Kritik zu Young Justice Staffel 1: Auf den Spuren der Justice League

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Young Justice

Im Jahre 2019 sollte es nicht lange dauern, bis man jemanden findet, der die MCU-Avengers-Teammitglieder der ersten Stunde problemlos aufzählen kann. Seit dieser besondere Zusammenschluss von Superhelden dank Stan Lee und Jack Kirby 1963 erstmals in einem Comic auftauchte, waren die Rächer, wie sie hierzulande zunächst genannt wurden, wohl nie so populär wie heute. Allerdings waren sie - obwohl die Filmveröffentlichungspolitik der beiden großen Konkurrenten Marvel und DC respektive Disney und Warner etwas anderes suggerieren - nicht die erste Vereinigung an Kämpfern für das Gute, die in den USA im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die Erde zu retten hatte. Denn bereits 1960 hatte die Justice League das Licht der Panel-Welt erblickt. Entscheidender als dieser kleine Vorsprung ist jedoch die Tatsache, dass der Trend, Gruppen von Helden gegen Superschurken antreten zu lassen, schon seit über fünfzig Jahren existiert und bis zum heutigen Tage anhält.

Neben den Aushängeschildern der beiden Wettbewerber gibt es aber noch weitere Teams, die sich der fiktionalen Verbrechensbekämpfung verschrieben haben. Weit weniger bekannt als die berühmte Liga der Gerechten sind die sogenannten Teen Titans von DC. Wie es der Name bereits andeutet, handelt es sich hierbei um die jüngeren Partner der Heroenprominenz (Batman, Aquaman, Flash usw.) wie Robin, Aqualad oder Kid Flash. Dieses Gründungstrio (erstmals 1964 mit einem gemeinsamen Auftritt in einem Heft) blieb nicht lange alleine respektive wurde im Laufe der Zeit die Kernbesetzung immer wieder verändert. Und nicht nur das: Spätestens seit dem Start der neuesten Realserie aus dem Hause DC mit dem Titel Titans ist die Junior-Liga auch immer mehr Nicht-Langzeitfans ein Begriff. Dass im Popkultur-Sektor sehr gern umbenannt wird respektive irgendwann Umbenennungen dann auch - gefühlt noch lieber - wieder rückgängig gemacht werden, ist kein Geheimnis. Dennoch geht es in diesem Fall viel mehr darum, dass man gewissermaßen den Reifeprozess des Urteams zum Ausdruck bringen wollte. Denn aus der ersten Generation der Teen Titans wurden eben im Laufe der Zeit die Titans, wodurch neue Gesichter in das Teen-Team nachrücken konnten. Und daher sollte sich auch niemand darüber wundern, dass in der Comic-Welt die Titanen zeitgleich mit und ohne den Zusatz “Teen“ anzutreffen sind. 

Im Jahre 2010 sollte man seitens DC dann allerdings ganz tief in die Kreativkiste greifen und eine Zeichentrickserie mit dem Namen Young Justice aus dem Hut zaubern. Und obwohl man sich, was die Protagonisten anbelangte, exakt aus dem Pool der traditionellen (Teen-)Titans-Charaktere bedient hatte, merkte man diesem Format dennoch direkt eine Ambitioniertheit an, die man bis dato im Kontext mit dem Nachwuchs der Gerechten so noch  nicht gesehen hatte. Grund genug, sich einmal etwas genauer mit diesem (Noch-)Geheimtipp zu beschäftigen.

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Wie man große Fußstapfen füllt (in mehreren Staffeln)

Wer in den Neunzigern Kind war und Cartoons liebte, hatte gute Chancen früher oder später auf die Animated Series von DC zu treffen: Batman - The Animated Series (BTAS) und Superman - The Animated Series (STAS). 1999, 2001 und 2004 folgten schließlich noch Batman Beyond/Batman of the Future, Justice League und Justice League Unlimited. Obwohl auch die Marvel-Kreationen New Spider-Man oder X-Men bis heute unglaublich beliebt sind, hatte DC insgesamt einfach doch in Sachen gezeichnete Serien überzeugender abgeliefert. In dieser glorreichen TV-Ära liegt im Übrigen die bis heute von vielen Popkulturfans gelebte Überzeugung begründet, dass der große Konkurrent des “House of Ideas“ zwar auf der Leinwand auf absehbare Zeit nicht mit dem MCU wird mithalten können, aber auf den kleinen Bildschirmen wohl auf Sicht die Nase vorn haben wird.

Die beiden Namen, die untrennbar mit dieser Erfolgsgeschichte verknüpft sind, lauten bekanntlich Bruce Timm und Paul Dini. Ersterer war maßgeblich für den Look verantwortlich (hat allerdings auch viel Einfluss auf den Verlauf der Handlung genommen) und Zweiterer ausschließlich für die inhaltliche Ausrichtung der Kinderprogrammhits. Die Kreativen waren fest entschlossen, die Grenzen des Erlaubten auszutesten (insbesondere bei BTAS), was sicher auch ein Grund dafür war, weswegen ihre Werke bis heute einen exzellenten Ruf in der Fanszene genießen.

2010 dann die kleine Sensation: Kein Vertreter des dynamischen Duos würde an Young Justice mitwirken. Stattdessen übertrug DC Brandon Vietti, der zuvor beispielsweise schon an The Batman oder Batman: The Brave and the Bold mitgearbeitet hatte, und Greg Weisman die Verantwortung. Letzterer Name dürfte bei Cartoon-Liebhabern spätestens dann Begeisterungsstürme auslösen, wenn man ihnen sagt, was auf dessen Referenzliste zu finden ist. Weisman ist nämlich unter anderem der Kopf hinter der womöglich durchdachtesten und komplexesten Disney-Serie überhaupt - die der Mausohren-Konzern (nebenbei bemerkt) unverständlicherweise geradezu stiefmütterlich behandelt: Gargoyles - Auf den Schwingen der Gerechtigkeit. Außerdem geht The Spectacular Spider-Man ebenso auf Weisman zurück wie die vielgelobten Star-Wars-Comics Kanan - Der letzte Padawan sowie Kanan - Das erste Blut.

Dieser Mann hat also bei beiden US-Entertainment-Giganten seine Spuren hinterlassen und gerade mit den ersten zwei Staffeln seiner jungen Helden unglaublich viel für das Image von klassischen Zeichentrickproduktionen getan - in einer Zeit, in der viel zu oft proklamiert wird, dass Computer-animierte Serien und Filme das Maß aller Dinge seien. Daher kam es umso überraschender, als 2013 verkündet wurde, dass es trotz eines großen Cliffhangers in Episode 46 (vorerst) keine weiteren Folgen geben würde. Hauptsächlich hätte das laut Greg Weisman mit den zu geringen Spielzeugverkäufen zu tun gehabt - ein Faktor, der auch bereits bei der Absetzung von Gargoyles eine Rolle gespielt hatte und dessen Bedeutung für den Fortbestand von Cartoons generell nicht unterschätzt werden darf. Doch was heutzutage noch weniger unterschätzt werden darf, ist die Macht des Internets beziehungsweise der Fans. Denn letztendlich waren sie es, die, nachdem Netflix Anfang 2016 Young Justice in sein Portfolio aufgenommen hatte, durch eine Art “Dauer-Bingen“ bewirkten, dass der Streamingriese eine weitere Staffel in Auftrag gab. In den USA debütierte diese Anfang 2019 auf dem neuen DC-eigenen Streamingservice DC Universe, während sie in der restlichen Welt auf Netflix zu finden sein wird. Bis es so weit ist, lohnt ein Blick auf die Anfänge dieses  Ausnahmetitels, der, wie kürzlich bekanntgegeben wurde, auch eine vierte Staffel erhalten wird.

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Inhalt

Aus den Assistentenschuhen waren Robin, Kid Flash und Aqualad zwar mittlerweile herausgewachsen, ihre Mentoren kamen aber nach einem intensiven Austausch zu der Überzeugung, dass sie noch nicht bereit dafür seien, der Justice League beizutreten.

Die Konsequenz: Die nächste Generation erhielt ein eigenes Geheimversteck, den sogenannten Mount Justice, in Red Tornado und Black Canary feste Ausbilder, und immer wieder auch echte Missionen, die anspruchsvoll waren, allerdings eben noch nicht unbedingt das Mitwirken der Liga der Gerechten vorausgesetzt hätte. Indirekt waren deren Mitglieder jedoch schon stets involviert, da sich im Wechsel auch immer wieder einzelne von ihnen den Anwärtern temporär annahmen.

Artemis, Superboy und Miss Martian komplettierten die Truppe, die, wie sich schnell herausstellte, von Anfang an deutlich mehr gefordert war, als man ursprünglich hätte annehmen können.

Justice Junior League? Nein, viel mehr!

Wenn man es richtig angeht, schlägt im Zeichentrickbereich wenig bis nichts eine gut gemachte Superheldenserie. Und richtig angegangen sind es zweifellos Brandon Vietti und Greg Weisman im Falle von Young Justice. Den zwei alten Branchenhasen war ganz offensichtlich vollkommen bewusst, dass es ihnen nur nützen könnte, wenn sie von Anfang an Anhänger von Justice League respektive Justice League Unlimited ebenso ansprechen würden wie Vertreter einer jüngeren Generation, die eventuell bis dato noch nicht einmal einen richtigen Bezug zu den großen Comic-Universen hatten. Dass es den beiden Hauptverantwortlichen damit sehr ernst war, erkennt man schon überaus deutlich in den ersten Episoden - vor allem in der Pilotepisode “Unabhängigkeitstag/Independence Day“.

Der Zuschauer wird mittels der bestens bekannten Granden wie Batman oder Superman abgeholt und zügig mit denen vertraut gemacht, die schon in den Startlöchern stehen, um aufzurücken. Der prominenteste Assistent ist sicherlich Robin, der kongeniale Partner des dunklen Ritters. Ein schönes Detail: Es ist wieder Richard John “Dick“ Grayson, also der erste Robin - Kenner wissen, dass es mittlerweile mehrere Boy Wonders gibt, die es in den Comic-Kanon geschafft haben. Dieser ist wieder deutlich jünger als in The Adventures of Batman & Robin, der zweiten BTAS-Staffel, der man einen eigenen Namen spendierte, und in der der junge Mann mit grüner Hose deutlich mehr in den Fokus rückte.

Außer ihm macht das Publikum noch zeitig Bekanntschaft mit Kid Flash alias Wally West und Aqualad alias Kaldur’ahm. Ihre Alter Egos geben den entscheidenden Hinweis: Sie wurden von dem Blitz (Flash) und dem König der Meere (Aquaman) höchstselbst ausgebildet. Zu den dreien gesellen sich im Laufe der Zeit noch Artemis (Crock), Miss Martian alias M’gann M’orzz und Superboy alias Conner Kent. Letzteren entdeckte das Gründungstrio noch alleine im Rahmen des ersten größeren Abenteuers. Und spätestens mit dem Einführen dieser Figur unterstrichen die Macher sehr deutlich, welche inhaltliche Schwerpunkte das weitere Geschehen bestimmen würden.

Young Justice

Der Offensichtlichste ist natürlich das Aus-dem-Schatten-ihrer-Mentoren-heraustreten-Wollen. Was die einzelnen Folgen aber erst so überdurchschnittlich gut macht, ist, dass der Zuschauer von Beginn an nicht nur mit der Truppe sympathisiert, sondern eine echte Bindung zu mindestens einem der aufstrebenden Helden aufbaut. Und dass dem so ist, hat primär damit zu tun, dass wir den nicht ganz normalen Teenagern dabei zusehen, wie sie an Herausforderungen wachsen und aus Rückschlägen - eventuell auch mit zeitlicher Verzögerung - etwas lernen. Und wenn sogar Liebe eine Rolle spielt, sollte jeder zu dem Schluss kommen, dass die Fans ihre Lieblinge beim Erwachsenwerden begleiten - und das stets parallel zu Weltrettungsmissionen.

Hierin besteht eindeutig das Erfolgsgeheimnis des Formats: Denn dieser Prozess passt einerseits zu ihrem Wunsch, vollwertige Justice-League-Mitglieder werden zu wollen und läuft andererseits bei jedem Jugendlichen doch sehr individuell ab. Exakt das ist auf den Bildschirmen im Zeitraum zwischen dem 4. Juli und Neujahr eines nicht näher bestimmten Jahres zu bewundern: Eine Gruppe unterschiedlichster Persönlichkeiten, von denen jeder trotz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten sein Päckchen zu tragen hat. Alle sechs werden im Laufe der Staffel mehr als einmal mit ihren inneren Dämonen konfrontiert - alleine, in einer Klein- oder in der Großgruppe. Jeder dieser Erzählstränge könnte mit “Identitätssuche“ übertitelt werden. Und ohne dass uns diese Dinge auch nur ansatzweise via Holzhammer vermittelt werden, erkennt man irgendwann, dass diejenigen, die hierbei reüssieren, einen großen Schritt in Richtung Liga-der-Gerechten-Vollmitgliedschaft machen.

Ganz nebenbei sieht man besonders gut an dem Umgang von Vietti und Weisman mit DCs größtem Pfund, ihren Bösewichten, wie sehr die beiden gewillt waren, in Sachen enorm ergiebige Comic-Historie aus dem Vollen zu schöpfen. Dennoch funktionieren die einzelnen Folgen auch ohne, dass man sich die davor oder danach spielenden zu Gemüte geführt hat; sie funktionieren jedoch besser, wenn man es hat, und das auf mehreren Ebenen. Vor allem  aber ist früh spürbar, dass nicht einfach nur ein roter Faden existiert, sondern dass es sich um einen handelt, der in dieser Form nicht oft vorkommt und offenbar schon jede Menge Young-Justice-Zukunft beinhaltet - weit bevor diese überhaupt erstmals spruchreif war.

Fazit

Das Team hinter dem Team muss nicht das uninteressantere sein - dies beweist Young Justice auf eindrucksvolle Weise. Außerdem bietet es jedem, der schon immer einmal in das DC-Universum hineinschnuppern wollte, einen idealen Einstiegspunkt und hält gleichzeitig genug Unerwartetes und Originelles für die Treusten der Treuen bereit. Serienfanherz, was willst du mehr?

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Warner Bros. Animation / DC Entertainment

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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