Kritik zu Once upon a Time … in Hollywood: Mehr als eine Nostalgie-Übung

Quentin Tarantino ist den meisten Filmfans seit den 90ern ein Begriff, als er mit seinem zweiten Spielfilm Reservoir Dogs zunächst auf dem Radar der US-Independent-Filmwelt landete. Schon mit seinem nächsten Film namens Pulp Fiction durchbrach er die kommerzielle Schallmauer. Bis heute gilt er als eines der größten Hollywood-Regietalente unserer Ära, der die Regeln des bis dato bekannten US-Genre-Kinos mit Freude, Brutalität und ohne jede Furcht auf den Kopf stellt – ein Vergleich mit Orson Welles wurde nicht nur einmal gezogen. Auf der anderen Seite werfen ihm Kritiker auch gerne Dilettantismus vor und sehen ihn als Regisseur, der sich schamlos an in- und ausländischen Filmtropen und Inszenierungsstilen bedient, nur um sie in den Mixer zu werfen und neu zusammen zu mischen. Vielleicht treffen beide Meinungen den Nagel auf dem Kopf. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. 

Nicht ohne Grund stellen Tarantinos Filme bis heute popkulturelle Phänomene dar, die Kritiker, Fans und skeptische Zuschauer mit jedem neuen Kinostart artikelweise diskutieren, analysieren und dekonstruieren. Denn an seinen Filmen gibt es mindestens genauso viel zu bewundern wie zu kritisieren. Daneben können sie aber auch verdammt unterhaltsam sein. Beides trifft auch auf Once upon a Time … in Hollywood zu. Ein Film, der viel über Tarantino selbst aussagt, seine Bewunderung und sein Festhalten an einer spezifischen Hollywood-Ära, die es heute nicht mehr gibt und vielleicht in dieser Form nie existiert hat, auch wenn bekannte Namen und reale Personen auftreten.

Hommage an vergessene Schauspieler und ihre Stuntmen 

Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) war einst ein vielversprechender Schauspieler mit einer blühenden Fernsehkarriere, der sich bei seinem Sprung auf die große Leinwand gewaltig verkalkuliert hat. Diesen Sprung er trotz ein paar Kinoauftritten nämlich nie wirklich geschafft, seine Westernserie setzte der Sender NBC ab. Seitdem schlägt er sich als Bösewicht in anderen populären Fernsehserien wie The Green Hornet (Bruce Lee - Das Geheimnis der grünen Hornisse) oder The F.B.I. (FBI) durch. Sein Stern scheint zu sinken. Was ihm noch bleibt, ist ein luxuriöses Haus in den Hollywood-Hills, ein Angebot, Hauptrollen in diversen Italo-Westerns zu übernehmen sowie sein Stuntdouble und bester Kumpel Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff hat selbst Schwierigkeiten, neue Stuntjobs zu bekommen, nachdem er in einer sportlichen Zweikampf beim Dreh einer Episode von The Green Hornet gegen Bruce Lee (Mike Moh) angetreten ist. Stattdessen arbeitet Cliff als Ricks Fahrer, der wiederum seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verloren hat. Hoffnung auf Änderung bringt ein neuer Nachbar: Frisch durch seinen Erfolg von Rosemaries Baby im Hollywood-Olymp angekommen, ist Regisseur Roman Polanski (Rafael Zawierucha) mit seiner Ehefrau und Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie) nebenan eingezogen. 

Was genau kann man also von einem Quentin-Tarantino-Film erwarten, der im Hollywood des Jahres 1969 spielt? Jedenfalls kein blutiges Gemetzel, in dem Brad Pitt und Leonardo DiCaprio gegen Charles Manson antreten … zumindest nicht ganz. Manson und seine Anhänger spielen tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. Der Autor und Regisseur scheint sich bewusst zu sein, dass selbst ein nicht sehr schmeichelhaftes Porträt des mörderischen Kults lediglich dazu dienen würde, den legendären Status, den Manson sich immer erhoffte, doch noch weiter am Leben zu erhalten. Tarantino findet seinen eigenen Lösungsansatz für dieses Problem. Und nein, Fingerspitzengefühl oder gar Subtilität sollte niemand bei seiner Herangehensweise erwarten. Im Grunde stellt er die Manson-Familie, die eine brutale und schreckliche Mordserie verübte, als dunkle Kehrseite Hollywoods und eine Art Verrottung dar, die sich langsam an den Rändern der Stadt Los Angeles gebildet und ins Innere der Traumfabrik vorgearbeitet hat. Politische Dimensionen dieser Metapher wie der Vietnam-Krieg oder die bevorstehende Nixon-Administration sind ebenfalls nicht auszuschließen. Ein Symbol dafür stellt vor allem Spahn Ranch dar, wo Hollywood einst B-Westernfilme drehte, bevor sich die Manson-Familie in den morschen Überresten eingenistet hatte.    

Meta-Erzählung über Hollywood, Ruhm und Stars von gestern und heute

Es ist durchaus hilfreich, diese historischen und gesellschaftlichen Hollywood-Hintergründe zu kennen oder sich zumindest grob zu informieren, um zu wissen, welche Auswirkungen die Morde hatten, in welcher Phase sich Hollywood Ende der 60er Jahre befand und welche Phase die Manson-Familie einläutete. Tarantino nutzt diese für ihn offensichtlich mit sehr vielen nostalgischen Gefühlen verbundene Ära, um seine Stars in ein großes und amüsantes Was-wäre-wenn-Szenario zu werfen, mit Erwartungen zu spielen und Meta-Ebene über Meta-Ebene zu stapeln. Es ist höchst ironisch, dass ausgerechnet ein äußerst erfolgreicher Schauspieler wie Leonardo DiCaprio einen abgehalfterten Star spielt, der eventuell die letzten Tage seines Hollywood-Daseins genießt. Obendrein erhält er Schauspielertipps von einer achtjährigen Kinderdarstellerin, die wiederum gerade das Method-Acting für sich entdeckt hat. Trotzdem erscheint es plausibel, dass selbst ein heute gefeierter Darsteller wie DiCaprio damals tatsächlich einen solchen Karriereweg hätte einschlagen können, während sein Szenenpartner James Stavy (Timothy Olyphant) seine besten Hollywood-Tage möglicherweise noch vor sich hat.

Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass gerade Brad Pitt seinen Stuntman, also quasi DiCaprios Zweitversion spielt. Pitt kommt in seinen Darstellungen oftmals wesentlich entspannter daher als sein vermeintliches Ebenbild DiCaprio. Kein Wunder also, dass er auch im vorliegenden Fall sein relaxtes Charisma zum Besten gibt, während DiCaprio all den Unsicherheiten seines Rick Daltons (und vielleicht sogar seinen eigenen Unsicherheiten) freien Lauf lassen kann. Once Upon a Time … in Hollywood ist sich der öffentlichen Persona seiner Darsteller durchaus bewusst und spielt mit dem Ruf und Legenden dieser Stars auf höchst amüsante Weise. Darüber hinaus ist Tarantino auch als Regisseur bekannt, der einst vielversprechende Schauspieler - manchmal auf einem absteigenden Ast  - wieder aus der Obskurität herausholt. So erkennt er, dass sich auch auf einem Set eines zweitklassigen TV-Westerns großartige darstellerische Leistungen verstecken können. Diese werden in der öffentlichen Wahrnehmungen leider selten ernst genommen oder schnell wieder vergessen. Der Regisseur inszeniert und fotografiert diese Szenen beziehungsweise Dreharbeiten kunstvoll, auch wenn das eigentliche Ergebnis in den 60ern völlig anders aussah.   

Hollywood-Liebeserklärung von einem Filmfan für Filmfans

Once Upon a Time … in Hollywood besitzt offensichtlich sehr viel Liebe für diese kleinen Darsteller, die viel zu bieten hatten, aber ihr Potenzial nie völlig ausschöpfen konnten. Das gilt ebenfalls für Sharon Tate, deren kurze Karriere weitestgehend durch die grausamen Manson-Morde überschattet wurde. Anstatt sich darauf und auf die dramatischen Aspekte ihrer Ehe mit Roman Polanski zu konzentrieren, widmet sich Tarantino einer Karriere, der es niemals erlaubt war, sich zu entfalten: Er schenkt ihr sogar eine Szene, in der sie im Kino die Komödie Rollkommando ansieht, in der sie eine tragende Rolle spielte. Leicht könnte man diese Episode mit einer gehörigen Portion schauspielerischen Narzissmus verwechseln. Margot Robbie spielt diesen Kinobesuch fast wortlos als eine Sharon Tate, die sich grundehrlich an der Tatsache erfreut, dass eine augenscheinlich alberne Spionagekomödie die Zuschauer für etwa zwei Stunden den Alltag vergessen lässt. 

Auch wenn sich das kitschig anhören mag, ist der Film das ganz und gar nicht. Tarantino übt sich in Nostalgie und schließt diese Zeit effektiv in Bernstein ein. Gleichzeitig scheint er sich bewusst, dass es sich letztendlich um eine vergebliche Mühe handelt. Manchmal grenzen diese nostalgische Anwandlungen allerdings auch an Rückschritt: Das Klischee der keifenden Ehefrauen, die den coolen Jungs den Spaß verderben, hat der Regisseur und Autor anscheinend noch nicht überwunden. Auch die Regie-Entscheidung, Bruce Lee als großkotzigen Angeber darzustellen, wirkt eher unglücklich und ungelenk, selbst wenn es sich lediglich um eine etwas verfälschte Erinnerung des Stuntmans Cliff Booth handeln sollte. Es ist verführerisch, Intention und Doppelbödigkeit hinter diesen etwas zweifelhaften Entscheidungen zu vermuten, jedoch wirken solche Momente oftmals wie plumpe Überbleibsel einer schlechten Sitcom.  

Trotz allem ist ein reichhaltiger filmischer Text über die Vergänglichkeit von Ruhm und Hollywood entstanden, der für die nahe und ferne Zukunft viel Stoff zum Interpretieren und Entpacken liefert. Aber Obacht: Wer keine große Lust hat, knapp drei Stunden mit einem tiefenentspannten Brad Pitt und einem hochemotionalen, oftmals alkoholisierten Leonardo DiCaprio durch das Hollywood der 60er Jahre zu cruisen oder sehr viel Zeit bei Hollywood-Dreharbeiten zu verbringen, ist hier wahrscheinlich falsch. Tarantinos Spätwerk ist ein sogenannter Hangout-Film, der weniger auf Plot-Mechanismen pocht, sondern vielmehr zum sich Verlieren in einer faszinierenden, zynischen, gelegentlich erschreckenden, aber auch liebevoll gestalteten und amüsanten Entertainmentwelt einlädt.    

Fazit:

Quentin Tarantino schafft eine teils rückwärtsgewandte, teils faszinierende und liebevolle Hommage an das Nostalgie-Hollywood seiner Träume. Dabei gibt er sowohl fiktiven Schauspielern, deren Stern in Begriff ist, zu verglühen, als auch realen Darstellern, die noch am Beginn ihrer Karriere stehen, eine neue Chance.

ONCE UPON A TIME… IN HOLLYWOOD - Trailer - Ab 15.8.19 im Kino!

ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD - Official Trailer (HD)

Once Upon a Time ... In Hollywood
Originaltitel:
Once Upon a Time in Hollywood
Kinostart:
15.08.19
Laufzeit:
159 min
Regie:
Quentin Tarantino
Drehbuch:
Quentin Tarantino
Darsteller:
Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Bruce Dern, Tim Roth, Kurt Russell, Michael Madsen, Timothy Olyphant, Damian Lewis, Luke Perry
In seinem 9. Film widmet Quentin Tarantino dem Hollywood des Jahres 1969.

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