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Spoiler-Kritik zu Stranger Things Staffel 3

SPOILER

2019 ist definitiv ein besonderes Jahr für Popkulturfans auf der ganzen Welt: Mit Avengers: Endgame endete die erste große MCU-Ära, die vieldiskutierte achte Game-of-Thrones-Staffel setzte einen Strich unter eine der bedeutendsten Serien unserer Zeit, die Skywalker-Saga erhält mit Star Wars - Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers nach inzwischen Jahrzehnten im Dezember ihr Abschlusskapitel und der Kinosommer wird von Peter Parker (Spider-Man: Far From Home) und Simba (Der König der Löwen) dominiert. Außerdem startet Ende des Jahres The Witcher mit dem unausgesprochenen Ziel, das neue GoT zu werden.

Ein Format, das ursprünglich sicherlich nicht auch nur im Entferntesten als potenzieller Das-Lied-von-Eis-und-Feuer-Erbe gedacht war, ist Stranger Things. Was etwa das Genre anbelangt, die Anzahl der Handlungsstränge oder die Komplexität der Welt, unterscheiden sich die beiden Publikumsmagneten natürlich auch deutlich. Außerdem heißt es nicht umsonst seit Ewigkeiten, dass die großen Welthits, die ein sehr breites Publikum ansprechen, in der Regel dem Fantasy-Bereich entstammen - Harry Potter oder Der Herr der Ringe lassen grüßen. Und dennoch: Stranger Things ist etwas gelungen, was nicht viele gehypte Titel zuletzt geschafft haben: Es hat die Fans der ersten Stunde nicht verloren und stets neue hinzugewinnen respektive den Hype gewissermaßen konservieren können. Staffel 3 eignet sich gut, um zumindest in Ansätzen zu erklären, warum dem so ist.

Inhalt

Mittlerweile dürfte es sich herumgesprochen haben, das vermeintlich endgültig geschlossene interdimensionale Tore nicht selten wieder geöffnet werden, und wie es der Zufall - oder ein russisches Geheimlabor - so will, darf der Zuschauer in den ersten Minuten der ersten Folge Zeuge eines solchen Toröffnungsversuchs sein.

Wie sich schnell herausstellt, ist das aber gar nicht das Hauptproblem der den Fans mittlerweile so vertrauten Truppe aus nicht mehr ganz so kleinen und weiterhin großen Helden. Da Elfi - wie schon der Trailer andeutet - im letzten finalen Gefecht den legendären ungebetenen Gast gar nicht zurück in seine Welt befördert, sondern nur in unserer eingesperrt hat. Und dieser hat mit ihr und ihren Freunden noch eine Rechnung offen …

Stranger Things Staffel 3

Die “alten“ Hasen von Hawkins

Man vergisst recht schnell, dass die globale Liebe für dieses Mystery-Universum auf lediglich siebzehn Episoden fußt - zumindest bis zum 4. Juli 2019. Ab diesem Tag war es nämlich allen Anhängern und solchen, die es noch werden wollen, möglich, Hawkins zum nunmehr dritten Mal einen Besuch abzustatten und nach einer langen Zeit des Wartens viele liebgewonnene Charaktere wiederzutreffen.

Eines wird allerdings frühzeitig klar: Ja, das sind die Kids, mit denen man schon so viel erlebt hat, sie sind jedoch älter geworden, und das tut dem Streaming-Hit in vielerlei Hinsicht gut. Denn auf diese Weise verändert sich die Dynamik innerhalb der Gruppe, es kommen neue Themen auf, und es werden weitere künftige Entwicklungen vorbereitet, die nötig sind, um die Serie frisch zu halten. 

Eleven/Elfi und Mike treiben Hopper in den Wahnsinn, weil sie offenbar einen Knutschweltrekord aufstellen wollen - etwas in der Art dürfte er zumindest denken - und zu allem Überfluss dabei immer wieder “vergessen“, die Tür wenigstens einen Spalt breit offen zu lassen. Das junge Paar hat aber auch seinen ersten großen Streit, der das wohl mächtigste Mädchen der Welt und Max endgültig zu besten Freundinnen werden lässt. Das wiederum macht das Leben ihrer Liebsten (Mike und Lucas) nicht einfacher - woraus zum Beispiel auch Spannungen innerhalb ihrer Jungs-Gruppe resultieren. Symptomatisch dafür steht Will, der am liebsten den Status quo erhalten und weiterhin D&D spielen will, nach der enttäuschenden Erkenntnis, dass dies jedoch unmöglich zu sein scheint, sogar das Symbol dieser besonderen Kindheit, seine Burg Byers, zerstört. Kurz: Pubertät pur in der Kleinstadt der wundersamen Ereignisse.

Dustin schwebt ebenfalls auf Wolke sieben: Im Wissenschaftscamp hat er seine Suzie kennengelernt, von der er jedem, wirklich jedem, der ihm begegnet, früher oder später vorschwärmt. Seine Freunde sind allerdings skeptisch und fragen sich sogar, ob diese Traumfrau überhaupt existiert. So viel sei verraten: Allein die Momente, in denen sie erwähnt wird, sind zumeist überaus unterhaltsam.

Sein kongenialer Partner Steve “The Hair“ Harrington hat dafür bei den Frauen aktuell weniger Glück, was bei ihm jedoch nach und nach - während er Eis verkauft - zu einem Umdenken führt, und ihn schließlich erkennen lässt, dass es Wichtigeres gibt, als der (Prom-)King zu sein.

Außerdem müssen Nancy und Jonathan auf die harte Tour lernen, dass das Berufsleben nicht nur Sonnenseiten zu bieten hat. Billy hat ebenfalls schon - wie soll man es ausdrücken? - bessere Tage erlebt, und Hopper lässt sich von Joyce irgendwann davon überzeugen, dass sich - wieder einmal - etwas Unerklärliches in der sympathischen Kleinstadt ereignet. In diesem Kontext kommt es dann sogar zum Comeback von Murray Bauman. Man kann also festhalten: Auch vor dem großen Monsterangriff hatten die Protagonisten der Serie diesmal bereits eine Menge zu tun.

Stranger Things Staffel 3

Allein an dieser Auflistung sieht man, dass die Macher das Bildschirmgeschehen vor allem deshalb von Anfang an zügig vorantreiben können, weil dem Zuschauer der Ur-Cast und das Setting mittlerweile so vertraut sind. Ebendiesem nachvollziehbar zu vermitteln, dass und inwiefern sich die Hauptfiguren verändert haben, ist bekanntermaßen Aufgabe der Drehbuchautoren, jedoch in noch größerem Maße die der Darsteller.

In diesem Zusammenhang muss aber auch angemerkt werden, dass aus einem wirklich überzeugenden Ensemble nach Millie Bobby Brown (Elfi) in den ersten zwei Staffeln mittlerweile ebenfalls Gaten Matarazzo (Dustin) und Joe Keery (Steve) deutlich herausstechen. Die bereits in den Episoden von 2017 wunderbar eingefangene Chemie zwischen den beiden gefiel offenbar nicht nur den Fans, sondern auch - oh Wunder! - den Kreativ-Verantwortlichen, den Duffer Brothers, die ihre Rollen deswegen konsequenterweise auch zu den Köpfen eines neuen Teams beförderten.

Neu in der Welt zwischen den Welten

Dazu gehören neben den zwei Quasi-Brüdern zum einen die uns schon aus wenigen Szenen bekannte Erica Sinclair (Priah Ferguson), die kleine Schwester von Lucas, der man neben vielen unterhaltsamen mindestens einen absolut Meme-würdigen Satz in den Mund legt. Und zum anderen Robin, die, wenn man den unzähligen Kommentaren unter diversen Beiträgen mit Stranger-Things-Bezug Glauben schenkt, in Windeseile ein absoluter Publikumsliebling geworden ist.

Einen großen Verdienst daran hat Maya (Thurman-)Hawke, die Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke. Mit einem lapidaren “Bei den Eltern ist das ja kein Wunder!“ sollte man sich allerdings nicht einfach zufriedengeben. Das Fass mit der Aufschrift “Es ist nicht unbedingt leicht, als Mitglied einer Schauspielerfamilie ernstgenommen zu werden” muss und sollte an dieser Stelle nicht geöffnet werden, denn im Falle dieser jungen Darstellerin hat schlicht zuerst die Leistung gesprochen. An diesem Beispiel kann man im Übrigen schön einen Nicht-Rezipienten-bezogenen Vorteil, den das typische Alle-Episoden-auf-einmal-zu-Verfügung-Stellen seitens Netflix mit sich bringt, benennen: Die Leute bingen nämlich erst und googlen dann - eventuell auch zwischendurch, dann jedoch auf der Grundlage eines ersten, zweiten oder dritten Eindrucks.

Die Mehrheit war folglich zuerst angetan von Robin beziehungsweise Hawkes Leistung und hat anschließend recherchiert, was bedeutet, dass das Gros der Streamingdienst-Abonnenten zu diesem Zeitpunkt schon überzeugt von dem Neuzugang war. Trotz der Tatsache, dass über allem natürlich abermals eine monströse Bedrohung steht, freut man sich doch gefühlt jedes Mal aufs Neue, wenn sie und Keery gemeinsam Eis verkaufen, ihren Laden "anderweitig“ nutzen oder zusammen mit Matarazzo und Ferguson ein möglicherweise das Schicksal der Welt maßgeblich beeinflussendes Rätsel lösen wollen. Die beiden Letztgenannten spielen sich aber ebenfalls wunderbar die Bälle zu - dabei erfährt das Publikum unter anderem nach sicherlich vielen Jahren des Belächelns, dass hinter einem My-little-Pony-Rucksack so viel mehr stecken kann, als man zunächst annehmen könnte.

Stranger Things Staffel 3

Hopper und Joyce suchen hingegen - wie gesagt - Murray Bauman auf. Dieser trat bereits in Staffel 2 in Erscheinung, ist dieses Mal allerdings wesentlich häufiger zu sehen. Nachdem der von Brett Gelman gespielte Privatdetektiv, der stets auf "drei Nummern sicher“ geht, schon Jonathan und Nancy zu ihrem Liebesglück verholfen hat, nimmt er sich diesmal den von Winona Ryder und David Harbour verkörperten Charakteren an. Dies ist doppelt lustig, wenn man weiß, dass Gelman in Love, einem weiteren äußerst empfehlenswerten Netflix-Original, einen schmierigen, narzisstischen, jedoch irgendwie auch bemitleidenswerten Radio-Therapeuten für Lebens- und Liebesfragen namens Dr. Greg (Colter) mimt.

Seine Hauptaufgabe besteht jedoch darin, für die Eltern auf Abwegen zu übersetzen, denn die haben bei ihren Ermittlungen den russischen Wissenschaftler Dr. Alexei entführt, der dummerweise kein Wort Englisch kann. Diesem dabei zuzusehen, wie er mithilfe von Bauman seine Forderungen (amerikanisches Fast Food und Süßes) durchzusetzen versucht, macht dank eines sehr spielfreudigen Alec Utgoff wirklich Laune. Er erinnert dabei stark an ein Kind, das nur unter bestimmten Bedingungen dabei helfen wird, seinen Landsleuten einen Strich durch die Rechnung zu machen - vorher aber noch eine Folge Woody Woodpecker gucken will. Im Rahmen dieser munteren Unterredungen sorgt Joyce übrigens dafür, dass Baumans an sich streng geheime Telefonnummer aus dessen Sicht plötzlich so gar nicht mehr geheim ist, was US-Journalisten dazu veranlasst hat, ihn einfach einmal anzurufen und zu ihrer Überraschung auf diese Weise eine interessante von Bauman eingesprochene Nachricht zu erhalten.

Und täglich grüßt das Monster

Nein, selbstverständlich ist der Mind Flayer nicht vergessen. Er macht wieder sehr früh im Handlungsverlauf auf sich aufmerksam. Er agiert diesmal allerdings noch durchdachter als bisher, was ihn noch gefährlicher macht, sowie ein Beleg dafür ist, dass auch er sich weiterentwickelt hat. Ein besonderes Lob gebührt hier zweifelsohne Matt und Ross Duffer. Sie leiten sein neues Vorgehen überaus plausibel her, weswegen man diesmal auch weit weniger als in der vergangenen Staffel das Gefühl hat, dass sich an der Bedrohung selbst nicht allzu viel geändert hat - dies gilt übrigens ebenso für dessen beeindruckende neue Optik, bei der sich das Design-Department erneut selbst übertroffen hat.

Die Wege der unterschiedlichen Teams, in die man die Charaktere eingeteilt hat, führen im großen Finale selbstredend alle zu ihm. Dennoch ist diesmal aus den bereits beschriebenen Gründen der Weg - auch im übertragenen Sinne - noch mehr das Ziel als in der Vergangenheit, und das wiederum verstärkt nochmals das Mitfiebern mit den Protagonisten.

So ist am Ende die obligatorische Schlussschlacht natürlich wieder ein absolutes Highlight der Staffel, jedoch eines, vor dem sich die emotionalen Höhepunkte (ein Gespräch auf einer Toilette und ein besonderer Brief) definitiv nicht verstecken müssen.

Stranger Things Staffel 3

Fazit

Stranger Things ist zurück, und das so gut, wie man es von einer dritten Staffel nur erwarten kann. Der Wow-Effekt der ersten ist logischerweise nicht mehr reproduzierbar, dafür spielt man aber gekonnt all die Trümpfe aus, die man dank der selbst geleisteten Vorarbeit über 17 Folgen hinweg zusammengetragen hat. Vor allem setzt man allerdings einen Schlusspunkt, der gleichermaßen Startschuss für viel Innovation sein kann, und beschert uns - das darf nicht unterschlagen werden - das vielleicht legendärste Duett in der Geschichte der Popkultur.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Netflix

Stranger Things 3 | Finaler Trailer | Netflix