Anime-Kritik zu Mary und die Blume der Hexen: Der Geist von Studio Ghibli lebt weiter

Mary Headerbild

Im Jahr 2014 versetzte eine Nachricht die Anime-Welt in Panik: Studio Ghibli, die kultige japanische Firma hinter Animationsfilmen wie Das Schloss im Himmel, Mein Nachbar Totoro und Chihiros Reise ins Zauberland schließt ihre Pforten. Der legendäre Regisseur und Mitbegründer Hayao Miyazaki hatte das Studio verlassen, eine Schließung stand laut Medienberichten kurz bevor. Miyazaki ist inzwischen mehrmals zurückgekehrt und wieder in den Ruhestand gegangen, auch das Studio existiert noch. Die aktuelle Lage ist nicht leicht zu durchschauen: Seit Erinnerungen an Marnie von 2015 kam kein eigenes Projekt mehr in die Kinos. Danach trat das Studio bisher nur in Rolle eines Koproduzenten auf, etwa bei einer Anime-Serie zu Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker Ronja Räubertochter und dem Film Die rote Schildkröte. Aktuell heißt es Miyazaki arbeite erneut an einem Projekt, doch bis zur Veröffentlichung können noch Jahre vergehen - der 77-Jährige dürfte also in der Zwischenzeit noch mindestens dreimal in den Ruhestand gehen.

Aus der Asche dieses Tumults stieg mit Studio Ponoc dennoch ein neuer Phönix auf, der sich selbst nicht weniger auferlegt hat, als die Fackel von Ghibli weiterzutragen. Viele Augen blicken nun auf die neue Firma, sowohl von Fans als auch von den Giganten der Industrie. Die Angestellten sind zum Großteil Veteranen von Ghibli, Gründer ist der oscar-nominierte Yoshiaki Nishimura, ein Schwergewicht unter den Anime-Produzenten. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von Regisseur Hiromasa Yonebayashi, der etwa für Erinnerungen an Marnie zuständig war. Das erste Projekt, Mary und die Blume der Hexen, soll ein spiritueller Nachfolger zu Ghibli-Klassikern sein und laut den Studio-Bossen “den gleichen Geist einfangen”. Doch der Film musste mehr, als nur die Erwartungen der Fans erfüllen. Als einer der Gründe für die Probleme in der Industrie wird immer wieder die finanzielle Unpraktikabilität ins Spiel gebracht. Animes zu produzieren, ist teuer, umso mehr, wenn man dabei zum Großteil auf die Arbeit am Computer verzichtet.

Sieht aus wie Ghibli, fühlt sich an wie Ghibli, schmeckt wie Ghibli?

Nach einer relativ starken Leistung auf der großen Leinwand, bei der es den letzten Ghibli-Film schlagen konnte, ist die Zukunft des Studio Ponoc inzwischen aber sicher. Mary und die Blume der Hexen basiert auf dem Kinderbuch Der verhexte Besen der britischen Autorin Mary Stewart. Veröffentlicht wurde das Buch 1971 und erzählt noch vor der Existenz eines Harry Potter von Zauberschulen, eine sichere Vorlage für einen neuen Kult-Film. Sichere Formeln kommen zum Einsatz: Fliegende Paläste mit antiken Maschinen wie in Das Schloss im Himmel, zahlreiche Charaktere, die direkt aus Chihiros Reise ins Zauberland stammen könnten und die raschelnde Flora und üppigen Landschaften, durch die die junge Hexe reist, erinnern offensichtlich an Kikis kleiner Lieferservice. Geklaut oder kopiert ist das nicht ganz, schließlich haben die Macher an genau diesen Filmen mitgewirkt. Das Genre lebt, Liebhaber können endlich beruhigt aufatmen.

Mary Colors

Die Handlung von Mary und die Blume der Hexen dreht sich um die gleichnamige Heldin mit feuerroten Haaren. Um die billigen Harry-Potter-Vergleiche zu beginnen: Mary ist schonmal keine Waise. Jedenfalls technisch gesehen, denn ihr Leben kommt dem schon ziemlich nahe. Ihre Eltern sind auf Geschäftsreise und das neugierige Mädchen befindet sich zu Beginn in Obhut ihrer Großtante. Sie hat damit im Autoren-Lotto gewonnen und darf als perfekter Kandidat ein märchenhaftes Abenteuer erleben. Doch davor wird Mary auf dem britischen Land also von den Erwachsenen ignoriert, nachdem sie sich als nicht allzu geschickt beweist. Der Nachbarsohn Peter, ihre einzige gleichaltrige Bekanntschaft, lacht sie dafür und für ihre Haare aus. Es wird also höchste Zeit, mysteriösen schwarzen Katzen in zauberhafte Wälder zu folgen und potentiell gefährliche Pflanzen anzufassen. Exakt das passiert nämlich und die Blume aus dem Titel verleiht der kleinen Protagonistin vorübergehend magische Kräfte.

Magie in Großbritannien vor Hermine Granger

In den Baumwurzeln findet sie, wie sollte es auch anders sein, einen Besen. Wie alle jungen, britischen Hexen, ignoriert sie also merkwürdige Mannschaftssportarten mit geflügelten, goldenen Bällen und hebt ab. Die Kräfte der Blüte und das missbrauchte Kehrwerkzeug tragen sie hoch genug, um in den Wolken vor den Toren einer Zauberschule abzustürzen. Diese ist nicht auf einem Mond gebaut oder bietet Ewoks eine Heimat, nennt sich aber trotzdem Endor-Akademie. Aufgrund ihres außergewöhnlichen Talents und ihrer roten Haare heißt die Rektorin sie als späten Neuankömmling feierlich willkommen. Damit beginnt also Marys wildes Abenteuer, denn natürlich stößt sie schnell auf ein dunkles Geheimnis. Das moralisch fragwürdige Labor im Keller der Akademie gewinnt definitiv keinen Preis für Originalität, bietet aber genügend Aufhänger für den Rest der Handlung. Der Film bleibt trotzdem ein kinderfreundliches Abenteuer, was erwachsene Zuschauer aber genauso abholen kann.

Die größte Stärke für Kenner und Gourmets der Ghibli-Cuisine bleibt natürlich die malerische und detailreiche Animation. Studio Ponoc bleibt bei von Hand gezeichneten Frames, die zeitlos schön bleiben. Regisseur Yonebayashi verleiht gerade dem Anfang von Mary und die Blume der Hexen einen träumerischen Pastell-Stil. Die Koch-Analogie kam übrigens nicht ohne Grund: Zuschauer dürfen sich wieder auf die bemerkenswerte Darstellung von Essen in Ghibli-Filmen freuen. Die gleiche Liebe wie die makellose Umgebung hat auch die köstliche Marmorierung eines Steaks bekommen. Und wenn der ruhige Anfang des Abenteuers durch Zeichnungen gekennzeichnet ist, die Stillleben ähneln, wird es im Laufe von Marys Selbstfindungsreise immer lebhafter. Emotionen werden durch schnelle Bilder untermauert, atemberaubende Actionsequenzen dürfen natürlich nicht fehlen.

Fazit

Insgesamt schafft es Mary und die Blume der Hexen eine gelungene und originalgetreue Ghibli-Reproduktion zu sein, der man Eigeninitiative abstreiten könnte, damit allerdings die Vergangenheit der Angestellten außen vor lässt. Ein Neuanfang muss das Rad hier nicht neu erfinden. Fans ist es wahrscheinlich genug, dass das Rad noch genauso schön rollt wie vorher. Mit den Macken, die das Genre mit sich bringt, lebt der Film nicht nur, er ist sich ihnen bewusst und schwimmt gekonnt darin. Es ist schön, dass diese Art von Kinderfilmen auch heute noch existieren kann - eine Kunst, die mit Studio Ponoc hoffentlich einen neuen Aufschwung erlebt.

Mary und die Blume der Hexen ist seit heute als Blu-Ray und DVD erhältlich.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Peppermint Anime

Mary and The Witch's Flower Trailer #1 (Official) Studio Ponoc

Das wandelnde Schloss Filmposter
Originaltitel:
ハウルの動く城 Hauru no Ugoku Shiro
Kinostart:
25.08.05
Laufzeit:
119 min
Regie:
Hayao Miyazaki
Drehbuch:
Hayao Miyazaki, Diana Wynne Jones
Die neunzehnjährige Sophie ist Hutmacherin. Ein wenig unscheinbar, aber sehr fleißig sorgt sie in ihrem beschaulichen Heimatstädtchen dafür, dass der ehemalige Laden ihres Vaters gut läuft. Als sie eines Tages nach der Arbeit ihre Schwester besuchen will, wird sie in einer Gasse von zwei Soldaten angehalten und belästigt.

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