Kritik zu Yakuza 6: Song of Life - Action, Drama und Babysitting

Actionhelden mit einem Kind an der Seite sind nicht erst seit Léon – Der Profi ein bewährtes Mittel, um eine unkonventionelle Dynamik zwischen den Hauptfiguren zu erzeugen. Auch in Videospielen tauchen diese Paarungen immer häufiger auf: Der Kassenschlager The Last of Us hat Joel und Ellie und der neue God-of-War-Titel stellt Kratos den jungen Atreus zur Seite. Auch Kiryu Kazuma, Protagonist der Yakuza-Reihe, hatte in den fünf Hauptteilen mit einem Waisenhaus und Ziehtochter Haruka alle Hände voll zu tun. In Yakuza 6: The Song of Life kehrt der inzwischen merklich gealterte Haudegen ein (vermutlich) letztes Mal auf die Playstation zurück und wird zum alleinerziehenden Großvater eines Säuglings. Und weil er dann doch ein Actionheld ist, darf er dabei natürlich wieder die halbe Unterwelt Japans vermöbeln.

Wer jetzt genervt die Augen verdreht und eine weitere typische Vater-Sohn-Beziehung erwartet, sollte noch einen zweiten Blick riskieren. Der sechste Teil rückt die Mafia-Familie zugunsten der traditionellen Familie in den Hintergrund. Der Protagonist kann zwar noch austeilen, hat seinen Zenit jedoch merklich überschritten: Beim Sprinten schnauft er mehr, sein Rücken schmerzt von einem Leben des Kämpfens und in seinem zurückgekämmten Haarschopf kann der Betrachter einige graue Strähnen erspähen. Der legendäre Drachen von Dojima Kiryu Kazuma ist nun wirklich bereit für den Ruhestand und muss für seine Liebsten noch ein paar offene Probleme lösen, damit sie sich in Harmonie und Frieden aus den dunklen Gassen Tokios zurückziehen können.

Vom Kinder stillen und Ganoven killen

Das Spiel beginnt, wo der Vorgänger aufgehört hat: Kiryus Ziehtochter Haruka beendet ihre Musikkarriere, indem sie sich öffentlich zu ihrem Vater bekennt. In Japan ist selbst jeder Familienangehörige der Yakuza öffentlich verhasst, weshalb Harukas Geständnis einem beruflichen Selbstmord gleichkommt. Um seinen Ruf reinzuwaschen, stellt sich Kiryu dafür der Polizei und tritt eine weitere Gefängnisstrafe an. Drei Jahre später kehrt er auf der Suche nach Haruka zurück. In Tokio findet er sie nur noch komatös im Krankenhaus - an ihrer Seite ein Säugling. Damit der kleine Haruto nicht in anonymen staatlichen Einrichtungen für Kinderpflege gesteckt wird, nimmt sich der legendäre Yakuza Kiryu persönlich der Sache an.

Yakuza 6 Chinatown Bild

Natürlich gerät das Großvater-Enkel-Gespann nebenbei noch tief in einen Krieg zwischen japanischen Yakuza Clans und chinesischen Triaden. Das bringt Kiryu dazu, seine Kampffertigkeiten ein letztes Mal auf die Probe stellen zu müssen und - viel wichtiger - zu lernen, wie man mit einem Kleinkind umgeht. Denn Yakuza 6 mag zwar ein weiteres brillantes Kampfspiel sein, doch das Ende der Reihe zeichnet auch ein Wechsel der Prioritäten aus: Die Familie wird wichtiger als “berufliche” Ambitionen. Kiryu hatte schon einen eigenen Clan, ist in jungen Jahren in der ganzen Unterwelt des Landes der aufgehenden Sonne bekannt geworden, doch die meisten Freunde hat er verloren. Die besten Zeiten in der japanischen Mafia sind vorbei und der 50-Jährige möchte endgültig aufhören.

Zum Glück verliert sich das Spiel nicht in finsteren Erzählungen und Hoffnungslosigkeit. Der Protagonist wird nicht zum abgehalfterten, griesgrämigen Charakter, stattdessen findet er Hoffnung in den Kindern um ihn herum. Die Synergie mit dem Baby, das er einen großen Teil des Spiels mit sich herumträgt, ist grandios erzählt und auch im Gameplay festgehalten. Mehr und mehr gewöhnt sich der stämmige Mann an den kleinen Haruto, tauscht seine Windeln, füttert ihn und wiegt ihn zur Beruhigung. Das passiert dem Spieler zum Beispiel dann, wenn das Kleinkind unruhig wird: In einem kurzen Minispiel muss instinktiv erraten werden, was ihm fehlt.

Ein neues Spiel mit alten Stärken

Kiryu Kazuma hat in seiner Vergangenheit viele seiner Probleme einfach mit seinen Fäusten gelöst. Charmant mag der muskulöse Japaner immer gewesen sein, doch warum sich die Mühe machen, wenn man jedes Hindernis auch einfach ins Gesicht schlagen kann? An dieser Stelle bietet der sechste Teil wesentlich mehr zwischenmenschliche Interaktionen. Der Schlägertyp beweist auch emotionale Stärken, wenn er in Kneipen Freunde findet, ein Baseballteam in einer kleinen Hafenstadt aufbaut und mit Hostessen in Klubs ehrliche Gespräche anfängt, die aus der Glitzerwelt Tokios herausbrechen.

Yakuza 6 Mama Bild

Wer auch nur einen Vorgänger gespielt hat, wird sich wieder schnell in der Welt zurechtfinden, auch wenn der gealterte Hauptcharakter nicht mehr so ganz in die bunten Rotlichtviertel der Stadt hineinpasst. Aber auch die Navigation geht mit der Zeit: Per Smartphone kann Kiryu, abseits der Geschichte um den jungen Haruto und den blutigen Kampf der Verbrechersyndikate, Aktivitäten in den Spielgebieten verfolgen. Von Darts, Karaoke und diversen Minispielen abgesehen kann Kiryu fischen, chatten, per App Verbrechen verfolgen und bekämpfen sowie die berühmten japanischen Katzencafés besuchen.

Das alles ist, wie immer, nur Beigeschmack und kann vom Spieler wieder gänzlich ignoriert werden. Mit so viel Ablenkung wird die Welt jedoch lebendig und unterstreicht auch immer wieder die absurden Momente, wenn Kiryu das Baby kurz einem Passanten überreichen muss, um eine Bande auf den Asphalt der Straßen zu befördern. Die kurzen Gewalteinlagen sind nun der Fremdkörper in der verrückten Videospielreihe geworden, die Nebenquests voller Humor kunstvoll mit filmreifen Zwischensequenzen verbindet. Erwachsen geworden ist das Spiel dadurch noch lange nicht, aber es verabschiedet seinen Hauptcharakter mit einer gewissen Würde, die geschickt in allen Aspekten verkörpert wird.

Fazit

Yakuza 6 zeigt auf, was Videospiele dieser Art lange vernachlässigt haben: Hinter den eisernen Fäusten steckt noch eine Person. Gewalt ist nicht immer eine Lösung, was die dramatische Handlung nicht davon abhält, den Spieler gegen viele Schläger antreten zu lassen. Die alten Tugenden der Reihe verliert das Spiel nie aus den Augen und schafft dennoch eine erstaunliche Weiterentwicklung. Außerdem wirkt das Babysitten in diesem Actionspiel nicht gänzlich unpassend, was schon eine Errungenschaft in sich ist.

Yakuza 6: The Song of Life ist für die Playstation 4 erhältlich.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Sega

Yakuza 6: The Song of Life - Launch Trailer | PS4

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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