der Idee, den Vorgänger Fallout 4 mit einem Mehrspielermodus zu kombinieren. Das lässt sich auch nur schwer leugnen: Der Titel spielt sich wie der vierte Teil, sieht aus wie der vierte Teil und hat die gleichen Probleme wie der vierte Teil. Nur, dass der einzige Lichtblick, die Atmosphäre, mit der Erzählung und anderen Charakteren aus dem Fenster geworfen wurde. Es handelt sich um einen glorifizierten Online-Überlebensmodus auf der Basis von Fallout 4, der schlechter zusammenpasst, als einer der vielen kursierenden Konkurrenztitel aus dem Indie-Bereich. Nur ist Bethesda eines der erfolgreichsten Studios in der Branche und vertreibt ihr Experiment als einen Vollpreistitel.

Eine Käfersammlung im verstrahlten Ödland

Die Technik ist dabei ein Problem, was die meisten Fans sogar erwartet haben. Das Spiel sieht weder gut aus, noch läuft es irgendwie annehmbar auf PC oder Konsole. Bugs und Performance hat bisher die eifrige Community mit Modifikationen der Software gelöst. Diese sogenannten Mods sind nun aber kein geeignetes Werkzeug mehr, da die Software durch Server sehr viel schwerer zu verändern ist. Dem hätte Bethesda entgegenwirken können, sei es auch nur mit dem simplen Kopieren der Mods. Nun wimmelt Fallout 76 aber nur so vor Bugs und Fehlern, die teilweise Jahrzehnte alt sind, der Entwickler dank Hilfe aus der Spielerschaft bisher aber ignorieren konnte. Auf dieser Einstellung wird nun weiter stur beharrt, auch wenn ein Projekt mit so vielen offensichtlich klaffenden Lecks eigentlich nie hätte vom Stapel laufen dürfen. Eine endgültige Lösung ist aktuell noch ungewiss.

Die letzte wirkliche Neuerung im öden Ödland ist der Fokus auf Überleben und Erkundung. Nicht überraschend wurde auch an dieser Stelle nicht verstanden, was die Faszination von Spielen mit ähnlichen Systemen ausmacht. Der Spieler muss nun ständig auf Hunger und Durst seines Charakters achten, fast alle Lebensmittel und Flüssigkeiten sind nach dem Atomkrieg aber verstrahlt. Damit entsteht ein oberflächliches System, bei dem mehr auf die eigenen Strahlungswerte geachtet werden muss. Essen und Trinken nimmt aber nicht den größten Platz im stark eingeschränkten digitalen Rucksack ein. Zwischen den Kämpfen geht es an die Erkundung und das Sammeln von Schrott und Rohstoffen. Schließlich müssen Waffen geflickt und Notunterkünfte errichtet werden. Klingt nicht schlecht, gäbe es nicht die Einschränkung in Form des Inventarlimits. Dadurch wird es mit Schrott und Essen rasant voll, der Rest muss liegenbleiben. Andere Spiele machen daraus halbwegs geschicktes Mikromanagement, in Fallout 76 wird dies zu vielen Stunden lästiger Arbeit in einem Menü, was Grafikdesignern die Haare zu Berge stehen lässt.

Fazit

Wenn die Bomben wieder fallen, überdauert das Fallout-Franchise kein weiteres Mal. Die gewohnten Bugs türmen sich ohne Abhilfe von Mods, während unausgereifte Systeme in einer großen, leeren Welt wenig Eindruck hinterlassen. Fallout 76 ist kein mutiges Experiment, es ist ein unfertiges Spiel ohne eigene Ambitionen. Nur wenige Spieler werden daran Spaß haben. Nach dem Krieg bleibt ein Ödland mit uninspirierten nuklearen Abfällen. Hoffentlich hat Bethesda die wirklich anständigen Ideen in einem gut geschützten Bunker aufbewahrt. Nach diesem Fallout folgt wohl ein langer, beschwerlicher Wiederaufbau.

Fallout 76 ist erhältlich für PC, Xbox und Playstation.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Bethesda

Fallout 76 – Official Trailer

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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