Stämme – Kritik zu The Expanse 5.06

SPOILER

Es geschieht selten, dass das Expanse-Publikum Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) absolut niedergeschlagen, fassungslos, ängstlich und ohne jede Kontrolle über die aktuelle Situation oder ihre eigene Emotionen erlebt. Aghdashloo spielt diese Szene fabelhaft und auch äußerlich überzeugend mit einem vergrämten eingefallenen Gesicht sowie zitternden Händen. Sie schafft es gerade noch so, sich zusammenzureißen, während sie den Minister für Transportwesen und jetzt neuen UN-Generalsekretär David Paster (Sugith Varughese) in ihrem Mond-Büro empfängt.

Es handelt sich nicht unbedingt um eine dramatische, aber dennoch um eine wichtige Konversation: Der neue Generalsekretär erkennt sofort, dass er für seine neue Aufgabe nicht das notwendige Rüstzeug mitbringt und holt die wesentlich erfahrene Chrisjen für eine Kabinetts-Position an Bord. Die Szene sagt generell mehr über ihren Geisteszustand aus, als den Plot voranzutreiben. Nebenbei und ohne eigenes Zutun schafft sie es dennoch, sich wieder eine Machtposition anzueignen, auch wenn der Preis dafür sehr hoch war.

Der Winter ist da

Der Winter ist mittlerweile auf der Erde angebrochen. Clarissa (Nadine Nicole) und Amos (Wes Catham) haben inzwischen eine Dynamik entwickelt, die von einer Mischung aus unterhaltsamer Schlagfertigkeit und ehrlicher Konversationen über die jeweilige eigene Vergangenheit und über den aktuellen emotionalen Zustand geprägt ist. Hier werden noch einmal der ungleiche Lebensverlauf und die vollkommen unterschiedlichen Hintergründe und Herkunft der beiden ungleichen Freunde deutlich: Während Clarissa eine behütete Kindheit genießen konnte, bei der sie auf Klassenfahrt Bäume pflanzte, musste Amos in seiner Jugend schon ums Überleben kämpfen.

Das zeigt sich auch in ihrem Verhalten, wenn sie Menschen in dieser neuen apokalyptischen Welt begegnen: Clarissa steht dem reisenden Fremden (Tony Munch), der sich an seinem Feuer wärmt, äußerst vertrauensvoll gegenüber. In Amos wächst bereits das Misstrauen, als dieser Fremde Clarissas Jacke bewundert. Als dieser ihnen noch einen Drink anbietet, hat Amos genug. Schauspieler Tony Munch leistet in dieser kleinen Rolle gut Arbeit. Weder durch seine Darstellung noch durch die Inszenierung wird deutlich, welche Intention dieser Fremde hat, falls überhaupt eine Intention vorhanden ist. Diese Ambiguität wird bis zum Ende nicht aufgelöst, zumindest nicht in dieser Episode.

Ganz anders läuft die Konfrontation mit einem Herren ab, der Haus und Hof mit einem futuristischen Gewehr und einer menschlichen Attrappe verteidigt, die er für seinen Sohn ausgibt. Prepper gibt es anscheinend auch in der Zukunft, was wenig verwunderlich ist. Der Versuch, rational mit diesem Menschen zu verhandeln beziehungsweise eine Angriffsmöglichkeit zu finden, wirkt verzweifelt und unüberlegt. Und das wird Amos schnell selbst klar.

Eine interessante Entscheidung von Autorin Hallie Lambert und Regisseur Jeff Woolnough, die Episode mit dieser Feststellung enden zu lassen. Amos ist sich selbst bewusst, dass sein moralischer Kompass nicht funktioniert, beziehungsweise, dass seine Crew/seine Freunde/seine Familie diese Funktion erfüllten. Das führt einerseits dazu, dass er das kleine bisschen Menschlichkeit verliert, das er sich in den letzten vier Staffeln erkämpft hat, und dass er unvernünftige Risiken eingeht. Zwar kann Clarissa als sowas wie sein Gewissen in dieser Episode fungieren, ihre Verzweiflung treibt sie selbst zu moralisch fragwürdigen Taten, auch wenn sie hinterher Zweifel und Gewissensbisse plagen.

Raumschiff-Reboot und Weltraum-Manöver

In den anderen Gefilden der Galaxis passiert im Grunde nicht viel: Holden (Steven Strait) versucht, die Rocinante neu zu starten, und Reporterin Monica Stuart (Anna Hopkins) möchte es sich nicht nehmen lassen, an der nächsten Mission teilzunehmen. Auf Holden wartet eine Nachricht von Naomi (Dominique Tipper), die sie wahrscheinlich schon vor ihrer Abreise vorbereitet hat, falls sie aus irgendeinem Grund nicht zurückkehrt. Offensichtlich ist er noch nicht bereit, sich diese Mitteilung anzusehen, weil es auch zum Teil bedeuten würde, dass er sie schon aufgegeben hat. Ein knuffiges und im Grunde auch sinnvolles Detail ist, dass Holden für Monica eine Art Gast-Account einrichtet, mit dem sie einen eingeschränkten Zugang zu den Raumschiff-Funktionen erhält.

Kreative Weltraum-Kampfmanöver konnte The Expanse stets spannend und clever inszenieren. Bobbie (Frankie Adams) darf in dieser Episode wieder zeigen, was in ihrem Space-Suit steckt. Action, Explosionen, Bomben und ausfahrbare Space-Korridore – die Szene hat alles, was ein solcher Kampf benötigt, um ein wenig Abwechslung in die ruhige und dialoglastige Episode zu bringen. Es zeigt sich aber auch, dass durch die Fragmentierung der einzelnen Parteien manche Figuren auf etwas unbefriedigende Weise nur wenig Zeit pro Episode erhalten.

Zweifelhafte Heilsversprechen

Die Episode fokussiert sich neben Amos und Clarissa deutlich auf Marco (Keon Alexander) und seine Free Navy. Dieser verliert langsam die Geduld mit seiner Crew, mit Naomi und seinem Sohn Filip (Jasai Chase Owens). Die Tatsache, dass die Rocinante dank Naomis Einschreiten offensichtlich nicht explodiert ist und die Verfolgung aufgenommen hat, trägt offensichtlich zu seinem Wutausbruch bei. Gleichzeitig zeigt er langsam sein wahres Gesicht, falls er es in den Episoden zuvor noch nicht deutlich genug getan hat: Als großer Redenschwinger, der die Drecksarbeit – in diesem Fall Naomi aus der Luftschleuse werfen – lieber jemand anderem überlassen möchte.

Naomi stellt für Filip wahrscheinlich noch so etwas wie ein letztes Bisschen Menschlichkeit dar, die er sich bewahren möchte, nachdem er zumindest mitverantwortlich für den Tod mehrerer Millionen Menschen ist. Vielleicht erkennt er in seiner Mutter auch einfach etwas, was er in seinem eigenen Vater nicht sehen kann: Eine Person, die bereit ist, sich für die Menschen aufzuopfern, die sie liebt. Schauspieler Brent Saxton leistet als Cyn wieder gute Arbeit, während er Marco zur Sau macht und sich zwischen ihm und Naomi und Filip stellt.

Die Piratenbande um Drummer herum muss sich schnell eingestehen, dass sie der Feuerkraft von Marcos Free Navy haushoch unterlegen sind. Der Freund-oder-Feind-Einstellung, mit der Marco seine eigene und andere Gürtler-Fraktionen gefügig macht, haben sie ebenfalls nicht viel entgegenzusetzen. Gleichzeitig ist Marco in seiner pompösen Vision für die Zukunft seines Volkes äußerst verführerisch. Das praktische an diesen Big-Picture-Visionären ist, dass sie sich nicht um die Alltagsprobleme ihrer Untergebenen kümmern müssen, solange sie in der Lage sind, große Reden zu schwingen.

Als ein Mitglied von Drummers Besatzung akuter Nahrungsknappheit erzählt, schwärmt er von einem Nahrungsüberfluss in ferner Zukunft. Das löst zwar nicht die Probleme im Hier und Jetzt, kann aber anscheinend viele Gürtler-Fraktionen überzeugen, sich ihm anzuschließen. Drummer selbst befindet sich in einer unmöglichen Position: Sie möchte keinen offenen Krieg, allerdings wäre sie wahrscheinlich vogelfrei vollkommen allein im Universum unterwegs, wenn sie sich Marco und der Free Navy verweigern würde.

Fazit

Der Plot schreitet an dieser Stelle nur langsam voran. Vielmehr geht es immer noch darum, über die Ereignisse der letzten paar Episoden hinwegzukommen, und im Zuge dessen, die eigene Menschlichkeit nicht zu verlieren, sofern sie überhaupt vorhanden war. Im Moment spielt sich weiterhin noch vieles auf Charakter-Ebene ab und es macht sich weiterhin bezahlt, dass die Serie diese immer gut managen konnte, und die Darsteller aus verhältnismäßig wenig Spielraum viel herausholen können.

Es ist aber erfreulich, dass einzelne Handlungsstränge langsam zusammengeführt werden, denn viel Zeit bleibt nicht pro Episode, um alles und jeden wirklich befriedigend abzudecken. Insbesondere Alex (Cas Anvar) und Bobbie sowie Holden und seine behelfsmäßige Besatzung haben darunter zu leiden.

The Expanse Season 1 Poster

Originaltitel: The Expanse (2015)
Erstaustrahlung am 23.11.2015
Darsteller: Thomas Jane (Josephus "Joe" Aloisus Miller), Steven Strait (James „Jim“ Holden), Cas Anvar (Alex Kamal), Dominique Tipper (Naomi Nagata), Wes Chatham (Amos Burton), Shawn Doyle (Sadavir Errinwright), Shohreh Aghdashloo (Chrisjen Avasarala), Frankie Adams (Roberta "Bobbie" W. Draper)
Produzenten: Broderick Johnson, Andrew Kosove, Sharon Hall, Sean Daniel, Jason F. Brown, Mark Fergus, Hawk Ostby, Naren Shankar
Basiert auf der gleichnamigen Romanreihe von Daniel Abraham & Ty Franck
Staffeln: 3+
Anzahl der Episoden: 24+


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