Kritik zu Star Trek: Discovery 1.13 - What's Past is Prologue

SPOILER

Atemlos durch die Nacht. Die Serie mag uns keine Verschnaufpause mehr gönnen und arbeitet weiter mit Twist an Twist. So unterhaltsam das alles ist, einige Entscheidungen rufen leider nicht nur Begeisterung hervor.

Was passiert?

Gabriel Lorca arbeitet weiter an seinem großen Masterplan, während die Imperatorin Georgiou verständlicherweise andere Pläne hat. Derweil ist die USS Discovery auf dem Weg zum Treffpunkt ...

Evil Lorca in da house

Noch bei der Rezension zur vergangenen Episode äußerte ich die Hoffnung, Lorca würde nun nicht einfach wie angeknipst als der böse Lorca gezeichnet werden, der schlicht über seine Antagonisten-Rolle definiert wird. Nun passiert jedoch genau das. Lorca hat einen Masterplan, ist bereit jeden zu töten (außer Burnham, für die er etwas übrig hat) und verliert vollkommen die Zwiespältigkeit der bisherigen Serie. Zwar äußert er noch kurz aufrichtige Bewunderung für die Crew, die er so lange belogen und betrogen hat, retten kann das aber in der Summe nichts mehr. Dieser Lorca ist ein typischer eindimensionaler Bewohner des Spiegeluniversums und hat nur Macht und Ruhm im Kopf. Schade.

Wenn man ihm so zuhört, steht Imperatorin Georgiou eine Spur weit für Politikerinnen unserer Zeit wie Angela Merkel – sie ist somit die Frau, die Feinde in ihre Nähe gelassen hat und dadurch mitverantwortlich zu sein scheint, dass die Stärke des eigenen Volkes sich langsam ersetzt. Lorca ist in diesem Bild dann wohl Donald Trump. Holzhammer-Metaphern sind in Star Trek immer mal wieder gerne genommen worden, diese hier bildet leider keine Ausnahme in Sachen mangelnder Subtilität.

Der doppelte Hinterhalt zwischen den Streithähnen Lorca und Georgiou ist aber eine hübsche Idee, die zudem gut umgesetzt wird. Leider zeigen Szenen wie diese allerdings auch immer gut die fehlende Relevanz aller Episoden im Spiegeluniversum auf. Jeder misstraut jedem, jeder tötet jeden, jeder hat immer noch ein Ass im Ärmel. Das langweilt und wird hier auch in keiner Weise neu erfunden. Comicfiguren streiten sich bis in den Tod.

Das Ende vom Lied ist dann sogar noch eine zünftige Thronsaalschlägerei, bei der Bud Spencer und Terence Hill ihre helle Freude gehabt hätten. Michelle Yeoh darf einige fetzige Martial Arts-Einlagen zeigen, Burnham sich mit Landry auseinandersetzen, und am Ende sticht Georgiou ihr Schwert mitten durch den Körper ihres Widersachers – um ihn dann durch die Luke in den Kern zu stoßen. Bei Star Wars hat sowas ja auch schon funktioniert.

Es scheint also, als hätten wir somit Captain Gabriel Lorca und den wunderbaren Jason Isaacs nach nur elf Episoden Beteiligung an der Serie verloren. Oder haben die Autoren den finalen Twist noch auf der Hand? Isaacs musste bereits monatelang über seine Vertragssituation und die Hintergründe lügen – warum sollte dies nicht noch einmal, beziehungsweise konkreter gesagt weiterhin der Fall sein? Wenn er am Ende doch in Form des Prime-Lorca weiter mitspielt, hätte Isaacs nicht mal wirklich gelogen und bliebe ein Teil der Serie – auf irgendeine Weise.

Aaron Harberts merkte in der Sendung After Trek an, dass Bryan Fuller aus Lorca zunächst nur einen etwas rauen Captain machen wollte, der im Krieg gegen die Klingonen die Chance sah, sich zu beweisen. Erst Harberts und Berg waren dann auf die Idee gekommen, ihn aus dem Spiegeluniversum stammen zu lassen und hatten die Idee und den Plan dahinter mit Isaacs gemeinsam ausgearbeitet. Man soll bekanntlich nicht über verschüttete Milch klagen, doch ich hätte Fullers Weg bevorzugt.

Letztlich hatte man mit Tyler und Lorca zwei Figuren im Cast, die offenbar unter PTBS litten, jedoch später als reine Bösewichte mit geheimer Agenda enttarnt wurden, was das gelungene Setup zum Implodieren brachte. Überspitzt gesagt, hätte es da nur noch gefehlt, Stamets und Culber dadurch auseinander zu bringen, dass einer sich in Tilly verliebt und die Beziehung beendet. Hier schenkte man leider Potential her, das anderweitig ebenfalls viele spannende Gedanken hätte zu Tage fördern können. Zumindest wäre es vielleicht nicht nötig gewesen, bei beiden Figuren derart zu verfahren und somit den PTBS-Aspekt gleich doppelt herunterzuspielen beziehungsweise auszuhebeln.

Meanwhile back home

Am besten funktionieren über die gesamte Spielzeit der Episode die Szenen an Bord der Discovery. Saru gibt einen erstklassigen Acting Captain ab und bezieht das komplette Team mit in die nötigen Schritte ein. Das gilt auch für Autor Ted Sullivan, der endlich den bisher vernachlässigten Figuren der Brückencrew etwas zu tun gibt und die Wortbeiträge sinnvoll verteilt. Fast scheint es, dass diese Crew sich erst in den letzten Episoden richtig gefunden hat. Darauf kann man aufbauen. Das Gefühl, dass hier ein Team zusammengewachsen ist, füreinander kämpft und arbeitet, und dass die Aktionen relevante Konsequenzen haben, hebt diese Szenen dann auch über den Rest der Episode hinaus.

Dabei gefallen neben Saru besonders Stamets als brillanter Wissenschaftler und Tilly, die mit ihrem Input ihre Kompetenz beweisen darf. In den Figuren liegt das Gold der Serie, das es in Zukunft weiter zu bergen gilt. Hoffen wir, dass man uns alles, was diese sympathischen Leute schon gemeinsam erlebt haben, lassen und uns diese Chance auch in Zukunft geben wird.

Back and back and back to the future

Am Ende gelingt der Sprung, und man ist wieder im richtigen Universum. Wie Stamets jedoch direkt richtigerweise fragt, liegt die Krux nun gar nicht im Wo, sondern im Wann. Man ist nämlich neun Monate zu weit gesprungen, was bestätigt, dass man das Sporennetzwerk auch für Zeitreisen benutzen kann - den Rest des Krieges hat man damit offenbar verpasst. Nun scheinen die Klingonen große Teile des Quadranten zu beherrschen, und die Sternenflotte antwortet nicht auf die Rufe.

Wir haben hier genaugenommen die Situation aus der wunderbaren Episode "Yesterday's Enterprise" aus Star Trek: The Next Generation andersherum ausgespielt. Dort schickte man die Enterprise-C zurück in eine ausweglose Situation, weil sich die Zeitlinie sonst eben zum Nachteil verändert hätte. Hier verschwand die USS Discovery vor einigen Episoden mitten im Kriegstreiben, was nun ebenfalls zu einer klaren Verschlechterung der Situation neun Monate später führt.

Die Lösung? Natürlich geht man in der Episode noch nicht darauf ein, logisch ist es aber natürlich trotzdem. Man müsste zum richtigen Zeitpunkt zurückgehen, um das Problem zu beseitigen. Das wäre zumindest die Logik, die Captain Picard in Star Trek: Generations angewandt hat, als er den Nexus verlassen hat, um Kirk gegen Soran zu helfen. Das war zwar nicht ganz clever (weil äußerst zeitkritisch), jedoch nachvollziehbar, wenn man ihm lautere Absichten unterstellen will, um die Zeitlinie nicht unnötig zu verändern. Sollte man hier jedoch durch das Sporennetzwerk die Chance erhalten, eventuell bewusst einen Zeitpunkt zu wählen, müsste dieser eindeutig noch früher angesiedelt werden. Das würde dann zwar die Zeitlinie verändern – was man ja sonst immer zu vermeiden versucht – aber auch viele Leben retten. Irgendwer in der Crew – vermutlich Stamets – wird auf diese Idee kommen müssen, da man sonst zumindest die Kompetenz einiger Offiziere in Frage wird stellen müssen, jetzt wo diese Möglichkeit auf dem Tisch liegt.

Man könnte doch also direkt zurück zum Zeitpunkt vor Ausbruch des Krieges gehen und diesen direkt verhindern oder zumindest eine Eskalation vertagen. Burnham würde nicht in Ungnade fallen, die Shenzou und viele andere Schiffe müssten nicht untergehen, Zehntausende nicht sterben und man könnte sogar noch Lorca nach seinem Übertritt aus dem Spiegeluniversum enttarnen. Und noch weiter gesponnen: Captain Burnham wäre dann in der Lage, in der zweiten Staffel mit ihrem eigenen Schiff, der Discovery, neue Abenteuer zu erleben. Verrückt? Mag sein. Aber denkbar. Dann würde man zwar alles Erlebte der Staffel ausradieren, doch ist den Machern dieser Kniff durchaus zuzutrauen.

Den Reset-Button via Zeitreise seitens der Crew an dieser Stelle nicht willentlich drücken zu wollen, wäre fast schon als fahrlässig zu betrachten. Ob es dann technisch klappt, wäre natürlich eine andere Frage, einen Versuch müsste man aber in jedem Fall unternehmen.

Einige Beobachtungen

Burnham darf mal wieder den Vulkanischen Nervengriff bei Georgiou anwenden – zumindest eine abgeschwächte Fassung. Ein hübscher, kleiner Bezug zum Prologfilm.

Am Ende nimmt sie Georgiou dann mit in ihr Universum und wendet dabei das Gillian-Taylor-Gedächtnis-Manöver an, das bereits L'Rell erfolgreich auf die Discovery gebracht hatte. Was Burnham mit der Imperatorin nun jedoch vor hat, bleibt offen.

Eine Obi-Wan-Kenobi-Mission zur Abschaltung des Eindämmungsfeldes wird zwar angedeutet, aber nicht so ausufernd gezeigt wie in Star Wars.

In einigen Szenen sind die Terraner gleißendem Licht ausgesetzt – es scheint aber niemanden zu stören. Jetzt wo Lorca enttarnt ist, hat man die Lichtempfindlichkeit offenbar direkt wieder vergessen. Etwas Ähnliches passierte in TNG gerne mit Datas Unfähigkeit zu Verkürzungen, die auch nur eingehalten wurde, wenn sie Teil der Geschichte war.

Die Handlung rund um Voq/Tyler und L'Rell ruht diese Woche vollständig.

Die Suche nach der USS Defiant stellt sich als falsche Fährte heraus, da man sie uns leider nicht mehr in all ihrer Schönheit gezeigt hat.

Auch die Ereignisse rund um die Spiegel-Discovery, die nun offenbar neun Monate im Prime-Universum ihr Unwesen getrieben hat, werden bisher nicht weiter thematisiert – vielleicht haben sie ja den negativen Kriegsausgang begünstigt?

Tilly wechselt nach Sarus mitreißender Rede direkt wieder die Uniform und schlüpft in ihre korrekte Sternenflotten-Garderobe, hat zudem aber sogar noch Zeit sich die Haare umzufrisieren und umzufärben.

Am Ende landet eine grüne Spore auf Tillys Schulter. Da kommt sicher noch was.

Wilson Cruz erhält erneut einen Auftritt (in Wiederholungen) als Dr. Hugh Culber und leitet Stamets durch das Sporennetzwerk – mit Liebe und Klassik. Schön!

Das erneute Auftauchen von Landry verläuft wenig spektakulär – diese Version ist genauso übellaunig und unsympathisch wie ihr Gegenpart und geht am Ende mit dem Schiff der Imperatorin unter. Auch Mirror-Stamets stirbt einen schnellen und sinnlosen Tod.

Technisch betrachtet

Schauspielerisch muss man dieses Mal natürlich besonders Jason Isaacs hervorheben, der sichtlich Spaß am bösen Lorca findet und sich in einen Rausch spielt. Schade, dass die Reise nun offenbar beendet ist.

Das Drehbuch liefert Ted Sullivan diesmal alleine, nachdem er bereits gemeinsam mit Joe Menosky die äußerst schöne Episode "Lethe" geschrieben hatte. Es ist fraglos straff, spannend, actionreich, spielt jedoch auch einige Klischeekarten, gleitet immer wieder ins comichafte ab, zitiert fröhlich Bekanntes und Beliebtes und bleibt somit eher eine Fingerübung, denn der große Wurf.

Regie führt zum zweiten Mal in dieser Staffel Olatunde Osunsanmi. An der dramaturgischen und visuellen Umsetzung des Drehbuchs gibt es nichts auszusetzen.

Die Frau des Rezensenten

Ihr gefiel der Comic-Stil der Episode gar nicht. Für sie wurde Lorca nun komplett verschenkt, viele emotionale Handlungsstränge nicht ausreichend verfolgt und somit die ganze Staffel in Frage gestellt. Dass Tilly so schnell wieder mit ihrer alten Frisur zu sehen war, fand sie übrigens nicht gar so schlimm. Einmal kurz waschen, bisschen Farbe rein, fertig. Pragmatisch, die Gute.

Gib dem Kind einen Namen

What's Past Is Prologue: So so, alles was in der Vergangenheit passiert ist, bildet also nur den Prolog für Gegenwart und Zukunft. Das Shakespeare-Zitat aus "Der Sturm" macht hier eine Menge Sinn und könnte sogar noch weitreichender sein, je nachdem wie sich die Staffel nun entwickelt.

Fazit

Willkommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Episode zitiert sich quer durch alle Genres und die Genre-Popkultur, setzt dabei leider auf einen viel zu eindimensionalen Bösewicht, haut uns genussvoll Schockmomente um die Ohren und kulminiert in einem erneuten Twist, dessen Fortgang nun vermutlich den Epilog der Staffel bilden wird. Das ist alles wahnsinnig hip, cool, schnell, unterhaltsam, bunt und fluffig, jedoch auch dünn wie Papier und in einigen Punkten gar verschenkt.

Bewertung: 2.5 von 5 Sterne

zusätzlicher Bildnachweis: 
CBS
Star Trek: Discovery Logo 2017

Originaltitel: Star Trek: Discovery
Erstaustrahlung 24. September 2017 bei CBS All Access / 25. September 2017 bei Netflix
Darsteller: Sonequa Martin-Green (Michael Burnham), Jason Isaacs (Captain Gabriel Lorca), Michelle Yeoh (Captain Georgiou), Doug Jones (Lt. Saru), Anthony Rapp (Lt. Stamets), Shazad Latif (Lt. Tyler), Maulik Pancholy (Dr. Nambue), Chris Obi (T’Kuvma), Shazad Latif (Kol), Mary Chieffo (L’Rell), Rekha Sharma (Commander Landry), Rainn Wilson (Harry Mudd), James Frain (Sarek)
Produzenten: Gretchen Berg & Aaron Harberts, Alex Kurtzman, Eugene Roddenberry, Trevor Roth, Kirsten Beyer
Entwickelt von: Bryan Fuller & Alex Kurtzman
Staffeln: 1
Anzahl der Episoden: 15


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