This is Michael! - Spoiler-Kritik zu Staffel 5 von Lucifer

SPOILER

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Am Ende von Staffel 4 war Lucifer (Tom Ellis) in die Hölle zurückgekehrt. Chloe (Lauren German), die ihm kurz davon ihre Liebe gestanden hat, bleibt auf der Erde zurück und versucht, mit der Situation fertig zu werden. Dann jedoch taucht Lucifer anscheinend wieder auf. Anscheinend. Denn schnell stellt sich heraus, dass es sich nicht um Lucifer handelt - sondern um seinen Zwillingsbruder Michael.

Der erste Trailer zu Lucifer schürte nicht nur die Spannung auf die neuen Folgen, sondern überraschte damit, dass Warner Bros. sich entschieden hatte, bereits vorab das Auftauchen von Lucifers Zwilling preiszugeben. Dies warf die nicht unberechtigte Frage auf, ob dieser Schachzug unklug gewesen sein könnte. Schließlich nahm der Trailer damit die größte Wendung bereits vor Start der neuen Folge vorweg. Und es stellte sich die Frage, wie lange das Autorenteam die Personen um Lucifer im Dunkeln tappen lassen würde, was Michael betrifft - und ob sich dieser Handlungsstrang nicht schnell abnutzen würde.

So viel sei vorab schon einmal gesagt: Bereits nach zwei Folgen ist Michael enttarnt, sodass diese Bedenken für den weiteren Verlauf der Handlung verflogen sind. Es wäre auch unglaubwürdig gewesen, wenn zumindest Chloe, die als extrem clever und empathisch dargestellt ist, nicht umgehend Zweifel gehabt hätte.

Die clevere Chloe täuschen? Geht nicht.

Staffel 5 knüpft zwei Monate nach den Ereignissen von Staffel 4 an. Um die Gefühle der zentralen Personen darzustellen, haben die Autoren sich für die Pilotfolge “Trauriger Teufel” des Kniffs bedient, die Handlung aus zwei Perspektiven zu erzählen. Während Chloe auf der Erde in einem Mordfall ermittelt, versucht Lucifer in der Hölle, denselben Fall mit Hilfe des Mordopfers zu lösen. Schnell wird klar, wie sehr Chloe als auch Lucifer unter der Situation leiden, jedoch setzt das Drehbuch die emotionalen Momente wohldosiert ein - und genau deswegen funktioniert der Auftakt so wunderbar. Es sind weniger Worte, denn Gesten, die deutlich machen, was in Chloe und Lucifer vor sich geht. Dafür treffen diese Gesten umso mehr.

Die anschließende Folge “Lucifer! Lucifer! Lucifer!” bietet dann gleich mehrere Highlights. Das Publikum darf Tom Ellis als Michael erleben, der versucht, seiner Umgebung bestmöglich seine falsche Identität vorzutäuschen. Schnell wird aber an vielen Kleinigkeiten klar, dass sein Täuschungsmanöver nicht glücken kann. Vor allem die Befragung der potentiellen Täter zeigt hier auf amüsante Art und Weise, dass etwas mit Lucifer nicht stimmen kann. Und so ganz nebenbei überrascht diese Szene mit einem gelungenen Gastauftritt von Sharon Osbourne. Allen Beteiligten ist hier anzusehen, welchen Spaß sie bei den Dreharbeiten hatten, gerade Lauren German überzeugt hier mit dem berühmten “Sharooon!”-Ruf von Ozzy Osbourne.

Nachdem Michael enttarnt ist und Lucifer wieder auf der Erde ist (während Amenadiel ein Auge auf die Hölle hat), fährt die Serie den Haupthandlungsstrang für die nächsten Folgen etwas zurück, greift dafür aber Stränge auf, die bereits vor einigen Staffeln gestreut wurden.

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So erfährt das Publikum in einer grandiosen Noire-Folge, was es mit Lucifers Ring auf sich hat und woher die Dämonen in der Hölle stammen. “Für das Huhn geht es nie gut aus” zeigt, wie gut sämtliche Darsteller aufeinander eingespielt sind, und welch großes Comedy-Timing das Ensemble hat. Lauren German und Aimee Garcia schlüpfen hier in männlichen Rollen - immerhin besteht Trixie darauf, dass es in Lucifers Geschichte mehr Frauen geben muss! - und füllen diese Rollen ohne Probleme aus. Nie hat das Publikum German männlicher an einem Tisch herumlümmeln sehen als beim gemeinsamen Abendessen mit Überraschungsgast Tricia Helfer, die Germans Ehefrau in der Folge verkörpert. Als Zugabe gibt es letztendlich zwischen den beiden sogar noch einen Kuss, der zwischen German und Ellis nicht hätte leidenschaftlicher ausfallen können. Kevin Alejandro und D.B. Woodside zeigen in der Noire-Episode erneut, dass sie komische Rollen perfekt erfüllen können. Alejandro sorgt mit seiner Rüstung und dem Versuch, lässig auf einer Sofalehne Platz zu nehmen, für Lacher, während D.B. Woodside als schrulliger Scharlatan überzeugt. Lesley-Ann Brandt hingegen kann wiederum beweisen, dass sie gesanglich mit Tom Ellis mithalten kann und punktet zudem in den Schlussmomenten mit leisen, emotionalen Tönen.

Meta, der persönliche Jesus und Detective Amenadiel

Generell sind die Episoden, die den Namen “Filler” nicht wirklich verdient haben, durchweg positiv. Flachten gerade solche Folgen in den vorherigen Staffeln immer etwas ab, geht die Serie Wagnisse ein, die sich lohnen. “Diablo!” hebt Lucifer auf eine Meta-Ebene, bei denen jeder Seitenhieb sitzt. Tom Ellis, privat ein Raucher, hat in der Episode nur Spott für die E-Zigarette des Diablo-Schauspielers übrig, der gelassen reagiert und sich die Anmerkung, dass Rauchen ihm beim Schlankbleiben hilft, nicht verkneifen kann. Wer Ellis auf Social Media folgt, weiß, dass der Darsteller seit einigen Monaten ein entsprechendes Training absolviert, um sich fit und seine Figur zu halten.

“Detective Amenadiel” gibt allen die Möglichkeit, neue Dynamiken auszuprobieren. Zu sehen sind Chloe und Amenadiel als Ermittlerteam, während Lucifer sich gezwungenermaßen mit Dan zusammen tun muss. Wenn der Fall dann noch in einem Kloster spielt und die Ordensschwestern Amenadiel buchstäblich anhimmeln, ist der Spaß an der Folge garantiert. Außerdem hat Lucifer ganze 5 Staffeln durchgehalten, bis das erste Mal “Personal Jesus” von Depeche Mode erklingen durfte. Dafür funktioniert die Szene in dem Moment umso besser.

Ab Folge 6 steuert die Staffel dann jedoch hartnäckig auf das Finale zu und führt die Handlungsstränge geschickt zusammen. Im letzten Drittel ist definitiv Schluss mit lustig, die Spannung nimmt spürbar zu - was beinah etwas überrascht, da die Serie in der Vergangenheit selten mit Spannung überzeugen konnte. Hier jedoch sorgt Lucifer für eine positive Überraschung. Michael, der fast vernachlässigt worden ist, spinnt ein Ränkespiel, das gerade bei Maze aufgrund der Ereignisse in den Folgen zuvor auf fruchtbaren Boden fällt. Man möchte ihm umgehend für seine Intrigen und Aktionen an die Gurgeln springen und weiß, warum bei der weltweiten Ausstrahlung via Netflix schnell #michaelisadick trendete. Lucifers Zwillingsbruder handelt ohne Rücksicht auf Verluste und bereitet nach und nach den Weg für das große Finale, das in Episode 7 seinen Anfang nimmt.

Es wird dramatisch bei Lucifer

Dan ist nun der Vorletzte, der Lucifers wahre Identität kennt und - drücken wir es diplomatisch aus - verstört darauf reagiert. Der perfekte Kandidat für Michael. Chloes Entführung sorgt dann in der finalen Folge für Höchstspannung, da die Hauptfiguren hier auf Irrwege geführt werden. Mitleid gibt es an dieser Stelle für Ella, die anscheinend einfach nicht glücklich sein darf. Kaum hat sie mal jemanden gefunden, der auf ihrer Wellenlänge zu sein scheint, ihr VIP-Tickets zu einer Star-Trek-Convention besorgt und obendrein noch Klingonisch spricht, stellt sich heraus, dass sie an einen Psychopathen geraten ist. Jedoch funktioniert diese Wendung gerade an dieser Stelle auf grausame Weise - schließlich waren die meisten Serienmörder in der Geschichte, die auf bestialische Weise mordeten, unauffällige Männer. Einige von ihnen wurden gar als charmante Zeitgenossen beschrieben. Da ist die Erkenntnis, dass Ellas Love Interest sein Serienkiller ist, umso heftiger.

Die finalen Szenen der ersten Staffelhälfte bieten abschließend einen Kampf, die ein Augenschmaus ist. Hier ist Lucifer deutlich anzumerken, dass die Serie mittlerweile bei Netflix beheimatet ist und ein größeres Budget hat. Die Choreographie des Kampfs zwischen Lucifer, Amenadiel, Michael und Maze ist hervorragend inszeniert und nutzt den Effekt, dass die Zeit stillsteht, auch optisch gut aus. Und wenn dann noch Papa schließlich als Cliffhanger eingreifen muss, bleiben so gut wie keine Wünsche mehr offen.

Der Cast hat Spaß

Während der gesamten ersten Hälfte ist allen Beteiligten anzumerken, welchen Spaß sie an den Folgen hatten. Sie zeigen verschiedene Facetten ihrer Figuren, was gerade der Rolle von Chloe gut getan hat. In den vorherigen Staffeln neigte Chloe dazu, mitunter etwas zu weinerlich dargestellt zu werden, was der Chloe, wie sie der Zuschauer in den ersten Staffeln kennenlernen durfte, widersprach. Nun springt Lauren German jedoch problemlos von einer Facette in die nächste und hat sichtlich Freude daran, ihrer Figur wesentlich mehr Tiefe zu verleihen.

Ebenso profitiert Lesley-Anne Brandt davon, dass Maze nicht mehr lediglich als dunkle, brutale Dämonin angelegt ist. Zwar darf sie auch in dieser Staffel mit Freuden foltern, jedoch zeigt sich, dass Maze einiges gelernt hat, was Emotionen betrifft. Damit wirkt auch ihr Wunsch, eine Seele zu haben, nicht weit hergeholt und glaubwürdig. Brandt überzeugt in diesen Momenten ebenso wie in den Kampfszenen.

Und auch Tom Ellis genießt es, für einige Szenen aus Lucifers Haut und in die von Michael zu schlüpfen. Nachdem Michaels Identität aufgedeckt ist, zeigt er die völlig andere Körperhaltung des Zwillings, die nicht so aufrecht und stolz wie die von Lucifer wirkt. Ganz im Gegenteil, Michael steht sichtbar schief und geht geduckt durch sein Dasein. Michael spricht sogar anders als Lucifer, Ellis hat sich für diese Rolle einen US-amerikanischen Akzent zugelegt, der sich deutlich vom British English von Lucifer unterscheidet. Übrigens ein Aspekt, der in der deutschen Synchronisation völlig verloren geht, hier ist in der Sprechleistung von Manou Lubowski leider kein Unterschied herauszuhören. Er spricht sowohl Lucifer als auch Michael in demselben Tonfall.

Fazit

Die erste Hälfte der Staffel 5 von Lucifer bietet die vermutlich stärksten Episoden der gesamten Serien. Keine Folge flacht spürbar ab oder sorgt sogar für einen Totalausfall wie manch andere Episoden in den Staffel zuvor. Man darf gespannt sein, wie es nach dem Cliffhanger in der zweiten Hälfte weitergeht - schließlich hat sich Gott persönlich jetzt ins Spiel gebracht, um seinen Kindern ordentlich auf die Finger zu klopfen ...

Lucifer Staffel 2

Originaltitel: Lucifer (seit 2016)
Erstaustrahlung am 25.01.2016 bei Fox / 15.06.2016 bei Amazon Prime Video
Darsteller: Tom Ellis, Lauren German, Kevin Alejandro, D. B. Woodside, Lesley-Ann Brandt, Scarlett Estevez, Rachael Harris
Produzenten: Tom Kapinos, Ildy Modrovich, Len Wiseman, Jonathan Littman, Jerry Bruckheimer
Staffeln: 3+
Anzahl der Episoden: 51+


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