Fuck Fate - Kritik zu Game of Thrones 6.01: The Red Woman

SPOILER

Nun ist es passiert: Die Fernsehadaption von Game of Thrones hat die Buchvorlage (weitgehend) hinter sich gelassen und begibt sich auf unbekanntes Territorium. Die letzte Folge der fünften Staffel hatte das Schicksal vieler Charaktere offen gelassen und die erste der sechsten klärt nicht alles auf. So bleibt weiter unklar, wie lange Jon Snow tot sein wird. Für den Rest der Serie oder, was deutlich wahrscheinlicher ist, bis Melisandre, die als "Red Woman" der Folge ihren Namen gibt, irgendetwas tut, um ihn zurückzuholen.

Trotz dieser fehlenden Auflösung wirkt der Handlungsstrang um die Palastrevolte in Castle Black nicht wie Wassertreten. Die Szenen mit Ser Davos und den wenigen loyal zu Jon stehenden Rangern waren spannend und sorgten mit "If you plan to see tomorrow, you've picked the wrong room" für den besten Satz der Folge. Und die Enthüllung, dass Melisandre ihr jugendliches Aussehen Magie verdankt, war nicht nur eine echte Überraschung, sondern wirkte dank der ruhigen Inszenierung auch merkwürdig intim - als würden wir Zuschauer Zeugen eines bitteren, nicht für uns bestimmten Geheimnisses.

Überraschungen gibt es in den anderen Handlungssträngen kaum. Der Machtwechsel in Dorne gestaltet sich blutig und erfreulich kurzweilig - normalerweise ist jede Minute, die man nicht in Dorne verbringen muss, eine gute Minute - und da es ungeheuren Spaß macht, Tyrion und Varys zuzusehen, gerät sogar der zuletzt öde Mereen-Handlungsstrang in Schwung.

Das gleiche kann man über Sansa, Theon und die Boltons sagen. Auch diese Handlung eierte in der zweiten Hälfte der fünften Staffel so vor sich hin, nur gelegentlich aufgelockert durch irgendeine von Ramsay begangene Gräueltat. Jetzt ist dank Brienne (und auch Theon) wieder alles offen. Sansa ist geflohen und nimmt in der schönsten Szene der Folge holprig Briennes Treueschwur an. Die Boltons könnten Winterfell verlieren und Ramsays Höhenflug endet somit abrupt. Apropos Ramsay: Seine Trauer um Myranda, die nach nur dreißig Sekunden mit der Bemerkung endet, man solle ihre Leiche an die Hunde verfüttern, sei schließlich gutes Fleisch, zeigt wieder einmal, wie hervorragend die Autoren es verstehen, auch ihren Schurkenfiguren sympathische Momente zu geben, ohne sie selbst sympathisch zu machen.

Der Befreiungsschlag, den die Serie Sansa gönnt, bleibt bei Daenerys und Arya leider aus. Während letztere auch als blinde Bettlerin immer noch nicht von den unerträglich herablassenden Faceless Men in Ruhe gelassen wird, errichtet man vor der Mutter der Drachen eine weitere Hürde, die sie vor ihrem geplanten Eroberungskrieg nehmen muss. Warum die Serie ausgerechnet hier zu einer solchen Verzögerungstaktik greift, ist zumindest im Moment noch unverständlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele GoT-Fans darauf brennen, Vaes Dothrak zu sehen. Was man sehen will, ist der verdammte Feldzug, der schon seit vier Staffeln angekündigt wird. Die Frustration, mit der Tyrion auf die brennende Flotte im Hafen von Mereen reagiert, dürfte dann auch vor dem einen oder anderen Fernseher ihr Echo gefunden haben.

Währenddessen stehen Cersei und Jamie vor den Scherben ihres gescheiterten Lebens. Während Cersei verzweifelt, versucht Jamie, ihr Hoffnung zu geben. "Fuck prophecy, fuck fate", sagt er. Niemand bestimmt über ihr Leben außer ihnen selbst.

Das könnten Weiss und Benioff auch über ihre Serie sagen. Sie haben die Bücher hinter sich gelassen, alles, was jetzt geschieht, haben nur sie zu verantworten. Die erste Folge der sechsten Staffel haben sie wie üblich genutzt, um alle Figuren auf das Spielfeld zu stellen. In einer perfekten Welt würden sie von nun an die Stärken der Bücher beibehalten und ihre Schwächen über Bord werfen. In dieser Welt leben wir zwar nicht, aber man kann ja mal hoffen. Auf wenig Dorne. Und viele Drachen.

Game of Thrones Logo

Originaltitel: Game of Thrones (seit 2011)
Basiert auf der Fantasy-Reihe Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin
Erstaustrahlung am 17.04.2011
Darsteller: Peter Dinklage (Tyrion Lennister), Lena Headey (Cersei Lennister), Emilia Clarke (Daenerys Targaryen), Kit Harington (Jon Snow), Sophie Turner (Sansa Stark), Maisie Williams (Arya Stark), Nikolaj Coster-Waldau (Jaime Lennister)
Produzenten: David Benioff, D. B. Weiss, Carolyn Strauss, Frank Doelger, Bernadette Caulfield
Staffeln: 6+
Anzahl der Episoden: 60+


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