Kritik zu Akte X 11.10 - Der Kampf IV

SPOILER

Gillian Anderson hatte bereits im vergangenen Jahr angedeutet, dass nach Staffel 11 Schluss für sie ist und dies Anfang diesen Jahres nochmals bekräftigt. Nach "Der Kampf IV" ist klar, warum sie eine Rückkehr nach derzeitigem Stand ausschließt. Denn Serienschöpfer Chris Carter hat mit dem Finale zu Staffel 11 den Bogen gewaltig überspannt.

Man sollte von Carter eigentlich gewohnt sein, dass der gute Mann unter Torschlusspanik leidet und die entscheidenden Treffer bei Akte X nicht mehr landet. Aber dass es "Der Kampf IV" dann gleich so hart trifft, frustriert.

Dies fängt schon damit an, dass der Heilige Gral alias William die Auftaktsequenzen mit einem lustlosen "Wo komm ich her, wer bin ich und was mache ich?" füllen darf. Nach nicht einmal fünf Minuten klappt mir erstmals das Messer in der Tasche auf, als Carter William die Doppelbeziehung mit den beiden Mädchen in "Ghouli" als "Scherz" bezeichnen lässt. Soso, Herr Carter - zweigleisig fahren ist also nur ein Scherzchen? Echt jetzt? Seit wann hat Akte X so jede Moral über Bord geworfen?

Was dann folgt, ist wenig innovativ. Scully jammert herum, Mulder darf zur Rettung mit Bleifuß durch die Gegend rasen, und die X-Akten werden als Disziplinierungsmaßnahme mal wieder geschlossen. Hatten wir schon. Und zwar besser in Szene gesetzt. An dieser Stelle kann "Der Kampf IV" mich so wenig fesseln, dass ich nebenbei im redaktionsinternen Chat lieber darüber sinniere, was mit Justus, Peter und Bob passiert, wenn Die Drei Fragezeichen nach über 40 Jahren auch mal die High School beendet haben sollten. (Spoiler: Peter überlebt nicht)

I'm just a poor boy. I need no sympathy.

Mulder rast immer noch durch die Gegend, und William ist unverfroren genug, bei seinen Verflossenen aus "Ghouli" zu klingeln, um dort mit viel Fününününü auf seine durchwachsene Situation aufmerksam zu machen. Damit ist es offiziell - William ist unterste Schublade. Oder Alf. Den wollte man auch in ein Labor stecken und pieksen. Als dann immerhin eine Verflossene auf seine Mitleidstour anspringt, habe ich perfiderweise "Teenagerliebe" von Die Ärzte als Ohrwurm. Der Gedanke, dass die Folge zu diesem Zeitpunkt nur noch 19 Minuten dauert, kann mich auch nicht mehr trösten. Zu groß ist mein Frust über diese völlig chaotische Handlung.

Immerhin dürfen Scully und Skinner jetzt auch durch die Gegend rasen. Warum in aller Welt wird den X-Philes dann aber die Reaktion Scullys auf Skinners Enthüllung über Williams wahren Vater verwehrt? War es Carter an dieser Stelle so viel wichtiger, vorher Skinners Handy zu zeigen, damit das Publikum auch weiß: Wenn Kersh emotional textet, benutzt er mindestens zwei Ausrufezeichen oder die Kombination "?!". Was soll das? Scully war jahrelang in dem Glauben, dass William ihr und Mulders Kind ist - und dann bekommt das Publikum ihre Reaktion auf die Wahrheit einfach mal nicht zu sehen?! Mein Emotionslevel hat damit die Stufe Kersh erreicht.

Das wird die Monsterparty!

Mittlerweile scheint auch David Duchovny zu der Überzeugung gekommen zu sein, dass Carter für das Finale nicht das beste Händchen hatte. Anders ist der Totalausfall seiner schauspielerischen Leistung beim Aufeinandertreffen von William und Mulder nicht zu erklären. Die Umarmung zwischen den beiden fällt großartig hölzern aus und lässt jede Emotion missen. Dafür hat William nun Superkräfte wie Jean Grey. Ein Blick. Ein Gedanke. Und BÄM ist ein Hotelzimmer mit Gedärmkonfetti und Blutspritzern garniert. Ein Traum!

Gnädigerweise kommt der Rest der Episode mit relativ wenig Dialog aus. Die nächsten Szenen bestehen aus grimmigen Blicken, viel abgefeuerten Waffen und vorrangig "Williaaaaaaam"-Rufen von Mulder und Scully. Kurzum: Einer Verfolgungsjagd am Hafen. Und wieder frustriert das Finale.

Denn Carter hält sich beim Bodycount einige Hintertürchen offen. Ist Skinner wirklich tot oder hat er sich so geschickt unter die Autos geworfen, dass er nur toter Mann spielen musste, bis der Krebskandidat seine Waffe genommen hat? Sicher, dass drei Kugeln und Von-Der-Hafenkante-Schubsen ausreichen, um den Krebskandidaten zu töten?

Seeeeeeehr spätes Elternglück

Aber nun gut. Vorerst sind offensichtlich alle tot, die für die letzten Momente Akte X gestört hätten. Und ein X-Phile ist kurz davor, so fassungslos wie Mulder zu sein. Denn einmal hat sich Scully ratzfatz damit abgefunden, dass sie nur eine Gebärmaschine für das Experiment "William" war. All das Geheule aus "Ghouli" ist vergessen, William war ja schließlich kein richtiger Junge, sondern nur die Schöpfung eines Irren. Außerdem ist ja alles in Butter. Denn endlich bekommen Scully und Mulder so ein richtiges Baby. War die Folge 3 "Galgenmännchen" dieser Staffel also doch noch zu was gut. Wer denkt denn schon daran, dass Scully am 23. Februar 1964 geboren wurde? William erwähnt, dass er vor 17 Jahren adoptiert wurde. Laut Serien-Kanon ist William im Jahr 2001 geboren, sodass die Ereignisse von "Der Kampf IV" im Jahr 2018 spielen müssten - damit ist Scully mit jugendlichen 54 Jahren schwanger geworden, und Mulder darf im Alter von 57 Jahren Vaterfreuden entgegenblicken. Nein. Einfach nein.

Und als wäre das alles noch nicht frustrierend und ärgerlich genug gewesen, gehört der allerletzte Moment von Staffel 11 dann William, der wie Wolverine so ziemlich jede Verletzung wegsteckt und aus dem Wasser auftaucht. Zu diesem Zeitpunkt möchte ich mich wie ein trotziges Kind auf den Boden werfen, mit Händen und Füßen trommeln und Chris Carter einiges an den Hals wünschen. Weil er mir mit dieser Episode Akte X vorerst so ziemlich zerstört hat. Danke, Chris Carter. Für nichts.

Fazit

"Der Kampf IV" macht falsch, was man nur falsch machen kann und enttäuscht als Finale völlig. Der Serie wäre zu wünschen gewesen, dass die Folge 4 "Der Mandela-Effekt" als letzte Folge ausgestrahlt worden wäre und damit ein würdiges Finale geliefert hätte. So bleibt Ernüchterung. Und jedes Verständnis für Gillian Anderson, dass sie keine Lust hat, Scully als spät gesegnete Mutter zu spielen. Tschüß, Akte X. Schade, dass du erst einmal einen unwürdigen Abschluss bekommen hast.

Akte X: Der Film
Originaltitel:
X-Files: The Movie
Kinostart:
19.06.98
Laufzeit:
121 min
Regie:
Rob Bowman
Drehbuch:
Chris Carter, Frank Spotnitz
Darsteller:
David Duchovny, Gillian Anderson, Mitch Pileggi, William B. Davies, Martin Landau
Schwarze Blut, das aus der töten Kreatur austritt, sammelt sich und kriecht am Körper des Wilden hinauf.

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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