Die Zukunft in Brasilien ist postapokalyptisch - Kritik zur Pilotfolge von 3%

KEINE SPOILER

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3% Darsteller

Postapokalyptische Szenarien gehören zu Science-Fiction und Fantasy wie übersüßer Glühwein zum Weihnachtsmarkt: Zwangsläufig wird man immer dabei landen.

Dabei ist die Postapokalypse nicht neu, Mary Shelley griff dieses Thema bereits 1826 in ihrem Roman The Last Man auf. Auch Stephen King beschäftigt sich in The Stand und Der Dunkle Turm damit. Und nicht zu vergessen sind die Filme und Serien, die sich darum drehen. Aktuellstes Beispiel ist hier The Walking Dead.

Fragt sich also, ob eine Produktion so ein Szenario noch in irgendeiner Form innovativ aufgreifen kann.

3% behandelt eine Postapokalypse in nicht allzu ferner Zukunft. Die Serie verschweigt uns, wie die Situation zustande gekommen ist, macht aber bereits zu Beginn unmissverständlich klar, was die Zukunft bereit hält. Die Zustände in den Slums sind furchtbar, wenn dies im Vergleich zur derzeitigen Situation in Brasilien noch möglich ist. Nur diejenigen, die im Alter von 20 Jahren das Auswahlverfahren schaffen, dürfen auf die Insel gehen und damit Einzug ins Paradies halten.

Die Teilnehmer melden sich zu dem Verfahren jedoch freiwillig und werden nicht dazu gezwungen. Das macht die Motivation schon einmal interessant. Über die Insel ist vorerst nicht viel bekannt. Allerdings wird bereits in der Pilotepisode deutlich, dass die potentiellen Bewohner mit Bedacht ausgewählt werden. Das Verfahren hierzu hat Ezequiel (João Miguel) entwickelt. Ein unberechenbarer Mann, der unter einer bipolaren Störung zu leiden scheint. Beim aktuellen Auswahlprozess steht er unter Beobachtung von Aline (Viviane Porto), um zu garantieren, dass ihm - im Vergleich zum letzten Jahr - kein Fehler unterläuft.

Alle wollen auf die Insel

Vergleichbar ist das Verfahren mit einem ausgeklügelten Assessment-Center. Es werden Bewerbungsgespräche geführt, bei denen die Bewerber mit fadenscheinigen und geprobten Antworten nicht weiterkommen. Ehrliche Antworten sind verlangt, vermutlich der größte Unterschied zu dem, was derzeit in Bewerbungsverfahren geschieht. Anschließend werden diejenigen, die das Gespräch beanstanden haben, zu dem Test geleitet, welcher der Pilotfolge ihren Namen gibt: Würfel sollen zusammengebaut werden.

So weit, so gut. Das klingt alles noch relativ harmlos und unblutig. Wäre da nicht die nächste Zutat für eine Serie dieser Art. Denn natürlich gibt es noch die Widerstandsbewegung, die einen Maulwurf eingeschleust hat. Es ist fraglich, wie klug es für die Handlung war, den Maulwurf bereits in Folge 1 zu enthüllen. Ärgerlich ist vor allem, dass der Maulwurf wie so oft ein Charakter ist, der sein Doppelleben eigentlich mit einem Ausrufezeichen auf die Stirn geschrieben hat. Daran kann auch die Motivation des Charakters in der Endsequenz wenig ändern.

Ein paar Klischees müssen anscheinend immer sein

Generell krankt 3% ein wenig daran, dass einiges sehr vorhersehbar ist. Der Charakter-Mix ist so, wie man ihn erwarten würde. Es gibt den Betrüger, der ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Es gibt die Unnahbare, die hochintelligent ist und das Spiel aller durchschaut. Es gibt das graue Mäuschen, bei dem eigentlich klar ist, dass es nicht so Mäuschen sein kann. Der arrogante Typ, der sich sicher ist, dass er wie der Rest seiner Familie auf die Insel kommt, darf auch nicht fehlen - quasi der Draco Malfoy der Slums.

Für europäische Zuschauer mag eine brasilianische Serie, die für Netflix produziert wurde, zudem an manchen Stellen befremdlich wirken. Das (beabsichtigte?) Product-Placement einer Firma, die Haushalts- und Küchenartikel aus Kunststoff vertreibt, wirkt unfreiwillig komisch.

Alina hat man um der Zukunfts Willen eine E-Zigarette als Accessoire verpasst. Kein ganz cleverer Schachzug, es wirkt deplatziert und stellt sie gemessen an der Berichterstattung hierzulande ein wenig die Soja-Latte-Ecke. Und als Fan des deutschen Films wird man sich bei João Miguel optisch an Lars Eidinger erinnert fühlen.

Unaufgeregt, aber nicht langweilig

Aber dennoch schafft 3% es, den Zuschauer neugierig auf den weiteren Verlauf der Serie zu machen. Weil an den entscheidenden Stellen die gängigen Klischees eben doch fehlen. Gerade die freiwillige Teilnahme ist ein Aspekt, den man schon länger nicht mehr gesehen hat. Angenehm ist außerdem, dass ein Versagen bei einer Prüfung nicht mit dem Tod geahndet wird - in der ersten Episode jedenfalls nicht. Das mag langweilig klingen, dennoch wird an den entscheidenden Stellen genügend Spannung erzeugt, um den Zuschauer bei der Stange zu halten.

Einen Tipp gibt es noch: Eine vernünftige Synchronisation ist 3% leider nicht zuteil geworden. Zwar gibt es eine englische Tonspur, diese ist jedoch flach und mit wenig Emotionen; mal ganz abgesehen davon, dass das Gesprochene nicht mal ansatzweise zu den Lippenbewegungen passt. Deswegen ist hier die Tonspur im brasilianischen Portugiesisch mit englischem Untertitel klar vorzuziehen.

Fazit

3% erfindet das Sub-Genre der postapokalyptischen Thriller nicht neu, erzählt seine Geschichte jedoch erfrischend unaufgeregt. Die Charaktere sind passend besetzt und gut von den hierzulande vermutlich wenig bekannten Schauspielern dargestellt. 

3% | Official Trailer [HD] | Netflix

Poster zu 3%

Originaltitel: 3% (2016)
Erstaustrahlung am 25.11.2016
Darsteller: João Miguel, Bianca Comparato, Michel Gomes, Rodolfo Valente, Vaneza Oliveira, Rafael Lozano, Viviane Porto
Produzenten: César Charlone, Tiago Mello
Staffeln: 1
Anzahl der Episoden: 8


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