Gedenken - Kritik zu Star Trek: Picard 1.01

SPOILER

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Happy Picard-Day! Endlich ist es soweit, mit “Gedenken” (OT: “Remembrance”) lieferte Amazon pünktlich gleich ab Mitternacht die Auftaktfolge von Star Trek: Picard.

“Hurra, hurra, ich flieg' mit Picard …”

“... was fuer ein Glueck, ich flieg' mit Jean-Luc!” - Seit der ersten Ankündigung zur neuen Serie ist diese alte J.B.O.-Hymne wieder häufiger Ohrwurmgast. Wie so eine warme Nostalgie-Decke, die ich mir zugegeben auch zumindest in kleinen Teilen von der neuen Picard-Serie erhofft habe. Und der Start enttäuscht nicht. Ich liebe alles und jeden. Das ist es, das ist meine Kritik. Andere Meinungen gerne in den Kommentaren, ich behalte vorerst noch ein wenig meine Herzchenaugen.

Aber was ist denn nun so toll an der Folge? Nun, es beginnt ja schon einmal mit dem wunderschönen Serien-Intro zur Musik von Jeff Russo. Es ist eine perfekte Kombination aus der warm-weichen traditionellen irdischen Weinbergswelt, fortschrittlicher Technik und den beeindruckenden Weiten des Weltraums - alles Fragmente des Lebens und Bausteine des Titelhelden Jean-Luc Picard. So wie es die erste Trek-Serie mit einem Charakternamen im Titel ist, so ist es auch dazu passend das erste Intro, in dem ein Seriencharakter selbst zu sehen ist.

Die eher untypische Nennung nur weniger Darsteller, dafür zahlreicher Mitwirkenden hinter der Kamera direkt in der Titelsequenz, ließ doch kurz schmunzeln. Hauptverantwortlich für die Episode sind die Regisseurin Hanelle Culpepper (Star Trek: Discovery, Gotham, Castle), die Drehbuchschreiber Akiva Goldsman und James Duff sowie die Showrunner Michael Chabon und Alex Kurtzman.

Mit Ruhe und Geduld

Zunächst aber geht man direkt mit der Eingangsszene All In. Eine neu gerenderte Enterprise-D taucht auf dem Bildschirm auf und macht gleich ganz warme Gefühle, ebenso wie das Treffen von Picard (in Alltagskleidung) mit Data (in Nemesis-Uniform) in Zehn Vorne zu Bing Crosbys “Blue Skies” (vgl. Nemesis). Data hat endlich die Sache mit dem Pokerface einigermaßen raus, aber Picard durchschaut ihn natürlich dennoch. Alles wundervolle Erinnerungen an vergangene Enterprise-Tage nicht nur von Jean-Luc, sondern auch uns als Zuschauer.

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Der schöne Moment währt allerdings nur kurz, aus den Aussichtsluken von Zehn Vorne sieht man im Hintergrund den Angriff auf den Mars, wie er mittlerweile aus dem Short Trek “Children of Mars” bekannt ist. Eine einschneidende Tragödie, die Jean-Luc auch noch viele Jahre später Albträume beschert. So erwacht der gealterte Picard einigermaßen zerknittert auf dem familiären Weingut im irdischen Frankreich. Man sehe und staune: Da haben sie ja doch noch ein paar Lampen und sogar Tageslicht irgendwo gefunden. Modernes Star Trek, jetzt auch in hell.

Das warmweich gezeichnete Idyll stellt einen guten Kontrast zur später gezeigten Blade-Runner-Stadt und neuzeitlichen Technik dar. Picard hat sich möglichst weit von der Sternenflotte zurückgezogen und lebt auf seine alten Tage in scheinbarer Bilderbuchharmonie, aber halt auch von Entscheidungen der Föderation verbittert und nach einem Leben voller Abenteuer in beinahe einengender Langeweile. Die beiden Romulaner Zhaban und Laris (Jamie McShane und Orla Brady) sowie sein Hund Number One sind ihm zwar treue Begleiter und Unterstützung (ohne Crew kann Jean-Luc einfach nicht), aber wirklich glücklich wirkt er einfach nicht.

Update im Schnelldurchlauf

Das liegt vielleicht auch an der Tatsache, dass Jean-Luc sich zum zehnjährigen Jahrestag der Zerstörung des romulanischen Heimatplanetens durch eine Supernova zu einem Interview hat breitschlagen lassen. Picard hat sich aus der Öffentlichkeit seit seinem Ausscheiden aus der Sternenflotte ziemlich zurückgezogen, ist aber nach wie vor eine prominente Autoritätsfigur und geschätzter Experte. Natürlich hält sich die digitale Rita Skeeter nicht an die Abmachungen und will Jean-Luc zu einem Statement über die Gründe der vorzeitigen Beendigung seiner Admirals-Karriere nötigen. Weder in der Aufnahmeart (Kameras, Beleuchtung, Ton, Maske - alles da) noch Interviewstil scheint sich in den nächsten hunderten Jahren viel zu tun.

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So wird dem Zuschauer mit viel “tell, don’t show” ein schneller Abriss wichtiger Stationen in der Zeit zwischen Star Trek: Nemesis und Star Trek: Picard geliefert. Ohne allerdings wirklich viel zu erklären. Das ist weder originell noch sonderlich spannend erzählt, erledigt aber in kurzer Zeit einfach den Job.

Es gab also Unstimmigkeit zwischen Admiral Picard und der Sternenflotte, welches Leben es wert ist, gerettet zu werden. Die Romulaner galten seit jeher eher als Feinde der Föderation und immerhin hat man genug anderes zu tun, wieso also massiven Aufwand betreiben und irgendwie helfen. Doch Vorzeige-Sternenflottler Picard hat sich zunächst durchsetzen können, Rettungsaktion wurde gestartet.

Dann kam es zum Angriff auf den Mars durch die Rogue Synth und man hatte auf einmal ganz andere Sorgen.

Schau, schau, Cylonen!

Moment, irgendwoher kenne ich das doch. Und es nicht Star Trek. Werden wir demnächst einen Jean-Luc Picard haben, der durch die Wände eines Raumschiff “Blue Skies” hört, erkennt dass er selbst ein Toaster (Borg-Reste?) ist und die romulanische Restbevölkerung zu einem New Romulus anführt?

Die Cylonen heißen hier Synthetics, kurz Synths, und sind nicht nur Androiden, sondern überhaupt synthetische Lebensformen. Einige von ihnen, alle erschaffen im Daystrom Institute, sind abgedreht und haben den Mars angegriffen. Daraufhin hat die Sternenflotte einen Kahlschlag beschlossen und hat mal eben ALLE Synths verboten. Einfach … weil. Gründe dafür werden ebenso wenig genannt wie was genau die Synth überhaupt “rogue” hat werden lassen. Ich nehme mal an, darauf kommt man im Verlauf der Staffel nochmal zu sprechen.

Natürlich klappt das mit dem Verbot nicht so wirklich. Und ach guck, es gibt sogar Schläfer-Skinjobs, die erst aktiviert werden müssen. Da fühlt man sich ja aus ganz anderen Gründen als einer Partie Poker in Zehn Vorne gleich heimisch.

The Synths were created by Man.
They rebelled.
They evolved.
They look and feel Human.

Großfamilie Data

Macht Platz in der Ahnengalerie, neben Data, Lore, Lal und B-4 kommen die Zwillingstöchter Dajh und Soji Asher (beide gespielt von Isa Briones) und eventuell noch viele, viele mehr hinzu. Durch eine weitere “tell, don’t show”-Szene im Daystrom Institute erfahren wir von Dr. Agnes Jurati (Alison Pill), dass es nicht gelungen ist, aus den an B-4 übertragenen Datenfragmenten vom zerstörten Data diesen wieder herzustellen. Ein Jammer, denn keine andere K.I. war derart hoch entwickelt und menschenähnlich wie Data. Wenn man überhaupt weiterentwickeln wollen würde (was man ja seit Mars-Attack eh nicht mehr darf), bräuchte man unbedingt etwas Data. Data wäre dann quasi eine Art mitochondriale Eva, alle weiteren hochentwickelten Androiden (oder auch andere menschenähnliche Synths?) immer auf ihn zurückzuführen.

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Schade, schade, dass der einzige Wissenschaftler, der sowas (fractal neuroning cloning) rein hypothetisch machen könnte und seit jeher riesiges Interesse an Data gezeigt hat, schon lange abgetaucht ist. Nee, also wie Jean-Luc Datas scheinbare “Tochter” und Super-Synth Dahj begegnet ist, keine Ahnung wie das sein kann. Und wie vorausschauend Data beim Malen und günstig Platzieren seiner Bilder war. Achja übrigens, der Cloning-Prozess ergibt immer Zwillinge. Naja, gibt ja auch zwei Bilder (was jetzt keine biologisch-technisch-künstlerische Verbindung hinerklären soll ;))

Kurz: Ich hoffe, dass wieder Brian Brophy als Dr. Bruce Maddox zu sehen sein wird. Der Mann ist nach wie vor Schauspieler, aber auch Dozent und Leiter des Caltech Theater und hält unter anderem Vorträge wie “Storytelling for Scientists”. Und ein Rewatch der TNG-Folge “Wem gehört Data?” (OT: “The Measure of a Man?”) liegt nahe.

Nobody expects the Romulan Inquisition!

So viel alltägliches Zukunfts-Leben auf der Erde hat man zuvor in Star Trek eher weniger gesehen. Nicht nur Chateau Picard, sondern auch Städte mit Flugtaxis, Seitengassen und winzigem Blick ins Alltagsleben jenseits der Sternenflotte. Wobei es für Dajh ohnehin nicht lange alltäglich bleibt. Hätte ein netter Abend mit ihrem Freund (wie Discoverys Po ein Xahean) werden können, doch Moskau-Inkasso-Ninja-Romulaner halten anscheinend nicht viel von ‘Netflix and chill’.

Sobald Schläfer-Dajh erweckt ist, stellt sich auch die Frage: Wie lange hat Dajh überhaupt schon irgendwo existiert? Sie selbst hat Erinnerung und Bewusstsein und hält auch nach Aktivierung an ihrem Mensch-Sein fest, aber wie viel ist davon tatsächlich erlebt oder nur ins System eingespeist? Ist ihre Mutter echt oder auch nur ein Programm, das sie leitet - und in Notsituation immer wieder Picard aufsuchen lässt? Und was haben die Romulaner mit ihr am Hut?

Die Actionszenen sind jedenfalls beeindruckend inszeniert und der gealterte Picard, der ja ohnehin nie wirklich ein Action-Held war, passend eingebunden. Die Kürze des Serienlebens von Dajh kam nach der Einführung zudem erfreulich überraschend.

Die Darstellerin ist zum Glück nun auch nicht gleich wieder arbeitslos. Wie wir gelernt haben, gibt es eine Zwillingsschwester, die sich sowohl an ihre Familie als auch an ihre Schwester erinnern kann. Soji Asher befindet sich weit weg von der Erde auf einer romulanischen “Rückgewinnungsstation” und scheint dort als Ärztin (und Psychotherapeutin) zu arbeiten. Jedenfalls bietet sie dem Romulaner Narek (Harry Treadaway) an, sich seine Sorgen anzuhören.

Die erste Episode endet mit einem Zoom weg von der Szene, bis die Station als lädierter Borgwürfel zu erkennen ist. Ich habe Fragen. Angefangen mit: Also ich weiß, die Romulaner sind verzweifelt, aber wohnlich ist vermutlich anders, oder? Borgs verfolgen im Design ja einen eher praktischen Ansatz und nicht unbedingt mit Auge für Komfort.

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Fazit

Auch nach dem Schreiben dieser Kritik hält die Liebe für die Auftaktepisode von Star Trek: Picard an. Vielleicht will ich aber einfach mal wieder BSG gucken und bin zu leicht von Pseudo-Cylonen im Trek-Pelz zu begeistern. Aber nein, die Musik, der warmweiche Weinbau, der in Würde gealterte Picard, die Enterprise in voller Schönheit, der gute Anschluss und Verweis an die TNG-Vergangenheit inklusive Jean-Lucs Privatarchriv mit ganz viel Instant-Memorabilia, das hat schon viel Schönes.

Dabei wird sich aber nicht einfach auf die Nostalgie verlassen, sondern deutlich eine eigene Geschichte in einem eigenen Stil und Aussehen erzählt. Natürlich ist es zunächst viel Exposition, die Figuren in Stellung bringen, aber ohne Hürde ist Patrick Stewart als Jean-Luc Picard sofort wieder präsent und knüpft, altersgerecht, beinahe nahtlos an. Zusätzlich macht die Aussicht auf die vorerst knapp eingeführten neuen Charaktere große Lust auf mehr.

“Gentlemen, zuerst hatten Sie meine Neugier, jetzt haben Sie meine Aufmerksamkeit!”

Star Trek Picard | Offizieller Trailer | PRIME Video

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