Kritik: The Revenant - Der Rückkehrer: Beeindruckende Bilder, mittelmäßige Erzählung

SPOILER

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The Revenant Filmstill

Mit wahren Begebenheiten ist das so eine Sache. Nichts ist wahrscheinlich spannender, als das "wahre Leben" und seine bisweilen unglaublichen Geschichten auf der Leinwand zu sehen. Spielfilme sind allerdings noch immer in erster Linie Unterhaltungswerke und als solche müssen sie hauptsächlich eine gute Geschichte erzählen. Deshalb sei deutlich gesagt: Zwar beruht The Revenant - Der Rückkehrer auf einer wahren (und unglaublichen) Geschichte, bei der Ausgestaltung seiner Figuren nimmt sich der Film jedoch einige Freiheiten.

Nach einem Indianerüberfall retten sich die Überlebenden einer Pelzexpedition am Missouri auf den Fluss und wollen sich anschließend zum nahen Grenzposten Fort Kiowa durchschlagen. Bei einem Jagdausflug des arg dezimierten Trupps wird der Pelzjäger Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) von einer Bärin angefallen und schwer verletzt. Aufgrund des Schneefalls und großer Kälte befiehlt Expeditionsleiter Henry (Domhnall Gleeson) schweren Herzens, Glass zurückzulassen. Glass' Sohn Hawk sowie die beiden Freiwilligen Bridger (Will Poulter) und Fitzgerald (Tom Hardy) sollen den Verletzten bewachen, bis dieser entweder Tod ist oder Entsatz eintrifft. Fitzgerald will jedoch lieber seine eigene Haut retten: Er tötet Hawk (was der Trailer leider preisgibt) und zwingt Bridger, Glass ohne Beistand im Wald alleine zu lassen. Angetrieben von einem übermenschlichen Willen und dem Durst nach Rache, kriecht Glass aus seinem notdürftig geschaufelten Grab und macht sich auf den Weg, zur Zivilisation zurückzukehren.

Zwar stimmt es tatsächlich, dass sich der schwer verletzte Glass rund 320 km durch die Wildnis schleppte und dabei eine fast übermenschliche Zähigkeit bewies. Aber weder weiß man, ob Fitzgerald tatsächlich ein derart egoistischer Mann war, noch ob Glass einen Sohn hatte, der bei der Expedition ums Leben kam. Darum verzichtet der Film auch auf eine klare Aussage, wann und wo er spielt, wohl um den wahren Kern - und damit die Sensationslust des Publikums - nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Viel eher konzentriert er sich auf die Tortu(o)ren seines Hauptcharakters am Rande der Zivilisation.

Oder zumindest dem, was man unter Zivilisation verstehen könnte. Die Härte des Lebens an der us-amerikanischen "Frontier" wird bereits in der Eingangssequenz deutlich: Schonungslos wird der Überfall auf die Pelzjäger gezeigt, die Männer bekommen Pfeile in den Hals und Kugeln in die Brust, fesselnd inszeniert als ununterbrochene Aufnahme ohne Schnitt - einem Markenzeichen in der Zusammenarbeit von Regisseur Alejandro G. Iñárritu und Kameramann Emmanuel Lubezki. Vor dem Überfall wird der raue Umgangston der Trapper gezeigt, der erwähnte Fitzgerald verdeutlicht daneben auch die gierige, egoistische Seite des Lebens in den Weiten des us-amerikanischen Grenzgebietes der 1820er Jahre. Die menschliche Kälte der Männertruppe wird zudem verstärkt von der Natur: Ist es zu Beginn des Films feucht und klamm, dominiert im Verlauf das kalte Weiß des Schnees. Fast greifbar wird der allgegenwärtige Frost im Atem der Schauspieler, der manchmal auf der Kamera kondensiert.

Das Bild fährt oft nah an die Protagonisten heran, vor allem Glass wird in seinem Leiden intensiv studiert. Diese Nähe, inklusive manchmal verwackelter, beschlagener Kameras, ist immer etwas unangenehm und kann manche Zuschauerinnen oder Zuschauer vielleicht aus dem Film reißen. Für die eine oder den anderen kann es zudem anstrengend sein, DiCaprios Charakter über 156 Minuten hinweg beim Murmeln, Stöhnen, Röcheln, Grunzen und Raunen zuzuhören und -sehen. Obwohl selbst für den größten Laien das Können DiCaprios als Schauspieler offensichtlich ist, bleibt seine Leistung in gewisser Weise oberflächlich. Denn keiner der Charaktere ist sonderlich kompliziert, Glass' Entschlossenheit, zurück zur Zivilisation zu humpeln, bleibt wenig nachvollziehbar. Klar, es geht ihm um Rache, aber diese wird weder erzählerisch noch bildlich in den Vordergrund gestellt. Am Ende dient sie lediglich für einen gut choreographierten, aber dennoch vorhersehbaren Showdown.

Während der Film erzählerisch also eher unterwältigt, beeindruckt er inszenatorisch. Neben der Eingangssequenz finden sich noch viele weitere, dynamisch gefilmte Szenen. Zudem hinterlassen die Naturbilder einen starken Eindruck. Durch natürliche Beleuchtung und dem hervorragenden, weil sehr zurückhaltenden Soundtrack ist es gelungen, die Natur gleichzeitig als faszinierend und furchteinflößend darzustellen. Die musikalische Arbeit von Ryuichi Sakamoto, Carsten Nicolai und Bryce Dessner baut durch spärliche, aber effektive Instrumentalisierung das Plätschern von Wasser, das Rauschen von Blättern und Flüssen zu einer bedrückenden und bedrohlichen Tonmauer auf, die sich aber letztlich wieder in einer dumpfen Melodie auflöst. So verdeutlicht der Film den ambivalenten Charakter der Natur und schlägt eine emotionale Brücke zwischen den Charakteren, die in der harschen Wildnis um ihr Überleben kämpfen, und dem Kinopublikum von heute.

Entgegen der Erwartungen, die durch den Trailer und teilweise die Vorberichterstattung geschürt werden, ist der Film kein Actionfest oder eine Gewaltorgie. Eher erinnert The Revenant - Der Rückkehrer an Werke von Terrence Malick (z.B. The Thin Red Line, A New World) oder Nicolas Winding Refn (Valhalla Rising), die beide Naturdarstellungen mit zwischenmenschlicher Gewalt kombinieren. Statt sich aber an der gegenseitigen Zerfleischung der Menschen satt zu sehen, zeigen diese Filme wie auch The Revenant Gewalt lediglich in ihrer erbarmungslosen Konsequenz: Sie zerstört Menschenleben und verletzt die Überlebenden.

In seiner Länge, seinen manchmal kryptischen Bilderwelten, aber auch in seiner schonungslosen Darstellung, kann The Revenant - Der Rückkehrer vor allem für actionorientierte Zuschauerinnen und Zuschauer eine Zumutung sein. Für Fans guter Bilder, einer hervorragenden Inszenierung und einer trotz mancher Längen doch packenden Erzählung lohnt sich allerdings der Gang ins Kino.

Es bleibt die Frage: Wird dies die Oscar-Rolle für den oft übergangenen Leonardo DiCaprio sein? Wahrscheinlich schon - allerdings nicht, weil seine Rolle eine derartige Charaktertiefe besäße. Sondern vermutlich, weil DiCaprio gerade in keinem anderen Film sein Talent beweißt, aber seine zahllosen Nominierungen ohne Gewinn mittlerweile zum Running Gag geworden sind. Verdient hätte er den Oscar ja allemal. Nur schon viel früher.

The Revenant - Der Rückkehrer | Trailer 2 | Deutsch HD German (Alejandro G. Iñárritu)

The Revenant - Die Rückkehrer Filmposter
Originaltitel:
The Revenant
Kinostart:
06.01.16
Laufzeit:
156 min
Regie:
Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch:
Mark L. Smith, Alejandro G. Iñárritu
Darsteller:
Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter
Bei einer Expedition tief in der amerikanischen Wildnis wird der legendäre Jäger und Abenteurer Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) von einem Bären attackiert und von seinen Jagdbegleitern zurückgelassen.

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