Verschollen im Weltraum - Kritik zu The Orville 1.04

SPOILER

Für die vierte Episode von The Orville beauftragte Seth MacFarlane abermals einen Star-Trek-Veteranen mit der Regie: James L. Conway hat sowohl bei Star Trek: Das nächste Jahrhundert als auch Voyager, Deep Space Nine und Enterprise mehrfach Regie geführt.

Von Inspiration und Poetik

Während die ersten Folgen von The Orville stark an TNG erinnern, erkennt man bei “Verschollen im Weltraum” klar die Inspiration durch eine ganz bestimmte Episode von Raumschiff Enterprise. Dies wird schon alleine bei der Titelauswahl deutlich: Ähnlich poetisch wie “For the World Is Hollow and I Have Touched the Sky” (TOS/3.08) mutet der englische Originaltitel “If the Stars Should Appear” an.

Auch beim Inhalt gibt es zumindest Anleihen: Die Orville trifft zufällig auf ein gigantisches Schiff, das im All treibt. Und es birgt eine Überraschung: An Bord befinden sich rund eine Millionen menschenähnlicher Lebewesen, die gar nicht wissen, wo sie sich befinden.

Da Warnsignale, dass das Schiff beim eingeschlagenen Kurs auf seine sichere Zerstörung zusteuert, keine Reaktion bringen, begeben sich Teile der Orville-Crew auf Außenmission.

Ursprünglich wurde das Schiff mit einem künstlichen, unabhängigen Ökosystem lediglich für eine überschaubare Reise auf der Suche nach einer neuen Heimat für das Volk gebaut. Doch durch einen unvorhergesehenen Schaden treibt es seit über 2000 Jahren manövrierunfähig umher.

Die perfekte Illusion eines Lebens in einer ländlichen Region auf einem Planeten ließ über die Zeit die Bevölkerung vergessen, woher sie stammen und dass sie sich eigentlich in einem Raumschiff befinden. Eine stark religiöse Gemeinschaft unter autoritärer Führung hilft, dieses Konstrukt aufrecht zu erhalten. Bis die Crew der Orville Erleuchtung bringt.

Es sind die kleinen Dinge

Trotz der Ähnlichkeit zu besagter Star-Trek-Folge ist “Verschollen im Weltraum” nicht einfach nur ein modernerer Abklatsch, sondern schafft mit viel Gefühl für Details und Charakterentwicklung eine liebenswürdige, eigenständige Episode.

Der Plot rund um die restliche Crew an Bord der Orville, die mit einem Angriff der Krill klar kommen muss, ist eher Nebensache. Doch die Art der Erzählung bringt einem die Figuren in beiden Handlungssträngen noch einmal näher.

Der Humor dürfte wieder ein klarer Fall der berühmten “Geschmackssache” sein, doch die charmant-flapsige, lebensnahe Kommunikation der Charaktere untereinander und das Zeigen kleiner Ausschnitte ihres Privatlebens ist ein dicker Pluspunkt von The Orville.

Sei es, dass Klyden seinem Mann Bortus vorwirft, zu wenig Zeit mit der Familie zu verbringen und aus Frust Eis essend Filme guckt oder das Gespräch zwischen Kelly und Alana über Männer und Beziehungen.

Es ist eine Kunst, mit jeweils nur kurzer Screentime innerhalb einer Episode, dem Zuschauer jeden Charakter wieder ein Stück näher zu bringen. Selbst der bislang eher starre und leicht rassistische Android Isaac bekommt etwas mehr Tiefe und stellt sich als eigentlich ganz umgänglicher, neugierig-offener Geselle heraus.

Als netter Bonus überrascht zudem Liam Neeson in der kleinen Nebenrolle als ehemaliger Captain des gigantischen fremden Raumschiffes.

Griff nach den Sternen

Wieder einmal hilft die Positionierung als Comedy-Serie: Natürlich hätte man die Unterdrückung der Bevölkerung auf dem fremden Schiff durch ein gewalttätiges Regime in der Darstellung noch weiter ausbauen können. Braucht es hier aber gar nicht. Ein Kratzen an der Oberfläche und mit Hilfe von Humor schnell lösbare Konflikte reichen völlig, um das Gefühl der Folge zu vermitteln. Wer mag, kann sich tiefere Gedanken machen, muss dies aber nicht.

Das volle Fernweh nach fremden Welten und eine große Schippe Sci-Fi-Emotionen löst spätestens ein Zitat durch die Schiffärztin Dr. Finn aus.

Ein Großteil der Bewohner will nicht glauben, dass sie sich im All befinden. Die Crew der Orville gelangt auf die Brücke des Generationenschiffes und öffnet ihnen nicht nur sprichwörtlich die Welt: Das Schiff ist so konzipiert, dass man einen Teil öffnen kann und so Blick auf die Sterne des Alls bekommt und doch durch ein Schild geschützt bleibt.

Dr. Finn untermalt dies mit einer Rezitation von Ralph Waldo Emerson:

“Wenn die Sterne in tausend Jahren nur in einer einzigen Nacht erschienen, wie würden die Menschen glauben und bezeugen und durch viele Generationen die Erinnerung an die Gottesstadt bewahren, die sie erblicken durften! Aber diese Boten der Schönheit erscheinen jede Nacht und erleuchten das Universum mit ihrem mahnenden Lächeln.”

Fazit

Eine wunderbare Episode voller Sci-Fi-Gefühlen und emotionalen Charaktermomenten. Natürlich ist die Geschichte weder innovativ noch tiefgründig beleuchtet, doch The Orville macht es zu etwas ganz Eigenem.

Regie und Drehbuch überzeugen mit einem Auge fürs Detail und spürbarer Liebe sowohl zum Genre als auch ihren Charakteren.

The Orville 1x04 Promo "If the Stars Should Appear" (HD)

The Orville S01E04 If The Stars Should Appear

Erstes Promobild zu Seth McFarlanes Sci-Fi-Comedy-Serie The Orvelle

Originaltitel: The Orville (2017)
Erstaustrahlung am 10.09.2017
Darsteller: Seth MacFarlane (Ed Mercer), Adrianne Palicki (Commander Kelly Grayson), Penny Johnson Jerald (Doctor Claire Finn), Scott Grimes (Lieutenant Gordon Malloy), Peter Macon (Lieutenant Commander Bortus), Halston Sage (Lieutenant Alara Kitan), J. Lee (Lieutenant John LaMarr), Mark Jackson (Isaac)
Produzenten: Seth MacFarlane, Brannon Braga, David A. Goodman, Jason Clark
Staffeln: 2+
Anzahl der Episoden: 12+


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