Kritik zu Spider-Man: Die freundliche Spinne auf der Playstation

Während Tom Holland auf der Kinoleinwand bereits drei Auftritte als neueste Interpretation von Spider-Man hatte, ging der Kultheld aus dem Hause Marvel bei Videospielen lange leer aus. Den Anstoß für einen neuen Titel für die Playstation 4, der auf den uninspirierten Namen und Suchmaschinen-Albtraum Spider-Man hört, hat wohl ironischerweise die Konkurrenz von DC gegeben. In vier Ablegern der Arkham-Reihe hat ein gewisser dunkler Ritter quasi im Alleingang Superheldenspiele wieder cool gemacht. Bei Spider-Man ist diese Inspiration deutlich erkennbar: In einer offenen Spielwelt, der digitalen Nachbildung von Manhattan, schwingt sich der Spieler von einem Ort zum Anderen, während die Stadt langsam von Schurken zerstört wird.

Interessant ist wie bei Batman auch hier der Ansatz: Die Geschichte richtet sich nicht nach aktuellen Filmen, sondern übernimmt einen Comicbuch-Kanon, der an manchen Stellen abgeändert wurde. Kenner und langjährige Fans des Wandkrabblers sollen so auch noch überrascht werden, nur Sonys PR-Abteilung hat das scheinbar niemand mitgeteilt. Als größter Twist und “Spoiler” wurde die Identität des Anführers der Sinister Six im Spiel gehandelt. Wer neben Rhino, Electro, Mr. Negative, Vulture und Scorpion der große Oberbösewicht ist, ist aber auch für Neulinge sehr absehbar. Nur so viel: Der erwachsene Peter Parker arbeitet mit dem genialen Wissenschaftler Otto Octavius an Prothesen-Armen. Das ist kein versteckter Hinweis, sondern ein Wink mit dem Zaunpfahl, oder eher den vier mechanischen Riesententakeln.

New York - Acht Jahre nach Onkel Ben

Die Handlung setzt, konträr zu dem Ansatz von Homecoming, nicht nur nach der Schulzeit an, Peter Parker hat auch schon studiert und arbeitet in dem Labor von Octavius. Durch die Schluchten der Wolkenkratzer schwingt er sich seit acht Jahren und hat reichlich Erfahrung im Kampf mit seinen übermenschlichen Widersachern gesammelt. Die Sinister Six existieren zu Beginn des Spiels nicht, Gwen Stacy scheint nie gelebt zu haben und Miles Morales ist ein normaler Teenager, der mit Peter privat in Kontakt kommt. Der Kingpin Wilson Fisk wandert gleich am Anfang hinter Gitter und macht so Bürgermeister Norman Osborn und seine Firma Oscorp zur größten Macht in der Stadt.

Spider-Man Selfie

Nach dieser Machtübernahme nimmt die Geschichte langsam Fahrt auf. Doch bis zu dem Auftritt der sechs Antagonisten lässt sich Entwickler Insomniac Zeit. Die ersten zwei Akte fokussieren sich fast ausschließlich auf den relativ neuen Mr. Negative. Dieser nutzt die Abwesenheit des Kingpins um das Machtvakuum, was dieser in der Unterwelt hinterlassen hat, zu füllen. Sein Ziel ist eine Vendetta, die vor Klischees nur so trieft. Dies zieht sich leider durch das ganze Spielerlebnis. Spider-Man und die Polizei sind die Guten und alle Parteien mit anderen Meinungen die Bösen. Ganz ohne Grauzone. Obwohl er der einzige Held im Spiel ist - die Avengers existieren, sind aber abwesend - hinterfragt Spidey niemals seine Motive oder seine Rolle als Held.

Zugegeben, er ist schon seit acht Jahren dabei - seine Rolle mag bereits in Stein gemeißelt sein, dennoch hätte das Erforschen der Heldenrolle dem Charakter ein wenig mehr Tiefe gegeben. Besser steht es da um Peter Parker oder generell alle Charaktere außerhalb der “Super”-Kategorie. Insomniac hat die meisten Rollen exzellent besetzt, jeder der Synchronsprecher leistet hervorragende Arbeit. Im Englischen sticht als Parkers Stimme Yuri Lowenthal besonders hervor, der dem Helden privat viel Persönlichkeit verleiht und mit guten Pointen und Gags für die passende Portion Humor sorgt. So tragen die Interaktionen zwischen einem verzweifelten Otto Octavius, dem Norman Osborn gerade das Budget gekürzt hat, und seinem Assistenten Peter viel mehr zum Eindruck der folgenden Ereignisse bei, als filmisch inszenierte Zwischensequenzen ohne großartige Substanz.

Öffentlicher Nahverkehr ist besser, wenn du Spider-Man bist

Die Chemie stimmt auch zwischen anderen Charakteren. Mary-Jane Watson arbeitet als Reporterin beim Daily Bugle. Die Zeitung hat in der Handlung bereits vor Jahren ihren impulsiven Chefredakteur J. Jonah Jameson verloren, der im Spiel eine Radiosendung nach Art von Infowars moderiert. MJ und Pete haben sich vor Beginn der Handlung getrennt, damit sie im Spiel wieder zusammenfinden können. Die rothaarige Journalistin agiert als eine Art zweite Hauptfigur. Sie begibt sich für Sensationsmeldungen immer wieder direkt in Gefahr, und der Spieler lenkt sie in diesen Schleichpassagen. Immerhin ist sie damit keine Jungfrau in Nöten, doch das Schleichen fühlt sich beim dritten Mal schon sehr aufgesetzt an und spielt sich auch nicht so gut wie der Wandkrabbler.

Spider-Man Battle

Die Fortbewegung durch Manhattan als Spider-Man ist eindeutig die größte Stärke des Spiels. Das Schwingen ist intuitiv, rasant und kommt jedes Mal mit einem befriedigenden Adrenalinschub für den Spieler. In vergangenen Spielen der Marke funktionierte diese Mechanik noch mit einer unsichtbaren Decke über den Hochhäusern, an der sich die Figur überall entlangschwingen konnte. Auf der Playstation kann nur geschwungen werden, wo auch ein Haus steht. In Manhattan ist die Wohnsituation freilich kein Problem, weshalb es so schön ist, einen eigenen Weg über die Dächer der Großstadt zu finden. So kann man es auch fast verschmerzen, dass die offene Welt, in der man sich befindet, leider gnadenlos überholt ist. Selbst Ubisoft hat schon die Praxis mit Funktürmen, großen Camps von Gegnern und unzähligen Sammelobjekten aufgegeben, sodass dieses Manhattan in der Videospiel-Industrie leider nicht mehr zeitgemäß ist.

Besser ist wiederum das Kampfsystem und die vielen Gadgets und Anzüge aus dem Hause Parker. Verbrecher sollen natürlich lebendig festgenommen werden, dafür müssen sie mit roher Gewalt ohnmächtig geschlagen oder eingesponnen werden. Das funktioniert auch gut, erfindet das Rad aber auch nicht neu. Besonders ist nur die geringe Lebensenergie der Figur, Spieler sind angehalten mit dem Spinnensinn, der durch optische Warnhinweise umgesetzt ist, Kugeln und Schlägen auszuweichen. Wesentlich langweiliger sind hingegen die Bosskämpfe. Schurken lassen sich alle nach der gleichen Formel besiegen: In Phase Eins muss der Gegner solange geschwächt werden, bis er in Phase Zwei verwundbar ist. Das wird solange wiederholt, bis der Boss besiegt ist. Das geht besser.

Fazit

Spider-Man wird dem großen Hype und den Verkaufszahlen dann gerecht, wenn es darum geht, sich von Punkt A nach Punkt B zu bewegen. Das fühlt sich viel besser an als alles, was die Konkurrenz bietet. Die Erzählung erfüllt die Erwartungen, auch hier geht aber Potential durch keine geschickt platzierten Wendungen verloren. Doch dass Manhattan nur gut aussieht und nicht mit abwechslungsreichen Aktivitäten gefüllt ist, ist nach der Open-World-Revolution in den letzten Jahren durch Titel wie das aktuelle Zelda oder Horizon Zero Dawn ein strafbarer Fehler, den Entwickler Insomniac im Sequel unbedingt angehen muss.

Spider-Man ist für die Playstation 4 erhältlich.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Sony

Marvel’s Spider-Man – SDCC 2018 Story Trailer | PS4

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