The Red Angel - Kritik zu Star Trek: Discovery 2.10

SPOILER

Star Trek: Discovery 2.10 kommt wie eine Finalepisode daher. Dabei bleiben der Staffel noch vier Folgen. Vielleicht ganz gut so, denn leider erzählt “Der rote Engel” (oder auch “Projekt Daedalus - Diesmal wirklich”) zwar viel, kann jedoch erzählerisch nicht überzeugen.

Licht und Schatten

Fangen wir doch mal mit dem Positiven an: Man kommt bezüglich des Roten Engels überraschend schnell zum Punkt. Statt wie erwartet als Highlight der Episode, erfährt man erfreulich früh und schon beinahe nebenbei, dass Burnham in dem Anzug steckt. Diesbezüglich gibt es innerhalb der Folge noch einmal eine Wendung, die so bei uns noch niemand auf dem Schirm hatte.

Auch dass diverse Charaktere in unterschiedlichen Konstellationen zumindest jeweils kurz ihre Screentime erhalten und man erfährt, dass Airiam nicht einfach im All treiben gelassen wurde - durchaus nett. Die Ausführung lässt jedoch zu wünschen übrig. Wer nicht so gerne negative Kritiken liest, sollte jetzt vielleicht besser aufhören.

Wie grottig geschrieben war denn bitte diese Episode? Da muss man nicht einmal auf abgehackte Szenen mit fehlenden runden Übergang eingehen. Beinahe alle Dialoge wirken extrem künstlich und deplatziert. Krönung war sicherlich Georgious Anfall gegenüber Culber und Stamets. Versucht sie sich als provokative Paartherapeutin? Ich kann auch gut auf das ständige “Also in MEINEM Universum …” verzichten. Tillys “Was war das denn gerade?” lässt zumindest ein Minimum an Selbsterkenntnis der Schreiber zugestehen.

Verantwortlich für das Drehbuch sind zwei Neulinge. Anthony Maranville und Chris Silvestri waren zwar schon als Teil der Crew und als Assistenten von Drehbuchautoren an Produktionen beteiligt (Hannibal, Star Trek: Discovery, Monk), doch zuvor noch nie als eigenständiges Autorenduo für eine Episode aktiv. Ausgerechnet sie mit der eher undankbaren Aufgabe zu betrauen, eine klare “Info-Folge” irgendwie umzusetzen, ist schon fast unfair. “Hier, das alles wollen wir drin haben, jenes müssen wir alles erzählen, damit wir zum Finale kommen. Ihr habt 45 Minuten. Los.”. Die Regie hat übrigens Hanelle Culpepper geführt, in deren Hand auch die Pilot-Episode der neuen Picard-Serie liegt.

Warum sollte mich das kümmern?

Sowohl innerhalb unserer Redaktion als auch in meiner Filterblase schwanken die Meinungen nach dem unmittelbaren Sehen der Episode zwischen “Ach, war ok. Nichts Tolles, aber auch keine Katastrophe” und “Das war ja noch schlimmer als die Klingonen-Folge”. Es zeichnet sich ab, dass ein Kritikpunkt aus letzter Woche kräftig mit reinspielt: Warum sollte mich all das überhaupt kümmern?

Die Airiam-Folge in sich hat für viele noch einigermaßen funktioniert. Zwar wäre das Pay-off deutlich höher gewesen, wenn man schon über die Staffeln verteilt immer wieder Ausschnitte der Beziehungen der Crewcharaktere untereinander mitbekommen hätte, aber in sich hat man alle nötigen Informationen auf schön erzählte Art erhalten. So konnte “Projekt Daedalus” zumindest beim Sehen überzeugen und emotional mitnehmen. Erst beim drüber Nachdenken im Nachhinein stolpert es.

Nun ist mit der einwöchigen Pause von der emotionalen Bindung nicht mehr viel geblieben, so dass die Eröffnungsszene unterkühlt bleibt. Optisch schön inszeniert, keine Frage. Ich mag auch einfach Crew-Aufläufe mit großen Reden in Raumschiffhangars. Kommt in diversen Sci-Fi-Serien immer wieder mal vor. In diesem Falle drängt sich natürlich die Bestattungs-Szene aus Star Trek II: Der Zorn des Khan auf. Auch der Verlust von einem Freund, der sich selbst geopfert hat. Aber mit Amazing Grace statt Sarus Gesang. Und mit Spock einem Charakter, zu dem auch der Zuschauer einen wirklichen Bezug hat.

So jedoch haben in “Der rote Engel” die einzelnen Ansprachen von Pike, Tilly, Stamets, Detmer und Burnham deutlich zu viel Zeit eingenommen. Zeigt mir all die Freundschaften, Bindungen, Charaktermomente verteilt über die Serie und erzählt mir nicht erst wenn es dringend nötig ist im Schnelldurchlauf davon. Besonders wie hier dann auch noch erst hinterher. So wie mit Airiam als Beispiel kommen und kamen so ziemlich alle wichtigen Nebencharaktere und zwischenmenschliche Momente, die eine Serie erst lebendig machen, viel zu kurz. Und das fällt den Machern nicht erst jetzt auf die Füße.

Sucktion 31

Was geht mir Sektion 31 mittlerweile auf die Eier. Nicht nur, weil Georgiou in ihrem neuen 80er-Jahre inspirierten Nietenlook sehr ablenkt. Wie gut, dass man sich so gaaaar nicht an Sternenflottenregeln halten muss. Obwohl man ja doch Teil davon ist. Aber super-duper Geheimorganisation, für die nur Leute der Super-Evil-League-of-Evil in Frage kommen. Alan van Sprang spielt Leland zumindest genau so, wie man das von einem von Alan van Sprang gespielten Charakter erwartet.

Inwiefern Control noch Probleme bereitet, wird sich zeigen. Immerhin sei mit der Löschung Airiams und der Explosion des einstigen Hauptquartiers die Hardware zerstört. Und alle Schiffe von Sektion 31 habe man angewiesen, ihre Computer zu checken. Einmal Antivir drüberlaufen lassen, oder so. Was soll schon schief gehen. Fragen wir doch mal Leland, dem jetzt mindestens ein Auge fehlt. Wobei, vielleicht war das auch gar nicht Control, sondern Spocks Rache. Immerhin war der enttäuscht, nicht dabei gewesen zu sein, als Burnham Leeland ein wenig vermöbelt hat.

Nun haben sie auch noch einen Zeitreise-Iron-Man-Anzug entwickeln lassen, den alle für Technologie aus der Zukunft hielten? Ok. Und wieder einmal sind die Klingonen schuld. Von denen kommen wir so wenig los wie Tyler. Mittlerweile einer der überflüssigsten mitgeschleiften Charaktere überhaupt. Bin mal gespannt, ob der sich nochmal als nützlich erweist. Also jenseits von Liebeleien inklusive Star-Wars-Anspielungen. “Ich weiß”.

Was machst du eigentlich hier?

Die Figuren müssen in Position gebracht werden. Die große Finalrunde wartet. Dass diese Episode überwiegend als Informationsweitergabe dient, ist leider überdeutlich. So wirkt das Anbringen unterschiedlicher Problemfelder eher als das Abhandeln einer Pflichtaufgabe und nicht wie ein cleveres 3D-Schachspiel mit Tiefe.

Georgious verbale Ausfälle habe ich ja bereits erwähnt. Auch Culber scheint nicht so ganz von ihrer Befähigung als Counselor überzeugt zu sein. Seine Wiederauferstehung und Probleme der Selbstfindung sind ein Job für ganz oben. Niemand geringere als Admiral Cornwell soll ihm helfen. Ihre therapeutische Ausbildung hat sich voll gelohnt: “Sie sind nicht mehr der Alte. Gehen Sie einen neuen Weg und entdecken Sie sich neu”. “Gesunde Ernährung und Bewegung an frischer Luft”. Oder so ähnlich.

Wieso hat Culber eigentlich noch nicht seinen Offiziersstatus zurück und läuft in ziviler Kleidung herum, agiert aber wie der Chef der Krankenstation? Und klar, Stamets ist genial. Aber doch eigentlich mehr so Bio-Ingenieur. Wäre jemand wie etwa Jet Reeno oder sonst irgendwer der Technik-Crew nicht noch ein wenig mehr in das Mausefallen-Projekt einzubinden?

Airiam ist abgehakt, bleibt Nhan, die die Ereignisse der vergangenen Episode noch bei einem Flurgespräch inklusive hölzernen Handschlag mit Burnham aufarbeiten muss. Tilly darf mit tollen Erkenntnissen schon wieder in wichtige Gespräche der Führungsriege platzen. Leland erzählt Burnham die Wahrheit, was sich nicht für ihn auszahlt. Wahrheit sagen tut weh. Macht er nicht noch einmal. Dafür kommen sich Spock und Burnham darüber wieder näher. Die Szene war tatsächlich ganz nett.

Leland / Saru. Culber / Stamets. Georgiou / Burnham. Burnham / Tyler. Also an sich mag ich ja, wenn viele Leute und deren Beziehungen zu sehen sind. Aber ein wenig mehr Mühe könnte man sich für eine elegantere Art, diese zu zeigen, schon geben.

One for the team

Mit Speck fängt man Mäuse. Und Burnham ist der Speck. Und die Maus. Natürlich. Der total geniale Mausefallen-Plan, um den Roten Engel zu fangen. Abgleich von Airiams Daten, die unter “Projekt Daedalus” abgespeichert waren, zeigen, dass Burnham der Rote Engel sein muss. Man analysiert weiter, dass dieser immer auftaucht, wenn Burnham in Gefahr ist. Also: Juhu, lasst Burnham töten! Nicht einfach so, schon auf grausame Art. Man will ja auch ein wenig Show haben. Das ist bestimmt die beste und naheliegendste Lösung.

Wie gut, dass der Rote Engel nicht nur durch Wurmlöcher in der Zeit reisen, sondern mit einem Lichtstrahl auch Leute auferstehen lassen kann. Sowas hätte Tony Stark bestimmt auch gerne. Überhaupt wäre der komplette Technikaspekt inklusive Zeitreiseparadoxen nochmal ein komplett eigenes Kapitel. Wieder einmal: optisch durchaus reizvoll, aber nicht nachdenken! Hier wird Mysteriengeschwurbel deutlich mehr zugestanden als trekigen Wissenschaftsgebabbel.

Große Pluspunkte konnte die Episode jedoch in den letzten Atemzügen sammeln: Ich bin sehr froh, dass der Rote Engel sich als jemand herausstellt, den wir bisher noch nicht (wirklich) kannten. Weder Picard, noch Lorca und auch nicht Burnham selbst. Nein, ihre Mutter fällt aus dem Superheldenanzug. Zwar bin ich nicht der größte Fan von derlei Familiengeschichten, aber die Freude darüber, dass die schlimmsten Befürchtungen sich nicht bewahrheitet haben, überwiegt. Plus ein anerkennendes Nicken: Diese Auflösung habe ich vor dieser Episode tatsächlich so gar nicht erwartet und auch noch nirgends gelesen.

Fazit

Erfreulich überraschende Auflösung und kein längeres Hinhalten bezüglich der Identität des Roten Engels. Erzählerisch humpelt die Folge aber vor sich hin und die Grundproblematik der fehlenden konsequenten Charakter-Etablierung belastet zunehmend. Das fröhliche Hinbiegen von technischen Erklärungen mit kräftigen Mysterienüberbau passt zudem eher zu Doctor Who als zu Star Trek. So hat “Der Rote Engel” zwar einzelne nette Elemente, ärgert aber viel zu oft.

Nun folgte auf die hingeklatschte Info-Episode “Licht und Schatten” auf Vulkan die tolle Folge “Gedächtniskraft”. Der Klingonen-Folge ging ein spannender Einstieg in die zweite Staffel voran. Bei dem qualitativen Auf und Ab bin ich jetzt gespannt auf nächste Woche. Hoffentlich lest ihr hier dann eine Jubel-Kritik. Ich bin nach wie vor offen dafür, von Star Trek: Discovery begeistert zu werden.

Star Trek: Discovery Logo 2017

Originaltitel: Star Trek: Discovery
Erstaustrahlung 24. September 2017 bei CBS All Access / 25. September 2017 bei Netflix
Darsteller: Sonequa Martin-Green (Michael Burnham), Jason Isaacs (Captain Gabriel Lorca), Michelle Yeoh (Captain Georgiou), Doug Jones (Lt. Saru), Anthony Rapp (Lt. Stamets), Shazad Latif (Lt. Tyler), Maulik Pancholy (Dr. Nambue), Chris Obi (T’Kuvma), Shazad Latif (Kol), Mary Chieffo (L’Rell), Rekha Sharma (Commander Landry), Rainn Wilson (Harry Mudd), James Frain (Sarek)
Produzenten: Gretchen Berg & Aaron Harberts, Alex Kurtzman, Eugene Roddenberry, Trevor Roth, Kirsten Beyer
Entwickelt von: Bryan Fuller & Alex Kurtzman
Staffeln: 2+
Anzahl der Episoden: 29+


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