Retro-Kiste: Keine Anzeichen von Todesstarre – Nächte des Grauens

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Nächte des Grauens

Bei Hammer Films denkt man zunächst an Frankenstein, Dracula und vielleicht noch an diverse Mumien – aber nicht an Zombies. Aber lange vor The Walking Dead und auch knapp vor George R. Romeros Die Nacht der lebenden Toten (1968) kam mit Nächte des Grauens ein Zombiefilm aus dem Hause Hammer in die Kinos. Es sind aber noch nicht die lebenden Toten, welche Romero mit seinem legendären Horrorfilm etablierte.

Die Zombies, welche die Zuschauer 1966 zu sehen bekamen, orientieren sich noch an Vorbildern wie White Zombie (1932) und den haitianischen Voodoo-Mythos im Allgemeinen. Trotzdem bildet der Film eine Art Übergang hin zu den untoten Kreaturen, welche heute die Filme, Serien, Computerspiele und Comics bevölkern.

"Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?"

Hammer hat die Handlung seines Zombiestreifens ins viktorianische England mit alten Gutshäusern, Fuchsjagden und romantischen Landschaften verlegt. So erinnert Nächte des Grauens eher an eine klassische Gothic Novel als an einen modernen Horrorfilm.

Zu Beginn des Films hört man Trommeln, und der Zuschauer wird Zeuge der Vorbereitungen eines unheimlichen Voodoo-Rituals. Dramatische Musik setzt ein, und man sieht Blut in eine Schale tropfen. Schnitt auf eine junge Frau im Bett, die schreiend erwacht. So endet der Vorspann, und nach einem weiteren klaren Schnitt setzt die Handlung in einem gediegen englischen Landhaus ein.

Der Arzt Sir James Forbes bekommt von seiner Tochter Sylvia einen Brief überreicht. Sein ehemaliger Schüler Dr. Thompson bittet ihn um Hilfe. In einem kleinen Dorf in Cornwall sind mehrere Einwohner an einer mysteriösen Krankheit gestorben. Zusammen mit seiner Tochter reist Sir James nach Cornwall, um seinem ehemaligen Schüler bei der Suche nach der Ursache beizustehen.

Dort angekommen, werden Vater und Tochter Zeuge, wie eine Gruppe rücksichtsloser Jäger durch einen Trauerzug galoppiert. Dabei fällt der Sarg um, und das letzte Opfer der mysteriösen Seuche rollt heraus. Damit beginnen die merkwürdigen Ereignisse für die beiden aber erst. Dr. Thompson freut sich sehr über das Erscheinen seines Mentors – aber seine Ehefrau Alice verhält sich gegenüber Sir James und Sylvia recht abweisend.

Sir James rät, das zuletzt verstorbene Seuchenopfer zu exhumieren. Weil die Angehörigen einer Untersuchung nicht zustimmen, machen sich die beiden Ärzte nachts heimlich auf zum Friedhof. Zu ihrer Überraschung müssen sie feststellen, dass die Leiche nicht mehr in ihrem Sarg ruht. Mithilfe zweier Polizisten überprüfen die anderen Gräber der Seuchenopfer, welche ebenfalls alle leer sind.

Währenddessen beobachtet Sylvia, wie sich Dr. Thompson Ehefrau aus dem Haus schleicht. Sie folgt ihr zu einer alten Mine, wo die junge Frau auf einen Zombie stößt, welcher die tote Alice in den Armen trägt. Die Polizei verdächtigt zunächst den Bruder des Verstorbenen, der betrunken am Tatort angetroffen wurde. Aber auch der reiche Grundbesitzer Clive Hamilton und seine Jäger scheinen in die Sache verwickelt zu sein.

Sir James, Dr. Thompson und Sylvia versuchen, mithilfe eines Priesters die Geschehnisse aufzuklären. Dabei scheint ihnen der geheimnisvolle Gutsherr Hamilton, welcher erst vor kurzem aus Haiti zurückgekehrt ist, immer einen Schritt voraus zu sein.

"Wir graben eine Leiche aus."

Gegründet wurde Hammer Films in den 1930er Jahren. Zunächst drehte man Filme aus unterschiedlichen Genres. Erste Erfolge erlangte das Unternehmen durch die Quatermass-Reihe (Schock 1955, Feinde aus dem Nichts 1957) von Regisseur Val Guest. Ihren großen Durchbruch hatte Hammer Films allerdings erst, als der Regisseur Terence Fisher für das Filmstudio die ersten Farbversionen von Frankenstein (1957) und Dracula (1958) drehte und damit den Grundstein für viele weitere Horrorfilme legte.

Die Hauptrollen in Hammers Dracula- und Frankenstein-Film spielten Christopher Lee und Peter Cushing, die anschließend auch in vielen weiteren Fortsetzungen wie Frankensteins Rache, Blut für Dracula, Frankenstein schuf ein Weib oder Dracula jagt Minimädchen zu sehen waren. Aber auch andere Monster wie der Yeti (Yeti, der Schneemensch 1957), Mumien (Die Rache der Pharaonen 1959), Werwölfe (Der Fluch von Siniestro 1961) und Dinosaurier (Eine Million Jahre vor unserer Zeit 1970) hatten in den Hammer-Filmen ihre Auftritte.

"Der Herr wird die Sünder strafen."

In Nächte des Grauens verzichtete Hammer auf seine beiden berühmten Stammschauspieler. Dafür ist André Morell (Die Brücke am Kwai, Ben Hur) als Sir James Forbes zu sehen. Er vermittelt in der Rolle stets die richtige Balance zwischen Gemütlichkeit, Autorität und britischer Gelassenheit. Es ist eine große Freude, ihm bei seinen Nachforschungen zuzuschauen, da Morell auch in recht trashigen Szenen als sehr guter Schauspieler zu erkennen ist.

Daneben bleiben Diane Clare (Bis das Blut gefriert) als seine Tochter Sylvia, Brook Williams (Agenten sterben einsam) als Dr. Peter Thompson und Jacqueline Pearce (Ist ja irre – Nur nicht den Kopf verlieren) als Alice Thompson im Vergleich ein wenig blass.

John Carson (Wie schmeckt das Blut von Dracula?) spielt den Gegenspieler Clive Hamilton. Ihm gelingt es gut, oberflächliche Freundlichkeit und abgrundtiefe Boshaftigkeit in seiner Rolle zu vereinen. Allerdings fehlt ihm zu einem wirklich guten Schurken das Charisma von Christopher Lee oder Peter Cushing.

Nicht unerwähnt soll der Auftritt Michael Ripper als Sergeant Jack Swift bleiben. Ripper war einer der meist beschäftigten Schauspieler von Hammer Film, spielte aber meist nur Nebenrollen (XX unbekannt, Bestien lauern vor Caracas oder Dracula – Nächte des Entsetzens).

Peter Bryan, der für Hammer schon die Drehbücher zu Dracula und seine Bräute sowie Der Hund von Baskerville verfasste, schrieb auch die Vorlage für Nächte des Grauens. Die Regie bei Hammers ersten Zombiefilm übernahm John Gilling, der sich im Laufe seiner Karriere auf günstige Produktionen von zumeist Abenteuer- und Horrorfilmen spezialisierte hatte. Für Hammer inszenierte er auch Piraten am Todesfluss, Die scharlachrote Klinge, Der Fluch der Mumie und Das schwarze Reptil.

Das schwarze Reptil dreht Gilling 1965 zeitgleich mit Nächte des Grauens in denselben Kulissen und teilweise mit denselben Schauspielern. Das war Teil des neuen Sparkonzeptes des Filmstudios. Mit beiden Horrorstreifen sollten zudem auch neue Monster jenseits von klassischen Vampiren oder Mumien beim Publikum erprobt werden.

"In der Mitte des Lebens sind wir des Todes"

Nächte des Grauens kam im Januar 1966 als Doppelvorstellung mit dem Hammer-Film Blut für Dracula in den britischen Kinos. Später im selben Jahr war der Horrorstreifen, der im Original passend The Plague of the Zombies heißt, auch in Deutschland zu sehen – wobei der deutsche Verleih zunächst plante, den Film unter dem Titel Striptease des Grauens herauszubringen. Nackte Haut gibt es, trotz dieser obskuren Titelidee, in dem Film allerdings nicht zu sehen.

Auch Splatterfreunde kommen nicht auf ihre Kosten. Hammer hatte sich zwar in den frühen 60er Jahren den Ruf erworben, wesentlich brutalere und gruseligere Filme zu drehen als Universal in den 30er und 40er Jahren. Dies bezog sich aber in erster Linie darauf, dass man sich nicht scheute, Leichen und jede Menge Blut zu zeigen – weitere Horroraspekte blieben der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Vergleicht man Nächte des Grauens mit dem nur zwei Jahre später erschienen Die Nacht der lebenden Toten wird dies besonders deutlich. Georg R. Romero scheute sich nicht, Gewalt und ekelerregende Handlungen explizit darzustellen. John Gillings Film bevölkern hingegen noch die bis dahin vorherrschenden Voodoo-Zombies, die durch magische Rituale erschaffen werden. Romeros wandelnde Tote haben mit den traditionellen Zombies außer ihren langsamen schlurfenden Gang nicht mehr viel gemeinsam.

"Erzählen sie niemanden, dass der Sarg leer ist!"

Die brutale Gewalt, welche heute im Horrorgenre oft vorherrscht, ist Nächte des Grauens noch fremd. Es ist wohl der letzte gemütliche Zombiefilm. Bis auf einen Zombie und zwei Leichen gibt es in der ersten Filmhälfte nicht wirklich etwas Gruseliges zu sehen. Aber Spannung wird dennoch permanent aufgebaut. Dafür sorgen die rücksichtslosen Jäger, gespenstische Szenen auf dem Friedhof und mysteriöse Geheimnisse. Das Ganze erinnert bis dahin aber eher an einen Krimi.

Auch wenn die Zombies später in größerer Anzahl und öfter ihre Auftritte bekommen, geht der Horror weniger von den Untoten selbst aus. Es ist die Tatsache, dass man in einen verwandelt werden könntet, welche die Angst auslöst. Auch bei The Walking Dead möchte niemand von einem Untoten gebissen werden. In Nächte des Grauens gibt es aber den Voodoo-Meister im Hintergrund, der lediglich ein wenig Blut seiner Opfer braucht, um sie in willenlose Sklaven zu verwandeln.

Diese Sklaven lässt der Bösewicht des Films in seinen Minen schuften. Er übt seine dunklen Ritualen nicht für irgendwelche obskuren Welteroberungspläne oder Rachefantasien aus, sondern wird von kapitalistischen Interessen angetrieben. Diese Tatsache schafft dann wieder eine Verbindung zu Romeros späteren Filmen: In Dawn of the Dead beobachten die in der Shopping Mall eingeschlossenen Helden, wie die Untoten frühere Verhaltensweisen wieder aufnehmen und als Parodien ehemaliger Konsumenten durch die schöne Einkaufswelt schlurfen.

"Was ich denke, steht morgen in meinen Bericht."

Mit seinen 86 Minuten Laufzeit besitzt der Film keine Längen und unterhält die Zuschauer auch heute noch sehr gut. Optisch kommen die Zombies nicht an das moderne Make Up und die aktuellen Spezialeffekte heran. Deswegen wirkt der Film auf den ersten Blick ein wenig verstaubt. Aber die gut erzählte Geschichte und der perfekt besetzte Hauptdarsteller machen Nächte des Grauens auch heute noch sehenswert. Wer also eine Pause von Splatterfilmen braucht und auf seine geliebten wandelnden Toten nicht verzichten will, sollte sich Hammers nostalgischen Zombiestreifen anschauen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Hammer Films/Seven Arts Productions

Nächte des Grauens (1966) German Trailer

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