Kritik zu Stephen Kings Es - Clowns sind nicht zum Spielen da

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Bill Skarsgard als Pennywise in Stephen Kings Es

Stephen King ist der Meister des Horrors - nur seine Filme konnte man bisher größtenteils links liegen lassen. Doch scheinbar hat King derzeit mit seinen Erzählungen auch den Nerv des Kinopublikums getroffen, denn pünktlich zum 70. Geburtstag des Gruselmeisters werden 2017 diverse Werke aus dem King-Kanon nun in einem neuen filmischen Gewand präsentiert. Nach dem eher enttäuschenden Dunklen Turm lässt die Neuauflage von Es auf eine spannende und gelungene Umsetzung hoffen. Mit Andrés Muschietti hat sich ein relativer Newcomer des Stoffes angenommen. Er führt moderne Sehgewohnheiten mit klassischen Horrorfilm-Momenten ansprechend zusammen.

Der Clown wartet auf neues Futter

In der kleinen Stadt Derry in Maine verschwinden seit einiger Zeit unter mysteriösen Umständen immer wieder Kinder. Das letzte Opfer war Georgie, dessen großer Bruder Bill Denbrough (Jaeden Lieberher) noch immer den Verlust verarbeiten muss. Er hat mit seinen Freunden, dem Brillenträger und nie um ein Wort verlegenen Richie (Finn Wolfhard), dem übergewichtigen Ben (Jeremy Ray Taylor), dem von seinem strengen jüdischen Vater hart angegangenen Stan (Wyatt Oleff), dem schmalen, als Muttersöhnchen verspotteten Eddie (Jack Grazer) und dem dunkelhäutigen Mike (Chosen Jacobs) den 'Klub der Verlierer' gegründet. Zur Gruppe stößt später noch die wegen ihrer Frühreife als Außenseiterin gebrandmarkte Beverly (Sophia Lillis). Den Freunden wird regelmäßig von der Schulschläger-Clique rund um Henry Bowers (Nicholas Hamilton) das Leben schwer gemacht.

Die Kinder untersuchen auf Wunsch von Bill das örtliche Abwassersystem, in der Hoffnung, eine Spur von Georgie zu finden. Hier treffen sie auf das Wesen Pennywise (Bill Skarsgård), das meist in Gestalt eines Clown auftritt und schon seit Jahrhunderten ungefähr alle 27 Jahre in der Stadt umgeht. Pennywise kann zwar entkommen, sucht die Kinder aber später einzeln in Gestalt von deren größten Ängsten auf.

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Der Klub der Verlierer in Stephen Kings Es

Der Cast: Gute Freunde kann niemand trennen

Für das Casting der Jungschauspieler, die den 'Klub der Verlierer' bilden, muss dem Produktionsteam zunächst einmal ein großer Beifall gespendet werden. Die Kinder sind allesamt grundsympathisch und äußerst passend besetzt. Die vielleicht wichtigste Komponente von Es - die unverbrüchliche Freundschaft der Figuren - wird hier sehr überzeugend dargestellt. Besonders die kleinen Szenen, in denen gerade kein Schockmoment an der nächsten Ecke wartet, lassen das Herz jedes Coming-of-Age-Liebhabers höher schlagen. Sei es die leise Verliebtheit, die Ben gegenüber Beverly entwickelt, oder die Neckereien, die sich die Kinder an den Kopf werfen, wenn einer von ihnen nicht so mutig ist wie der Rest - diese Szenen machen einfach Spaß.

Aber auch die Erwachsenen können durchaus überzeugen. Ganz besonders spiegelt Beverlys übermächtiger Vater als absolute Autorität ihre größte Angst völlig nachvollziehbar wider. Das dunkle Familiengeheimnis, das beide teilen, wird zwar nie direkt angesprochen, doch die Angst und die gewaltsame Atmosphäre im Hause Marsh ist für den Zuschauer deutlich zu greifen.

Bill Skarsgård als Pennywise fügt sich in den Horror äußerst passend ein. Wo Tim Curry in der 1990er-Version noch Variationen eines menschlich anmutenden Pennywise durchblicken ließ, bildet Skarsgård sowohl durch seine unnatürlich anmutende Körpersprache als auch durch sein heftiges Make-Up das passende Abbild für ein andersweltliches Wesen.

Kamera und Sound: Sommeridylle vs. Schockmomente

Ähnlich wie in dem Klassiker Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers dreht sich bei Es zunächst alles um die Sommererlebnisse der sieben Freunde. Diese Szenen sind durchweg in warmen, ansprechenden Farben gedreht und laden zum Genießen ein. Mehr als einmal wird eine Szene, wie das Sonnenbad von Beverly oder der Kampf am Flussbett mit den Schulschlägern, mit einem humorvollen Soundtrack unterlegt, wie es die Macher von Guardians of the Galaxy kaum besser hätten machen können.

Zu einer deutlichen Zäsur kommt es immer dann, wenn Pennywise die Szenerie betritt. Hier beherrschen wackelige, blauchstichige Bilder und hektische Kamerafahrten die Leinwand, der Soundtrack wandelt sich zu einem unangenehmen Quietschen, Rumpeln und Schreien - kurz: es wurden alle Register gezogen, um dem Zuschauer möglichst oft einen Schauer über den Rücken zu jagen. Dies ist besonders wirkungsvoll im alptraumhaft inszenierten Showdown gelungen.

Leider wird hier vor der sehr gelungenen Endszene ein wenig oft das Stilmittel der Jumpscares eingesetzt, was die Schockwirkung von Pennywise zwar nicht komplett untergräbt, aber den Eindruck erweckt, als hätte Muschietti der reinen Anwesenheit des Zwischenwelt-Clowns nicht vollends vertraut. Die Bilder, die den Kinozuschauer nach Verlassen des Saals jedoch noch ein paar Tage verfolgen, dürften aber am ehesten die sein, bei denen man auch etwas von der Kameraarbeit mitbekommt.

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Bill Skarsgard als Pennywise in Stephen Kings Es

Die 80er sahen nie so gut aus

Die Handlung des ersten Teils von Es wurde aus erzähltechnischen Gründen in die späten 80er Jahre verlegt - und das steht dem Film fast ein wenig zu gut. Um genau zu sein: Alle Figuren sind durchweg nett anzusehen. Wer den Vergleich mit dem Original von 1990 wagt, wird dort von schlimmen Frisuren und fragwürdigen Kleidungsstücken geradezu überrannt. Hier war eine Neuauflage wohl wirklich nötig.

Auf die fragwürdige Sexszene zwischen den Kindern aus dem Buch hat Muschietti verzichtet, was dem Film erzählerisch definitiv gut tut. Durch die Verlagerung der Geschichte in die 80er Jahre werden in Sachen Drehbuch, Stimmung (und Besetzung) Parallelen zur erfolgreichen Netflix-Serie Stranger Things offensichtlich. Dies sollte der Zuschauer allerdings eher als Reminiszenz an den King-Klassiker verstehen.

Detailverliebt und technisch auf dem neuesten Stand

Die Effekte, die bei Es für die Darstellung der Zwischenwelt eingesetzt werden, dürften King-Fans mindestens optisch überzeugen, sich doch wieder an eine Verfilmung ihres Lieblingsautors heranzutrauen. Auch gibt es viele kleine Drehbucheinfälle, die nicht nur dieses Werk, sondern Kings gesamtes Schaffen zitieren - vom T-Shirt-Print bis zum Straßenschild. Diese Art der Detailverliebtheit lässt auf einen gelungenen zweiten Teil hoffen.

Fazit

Mit der Neuauflage von Es hat Andrés Muschietti eine erfolgreiche Buchverfilmung hingelegt. Die Handlung und die Tonalität schwankt an manchen Stellen sehr plötzlich zwischen Coming-of-Age-Geschichte und krassem Horror-Thriller, doch die überzeugenden Darsteller halten die Geschichte zusammen. Insgesamt bildet Es einen würdigen Nachfolger des 1990er-Klassikers mit Tim Curry - wenn auch in deutlich modernerem Gewand.

ES - Trailer #5 Deutsch HD German (2017)

Poster Stephen Kings Es
Originaltitel:
Stephen King's It
Kinostart:
28.09.17
Regie:
Andrés Muschietti
Drehbuch:
Chase Palmer
Darsteller:
Bill Skarsgard, Owen Teague, Nicholas Hamilton
Unerklärliche Mordserien suchen die Kleinstadt Derry heim - und eine Gruppe von Kindern kommt langsam dahinter, dass hinter den Morden ein Zyklus steckt.

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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