Kritik zu Star Trek: Discovery 1.07 - Magic To Make the Sanest Man Go Mad

SPOILER

Ohne Vorwarnung haut Star Trek: Discovery eine angestaubte, aber amüsante "Und täglich grüßt das Murmeltier"-Variante raus, besticht dabei mit Humor, Leichtigkeit und einem tollen Gastcharakter,  muss sich aber Fragen zur Struktur der Serie gefallen lassen.

Was passiert?

Die Crew der Discovery lenkt sich mit einer Party von den Irrungen und Wirrungen des Klingonen-Krieges ab. Leider stört jedoch ein ungebetener Gast die Stimmung und bringt Schiff und Crew immer wieder an den Rand der Katastrophe ...

Was darf es sein? Serial oder Procedural?

Hört man noch einmal ein wenig in die Vergangenheit und schaut auf die Aussagen Bryan Fullers und der anderen noch aktiven Produzenten der Serie, wurde diese immer als eine Art verfilmter Roman mit mehreren Kapiteln bezeichnet. Eine Geschichte aus mehreren Episoden, die kontinuierlich aufeinander aufbauen und die Gesamtgeschichte vorantreiben - mit besonderem Fokus auf die Charaktere.
 
Passend dazu hat man mit den ersten beiden Episoden einen Prolog geboten, der zwei zentrale Charaktere eingeführt und gleichzeitig eine Basis geschaffen hat, um die folgenden Ereignisse emotional besser einordnen zu können. Mit den weiteren vier Episoden hat man anschließend die verschiedenen Ebenen der Handlung weiter ausgesponnen. Dabei hat es durchaus Reibungsverluste in Sachen Präzision der Charakterzeichnung und Aufbau der Story zu beklagen gegeben - wenngleich diese (noch) keinen akuten Einfluss auf die allgemeine Qualität hatten.
 
Dennoch sind natürlich Fragen erlaubt: Warum wurde die Benutzung des Sporenantriebens zunächst als irre kompliziert und gefährlich skizziert, nur um eine Episode später in einem Nebensatz zu zeigen, dass Stamets nun als neuer Navigator problemlos Sprünge durchführen kann? Wie geht es mit dem Antrieb weiter? Was macht das mit Stamets? Interessiert sich jemand für seine Veränderung? Wie lange lässt man Lorca noch im Amt? Was passiert nach der Entführung von Cornwall? Man könnte noch eine ganze Weile so weitermachen. Der Anspruch ist dabei wahrlich nicht, dass alles schnell oder umgehend erklärt werden muss. Die Serie hat Geduld verdient. Doch ist es auf der anderen Seite auch nie verkehrt, Dinge anzusprechen, bevor man andere Krisenherde aufmacht oder das Gefühl bekommt, sie würden unter den Tisch fallen.
 
Gerade wenn man sich noch einmal die problembelastete Entstehungsgeschichte der Serie vor Augen führt, ist eine solch holprige Anfangsphase in dieser Form eigentlich gar nicht zu vermeiden gewesen.
 
Mit der aktuellen Episode hält aber noch etwas anderes Einzug, das an diesem Punkt der Handlung durchaus überrascht. Zwar holt man mit Harry Mudd einen Charakter zurück, der zwei Episoden zuvor erstmals aufgetaucht war und erzählt seine Geschichte angemessen sowie clever weiter, die Ereignisse der letzten Episode rund um Admiral Cornwall und weitere bereits angesprochene Krisenherde treten jedoch stark in den Hintergrund.
 
Hätte man nicht zumindest erwartet, dass es Diskussionen um Cornwalls Entführung und eine potentielle Rettungsmission gibt? Immerhin hatte Lorca befohlen, bei Starfleet nachzufragen. Was ist mit Ash Tyler, den viele Fans immer noch für Voq halten? Wie verlaufen die ersten Tage von Burnham auf der Brücke? Wie hat Saru auf sie reagiert?


 
Die Autoren entschieden sich dafür, einen ganz anderen Weg zu gehen. Burnham beginnt (und beendet) die Episode mit einem Logbucheintrag, der uns in Windeseile durch einige Ereignisse führt, die man vielleicht auch hätte zeigen können. So erfahren wir, dass sie Trost in der Arbeit findet, in einer Routine mit dem neuen Job auf der Brücke angekommen ist, ihre Freundschaft mit Tilly wertschätzt, Tyler als Mann spannend findet und - jetzt bitte gut festhalten - dass dank der Discovery und ihrem Antrieb der Krieg gegen die Klingonen fast schon gewonnen ist. Ach, wirklich? Gut zu wissen! So wie Burnham es hier darstellt, ist der Antrieb also der absolute Gamechanger und der Rest nur noch Formsache. Das mag zwar nur ihre Wahrnehmung sein und sich als Trugschluss herausstellen, die Art der Präsentation macht aber definitiv stutzig. Wir haben immerhin seit Ausbruch des Krieges noch keine Schlacht gesehen oder zumindest von einer gehört. Wie läuft dieser Krieg denn überhaupt ab? Worin besteht der große Vorteil des Antriebs? Hier schweigt man sich bislang aus. Das kann den einen oder anderen schon frustrieren. Man muss einfach abwarten, was an dieser Front noch passiert.

Geiler Scheiß: Die Serie als Procedural

Nehmen wir die Episode für den Moment einfach einmal als Einzelabenteuer mit einigen durchlaufenden Elementen - in bester Tradition der klassischen Trek-Serien - so hin. Auf diese Weise betrachtet, haben wir es hier wahrlich mit einem urtypischen Ausflug zu tun. Das gezeigte Szenario ähnelt dem in der TNG-Episode "Cause & Effect" und lässt fast eine Beteiligung von Brannon Braga vermuten, der sich mit Ausflügen dieser Art einen Namen gemacht hatte.
 
Und obwohl die Autoren der Grundidee keine wirklich neuen Kniffe abringen, kommt die Präsentation frisch daher. Auch weil Mudd die Rolle des Timeloop-Captains einnimmt und nur Stamets als halbwegs ebenbürtigen Gegenspieler vor der Brust hat. Dieser nimmt dann auch die zentrale Rolle seitens der Crew ein und wirkt fast wie Doc Brown, wenn er leicht verwirrt und im Redeschwall seine Erkenntnisse an den Mann oder die Frau bringen will.
 
Rein von der Struktur her erleben wir mehrere Durchläufe, die alle mit einer Party starten, die der Crew sicher zu gönnen ist, irgendwie allerdings  auch ein wenig deplatziert wirkt. Dafür bringen die Szenen aber immerhin charmante Szenen hervor, die besonders Burnham, Tilly und Tyler betreffen. Die Durchläufe besitzen alle dezente Überschneidungen, werden jedoch so stark verändert, dass keine Langeweile aufkommt. Im Gegenteil macht es eher Spaß, die ganzen neuen Ansätze zu verfolgen. Mit jedem Durchlauf versucht Stamets, Burnham und die anderen einzuspannen. Der Humor ist dabei definitiv das dominierende Element, egal ob es um Stamets Versuche geht oder um die verschiedenen Todesarten von Captain Lorca ("Um diese Zeit bringt Mudd in der Regel den Captain um.“).


 
Eine wirklich schöne Szene ergibt sich, als Stamets Burnham zum Tanzen auffordert (um sie besser kennenzulernen) und ihr dabei erzählt, wie er und Culber zusammengekommen sind. Auch seine Idee, ein Geheimnis von Burnham zu erfahren (sie war noch nie verliebt), damit sie ihm im nächsten Loop schneller glaubt und vertraut, hat man liebenswert umgesetzt.
 
Gen Ende kommt es dann sogar noch (viel zu schnell) zur ersten Annäherung zwischen Burnham und Tyler - inklusive Tanz und Kuss. Da es nicht der letzte Loop war, wird die Erinnerung daran den beiden jedoch nicht erhalten bleiben. Dennoch: Am Ende weiß das Duo um seine Gefühle (Stamets sei Dank) - da geht noch was. Also doch ein wenig Discovery Hills 90210?
 
Beim letzten Loop biegt die Geschichte dann auch inhaltlich auf die Zielgerade ein, wobei der Trick, wie man Mudd hereinlegt, schon recht konstruiert wirkt. Auch die Tatsache, dass man ihn - dem das Leben der Crew, das Schicksal der Föderation und somit vieler Völker vollkommen gleichgültig war - der Liebe wegen (?) gehen lässt, irritiert zumindest. Der Mann gehört in eine Zelle, nicht in die Flitterwochen. Dafür wirkt die ganze Abschlusssequenz mit Stella und ihrem Vater dann jedoch wieder wie direkt aus der Classic-Serie importiert - was zumindest einen ganz eigenen Charme besitzt. Schwamm drüber. Das Motto hier lautet "seichte Unterhaltung“ - da muss man einfach auch mal ein Auge zudrücken.
 
Einige mittelschwere Logiklöcher sollten dennoch nicht unerwähnt bleiben:
 
Stella und ihr Vater schaffen es irgendwo gen Ende des letzten Timeloops innerhalb von Minuten von wo auch immer sie waren zur Position der Discovery zu kommen? Der Weltraum ist wirklich verdammt klein in dieser Trek-Inkarnation.
 
Burnham denkt wirklich, dass ihre Rede samt Selbstmord Mudd zu einem weiteren Loop motiviert? Ich halte ihren Plan an dieser Stelle für mehr als ambitioniert und optimistisch und ihr Opfer für unglaubwürdig.

Burnham & Mudd
 
Daraus folgt auch gleich die nächste Frage: Mudd fällt ernsthaft darauf rein und riskiert einen weiteren Loop, anstatt den sicheren Sieg samt Verkauf des Schiffes an die Klingonen zu nehmen? Glaube ich nicht. Der Mann ist doch nicht blöd.
 
Das sind Dinge, die ein wenig schmerzen, dem Spaß hier aber letztlich nur wenig Abbruch tun.

Denn sie wissen nicht, was sie wollen: Die Serie als Serial

Obwohl ich obige Betrachtung favorisiere, ein paar kurze Worte für die Fraktion, die vielleicht nicht ganz so einfach mit der Verfahrensweise der Autoren zurechtkommt.
 
Es mag absolut möglich sein, dass die Autoren auch weiterhin den Anspruch haben, die Staffel als Buch mit fünfzehn Kapiteln zu betrachten, ihr Umgang mit Handlungselementen ist dann aber in jedem Fall als lässig zu betrachten. Sie überlassen viel dem Zuschauer und handeln wiederholt nach dem Credo "erzählen, nicht zeigen", das eigentlich eine Umkehrung dessen darstellt, was man sich von guten Drehbüchern eigentlich erhoffen würde.
 
Das darf man jedoch auch nicht falsch verstehen: Jede alte Trek-Serie (oder auch andere Genre-Klassiker wie Stargate, The X-Files oder selbst modernes TV) funktionierten und funktionieren exakt nach diesem Muster und waren und sind damit für wundervolle Unterhaltung gut. Hier handelt es sich nicht um einen Makel, sondern hinterlässt nur die Frage nach der Vision der Autoren - gerade im Vergleich zu dem, was ursprünglich einmal kommuniziert wurde.
 
Wenn man den großen Krieg eher nebenbei abhandeln will (oder sich lieber auf kleine Ausschnitte daraus konzentriert), ist das für viele - mich eingeschlossen - sicher vollkommen okay. Solange die Serie zeigt, dass sie weiß, was sie will und dabei unterhaltsam bleibt, gibt es letztlich wenig Einwände. Das Endprodukt könnte dann irgendwann die reifere und ernsthaftere Variante von The Orville sein - und somit also irgendwie doch genau das, was man von einer Trek-Serie 2017 erwarten würde. Retrofeeling mit Addons.

Einige Beobachtungen

Captain Lorca zeigt sich in dieser Episode erneut von einer Seite, die Starfleet keine Ehre macht. Ihm ist es vollkommen egal, womit man es bei dem Weltraumwal zu tun hat - welcher seiner Offiziere sich darum kümmert, spielt für ihn ebenfalls keine Rolle. Schlechte Laune? Düstere Gedanken ob der Geschehnisse rund um Cornwall? Der Mann ist wirklich undurchschaubar. Später dann pokert er noch mit seiner Buran-Geschichte - was irgendwie nicht so recht passen will. Schließlich handelt es sich hier um einen furchtbaren, traumatischen Zwischenfall, den er nur benutzt, um seine Argumentation zu stärken. Aufrichtig ist er dabei aber sicher nicht.


 
Saru wird als Charakter weiterhin etwas vernachlässigt. Seit einigen Episoden hat er sich bereits in die Masse der undefinierten Brückencharaktere eingefügt und fristet seither praktisch ein Schattendasein. Mehr von Saru bitte: Der Kerl ist super spannend!
 
Mudd bezeichnet einen dieser namenlosen Brückenoffiziere als "beliebigen Sternenflotten-Kommunikationsfuzzi“. Ein Brüller.
 
Der Planet Betazed wird erwähnt. Die Story rund um Mudd und Stella geht im Übrigen in der Classic-Serie weiter. Unbedingt nochmal reinschauen!
 
Stamets scheint sich unter dem Einfluss des Antriebs tatsächlich komplett verändert zu haben. Sogar sein Freund Dr. Culber thematisiert sein Verhalten vor Kollegen. Für den Zuschauer ist das toll: Stamets ist auf dem Weg zu einem der witzigsten Trek-Charaktere.


 
Die Frage nach der Identität von Tyler als Voq wird erneut mehr oder weniger subtil befeuert: Stamets bezeichnet ihn als sehr "geerdet“ nach sieben Monaten Folter. Absurd ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass der Tribble aus Lorcas Bereitschaftsraum seit der dritten Episode nicht mehr aufgetaucht ist. Er hätte Voq schnell enttarnen können. Vermutlich hat man die Voq-Story (so sie denn stimmt) erst nach der Tribble-Idee ausgearbeitet und zu spät den Zusammenhang bemerkt.

Technisch betrachtet

Regie führte diesmal David Barrett, der schon für unzählige Serien aktiv war. Dies ist sein zweiter Trek-Beitrag nach der Episode „Divergence“ aus Star Trek: Enterprise. Ihm gelingen schöne neue Einstellungen der Sets und rasante Schnitte - eine gute Arbeit.
 
Das Drehbuch stammt von Jesse Alexander und Aron Eli Coleite, die bereits "The Butcher’s Knife Cares Not For the Lamb’s Cry“ geschrieben haben. Sie variieren das Thema Timeloop gut und erzeugen einen spannenden Wechsel an Szenen, ohne zu viel zu wiederholen. Erst im letzten Akt wird das Drehbuch teils unnötig geschwätzig, was aber erstens an der Figur des Harry Mudd, zweitens an der Grundstimmung und drittens an der angestrebten Auflösung liegt.
 
Rainn Wilson liefert eine tolle zweite Performance als Harry Mudd und darf gerne wiederkommen. Doch auch Sonequa Martin-Green, Shazad Latif, Mary Wiseman und Anthony Rapp stechen heraus und erfreuen mit tollen Szenen.

Die Frau des Rezensenten

Sie fand die Episode wahnsinnig unterhaltsam, witzig, charmant und schön. Dazu spannend, abwechslungsreich und clever. Das klingt für den Moment gut. Als ich sie mit einigen Logiklöchern konfrontierte, musste sie mir allerdings zustimmen. Wir kamen jedoch überein, dass bei der Gewichtung der Unterhaltungseffekt niemals vernachlässigt werden sollte. Der Episode für alle die kleineren und mittleren Versäumnisse zu viele Wertungspunkte abzuziehen, wäre dem Endprodukt gegenüber einfach nicht fair. Die Frau des Rezensenten hätte vier Sterne gegeben - im Vergleich dazu war ihr Mann dann doch noch etwas härter.

Gib dem Kind einen Namen

Magic To Make the Sanest Man Go Mad: Der Titel impliziert, dass es sich hier um den Einfluss des Sporenantriebs auf Stamets handelt. Dies ist jedoch nur ein winziger Teilaspekt. Vielmehr möchte man vermutlich auf die Wirkung der Liebe auf den Menschen anspielen. Akut betroffen: Mudd, Stella, Burnham, Tyler, Stamets, Culber und irgendwie auch Tilly - wenn auch glücklos. Gespiegelt wird das Ganze dann noch durch die Geschichte rund um den Weltraumwal, der vergisst, sich fortzupflanzen.

Fazit

Für Zuschauer, die an dieser Stelle der Staffel auf andere Inhalte gehofft hatten, dürfte es hier zur Geschmackssache werden. Ignoriert man diese Einwände jedoch, präsentiert man uns eine sehr vergnügliche Episode, die zwar auf einem extrem bärtigen Konzept beruht, dieses aber zweifellos charmant umsetzt und tolle Charaktere sowie viel Humor auf ihrer Seite hat. Dass die Logik hier und da schlapp macht, gibt kleine Abzüge. Ein unterhaltsames Stück Trek ist das in der Summe aber ohne Frage dennoch.

Bewertung: 3.5 von 5 Sterne

zusätzlicher Bildnachweis: 
CBS
Star Trek: Discovery Logo 2017

Originaltitel: Star Trek: Discovery
Erstaustrahlung 24. September 2017 bei CBS All Access / 25. September 2017 bei Netflix
Darsteller: Sonequa Martin-Green (Michael Burnham), Jason Isaacs (Captain Gabriel Lorca), Michelle Yeoh (Captain Georgiou), Doug Jones (Lt. Saru), Anthony Rapp (Lt. Stamets), Shazad Latif (Lt. Tyler), Maulik Pancholy (Dr. Nambue), Chris Obi (T’Kuvma), Shazad Latif (Kol), Mary Chieffo (L’Rell), Rekha Sharma (Commander Landry), Rainn Wilson (Harry Mudd), James Frain (Sarek)
Produzenten: Gretchen Berg & Aaron Harberts, Alex Kurtzman, Eugene Roddenberry, Trevor Roth, Kirsten Beyer
Entwickelt von: Bryan Fuller & Alex Kurtzman
Staffeln: 1
Anzahl der Episoden: 15


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