DC-Comic-Kritik: Hellblazer 1: Die giftige Wahrheit (Rebirth)

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Hellblazer Rebirth

Auch das Übernatürliche ist seit jeher Bestandteil des DC-Universums. Zugegebenermaßen sind Figuren wie Deadman, Swamp Thing, Pandora oder Zatanna nicht im Ansatz so populär wie Batman, Superman & Co., aber deshalb nicht minder interessant. Letztere gehört wahrscheinlich noch zu den bekannteren Mitgliedern der sogenannten Justice League Dark - der Superheldenvereinigung, die immer dann gerufen wird, wenn es der Liga der Gerechten etwas zu magisch wird.

Deren Anführer ist John Constantine alias Hellblazer, mit dem der ein oder andere aufgrund der Verfilmung von 2005 (Constantine) womöglich immer noch das Gesicht von Keanu Reeves assoziiert. Außerdem war die Figur bereits Titelheld einer Serie auf NBC, die allerdings nach nur einer Staffel bereits wieder eingestellt wurde. Schauspieler Matt Ryan durfte die Rolle des wahrscheinlich berühmtesten DC-Trenchcoatträgers jedoch noch einmal in Arrow übernehmen und wird eventuell in Staffel 3 von Legends of Tomorrow zu sehen sein.

Comic-geschichtlich ist der Magier vor allem deshalb so interessant, weil er sich von Anfang an in jederlei Hinsicht zwischen zwei Welten bewegte. Erstmals aufgetaucht ist er 1985 in Alan Moores Swamp-Thing-Run und begeisterte direkt derart viele Fans, dass er 1988 seine eigene Comic-Reihe (Hellblazer) bekam. Zunächst erschien diese bei DC Comics, bevor sie 1993 zu dem neugegründeten hauseigenen Imprint Vertigo wechselte. Dessen Titel richteten sich eher an ein erwachseneres Publikum und waren wesentlich düsterer und brutaler als die Geschichten rund um die klassischen Erdenretter.

Mit dem The-New-52-Start 2011 kehrte der Okkultist unter neuem Namen gewissermaßen wieder zu seinen Wurzeln zurück. Nach all den Hellblazer-Jahren musste man nun im Fachhandel nach dem neuen Constantine-Heft fragen, das von diesem Moment an das Logo von Marvels größtem Mitbewerber zierte.

Die Rebirth-Ära des Mannes, der immer den passenden Kraftausdruck parat zu haben scheint, beginnt mit einer halben Rolle rückwärts. Es kam zwar zu keinem Vertigo-Comeback, allerdings heißt der Comic seit der Wiedergeburt wieder Hellblazer (in den USA The Hellblazer), und das nicht ohne Grund…

Inhalt

Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrt John Constantine nach London zurück. Der Fluch eines Dämons hatte ihn bisher daran gehindert, bis er diesen dank eines Asses, das er gekonnt aus seinem Mantelärmel zauberte, brechen konnte.

Jeder Zauber hat jedoch einen Haken, und wenn der Protagonist gewusst hätte, wie groß die Bedrohung ist, mit der er es in der alten Heimat zu tun bekommt, hätte er New York eventuell schlagartig in einem völlig neuen Licht gesehen. Dies ist der Auftakt zu einem spannenden Abenteuer, in dem sich erneut zeigt, dass der Brite, wenn es hart auf hart kommt, ohne seine Freunde ziemlich alt aussehen würde…

John Constantine: der geborene Antiheld

Er ist ein Lügner, ein Egoist und ein Chaot, aber dennoch ist Constantine vor allem eines: ein Sympathieträger. Hinter der Fassade des Kettenrauchers mit Hang zu ausgiebigen Alkoholexzessen verbirgt sich nämlich ein Mensch, der für seinesgleichen einstehen möchte.

Der Magier gibt sich größte Mühe, so selbstsüchtig und unsympathisch wie möglich zu erscheinen, allerdings gelingt ihm dies einfach nicht. Ja, er achtet zweifellos darauf, dass bei all seinen Einsätzen etwas für ihn herausspringt. Er hat jedoch auch immer das große Ganze im Blick und würde niemals jemandem mutwillig schaden - alle Kreaturen, die Böses im Sinn haben, stellen selbstredend eine Ausnahme von der Regel dar.

Ein zynischer Spruch hier, eine spitze Bemerkung dort, aber auch gerne einmal ein politisches Statement, das zum Nachdenken anregt. Gelegentlich durchbricht Constantine sogar die vierte Wand und wird so zu einer Art Light-Version von Deadpool.

Der Leser erhält dennoch immer nur so viele Informationen wie nötig, um der Handlung folgen zu können. Der Großteil wird bruchstückhaft nach und nach offenbart, wodurch dieser Band nie Gefahr läuft, langweilig zu werden.

Da der Rezipient über die Hauptfigur ebenfalls nur sehr wenig erfährt, läuft darüber hinaus die Geschichte rund um den ohnehin schon so ungewöhnlichen und in keine Schublade so recht passen wollenden Antihelden zudem nie Gefahr, an Zugkraft zu verlieren.

Wahre Freunde

Die Akteure aus Constantines engstem Umfeld verfluchen den Okkultisten im Rebirth-Special und den sechs Einzelheften, die in diesem Sammelband zusammengefasst werden, mehr als einmal, unterstützen ihn letzten Endes jedoch trotzdem nach Kräften.

Dies kommt nicht von ungefähr: Ob Swamp Thing, Taxifahrer Chas oder das Medium Mercury, sie alle glauben an den Mann mit Mantel, der Probleme irgendwie magisch anzuziehen scheint. Mit jeder oder jedem von ihnen verbindet ihn eine lange Geschichte.

Wie Autor Simon Oliver die Leser über die besonderen Beziehungen zwischen dem Trickser und besagten Personen in Kenntnis setzt, ist wirklich beachtlich. Nie wirkt es so, als müsse jetzt noch schnell dieser oder jener Fakt untergebracht werden. Im Gegenteil: Die Rückblenden oder Verweise auf frühere Ereignisse wurden so in die Handlung integriert, dass man sie stets als wichtigen Teil des Gesamtkunstwerks Hellblazer 1 wahrnimmt.

Gemein haben sie den klaren moralischen Kompass, der ihr Handeln eindeutig bestimmt. Auf diese Weise helfen sie Constantine dabei, seinen eigenen nie zu vergessen, und verkörpern sozusagen das Gute, was in ihm steckt, er sich aber nicht immer eingestehen will.

Ein Hoch auf das Übernatürliche!

Diese Ansammlung außergewöhnlicher Charaktere profitiert zweifelsohne enorm von der Aura des Übernatürlichen, die seit den 80ern die Hellblazer-Comics ausmacht. Überraschende Wendungen, unverbrauchte Settings und sehr originelle Antagonisten gehen häufig damit einher - diese 156 Seiten bilden da keine Ausnahme.

Für Zeichner waren die oftmals sehr kreativen, fantastischen Storylines mit einem zumeist nicht zu unterschätzenden Horroranstrich seit jeher eine tolle Möglichkeit, um sich so richtig auszutoben. In diesem Paperback variiert sogar in Moritat einer der hauptverantwortlichen Künstler seinen Stil. Die kräftigen, kantigen Gesichter können mit einem Mal auch wesentlich weicher daherkommen, womit sie sich interessanterweise auf die Art, wie seine Kollegin Pia Guerra gerne ihre Panels gestaltet, zubewegen.

Bei ihr wiederum dominieren dann auch wesentlich hellere Farben, was nicht ausschließlich inhaltlich zu begründen ist. Dieser Sammelband kennt nämlich nicht nur unterschiedliche Zeichner, sondern ebenso mehrere Coloring-Verantwortliche, die etwas von ihrem Job verstehen.

Die dadurch logischerweise entstehenden Unterschiede unterstreichen daher eher dieses Mehr zwischen Himmel und Erde, um das es hier geht, als dass sie negativ auffallen würden. Im Grunde ist es nur konsequent, dass permanente Veränderung auch Teil der Bildsprache dieses Trades ist, weil so die Magie und die Existenz von Parallelwelten für den Leser regelrecht spürbar wird.

Fazit

Wer Lust auf auf schwarzen Humor, einen Antihelden, dessen Sprechblasen selten eine FSK-12-Freigabe erhalten würden, einen unkonventionellen Plot und fesselnde Bilder hat, kommt bei Hellblazer 1: Die giftige Wahrheit mit Sicherheit auf seine Kosten.

Langjährige Fans sollten ähnlich begeistert von Constantines Start in die Rebirth-Ära sein wie Neueinsteiger. Nicht-Kenner werden nämlich zu keinem Zeitpunkt von Autor Oliver überfordert, und Kenner müssen auf nichts verzichten, was sie schon immer an dem Trenchcoatträger ihres Vertrauens geschätzt haben.

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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