Kritik zu Star Trek: Discovery 1.10 - Despite Yourself

SPOILER

Der Krieg ist vorbei, lasst uns Spaß haben! Die Autoren befreien sich von Storyballast und führen Crew und Serie in neue Gefilde. Dazu servieren sie einen Mix aus Vorhersehbarem, Überraschendem, Schockierendem und Comic-Charme!

Was passiert?

Die USS Discovery taucht in einem unbekannten Raumsektor auf, und die Crew versucht fieberhaft herauszufinden, was geschehen ist. Als man endlich klarsieht, warten jedoch schon die nächsten Probleme ...

Reviewer in Love

Manche Rezensionen könnten so einfach sein. Mit nur zwei Worten (und ein paar daneben gekritzelten Herzchen) wäre es diesmal möglich, alle relevanten Gefühle auszudrücken: Captain Tilly!

Um jedoch nicht ausschließlich als Fanboy abgestempelt zu werden und einen Rest Würde zu bewahren, bedarf es freilich noch einiger Worte mehr. Dennoch ist Mary Wiseman alias Tilly definitiv das Highlight der Episode. Wie sich die unscheinbare, unsichere, plappernde, aber sympathische Frau in ihren blondierten Femme-Fatale-Gegenpart verwandelt, macht einfach Spaß. Das gleiche gilt allerdings auch für die Versuche der restlichen Crew, sich der Situation anzupassen. Doch schieben wir die Verliebtheit mal beiseite und gehen der Reihe nach vor.

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Lorca in Star Trek: Discovery Folge 1.10 Despite yourself

Cats out of the bag

Diverse Vermutungen bestätigen sich im Auftakt dieses inoffiziellen zweiten Kapitels der ersten Staffel. Die USS Discovery hat das Universum gewechselt und befindet sich nun im uns wohlbekannten Spiegeluniversum, das bereits mehrfach in Star Trek, Star Trek: Deep Space Nine und Star Trek: Enterprise gezeigt wurde.

Dass eigentlich Kirk & Co die ersten waren, die diesen Ort aufsuchten, wird man seitens der Autoren wohl noch erklären müssen. Für den Moment stehen hier noch alle Türen für eine Rettung des Kanon offen.

Befremdlich ist jedoch, dass es ausgerechnet der Star-Trek-Serie, die ohnehin viel düsterer, zynischer und weniger Utopie als viel mehr Dystopie ist, gelingt, eine wirklich düstere, zynische und beinharte Version des Spiegeluniversums zu zeichnen, das nicht wie in den anderen Serien primär als Erklärung benutzt wird, um die Crew einmal ganz anders zu präsentieren. Der Comic-Stil bleibt zwar erhalten, das Setting wirkt jedoch ernsthafter und bedrohlicher als viele Ausflüge zuvor.

Eine zweite Vermutung, die bereits lange schwelte, ist die Identität von Ash Tyler als Voq. Wenn nicht noch ein großer Kniff im Dunkeln schlummert, sollte nun klar sein, dass der Sicherheitschef der Discovery nicht nur unter posttraumatischem Stress leidet, sondern ein umoperierter Klingone ist. L'Rell bedrängt ihn sogar eindeutig, seinen wahren Namen zu sagen – doch scheint irgendetwas mit ihrer Prozedur nicht richtig zu funktionieren. Tyler spricht zwar plötzlich Klingonisch und erinnert sich an viel, wehrt sich jedoch vehement gegen seine verborgene Identität. Dass er dann allerdings Dr. Culber umbringt, als dieser ihn begrenzen will, ist ein mehr als eindeutiger Voq-Moment.

Wie Culber vorher anmerkt, hat man Tyler offenbar jeden Knochen gebrochen. Das würde selbstverständlich Sinn machen, um sein Erscheinungsbild anzupassen. Man denke nur an die Kopfform dieser neuen Klingonen. Auch wäre es ohne Frage hilfreich, um ihn als Opfer von Folter zu positionieren. Warum allerdings hier nicht – viel simpler – der Augment-Virus ins Spiel gekommen ist und man somit einen erneuten Kanonbezug gewagt hat, bleibt schleierhaft.

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1.10

Lorca, Lorca, who the f*** is Lorca?

Die Mirror-Lorca-Theorie erhält derweil sowohl Bestätigung als auch neue Zweifel. Es würde weiterhin viel Sinn machen, wenn der Mirror-Lorca beim Buran-Zwischenfall das Universum gewechselt hätte und seitdem versuchen würde, nach Hause zurückzukehren. Dass er in der vergangenen Episode die Koordinaten geändert hat, trägt ebenfalls zu diesem Verdacht bei.

So wäre es im Nachhinein sogar noch verständlicher, warum er Burnham überhaupt aus dem Gefängnis geholt hat: Er sollte sie in seinem Universum töten. Vielleicht wollte er sie schlicht irgendwann mitnehmen und ihren toten Körper als Trophäe präsentieren? Dem entgegen steht jedoch, dass Jason Isaacs Lorca eindeutig so anlegt, als wisse dieser teilweise wirklich nicht, was vor sich geht. Entweder ist also nicht nur Isaacs, sondern auch Lorca ein wunderbarer Schauspieler, oder hier gibt es noch irgendeinen Kniff. Warten wir ab, wie es an dieser Front weitergeht. Mein Tipp bleibt aber eindeutig: Wir kennen bisher nur den Lorca aus dem Spiegeluniversum. Der aus unserem Universum ist entweder tot oder taucht irgendwann noch auf.

Der aktuelle Lorca spricht in jedem Fall davon, einen Weg nach Hause zu suchen. Dafür hat er die Defiant ins Auge gefasst. Warum tut er das? Sagt er seiner Crew nur, was sie hören will?

Auch macht er klar, dass seine Crew in diesem Universum alle Vorgehensweisen ergreifen soll, die nötig sind. Egal gegen wen. Hoffentlich fliegt ihm dieser Satz nicht noch um die Ohren ... Jaime Lannister mag vielleicht der Königsmörder sein – Michael Burnham ist aber eindeutig ein Captain-Killer. Hier könnte dann auch nochmal die Loyalitätsfrage bezüglich Saru ins Spiel kommen, der bei einer erneuten Meuterei Burnhams dann wieder mal wird Position beziehen müssen. Andersherum als letztes Mal vermutlich. Wetten, dass ...?

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1.10

Love Kills

Der größte WTF-Moment der Episode betrifft jedoch weder Tilly, noch Lorca oder Tyler - sondern ausgerechnet den sympathischen Dr. Culber. In einer hochemotionalen Szene scheint Tyler dem Arzt das Genick zu brechen. Moment mal. Sollen wir wirklich glauben, dass die Produzenten den Freund von Stamets einfach so aus der Serie herausschreiben? Sie haben sich verdammt viel Mühe gegeben, das erste homosexuelle Paar der Trek-Geschichte aufzubauen und damit absolut überzeugende Arbeit geleistet. Diese Arbeit nun mit dem Hinterteil einzureißen, nur eines billigen Schockmoments wegen, wäre mehr als fahrlässig und ein ungünstiges Statement.

Where do we go from here?

Die Staffel hat noch fünf Episoden im Tank, und es scheint nicht so, als würde man ganz dringend in den nächsten ein, zwei Episoden ins bekannte Universum zurückkehren wollen. Für die Auflösung der Klingonen-Geschichte bleibt also nur noch wenig Zeit.

Eine Vermutung darf daher eindeutig sein, dass wir es nun mit etwas zu tun haben, was der Post-Fuller-Stab gerne umsetzen wollte. Den Kommentaren vor Start der Serie war zu entnehmen gewesen, dass der Krieg ursprünglich die ganze Staffel hatte einnehmen sollen ("ein Buch mit fünfzehn Kapiteln"); somit könnte die gewählte Abkürzung und Flucht in neue Welten also ein Dreh sein, den Harberts, Berg und Co wählten, um zum Ende hin ein wenig Eigenes unterzubringen oder etwas Ungeliebtes loszuwerden. Wobei nicht gesagt ist, dass Fuller diesen Plan nicht ebenfalls im Hinterkopf hatte. Besser hätte dieser Wechsel zwischen erstem und zweitem Staffelkapitel allerdings ohne Frage funktioniert, wäre die Klingonen-Thematik nicht so halbseiden behandelt und im Nirvana hängen gelassen worden.
Auch darf man anmerken, dass Star Trek: Discovery immer noch nach einer eigenen Identität sucht. Eine Kriegsgeschichte hat es in Star Trek: Deep Space Nine um Längen besser gegeben. Fragen um Schuld und Sühne sind auch dort ein elementarer Teil der Dramaturgie gewesen. Mit dem Spiegeluniversum bewegt man sich nun zudem weiterhin auf bekanntes Terrain. Somit bleibt die Frage: Was möchte die Serie inhaltlich sein? Ein Best of der bisherigen Serien – nur in modern?

Während die Serie in Sachen Identität und die Staffel in Sachen Struktur also weiterhin Rätsel aufgeben, erreicht der Unterhaltungslevel an dieser Stelle immerhin erneut einen Höhepunkt. Hoffen wir einfach, dass die Autoren ausreichend Ideen haben, wie man das Momentum beibehalten kann.

Einige Beobachtungen

Für Kanon-Freunde gibt es hier endlich mal richtiges Futter: Die USS Defiant (NCC-1764) verschwand im Jahr 2268 vor den Augen der Enterprise-Crew. Im Zweiteiler „In a Mirror, Darkly" aus Star Trek: Enterprise zeigte man uns dann, dass das Schiff im Spiegeluniversum gelandet war und dort vom alternativen Archer für seine Agenda genutzt wurde. Hier nun wird erneut darauf Bezug genommen.

Was die Identität des Imperators angeht, darf munter spekuliert werden. Von gewagten Fanfic-Theorien (Evil Kirk, Evil Spock) über eine steinalte Empress Sato aus Star Trek: Enterprise (oder einen ihren Nachkommen) bis hin zur absolut logischen und mehr als wahrscheinlichen Variante der Evil Georgiou ist alles im Topf. Michelle Yeoh hätte somit einen weiteren Auftritt und Burnham ein dickes emotionales Problem. Wetten, dass die Autoren hier nicht widerstehen konnten? Es ist übrigens nicht anzunehmen, dass die Benutzung des Wortes „emperor" statt „empress" hier relevant ist. Die Spiegel-Figuren wissen schlicht nicht, um wen es sich handelt. Dass sie einen Weg wie die Kollegen in Star Trek: Enterprise gehen werden, die den Shadow Guy aus der Zukunft nie aufgeklärt haben, ist indes nicht anzunehmen. Hier wird es definitiv ein Pay-Off geben – wer Geld auf Georgiou setzen möchte, darf problemlos aktiv werden.

Neben einem Chefarzt (Culber ist nur ein Teil des Medical Staff gewesen) fehlte der Discovery bisher auch ein Chefingenieur – zumindest wurden beide den Zuschauern bislang nicht gezeigt. Da geht es fast als In-Joke durch, dass die Crew Lorca einfach schnell auf diesen Posten setzt, ohne, dass es auf der Gegenseite jemandem groß auffällt.

Mehr Fanservice: Der Satz „Long live the empire" wird mehrfach benutzt, und die aus Star Trek: Enterprise bekannten Agonie-Kammern sind ebenfalls im Einsatz.

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1.10

Jason Isaacs gibt eine wunderbare Scotty-Homage zum besten, als er über Funk den Sicherheitschef der Discovery mimt. Endlich durfte der Schauspieler hier einmal seinen wirklichen Akzent benutzen, der sonst nur in Interviews zu hören ist.

Der Satz von Stamets, der nach der Benutzung des Sporenatriebs in einer der vorigen Episoden von „Captain Tilly" sprach, ist nun ein bestätigter Hinweis darauf, dass Stamets zwischen den Universen gesprungen ist. Ob er im Moment auch sieht, was im richtigen Universum geschieht? Dort halten sich ja vermutlich die bösen Versionen der Discovery-Crew auf. Was diese dort wohl veranstalten?

Der Tribble ist mal wieder auf Lorcas Tisch zu sehen. Dass er jedoch immer noch keine Chance erhalten hat, auf Tyler/Voq zu reagieren, verwundert. Oder werden wir immer noch reingelegt? Schließlich müsste Tyler auch ungewöhnliche Lebenszeichen zeigen: Gegenüber Menschen haben Klingonen einen höheren Puls und eine niedrigere Körpertemperatur. McCoy wird in rund zehn Jahren in der Lage sein, Arne Darvin dadurch – und mit Hilfe eines Tribbles – zu enttarnen. Was stimmt hier nicht? War Tyler noch nie in Lorcas Bereitschaftsraum? War der Tribble dann immer gerade Gassi? Hat Dr. Culber nie genau genug gescannt, um die Unterschiede zu bemerken? Fragen über Fragen.

Im Gegensatz zum Tribble reagieren nun aber plötzlich die Ganglien von Saru auf Tyler – vielleicht weil dieser sich seiner selbst nicht mehr bewusst oder sicher ist?

Und wen meint Stamets, wenn er vom „Feind" spricht, der anwesend ist? Wirklich Voq? Oder vielleicht eher Lorca? Wenn jemand weiß, dass Lorca falschspielt, dann doch bestimmt Stamets.

Nachdem Burnham Connor bereits auf der Original-Shenzou in den Tod geführt hatte, muss sie ihn hier nun noch einmal umbringen – wobei er ihr allerdings auch keine Wahl lässt.

Technisch betrachtet

Die technische Umsetzung ist durchweg gelungen, die Transformation in die ISS Discovery geht zwar sehr schnell vonstatten, gefällt aber optisch. Die neuen Uniformen haben den üblichen Comic-Einschlag, den die Spiegeluniversums-Episoden immer zeigten. Bei der schematischen Darstellung der Defiant fällt auf, dass man auch hier Hand angelegt hat. Ob das aus Veränderungen im Spiegeluniversum resultiert, oder ob man uns damit sanft an das neue Erscheinungsbild der Constitution-Class heranführt, bleibt offen.

Schauspielerisch kann man Shazad Latif gar nicht genug Begeisterung entgegenbringen. So vorhersehbar die ganze Tyler/Voq-Geschichte letztlich auch gewesen ist, so wunderbar spielt er den Konflikt und die innere Zerrissenheit der Figur(en). Doch auch Mary Wiseman, Sonequa Martin Green und Jason Isaacs wissen zu gefallen.

Regie führte der beliebte Riker-Darsteller Jonathan Frakes, der auch schon in anderen modernen Trek-Serien diese Position bekleidet hat. Ihm gelingt eine straffe Dramaturgie, gute Einstellungen und eine bedrückende Atmosphäre.

Das Drehbuch stammt vom Newcomer Sean Cochran und verdient ebenfalls Lob. Er bringt den Kanon bezüglich der Defiant gekonnt unter und sorgt dafür, dass die Figuren überzeugend agieren.

Die Frau des Rezensenten

„Das ist definitiv die Episode der fragwürdigen Frisuren" sprach sie direkt nach dem Abspann und hatte damit eigentlich alles gesagt. Nun ja – sie ergänzte noch, wie unterhaltsam sie das Treiben fand, wie zwielichtig Lorca wirke und wie unnötig und unmotiviert der Tod Culbers für sie war. Insgesamt aber ein starker Start ins zweite Kapitel der Staffel.

Gib dem Kind einen Namen

Despite Yourself: Wörtlich übersetzt bedeutet der Titel so viel wie "Dir zum Trotz" oder "Deinem eigenen Willen zum Trotz". Oft spricht man dabei davon, etwas zu tun, was man gar nicht beabsichtigt hatte.

Der Titel macht somit – je nach gewählter Übersetzung – erstaunlich viel Sinn in Bezug auf Tyler/Voq sowie auch L'Rell, die offenbar verblüfft ist, dass ihr Plan nicht aufgeht.

Fazit

"Despite Yourself" ist eine Art Neustart für die Staffel und lenkt den Fokus auf einen offenbar längeren Trip in ein nur allzu bekanntes Universum. Für den Moment überwiegen dabei der fish-out-of-the-water-Spaß und der Schock über den Tod einer sympathischen Figur. Das ist für alte wie neue Fans sehr unterhaltsam, ob das Setting allerdings auch längerfristig fesseln kann, bleibt abzuwarten.

Bewertung: 4 von 5 Sterne

STAR TREK DISCOVERY - 1x10 Despite Yourself Trailer

Star Trek: Discovery Logo 2017

Originaltitel: Star Trek: Discovery
Erstaustrahlung 24. September 2017 bei CBS All Access / 25. September 2017 bei Netflix
Darsteller: Sonequa Martin-Green (Michael Burnham), Jason Isaacs (Captain Gabriel Lorca), Michelle Yeoh (Captain Georgiou), Doug Jones (Lt. Saru), Anthony Rapp (Lt. Stamets), Shazad Latif (Lt. Tyler), Maulik Pancholy (Dr. Nambue), Chris Obi (T’Kuvma), Shazad Latif (Kol), Mary Chieffo (L’Rell), Rekha Sharma (Commander Landry), Rainn Wilson (Harry Mudd), James Frain (Sarek)
Produzenten: Gretchen Berg & Aaron Harberts, Alex Kurtzman, Eugene Roddenberry, Trevor Roth, Kirsten Beyer
Entwickelt von: Bryan Fuller & Alex Kurtzman
Staffeln: 1
Anzahl der Episoden: 15


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