Kritik zu Who am I – Kein System ist sicher

Nach Stereo kommt mit Who am I – Kein System ist sicher bereits der zweite hochwertig-produzierte deutsche Thriller in diesem Jahr in die Kinos. Rasant inszeniert und mit einem starken deutschen Cast hat der Film eigentlich alle Voraussetzungen, um richtig spannende Kinounterhaltung zu bieten. Dass dies letztendlich nicht gelingt, liegt vor allem am Drehbuch und den schwachen Charakteren.

Als Webseite, die sich vornehmlich mit Sci-Fi und Fantasy beschäftigt, kommen wir ja eher selten in Berührung mit deutschen Produktionen. Zugegeben selbst ein Hacker-Thriller ist grundsätzlich nicht unbedingt unser Themenbereich, aber für interessante Projekte machen wir bekanntermaßen ja immer mal eine Ausnahme. Dass es sich bei Who am I – Zusatztitel wird ab jetzt weggelassen um ein interessantes Projekt handelt, steht dabei außer Frage. Allein der Trailer sah schon sehr gut aus und in der deutschen Filmlandschaft darf man ja grundsätzlich für jeden Film dankbar sein, der kein historisches Drama, keine schlechte Komödie oder kein Til-Schweiger-Werk ist. Natürlich kann man den deutschen Film grundsätzlich abschreiben, dann erspart man sich in vielen Fällen vermutlich einiges an Enttäuschungen. Alternativ kann man dies aber eben auch nicht tun und deutschen Produktionen eine Chance geben. Gerade der schon angesprochene Stereo hat in diesem Jahr bereits bewiesen, wie ein guter deutscher Thriller aussehen kann, ohne letztendlich perfekt zu sein.



Who am I erzählt die Geschichte von Benjamin, einem Verlierer, wie er im Buche steht. Praktisch unsichtbar für seine Mitmenschen, ist das Einzige, was ihn interessiert, das Hacken. Nach einem missglückten Hack wird Benjamin zu Sozialstunden verurteilt, bei deren Ableisten er Max kennenlernt. Beide stellen fest, dass sie mit dem Hacken ein gleiches Interesse haben und in der Folge gründen sie gemeinsam mit zwei weiteren Hackern namens Stephan und Paul eine Hackergruppe unter dem Namen CLAY. Durch witzige und abgedrehte Aktionen schafft es die Gruppe schnell zu Berühmtheit. Die Anerkennung ihres großen Vorbildes dem Hacker MRX bleibt ihnen jedoch verwehrt. Darauf hin beschließt die Gruppe ein großes Ding zu drehen, dass sich letztendlich jedoch als böser Fehler herausstellt.

Wenn man über deutsche Filme redet, dann beginnen viele Sätze oftmals mit der Phrase „Für einen deutschen Film“. Bei Who am I kann man in Hinblick auf Optik auf diesen Teil verzichten. Der Look und der Production-Value ist nicht nur für einen deutschen Film gut gelungen. Who am I sieht generell wirklich richtig gut aus und kann mit einigen tollen Bildern glänzen. Dazu kommen interessante Ideen, wie zum Beispiel, den Chat in einem Darkroom über das Treffen von maskierten Personen in einem alten U-Bahn-Waggon darzustellen. Auch darstellerisch gibt es nicht wirklich etwas auszusetzen. Tom Schilling und Elyas M’Barek können in den Hauptrollen voll überzeugen. Eine Aussage, die sich auch auf viele Nebenrollen ausweiten lässt. Musikalisch setzt Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar viel auf Elektro, was sehr gut zum Grundton des Films passt.



Während Who am I auf dem Papier eigentlich alles hat, um ein sehr guter Film zu werden, hapert es letztendlich jedoch sehr stark am Drehbuch. Der Mix aus Logiklöchern und klischeehaften Charakteren ist das große Problem des Thrillers. Allein die vier Hauptfiguren scheinen direkt aus der Klischeekiste entsprungen zu sein sein. Es gibt den Verlierer, den Schönling, den irren Adrenalinjunkie und den paranoiden Verschwörungstheoretiker. Dazu kommen ein mysteriöser Hacker, eine scheinbar kalte Ermittlerin und eine junge Frau, bei der praktisch überhaupt keine nachvollziehbare Motivation vorhanden ist. Kaum eine Figur durchbricht dabei ihr enges Korsett. Und wenn dies doch geschieht, wie zum Beispiel in Form des Verschwörungstheoretiker, dann wird dies dem Zuschauer einfach hingeworfen. Eine nachvollziehbare Entwicklung ist nicht vorhanden. Dabei wäre durchaus Zeit gewesen, solche Entwicklungen einzubauen. Dazu wäre es nur nötig gewesen, auf eine Vielzahl an Subplots zu verzichten, die nahezu alle keine Relevanz haben und teilweise vollkommen im Sand verlaufen.

Inhaltlich lässt sich Who am I darüber hinaus in zwei Teile aufteilen. Werden nur die letzten 20 Minuten betrachtet, dann wird dem Zuschauer durchaus spannende und auch teilweise intelligente Unterhaltung geboten. Das Finale ist gut geschrieben und die Auflösung nicht schlecht umgesetzt. Die rund 80 Minuten davor trüben das Gesamtbild dagegen erheblich. Dem Kinobesucher wird hier eine Menge abverlangt, was Logik und Nachvollziehbarkeit betrifft. Zugegeben einen realistischen Ansatz in einem Hacker-Film zu erwarten ist grundsätzlich sehr optimistisch. Aber wenn der Film ins Lächerliche abdriftet, dann hat er ein Problem. Auch die Motivation es unbedingt dem großen Hacker MRX (der übrigens EM-AR-EX ausgesprochen wird, während keiner der Charakter auch nur einmal erwähnt, dass sich der Hacker quasi Mr. X nennt) zu beweisen, funktioniert nur bedingt. Zu Beginn wird MRX als Hacker eingeführt, der seine Berühmtheit durch Aktionen erlangte, bei denen er zum Beispiel alle Profilbilder eines sozialen Netzwerkes durch das Foto eines nackten Hintern ersetze. Genau dieser MRX verweigert der Hackergruppe jedoch seine Anerkennung, weil ihm deren Aktionen zu kindisch(!) sind. Warum die 4 es ihm unbedingt beweisen müssen, wissen sie vermutlich nur selbst. Dass das Ende halbwegs gelungen ist (und auch versucht einen Teil der Logiklöcher zu stopfen), vermag den Film nicht wirklich zu retten, führt jedoch letztendlich zu einem etwas positiveren Gesamtbild.



Fazit
Vor dem Kinobesuch bestand wirklich der Wunsch, dass Who am I ein guter Film sein würde. Leider fehlt es letztendlich doch an Substanz. Wem Optik und 20 gute Minuten am Ende ausreichen, dem kann der Kinobesuch durchaus empfohlen werden. Möchte man dagegen spannende Charaktere und eine nachvollziehbare Handlung, dann wird man nur wenig Freude haben. Allen anderen kann man ab November die DVD von Stereo ans Herz legen, der trotz ebenfalls vorhandener Schwächen erheblich mehr Unterhaltung bietet.

Wertung: 2,5 von 5 Sternen

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