Kritik zu Star Trek: Discovery 1.05 - Choose Your Pain

SPOILER

Captain Lorca wird auf dem Rückweg von einem Treffen auf einer Sternenbasis von den Klingonen entführt und landet in einer Zelle mit ungewöhnlicher Gesellschaft. Derweil muss Saru den Captain ersetzen und Burnham versuchen, dem leidenden Tardigraden zu helfen...
 
Ich fühle Schmerz, großen Schmerz
Es tut mir wirklich aufrichtig leid, wenn ich mit diesem Zitat der wunderbaren Deanna Troi aus der TNG-Pilotepisode “Encounter at Farpoint“ alte Wunden aufgerissen haben sollte. Denn rein qualitativ gehören die besagten Szenen mit der damals noch unerträglichen Schiffs-Heulsuse nicht mal in die Nähe der Themen dieser Episode. Dennoch ist Schmerz schon vom Titel her das dominierende Motiv von “Choose Your Pain“. Lauschen wir also lieber den Worten eines berühmten Captains, der diese jedoch aus Sicht des Serienkanons erst viel später - und in einem unter Fans ebenfalls zumeist äußerst negativ beleuchteten Werk - gesprochen hat:


“Damn it, Bones, you're a doctor. You know that pain and guilt can't be taken away with a wave of a magic wand. They're the things we carry with us, the things that make us who we are. If we lose them, we lose ourselves. I don't want my pain taken away! I need my pain!“ 


In diesem Zitat liegen in Bezug auf die Episode gleich mehrere interessante Gedanken. Einerseits macht Kirk hier klar, dass sein Schmerz ihn definiert, ihm die Sinne schärft und Fokus darüber verleiht, wer er ist. Ohne seinen Schmerz und die damit verbundenen Erfahrungen, wäre er nicht die gleiche Person. Im Guten wie im Schlechten. Ein Ansatz, über den alleine man Seiten füllen könnte.
 
Die Autoren legen diese Schablone hier gleich auf eine Vielzahl von Figuren an - und letztlich sogar auf den Betrachter des Ganzen. Doch der Reihe nach.
 
Der Schmerz des Tardigraden
Meine Hoffnungen, man würde die traurige Situation des Tardigraden nicht herunterspielen, erfüllte man hier schneller als gedacht und macht unumwunden klar: Die arme Kreatur leidet mindestens körperlich, vermutlich aber auch seelisch, was zu heftigen Diskussionen und unterschiedlichen Sichtweisen unter den Crewmitgliedern führt.
 
Der Albtraum von Burnham ist bereits ein guter Wegweiser für die weitere Handlung, ihre erfolgreichen Bemühungen, Culber, Tilly und Stamets auf ihre Seite zu holen, überzeugen durchweg. Sogar das anfänglich rätselhafte Verhalten von Saru kann man akzeptieren, da er zunächst einzig und alleine versucht, seiner neuen Rolle als Vertreter Lorcas gerecht zu werden - wie man später erfährt, sieht er sich dafür als unvorbereitet und ohne moralischen Kompass, da er nie die Chance hatte, einem Captain wie Georgiou als erster Offizier zu dienen und für eine solche Situation zu lernen.

Szenenbild aus Star Trek: Discovery 1.05


Dass er dennoch am Ende die Freilassung der Kreatur anweist, zeigt seine Lernfähigkeit und Selbstreflexion. Man begegnet dem Tardigraden hier insgesamt mit Ehrfurcht und Empathie und ermöglicht ihm, seinen eigenen Weg zu wählen. Das ist pures Star Trek, menschlich nachvollziehbar, hochemotional und verschafft dem Zuschauer Gänsehaut.
 
Der Schmerz des Gabriel Lorca
Captain Lorca ist von Beginn an ein rätselhafter Mann voller Widersprüche und düsterer Geheimnisse. Hier jedoch setzt man dem Ganzen die Krone auf und präsentiert eine Backstory, die man zumindest für den Moment mit den Begriffen Captain, Held und Trek-Ikone nicht mehr in einen Topf zwängen kann.
 
Wir haben es also nun mit jemandem zu tun, der in einer Krise von seinem Schiff fliehen konnte und nicht mit seinen Untergebenen unterging? Hätte er nicht bis zuletzt auf der Brücke bleiben müssen? Man zeichnet einen Captain, der lieber sein Schiff zerstörte und die Crew tötete, damit sie nicht in Gefangenschaft geraten würde? Nun ja. Das ist schon mehr als harter Tobak. Captain Picard wollte in Star Trek: First Contact seiner Crew anraten, assimilierte Kollegen lieber direkt zu töten, um ihnen damit einen Gefallen zu tun. Schon diese Aufforderung kann man äußerst zwiespältig sehen, wenn man bedenkt, dass Picard selber assimiliert, gerettet und zu seiner Menschlichkeit zurückgeführt wurde. Ein Captain jedoch, der seine Crew verlässt und tötet, ist in so vielerlei Hinsicht ein No-Go, dass man hier dringend weitere Infos benötigt, um den Vorfall bewerten zu können. Wissen seine Vorgesetzten überhaupt davon? Warum gaben sie ihm dennoch offenbar direkt ein neues Kommando? Aus der Not heraus? Und warum mit dieser Machtfülle? Verdient man sich als Captain neuerdings mit Massenmord an Untergebenen seine Sporen? Heikel, heikel.
 
Immerhin erklärt man aber damit, dass Lorca erst nach Ausbruch des Krieges das Kommando über die Discovery erhielt - eine Information, die viel besser ins Bild passt, als die abstruse Vorstellung, ein Kriegstreiber wie er würde bereits längere Zeit ein Wissenschaftsschiff kommandieren.
 
Die spätere Foltersequenz bei den Klingonen erinnert dann gleich noch an zwei Vorbilder. Lorcas zynische Art, L’Rell zu beleidigen, hatte Captain Archer mit den Xindi Reptiloiden in der Episode “Azati Prime“ ähnlich durchgespielt, die drei grellen Lichter am Ende erinnern dann an Captain Picards unschönen Ausflug zu seinem cardassianischen Peiniger in der Episode “Chain of Command“. Lorca bleibt auch in diese Szenen der furchtlose Hardliner, als den man ihn bisher ohnehin präsentiert hatte. Was L’Rell mit ihrer Folter jedoch bezweckt, bleibt völlig offen - vielleicht hat sie Lorca umgedreht und somit in den Dienst der Klingonen gestellt? Oder hat er gar wichtige Geheimdienstinformationen ausgeplaudert? Man sollte den Captain also besser im Auge behalten - was angesichts seines Charakters jedoch ohnehin dauerhaft gilt. Um sein Gewissen scheint er sich aber nicht weiter zu sorgen - die Brutalität, mit der er bei seiner Flucht vorgeht, und Mudd zurücklässt, stimmt mindestens nachdenklich.
 
Der Schmerz der Anderen
Auch Burnhams Schmerz wird erneut gut herausgearbeitet. Ihre Tendenz, das Falsche aus den richtigen Gründen zu tun, wird hier nicht weiter fortgeführt. Ihr Gespür hat sie nicht getrogen, und sie verschafft dem Tardigraden die Freiheit. Auch in Bezug auf Saru kann sie punkten. Nicht nur, dass er ihr gegenüber ehrlich ist, kann sie ihm mit dem Teleskop von Captain Georgiou auch noch ein wunderbares Geschenk machen, das ihm ein Stück von dem verschafft, was das Leben ihm verwehrt hat.
 
Sarus Enthüllung entblößt auch direkt seinen eigenen Schmerz und gibt ihm die Möglichkeit, eine Fehlentscheidung zu treffen, zu reflektieren und direkt zu korrigieren. Doch was wird Lorca dazu sagen? Werden die beiden in Kürze vielleicht endlich die erste gehaltvolle Unterhaltung innerhalb der Serie führen können?
 
Stamets treibt sein Mitgefühl sogar so weit, dass er sich am Ende selber opfert und als Versuchskaninchen für den Antrieb missbraucht. Wie er selber sagt, wollte er nie eine lebende Kreatur verwenden, somit ist es nur konsequent, dass er nun die Verantwortung schultert und sich für das übergeordnete Ziel selber der Gefahr aussetzt.
 
Zum Schluss bleiben noch zwei neue Figuren: Ash Tyler war bei Kriegsbeginn in Gefangenschaft geraten und musste seitdem Folter und die Avancen von L’Rell über sich ergehen lassen. Was das aus ihm gemacht hat, werden wir hoffentlich noch erfahren.

Szenenbild aus Star Trek: Discovery 1.05


Und Harry Mudd sehnt sich nach seiner geliebten Stella und gibt der Föderation die Schuld an seiner Situation. Durch Lorcas Verhalten wird sich daran vermutlich auch erstmal nichts ändern.
 
Alle diese Personen durchzieht das Motiv von Schuld und Sühne sowie von Schmerz und Aufarbeitung tiefer negativer Gefühle.
 
Der Schmerz des Rezensenten
Doch beschränkt sich die Verteilung des Schmerzes leider nicht auf die handelnden Personen innerhalb der Serie. Auch der geneigte Zuschauer muss ein schweres Bündel an Frust tragen.
 
Dabei ist es nicht so, dass derartige Beobachtungen innerhalb der ersten vier Episoden nicht ebenfalls schon möglich gewesen wären. Im Gegenteil. Es galt bereits einige Kröten zu schlucken, die vermutlich auf Drehbuchschwächen zurückzuführen waren. Sei es die Tatsache, dass sechs Monate lang niemand nach T’Kuvmas Schiff geschaut hat, Landrys alberner und selbstverschuldeter Tod oder die unbewachte Kolonie Corvan II. Die Serie trägt bereits ein paar Unglaubwürdigkeiten mit sich herum, die man bis zu einem gewissen Grad vielleicht zu akzeptieren bereit ist. Wird dieses Verhalten seitens der Autoren jedoch zur Dauermasche, schmeckt das Gesamtprodukt irgendwann vielleicht nicht mehr ganz so gut.
 
Im aktuellen Fall gibt es gleich diverse Punkte zu erwähnen. Sei es die klobige Exposition, in der Burnham, Stamets und Tilly (wem eigentlich?) noch einmal die Funktionsweise des Sporenantriebs erklären oder die verwirrende Charakterzeichnung von Saru, der mit jeder Episode an einen anderen argumentativen Punkt zu springen scheint. Dass er hier nun erklärt, seine Vorbehalte gegen Burnham hätten nichts mit Angst, sondern vielmehr mit Eifersucht ob ihres engen Verhältnisses zu Georgiou zu tun, macht für sich zwar durchaus Sinn, jedoch eben nicht im übergeordneten Fall. Hatte man seine Ganglien bisher nicht eigentlich direkt mit Gefahr verbunden? Warum schlagen sie dann immer auf Burnham an? Lügt er also, wenn er seine Angst ihr gegenüber verneint? Die Szene an sich wirkt prinzipiell aufrichtig. Dann jedoch macht das Konzept seiner Ganglien an dieser Stelle nicht mehr besonders viel Sinn. Oder reagieren sie vielleicht auf alle negativen Emotionen seinerseits? Mag sein. Dann kann er sie in einem Umfeld wie der Discovery und mitten in einem Krieg aber eigentlich auch direkt ausgefahren lassen, und der Aussagewert würde gegen Null gehen. Auch sein sprunghaftes Verhalten in der Causa Lorca und seine generelle Haltung Burnham gegenüber lassen mich fragen: Wer ist dieser Kerl? Wofür steht er? Und natürlich hätte man von einer Beutespezies, von einem friedlichen Forscher vielleicht auch grundsätzlich etwas mehr Mitgefühl erwarten dürfen, als er zunächst zeigt - wobei dieser Umstand wie angesprochenen noch am ehesten kurzfristig nachvollziehbar ist. So gut einiges also auch ist, so sehr fällt auf, wie inkonsistent Saru bisher geschrieben wird. Das ist umso bedauerlicher, da er einer der spannendsten Charaktere an Bord ist.
 
Die Handlung rund um L’Rell ist ein weiterer Punkt, der nicht schlüssig bearbeitet wird. Zuletzt sahen wir sie mit Voq auf der Shenzou. Dort schien sie ihren Mitstreiter auf eine Art von Reise oder Mission schicken zu wollen. Nun fehlt von Voq jede Spur, und L’Rell scheint sich schon länger auf dem Gefangenentransport zu befinden (und dort Ash Tyler als Liebessklaven zu halten?). Irgendwas stimmt hier doch nicht. Ist Ash Tyler vielleicht ein umoperierter Voq und somit das ideale Trojanische Pferd ihres Planes? Oder hat man ihn gar mit dem Augment-Virus (aus Star Trek: Enterprise) behandelt und so rein optisch zu einem Menschen werden lassen und den Rest der kosmetischen Chirurgie überlassen? Die soll bei den Klingonen ja ganz wunderbar entwickelt sein. Ich weiß: Das ist beides wenig wahrscheinlich, wäre aber immerhin clever.
 
Auch globaler muss man anmerken, dass die Zeichnung der Klingonen immer mehr in eine Richtung driftet, die den stolzen Kriegern nicht gut zu Gesicht steht. Vom Essen der Leichen über die hier gezeigte rohe Gewalt bis hin zu L’Rell und ihrem Sexsklaven - die Klingonen sind in dieser Serie ein eindimensionaler Haufen von Bösewichtern. Wollten die Autoren nicht gerade diesen Umstand ändern und uns eine differenzierte Kultur zeigen? Unklar.
 
Besonders schwerwiegend fällt jedoch die komplette Handlung rund um Captain Lorca aus. Warum muss er überhaupt mitten in der Krise persönlich zu dem Treffen auf die Sternenbasis kommen? Sind die Holoprojektoren kaputt? Nehmen wir für den Moment einmal an, es war nötig: Warum fliegt er nicht ratzfatz mit der Discovery dorthin? Schon in anderen Trek-Serien waren Shuttle-Ausflüge selten logisch, wenn man die viel höhere Geschwindigkeit des Mutterschiffes in die Rechnung einbezog. Doch hier gibt es gleich mehrere offene Fragen: Was hat die Discovery gerade Wichtigeres zu tun, dass Lorca mit nur einem Mann in einem Shuttle losgeschickt wird? Nicht viel, wie es scheint. Warum geht man also ein so hohes Risiko ein? Wo befindet man sich überhaupt, wenn die Klingonen - offenbar mitten im Föderationsgebiet - so einfach einen derartigen Coup durchführen können? Woher wissen die Klingonen von Lorcas Mission? Fakt ist: Die ganze Handlung rund um seine Entführung ist unlogisch und was das Verhalten der Föderation angeht, erneut schlichtweg dumm. Das ist schade und macht unnötigerweise einiges kaputt.
 
Doch endet der Frust nicht, wenn man diese erste Kröte geschluckt hat. Die Darstellung der erwähnten Gewalt durch die Klingonen passt für meinen Geschmack nicht zur Spezies. Diese fast schon sadistische Art von Psychospiel (“Choose your pain!“), das sinnlose Foltern, das Verhör von L’Rell und die Enthüllung über ihre besondere Beziehung zu Ash Tyler, den wir hier erstmals zu sehen bekommen - all das will sich für mich nicht zu einem runden Bild zusammensetzen. Die Zeichnung der Klingonen ist an diesem Punkt inkonsistent und plump. Nicht nur zum bisherigen Kanon, sondern auch in sich.

Szenenbild aus Star Trek: Discovery 1.05
 
Auch Lorcas Enttarnung von Harry Mudd als Spion gibt Rätsel auf. Ash Tyler war ebenfalls die ganze Zeit dabei, als Lorca seine vermeintlichen Köder-Informationen preisgab - warum muss also ausgerechnet Mudd der Verräter sein? Dass Lorca Recht hat, macht es an dieser Stelle übrigens nicht besser - seine Schlussfolgerung ist einfach nicht logisch zu begründen.
 
In Zukunft wird dann auch noch interessant werden, wie er mit Ash Tyler umzugehen gedenkt. Dieser Mann war sieben Monate in Gefangenschaft der Klingonen und zuletzt offenbar eine Art besonderes Spielzeug von L’Rell. Wie mit Brody aus Homeland kehrt hier unter Umständen ein gebrochener Mann zurück, über dessen Motive man nur mutmaßen kann.
 
In der Summe erinnert die ganze viel zu simple Entführung und Flucht in einer Episode an die vielen Gelegenheiten, bei denen man in Star Trek: Enterprise Crewmitglieder entwendete. Ein Running-Gag, der dort sehr bitter schmeckte.
 
Mit diesen ganzen losen Enden und Unklarheiten irritiert man für den Moment somit leider mehr, als das man erfreut. In eine ähnliche Falle tappte ja bekanntlich auch Lost. Viele Fans nahmen das “wir erklären am Ende alles“ der Produzenten wörtlich und konnten den damit verbundenen Frust später nie überwinden. Daher wäre es besser, einiges würde im Hier und Jetzt direkt besser funktionieren.
 
Es ist gar ein wenig so, als würden die Drehbuchautoren die Matrix der Serie ständig verändern oder (noch) gar keinem klaren Kurs folgen. Geschieht dies aus einer übergeordneten Motivation heraus? Folgt man einen großen Plan? Oder haben wir es mit latenter Inkompetenz zu tun? Am Ende der ersten Staffel werden wir sicher etwas schlauer sein.
 
Ein paar Beobachtungen
Das Gespräch mit den Admirals lässt mich an meiner Theorie bezüglich der Einbeziehung von Sektion 31 zweifeln. Es ist ohnehin nicht typisch für diese Organisation, so viel von sich zu zeigen, beziehungsweise derart öffentlich zu agieren. Eine Präsenz von Sektion 31 auf dem Schiff bleibt zwar weiterhin denkbar, richtig überzeugt bin ich jedoch nicht mehr.
 
Die letzte Szene der Episode mit Stamets Spiegelbild kommt unerwartet, bietet Suspense und eine Spur Verrücktheit - eher wie in einer Serie à la Akte X. Ich bin mehr als gespannt, was die Autoren an dieser Stelle noch auf der Agenda haben. Ist es eine Andeutung Richtung Spiegeluniversum? Hat die Prozedur dazu geführt, dass Staments nicht mehr nur an einem Ort und Zeitpunkt existiert? Hat er sich gar gespalten und besteht nun aus multiplen Persönlichkeiten? Ein starker Cliffhanger.
 
Es ist angenehm, die Klingonen zur Abwechslung ohne Untertitel zu erleben. Das kommt auch Mary Chieffo alias L’Rell zu Gute, die im Gegensatz zu ihren eindimensionalen Mitstreitern ein wenig aus der Finsterling-Masse heraussticht.
 
Die Serie fokussiert sich hier erstmals nicht so stark auf Burnham, sondern wirkt wie eine typische Ensemble-Show aus dem Trek-Universum. Es bleibt interessant, wie man hier zukünftig den Fokus ausrichten wird.

Szenenbild aus Star Trek: Discovery 1.05


Doch kommen wir zu leichterer Kost. Für die Freunde des Kanons tut man in dieser Episode nämlich so einiges. Zentraler Punkt ist hier natürlich das Auftauchen von Harry Mudd, der in zwei Episoden der Classic-Serie für Tohuwabohu sorgen durfte. Hier präsentiert sich der kauzige Mann zwar noch ein wenig anders als gewohnt, ist aber dennoch direkt zu erkennen. Seine Beteiligung macht zudem durchaus Sinn und öffnet die Tür für zukünftige Begegnungen.
 
Doch es geht auch weniger offensichtlich. Saru fragt einige der größten Ikonen der Geschichte der Sternenflotte ab und erhält als Antwort Jonathan Archer (Captain der NX-01 aus Star Trek: Enterprise), Robert April (erster Captain der Enterprise NCC-1701), Christopher Pike (aktueller Captain der Enterprise NCC-1701 vor Kirks Übernahme), Matthew Decker (den man in der Classic-Serie in der Episode “The Doomsday Machine“ sehen kann) und Philippa Georgiou (verstorbener Captain der Shenzou).
 
Außerdem zeigt eine Sternenkarte ikonische Orte wie K-7 oder Rura Penthe, die Strafkolonie aus Star Trek VI: The Undiscovered Country und der Episode "Judgement" aus Star Trek: Enterprise. Die Erwähnung des Daystrom Instituts (auf Galor IV) ist da nur noch die Cocktailkirsche auf der Sahnetorte.
 
Unaufdringlicher Fan-Service, gut eingewoben in die Story, versteckt im Hintergrund - das macht Spaß und stört auch keine neuen Zuschauer. Klasse!
 
Technisch betrachtet
Technisch kann man der Serie nach wie vor nicht viel vorwerfen, über die visuellen Updates zum bestehenden Kanon aber weiterhin endlos diskutieren - oder es aber auch einfach sein lassen. Ich tendiere zur zweiten Variante. Einzig die Klingonischen Raider ließen mich eher an Babyon 5 denken, denn an eine top-moderne Produktion. Irgendwie war diese Sequenz eher zum Schmunzeln - und nicht so mitreißend wie möglich.
 
Regie führte erstmals bei Star Trek Lee Rose, die diesem Job seit 2004 nachgeht, nachdem sie zuvor primär als Produzentin und Autorin aufgetreten war. Sie war zum Beispiel bei Weeds, Haven, Under the Dome und True Blood mit von der Partie. Hier liefert sie an den verschiedenen Schauplätzen eine gute Leistung ab.
 
Das Drehbuch stammt von Kemp Powers nach einer Idee von ihm und dem Showrunner-Duo Harberts und Berg. Betrachtet man die genannten Kritikpunkte, handelt es sich um eine passable erste Arbeit.
 
Der Score plätscherte ein wenig dahin und rafft sich nur selten zu Glanzpunkten auf. Dennoch handelt es sich bei der Musikuntermalung der Serie auch generell um einen Quantensprung zu vielen generischen Werken der späten 90er und frühen 2000er-Jahre.
 
Rainn Wilson darf erstmals den Harry Mudd geben, trifft dabei die richtigen Töne und erzeugt direkt ein vertrautes Gefühl sowie Vorfreude auf weitere Auftritte.
 
Bei der Stammcrew wirkt Wilson Cruz alias Dr. Culber trotz größerer Beteiligung immer noch ein wenig blass und distanziert. Das ist umso erstaunlicher, da Anthony Rapp alias Stamets in den Szenen mit seinem Lebensgefährten zum Schluss der Episode so gelöst, sanft und sympathisch wirkt wie nie zuvor. Der Rest des Casts bewegt sich auf dem gewohnten Niveau. Dies trifft auch auf Sonequa Martin-Green zu, die für meinen Geschmack immer noch zwischen starken und schwachen Momenten schwankt, und damit ein wenig an die Findungsphase von Jolene Blalock als T'Pol in Star Trek: Enterprise erinnert. Emotionale Szenen fielen und fallen beiden leichter, die aufgesetzte Überlegenheit (und somit das typisch Vulkanische) jedoch gerieten und geraten immer eine Spur zu gespielt.

Szenenbild aus Star Trek: Discovery 1.05
 
Die Frau des Rezensenten
Der Dame links auf der Couch war die Stimmung der Episode zu diesem frühen Zeitpunkt der Serie zu düster, bedrückend und beklemmend. Auch konnte sie mit der wahllosen Gewalt in einigen Momenten nichts anfangen - für sie passte die gewählte Form nicht zu Star Trek. Interessant wurde es, als sie die Situation des Tardigraden mit der Nutztierhaltung unserer Zeit verglich, wo es ebenfalls gelte, so lange das gewünschte Resultat abzumelken, bis der Lieferant dieses Nutzens nur noch eine leere Hülle ist und den Tod einer weiteren Qual vorziehen würde. Eine traurige Analogie.
 
Gib dem Kind einen Namen
Choose Your Pain: Wir alle entscheiden uns für den Schmerz, der uns begleitet. Mit unseren Entscheidungen, unserer Lebensweise, unseren Worten und Taten. Der Schmerz verfolgt und definiert uns wie auch alles Positive in unserem Leben. Ein toller Titel, der allerdings im Kontext der Charaktere viel mehr Sinn macht, denn als Prä-Folter-Catchphrase der Klingonen.
 
Fazit
Ein Teil der Episode leidet unter einem schlampig ausgearbeiteten Drehbuch, ungenauen Charakterzeichnungen und fehlgeleiteter Gewalt.

Schaut man jedoch genauer hin, präsentiert uns “Choose Your Pain“ Charaktere am Limit, die von ihren Lebensentscheidungen geprägt und von den aktuellen Krisen belastet sind. Dabei gelingen potente und emotional mitreißende Momente, die uns alle Figuren ein wenig näher bringen und die Crew endlich auch einmal als Team zusammenführen. Die glaubhafte Auflösung des Tardigraden-Dilemmas sowie viel sympathisches Kanon-Futter runden das Bild ab und lassen starkes Trek-Feeling aufkommen.

Bewertung: 3.5 von 5 Sternen

zusätzlicher Bildnachweis: 
© CBS
Star Trek: Discovery Logo 2017

Originaltitel: Star Trek: Discovery
Erstaustrahlung 24. September 2017 bei CBS All Access / 25. September 2017 bei Netflix
Darsteller: Sonequa Martin-Green (Michael Burnham), Jason Isaacs (Captain Gabriel Lorca), Michelle Yeoh (Captain Georgiou), Doug Jones (Lt. Saru), Anthony Rapp (Lt. Stamets), Shazad Latif (Lt. Tyler), Maulik Pancholy (Dr. Nambue), Chris Obi (T’Kuvma), Shazad Latif (Kol), Mary Chieffo (L’Rell), Rekha Sharma (Commander Landry), Rainn Wilson (Harry Mudd), James Frain (Sarek)
Produzenten: Gretchen Berg & Aaron Harberts, Alex Kurtzman, Eugene Roddenberry, Trevor Roth, Kirsten Beyer
Entwickelt von: Bryan Fuller & Alex Kurtzman
Staffeln: 1
Anzahl der Episoden: 15


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