Kritik zu Ad Astra – Zu den Sternen

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Ad Astra

Er drehte Gangster- und Copthriller mit Tim Roth, Mark Wahlberg , Charlize Theron, Robert Duvall und Eva Mendes (Little Odessa, The Yards – Im Hinterhof der Macht, Helden der Nacht – We own the Night); Liebes- und historische Einwanderungsdramen mit Gwyneth Paltrow, Marion Cotillard und Jeremy Renner (Two Lovers und The Immigrant), sowie ein Abenteuerdrama mit Charlie Hunnam, Robert Pattinson und Tom Holland (Die versunkene Stadt Z). Zudem leistete er einen großen Beitrag zur Karriere des aktuellen Jokers Joaquin Phoenix, der in vier seiner Filme eine Hauptrolle spielte. 

Trotz einer prestigeträchtigen Filmographie und der hochkarätigen Starbesetzungen hatte es der Regisseur James Gray nicht unbedingt leicht in Hollywood. Denn auch wenn seine Inszenierungen bisher meistens sehr genre-lastig waren, folgte er dabei stets konsequent einem vollkommen eigenen Tempo, sodass selbst rasante Szenen fast ruhig und bedacht daher kommen und nicht unbedingt mit dem schnellen, aufgeregten und oftmals nervösen Schnitt vieler heutiger Blockbuster und entsprechender Sehgewohnheiten mithalten konnten. Auf falschen Pathos oder große sentimentale Gesten verzichtet der Regisseur ebenfalls in seinen Filmen. 

Eine künstlerische Integrität, die zwar bewundernswert ist, allerdings ihren Preis hat: Gray wird weder mit großen Filmpreisen überhäuft noch vom Publikum so sehr geliebt, um große Summen an den Kinokassen einzuspielen. Unlängst gab er in dem ein oder anderen Interview zu verstehen, dass er sogar gelegentlich Probleme hat, seine Rechnungen zu begleichen. Dennoch wird er offensichtlich von prominenten Darstellern und von Kritikern für seinen behutsamen Inszenierungsstil mindestens gemocht, wenn nicht sogar geliebt. Das gilt auch für Brad Pitt, der schon Grays letzte Regiearbeit namens Die versunkene Stadt Z produzierte. Der Star plante ursprünglich sogar, persönlich in dem Projekt mitzuspielen. Mit dem Weltraumdrama Ad Astra – Zu den Sternen steht der mittlerweile 55-jährige Schauspieler nun zum ersten Mal für den Regisseur vor der ambitionierten Kamera. Ein Drama, das nicht so recht die Balance zwischen der Psychologisierung seiner Hauptfigur und den größeren menschheitsumspannenden Ideen zu finden scheint.

Sohn sucht Vater in den Tiefen des Weltalls

Roy McBride (Brad Pitt), Sohn des Raumfahrtpioniers Clifford McBride (Tommy Lee Jones), arbeitet wie sein Vater als Astronaut. Auch wenn die Menschheit das Sonnensystem mittlerweile weitestgehend kolonisiert hat, zieht es den Forscher immer wieder ins All hinaus. Dort findet er zumindest oftmals die Einsamkeit, Ruhe und Einfachheit, die ihm auf der Erde verwehrt bleiben. Eine Isolation, für die er sogar seine Ehefrau Eve (Liv Tyler) vernachlässigt. Seine eigene Routine und die des Universums sollen sich aber ändern, als das Lima-Projekt, das Roys Vater in der Nähe des Planeten Neptuns betreut, tödliche Energieimpulse Richtung Erde sendet und damit alles Leben auszulöschen droht. 

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Clifford McBride antwortet seinerseits schon lange nicht mehr auf die Nachrichten der zuständigen Weltraumbehörden. Deshalb beauftragt man seinen Sohn Roy, erst zum Mond und von dort aus zum Mars zu fliegen. Von dieser am weitesten entfernt liegenden Kolonie soll er eine Nachricht verschicken, darin an den verschollenen Vater appellieren und ihn davon überzeugen, das Projekt zu stoppen. Schon bald muss Roy jedoch feststellen, dass mehr hinter den Problemen steckt, die das Universum heimsuchen, als seine Vorgesetzten zugeben möchten.

Nicht das Space-Epos, nach dem Ihr sucht

Bei Ad Astra – Zu den Sternen handelt es sich nicht um das epische Space-Epos, das man als Zuschauer nach der Betrachtung der entsprechenden Trailer vielleicht erwartet (zumindest ging es dem Autor dieser Review so). Das heißt nicht unbedingt, dass es ein schlechter Film ist. Angesichts der massiven Themen-Bandbreite – Menschheit, Forschung, die Eroberung des Weltalls und ein Familienband, das sich durch das gesamte Sonnensystem zieht – inszenierte James Gray einen überraschend intimen Film, der sich vor allem auf die Gedankengänge seines Hauptprotagonisten konzentriert. Ein Vater-Sohn-Drama, das beinahe zufällig im Weltall stattfindet und gelegentlich, auch dank seines nicht gerade subtilen Symbolismus an eine griechische Tragödie erinnert. Das stellt manchmal die Stärke und das Reizvolle, gleichzeitig aber leider die Schwäche des Films dar. 

Gray verleiht seinem Science-Fiction-Drama unterstützt durch seine fantastischen Bilder eine fast traumhafte Qualität. Allerdings nimmt er diesen Bildern durch die schon inflationär eingesetzten und weit ausholenden inneren Monologe seines Hauptprotagonisten fast jegliche Ambiguität. Hierin erklärt Roy nicht nur groß und breit seine eigene Psychologie, sondern auch den Zustand seiner Spezies. Eine Menschheit, welche die Raumfahrt und die Kolonisierung des Sonnensystems schon längst kommerzialisiert hat und sich trotz technischer Fortschritte weiterhin in den menschheitstypischen Grabenkämpfen verliert. 

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Eine sehr nüchterne, wenn nicht sogar deprimierende Vision, die ihren nicht unerheblichen Beitrag zu Roys Zivilisationsmüdigkeit leistet. Nur schade, dass Gray abgesehen von ein paar kleinen Ausschnitten vom Leben auf Mond- und Marsstationen und einer spektakulären Mondverfolgungsjagd sehr wenig von diesen unterschiedlichen Milieus und ihren Verfehlungen zeigt. Entgegen der Regel “Show, not tell!“ verlässt sich der Regisseur und Co-Autor hauptsächlich auf den erklärenden Teil, den Pitt mit seiner monotonen, wenn auch nicht unangenehmen Stimme aus dem Off vorträgt. 

Vielleicht ist dieser Umstand einem mangelnden Budget geschuldet. Verwunderlich kommt es aber dennoch daher, zumal Szenen, die ein umfassenderes Bild der kolonisierenden Menschheit eröffneten, bereits in den diversen Trailern zu sehen waren. Eine gewisse Diskrepanz zwischen Trailern und fertigen Filmen ist nicht unüblich. Warum gerade diese Bilder geopfert wurden, bleibt jedoch schwer nachzuvollziehen.  

Menschenkinder von allen guten Vätern verlassen  

Gray deutet stattdessen nur an, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen. Als Folge verknüpft er diese Makroebene nicht wirklich auf organische Weise mit dem Familiendrama, das im Zentrum des Films steht. Nur vermuten lässt sich seine Intention, nämlich dass sich eine verwahrloste und chaotische Menschheit in dem vaterlosen und zerrissenen Individuum Roy McBride widerspiegeln soll. Die Reise in die Tiefe des Weltalls stellte schon oft in Film, Fernsehen und Literatur die Reise in das eigene Ich dar und so bleibt auch das Innere der Hauptfigur im Fokus des Dramas. Aber selbst wenn Roy dieses Innerste stets nach außen kehrt, bleibt er trotzdem größtenteils eine Chiffre, dem die Dreidimensionalität fehlt. 

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Hauptsächlich zeichnet sich der Astronaut durch seine Fixierung auf seinen verschwundenen Vater aus, der ihn und seine Mutter schon vor langer Zeit für andere Ambitionen zurückgelassen hat. Viel muss der Hauptdarsteller selbst ausfüllen. Und auch wenn Pitt nicht unbedingt eine große emotionale Bandbreite in seiner Mimik zeigt, ist sein innerer Tumult stets in seinem Gesicht, hinter seinen Augen und manchmal lediglich in einem zuckenden Muskel über seinen Augen spürbar.

Fazit:

Trotz vieler audiovisueller Vorzüge ist es letztendlich einfacher, Ad Astra - Zu den Sternen wegen seiner Ambitionen zu respektieren, als ihn zu mögen. Das Science-Fiction-Drama greift mithilfe seiner atemberaubenden Bilder und einem zurückhaltend-traurigen Brad Pitt weit nach den Sternen, kommt allerdings nur mit etwas Sternenstaub zurück, was vielleicht für den einen oder anderen Zuschauer dennoch wertvoll sein mag.

Ad Astra | IMAX Trailer [HD] | 20th Century FOX

AD ASTRA - ZU DEN STERNEN | Offizieller Trailer | Deutsch HD German (2019)

Ad Astra - Zu den Sternen
Originaltitel:
Ad Astra
Kinostart:
19.09.19
Regie:
James Gray
Drehbuch:
James Gray, Ethan Gross
Darsteller:
Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Liv Tylor, Ruth Negga, Jamie Kennedy, Donald Sutherland, John Ortiz, Kimmy Shields, John Finn
Brad Pitt begibt sich auf eine Reise ins All, um seinen verschollenen Vater zu finden und die Welt zu retten.

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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