Winnetou: Eine neue Welt - Kritik zur TV-Neuauflage auf RTL

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Winnetou & Old Shatterhand

Vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen Jahren praktisch alles einen Reboot oder ein Remake erhalten hat, was nicht bei drei auf den Bäumen war, kommt es schon etwas überraschend, wie lange Winnetou gebraucht hat, um neu aufgelegt zu werden. An Versuchen hat es in der Vergangenheit nicht gemangelt, doch zur Realisierung kam es nie. Erst 2015 machte schließlich RTL Nägel mit Köpfen und gab einen TV-Dreiteiler in Anlehnung an die Filme aus den 60er Jahren in Auftrag. Teil 1, Winnetou – Eine neue Welt, feierte am ersten Weihnachtsfeiertag Premiere und war mit über 5 Millionen Zuschauer ein Quotenerfolg.

Der Film erzählt die Geschichte des sächsischen Ingenieurs Karl May (Wotan Wilke Möhring), der in 1860er Jahren in den Westen der USA reist. Hier möchte er als Landvermesser für eine Eisenbahngesellschaft am Fortschritt der Menschheit mitwirken. Als er auf den Indianerstamm der Apachen trifft, muss er aber feststellen, dass nicht alle Menschen die Eisenbahn als etwas Gutes sehen. Angeführt vom Häuptlingssohn Winnetou (Nik Xhelilaj) möchten die Indianer die Eisenbahnarbeiter aus ihrem Land vertreiben. Karl May gelingt es, zwischen beiden Gruppen zu vermitteln, doch es kommt zu einem Todesfall und zwischen beiden Seiten bricht der Kampf aus.

Die Katastrophe bleibt aus

Die Jubelstürme vieler Karl-May-Leser von Kindesbeinen an hielten sich sicherlich in Grenzen, als sich ausgerechnet RTL an eine Neuverfilmung wagte. Letztendlich ist Winnetou – Eine neue Welt allerdings nicht die Vollkatastrophe, wie sie im Vorfeld befürchtet wurde.

Dies hat die Produktion zunächst einmal ihrem Budget zu verdanken. So soll RTL mit 15 Millionen Euro einiges an Geld in die Hand genommen haben, um die Trilogie umzusetzen. Für einen TV-Film sieht das Ganze dementsprechend hochwertig aus. Effekttechnisch stößt man am Ende zwar mit der Brückenexplosion am Ende an gewisse Grenzen, trotzdem kann der erste Teil rein optisch wirklich überzeugen.

Interessant sind dabei auch die Vergleiche zu den Filmen aus den 60er Jahren. In der Neuverfilmung setzen die Macher auf einen Mix aus Nostalgie und Neuem. So fanden die Dreharbeiten beispielsweise wieder in Kroatien statt. Allerdings wählte man einen deutlich realistischeren Ansatz und durch die Farbfilter wirkt Winnetou – Eine neue Welt deutlich düsterer. Bei der Musik geht man auf ähnliche Weise vor. Die bekannte Melodie von Martin Böttcher findet zwar wieder Anwendung, kommt jedoch nur sehr dezent zum Einsatz. Diesen nostalgischen Ansatz hätte es aber gar nicht gebraucht. Das Ganze wirkt eher wie ein Marketing-Mittel, mit dem man die alten Fans abholen möchte. Da die neuen Filme sich im Ton und in der Optik aber so stark unterscheiden, stellt sich nie so wirklich ein Nostalgie-Gefühl ein.

Winnetou für eine neue Generation

Neben den Schauwerten haben die Macher auch beim Casting keine Mühen gescheut und im ersten Teil mit Milan Peschel, Rainer Bock, Jürgen Vogel und Oliver Masucci einige namhafte deutsche Darsteller verpflichtet. Das Augenmerk liegt aber auf den beiden Hauptdarstellern.  Wotan Wilke Möhring ist für Old Shatterhand eine interessante Wahl, da er weniger dem Tarzan-Typ entspricht, wie ihn einst Lex Barker verkörperte. Nicht umsonst heißt seine Figur im Film auch tatsächlich Karl May. Nik Xhelilaj als Winnetou ist dagegen etwas zwiespältig. Hier haben sich die Macher genau für den anderen Weg entschieden. Im Gegensatz zum ersten Winnetou-Darsteller Pierre Brice ist Xhelilaj ein durchtrainierter Modeltyp mit Sixpack, der aber über wenig Ausstrahlung verfügt.

Die Veränderungen an Winnetou sind dabei aber nicht nur optischer Natur. Aus dem eigentlich edlen Indianer, der sich nicht nur durch seine kämpferischen Fähigkeiten, sondern auch durch einen klugen Kopf auszeichnet, ist in der Neuverfilmung ein blutrünstiger Trottel geworden. Dies geht sogar soweit, dass Winnetou kein Problem damit hat, seine Krieger in ein Massaker zu führen, das sich mit einem kleinen Funken Verstand durchaus hätte vermeiden lassen können.

Kein Karl-May-Film

Generell muss man festhalten, dass die Geschichte trotz der Tatsache, dass der Name Karl May wiederholt fällt, mit der Buchvorlage nichts zu tun hat. Dies galt zwar bereits für die Filme aus den 60ern, Trotzdem wäre es schön gewesen, tatsächlich einmal eine originalgetreue Buchverfilmung von Karl May zu sehen. Die Bücher werden schließlich nicht umsonst seit über 100 Jahren gelesen. Irgendetwas muss an den Geschichten doch dran sein. Abgesehen davon ist die Handlung aber durchaus spannend geraten. Inhaltlich gewinnt der Film zwar keinen Innovationspreis, trotzdem kommt in den rund 110 Minuten selten Langeweile auf. Lediglich die erste halbe Stunde hätte doch etwas mehr Tempo vertragen können.

Fazit

Mit dem ersten Teil der neuen Winnetou-Trilogie modernisiert RTL die klassische Geschichte und überzeugt vor allem optisch. Wer sich einen richtigen Karl-May-Film erhofft hat, wird ebenso enttäuscht, wie alle, die auf eine Katastrophe spekuliert haben. Am Ende bleibt ein TV-Film, den man sich problemlos anschauen kann, den man aber auch genauso schnell wieder vergessen haben dürfte.+

Unsere Kritik zu Teil 2 und 3 findet ihr hier.

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