Aus dem Loch – Kritik zu Expanse 5.05

SPOILER

Wie reagiert eine Bevölkerung, wenn eine Gruppierung aus der eigenen Mitte eine unvorstellbaren Terrorakt begeht, der circa zwei Millionen Todesopfer fordert, und dessen ökonomischen und ökologischen Folgen noch mehr Leidtragende nach sich ziehen wird?

Drummer (Cara Gee) und ihre Piratentruppe stellen sich in ihrer Schockstarre zahlreiche Fragen diesbezüglich: Wie sollen wir weiter vorgehen? Werden wir zukünftig zusammen mit den Terroristen in einen Topf geworfen? Müssen wir mit strengeren Restriktionen und weniger Bewegungsfreiheit im Weltall rechnen? Und haben die Erdbewohner beziehungsweise Inneren, welche die Gürtler jahrelang unterdrückt haben, es vielleicht gar nicht anders verdient? Vor unbequemen Diskussionen, die sogar unter vermeintlich positiven und heldenhaften Gruppen entstehen, scheut die Serie nicht zurück.

Drummer selbst plagen unterdessen nun noch mehr Gewissensbisse, weil sie sich mittlerweile nicht mehr nur für den Tod Klaes Ashford (David Strathairn) verantwortlich fühlt, sondern auch für den Terrorakt. Schließlich war es ihre entscheidende Stimme, die Marco Inaros (Keon Alexander) in der letzten Staffel vor der Exekution bewahrt hat. Anstatt sich jedoch erneut von ihrer Geliebten Oskana (Sandrine Holt) trösten zu lassen und vermeintliche Schwäche zu zeigen, nimmt sie wieder eine kühle, militärische Pose ein und beschließt, die Konfrontation zu suchen – in welcher Form ist noch nicht klar.

Schön subtil verdeutlicht sich diese noch einmal in kleinen Verhaltensweisen: Oksana legt ihre Hand auf Drummers Hand. Letztere zieht ihre Hand allerdings sofort wieder weg, als wolle sie sich keine Schwäche oder Emotionen mehr erlauben. Es ist immer wieder auffällig, wie viel in der Serie im Nichtgesagten steckt und wie viel durch Gesten ausgedrückt wird.

Katastrophenfilm-Szenario im Zukunfts-Gefängnis

Wenn die Welt um uns zusammenbricht, versuchen wir trotzdem, krampfhaft an alten Strukturen festzuhalten. Gefängniswärterin Rona (Natalie Brown) fällt jedenfalls nichts Besseres ein, als weiterhin gewohnte Pflichten zu erfüllen, bis sich jemand von “oben“ meldet. Noch kann sie nicht wissen, dass „oben“ nicht mehr existiert. Als jemand, der an missliche Lagen gewöhnt ist, hat Amos (Wes Catham) eine etwas andere Herangehensweise, nämlich die Flucht nach vorn.

Wieder ergibt sich hier eine Situation, in der engste Räume und klaustrophobische Settings für Spannung sorgen. Im Grunde handelt es sich hierbei um ein klassisches Katastrophenfilm-Szenario, in dem vollkommen unterschiedliche Personen zusammengewürfelt werden und ein gemeinsames Überlebensziel verfolgen. Konflikte, Spitzfindigkeiten oder der eine oder andere Gefängniswärter beziehungsweise Gefangene, der einen Fahrstuhlschacht hinunter fällt, bleiben dabei nicht aus.

Dass Muskelmann Konecheck (Boomer Philips) noch einmal eine entscheidende Rolle spielen wird, war schon in der letzten Episode abzusehen. Dass der kanadische Schauspieler Boomer Philips sich offensichtlich mit viel Spaß und Humor in die psychopathische Rolle stürzt, kommt jedoch als unterhaltsame Überraschung daher. Da stört es wenig, dass der Moment, in dem er sich gegen die restliche Gruppe Überlebender wendet, wiederum relativ vorhersehbar war – Amos‘ Hang zur Spitznamengebung war dabei wahrscheinlich nicht unbedingt hilfreich.

Das Setdesign der zerstörten Erde wirkt etwas arg studiohaft. Letztendlich bleibt aber die Frage, wie viel Budget der Serie zur Verfügung steht. Schließlich muss The Expanse wahrscheinlich immer noch mit weniger Mitteln auskommen als manch andere Science-Fiction-Serie. Dafür hat Regisseur Jeff Woolnough den vorangegangenen Aufstieg umso unterhaltsamer und spannender gestaltet.

Zum Nichtstun verdammt

Auf der Tychon-Station wirkt Holden (Steven Strait) noch isolierter und verlorener als zuvor. Mit Fred Johnson (Chad Coleman) hat er einen wichtigen Verbündeten verloren, auch wenn sie sicherlich nicht immer einer Meinung waren. Von seinen restlichen Freunden hört er nichts, und seine Nachricht an Naomi (Dominique Tipper) wirkt mehr wie ein verzweifelter Hilferuf.

Free-Navy-Terroristin Sakai (Bahia Watson) lässt weder Informationen aus sich herausprügeln noch lässt sie sich durch die klassische Good-Cop-Masche überreden, irgendetwas Essentielles preiszugeben. Matthew Rasmussen, Autor dieser Episode, tut aber sein Möglichstes, um dieser terroristischen Gürtler-Fraktion ein menschliches Gesicht und nachvollziehbare Motivation zu verleihen, ohne gleich für Terrorismus als notwendiges Mittel gegen Unterdrückung zu plädieren. Holden glaubt zwar, dass Saki ein gutes Leben auf der Tycho-Station geführt hat, allerdings muss er sich mit einer anderen Perspektive auseinandersetzen. Nämlich, dass diese „gute“ Leben bestenfalls vom Wohlwollen einer mächtigeren Klasse abhängt und schnell wieder rückgängig gemacht werden kann. Freiheit, so könnte man meinen, sieht anders aus.

Dass ihm Sakais letzte Abschiedsworte nicht ominös und verdächtig vorkommen und dass er nicht darauf kommt, dass die Terroristin, die in den letzten Tagen und Wochen an der Rocinante gearbeitet hat, eben dieses Raumschiff sabotiert hat, ist vielleicht ein bisschen ärgerlich. Eventuell ist Holden einfach ohne seine restliche Crew dermaßen aufgeschmissen und orientierungslos, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Immer gibt es Naomi die Chance, aus ihrer Passivität der letzten Episoden auszubrechen und den Tag zu retten.

Während Holden also zum Nichtstun verdammt ist, arbeitet Naomi fieberhaft daran, sich aus ihrer aktuellen Situation zu befreien. Sie hat es Marcos Arroganz zu verdanken, dass sie sich frei auf dem Mars-Schiff bewegen kann. Oder vielleicht glaubt er wirklich daran, dass Naomi, er und sein Sohn wirklich wieder als Familie zusammenfinden können. Auch Filips Motivation, seine Mutter nach dem missglückten und wenig durchdachten Mordversuch ans Messer zu liefern, ist noch unklar, macht die gesamte Figuren-Dynamik auf diesem Schiff aber etwas interessanter.

Das gilt auch für die Vater-Sohn-Beziehung und das physische Gebaren zwischen Marco und Filip. Marco bringt seine Enttäuschung über das Verhalten seines Sohnes nicht unbedingt auf eine Weise zum Ausdruck, die man erwarten sollte. Anstatt Wut folgen eine spielerische Kabbelei und eine gewisse Form von Verständnis für dessen innere Zerrissenheit. Aber selbst das wirkt eher wie ein Mittel zum Zweck, um Filip gefügig zu machen – trotzdem toll dargestellt von Schauspieler Keon Alexander.

Mit Cyn (Brent Saxton) erhält die Free-Navy-Gruppe ein weiteres und wesentliches sympathischeres menschliches Antlitz. Während Marco als manipulativer Blender deutlich erkennbar ist und Filip weiterhin von seinem eigenen Hass und Zweifel gefangen gehalten wird, macht es die Serie seinen Zuschauern trotzdem nicht allzu einfach, diese Menschen als stereotype Terroristen abzustempeln und zu verteufeln. Cyn verkörpert hier überzeugender als seine Mitstreiter die gesamte Problematik, Tragik und Ausweglosigkeit des Gürtler-Volkes, was selbstverständlich auch dem überzeugenden Darsteller Brent Saxton zu verdanken ist.

Fazit

Es war vorauszusehen, dass die aktuelle Episode nach den Ereignissen der letzten Woche einen Gang zurückschaltet und sich mit den Konsequenzen beschäftigt. Das nimmt unterschiedliche und interessante Formen an: Während die einen sich aus potenziell tödlichen Situationen befreien müssen, sammeln andere emotionale Scherben auf. Dabei ist es durchaus verständlich, dass nicht allzu viel auf der reinen Handlungsebene passiert.

Vieles findet auf einer persönlichen Figurenebene statt, und einiges wird sogar durch kleine Gesten vermittelt. Diese Episode handelt unter anderem von Hilflosigkeit im Angesicht des Unvorstellbaren, auch wenn sich verschieden Figuren wie Holden noch sehr dagegen sträuben. Ferner versucht die Episode, effektiv ein nuancierteres Bild der terroristischen Seite zu zeigen und ist vor allem dank Bahia Watson und Brent Saxton damit erfolgreich.

The Expanse Season 1 Poster

Originaltitel: The Expanse (2015)
Erstaustrahlung am 23.11.2015
Darsteller: Thomas Jane (Josephus "Joe" Aloisus Miller), Steven Strait (James „Jim“ Holden), Cas Anvar (Alex Kamal), Dominique Tipper (Naomi Nagata), Wes Chatham (Amos Burton), Shawn Doyle (Sadavir Errinwright), Shohreh Aghdashloo (Chrisjen Avasarala), Frankie Adams (Roberta "Bobbie" W. Draper)
Produzenten: Broderick Johnson, Andrew Kosove, Sharon Hall, Sean Daniel, Jason F. Brown, Mark Fergus, Hawk Ostby, Naren Shankar
Basiert auf der gleichnamigen Romanreihe von Daniel Abraham & Ty Franck
Staffeln: 3+
Anzahl der Episoden: 24+


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