Kritik zu The Good Liar: Falsches Spiel mit rüstigen Rentnern

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The Good Liar

Dating im Rentenalter hat so seine Tücken: Man kann sich nie sicher sein, an wen man gerät. Die beiden Senioren Betty (Helen Mirren) und Roy (Ian McKellen), beide verwitwet, lernen sich über eine digitale Plattform kennen und sind sofort voneinander angezogen - jedenfalls denkt Betty, dass die Faszination beidseitig ist.

Was sie nicht weiß: Roy ist in halbseidene Investitionsgeschäfte verwickelt und nicht so gebrechlich, wie er ihr gegenüber tut. Er plant, die wohlhabende Betty bei einem letzten Coup um ihr Erspartes zu bringen. Doch der Geschäftsmann entdeckt bald sein Herz für die ältere Dame. Er hat jedoch nicht mit Bettys Enkel Steven (Russel Tovey, Doctor Who, Sherlock, Ashes to Ashes) gerechnet. Dieser nimmt den neuen potentiellen Partner seiner Großmutter ganz genau unter die Lupe …

Dramödie nach Schema F

Ein erfahrener Kritiker soll seine Meinung nicht unbedingt vom Filmtitel abhängig machen - dazu gibt es einfach viel zu viele schlechte Beispiele, nicht nur in der deutschen Übersetzung. Bei The Good Liar, das in seiner Gänze noch den albernen und leicht irreführenden Untertitel “Das alte Böse” trägt, lässt jeden einigermaßen filmerfahrenen Zuschauer jedoch bereits vor der ersten Filmminute ahnen, was ihn erwarten könnte: Eine zunächst harmlose Handlung, die mit clever angelegten Drehbucheinfällen immer weiter unerwartete Kurven nimmt, um schließlich in einer fulminanten Auflösung zu münden.

Nun, das alles wäre schön gewesen. Leider kann The Good Liar im Gegensatz dazu nur sehr wenig Überraschendes bieten. Der Film von Bill Condon (Mr. Holmes, Inside Wikileaks) ist leider so erwartbar geraten wie der typische Tatort an einem normalen Sonntagabend. Die Wendungen im Drehbuch kann der erfahrene Zuschauer bereits meilenweit voraussehen. Auch das Finale überrascht leider nicht sonderlich - zu konstruiert kommen die Verwicklungen daher, zu gemächlich ist auch das Tempo angelegt.

Ein Ausflug in die Nazizeit bringt bald Dunkles über die Hauptdarsteller zutage, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Masken fallen gelassen werden. Allerdings geschieht das so formelhaft, als hätte es nie Filme über abgelegte Identitäten oder Vergangenheitsbewältigung gegeben. Die Empörung und der Vertrauensbruch, der mit einer solchen Aufdeckung einhergeht, wird hier leider nicht ausreichend beleuchtet.

mckellen tovey

Prominente Besetzung zeigt Spielfreude

Dabei hat die starbesetzte Komödie beste Voraussetzungen, um tatsächlich gut zu unterhalten: Helen Mirren und Ian McKellen sind glänzend aufgelegt. Die Chemie zwischen den beiden hochkarätigen Schauspielern als schüchternes, höfliches Paar, das sich nur langsam näher kommt, stimmt. Besonders Ian McKellen, der hier so knarzig sein darf, wie er schon seit seiner auf modern gebürsteten Shakespeare-Paraderolle als Richard III. nicht mehr im Kino zu sehen war, macht es Spaß, zuzusehen.

Auch Helen Mirren findet spielend die richtige Mischung, um die leicht naive, aber gutherzige Dame, die sich gern in Ablenkung stürzt, zum Leben zu erwecken. Und schließlich ist auch die Figurenzeichnung von Enkel Steven weitgehend gelungen, denn er stellt die richtigen Fragen im entscheidenden Moment und hält der naiven Betty in Stellvertretung des Zuschauers den Spiegel vor.

Immerhin ist der Film trotz der leider eher wenig packenden Handlung wirklich schön in Szene gesetzt. Betty in ihrem heimeligen Zuhause zuzuschauen oder die beiden herzigen Senioren auf Shoppingtour nach Berlin zu begleiten, wo sie sich für einige Tage aufhalten, lässt Kurzweil aufkommen. Doch die recht durchsichtigen Ideen, die das Drehbuch mit sich bringt, kann das alles bedauerlicherweise auch trotz ein paar Drehbuch-Salti nicht retten.

Knapp zwei Stunden lang plätschert die Handlung von The Good Liar vor sich hin, bevor wirklich etwas Entscheidendes passiert und die beiden Hauptdarsteller endlich auch mit mehr Facetten auftrumpfen können. Schade, dass es beiden nicht wirklich gestattet wird, mehr aus sich herauszugehen.

mirren

Fazit

The Good Liar ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass man keine Teenage-Komödie mit unbekannten Schauspielern drehen muss, um eine halbgare Geschichte zu erzählen. Die Starbesetzung mit McKellen und Mirren tröstet aber immerhin ein wenig über das löchrige Drehbuch hinweg - ihnen zuzuschauen macht durchaus Spaß.
Für einen netten Nachmittag auf dem heimischen Sofa eignet sich The Good Liar also durchaus. Das Geld für die Kinokarte kann man dann für spannendere Geschichten aufsparen.

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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